Kann man die Autoren und Autorinnen auch inhaltlich – sagen wir – sortieren und verorten? Gibt es bevorzugte Themen und was wird davon an dem Abend zur Sprache kommen? Worum wird es an dem Abend so alles gehen?

Esther Becker: Ich komme vom Theater, der Dramatik und bin Feministin, meine Texte sind teilweise sehr rhythmisch gebaut, thematisch geht es in meinen Arbeiten oft um Individuation im weitesten Sinn, auch um Körper geht es viel.

Jonis Hartmann: Existenzialismus, Liebe und Tod treten bei mir in Miniaturen und Gedichten fast durchgehend auf. Mal mehr, mal weniger offen, oft mir einer tragikomischen, bisweilen slapstickhaften Note in der Sprache.

Dominik Ritter: Meine Lyrik, die ich am Abend vortragen werde, durchziehen zwei Motive. Die Wüsten und die Birken. Sie behandeln das Erinnern. Die Kurzgeschichte behandelt den Moment alltäglichen Lebens einer Frau, die nach einer Zehnstundenschicht zuhause in ihrer Wohnung eine Leere spürt, mit der sie nicht umgehen kann.

Clara Henssen: Ich schließe mich Esther an, indem auch ich mich als Feministin verstehe, selbst wenn ich meinen Feminismus nicht als programmatisch für mein Schreiben verstehe. Thematisch beschäftigen mich Schönheit und Diskriminierung, stilistisch beschäftigt mich Humor. Ich arbeite auch gerne mit magischen Momenten als Disruption

des sogenannten Realen. An dem Abend wird es ganz konkret um die Behinderung einer jungen Frau mit Down-Syndrom und ihre Sexualität gehen. Sie geht eine Verwandlung durch, aber ich möchte nicht zu viel verraten!

Kurzprosa im Sinne von Kurzgeschichten? Werden in sich abgeschlossene Werke gelesen, sozusagen mit Anfang und Ende, oder sind auch „nur“ Auszüge von größeren Erzählwerken dabei?

Esther Becker: Beides, wenn auch nicht im klassischen Sinn Kurzgeschichten, da die Kapitel meines Romanprojekts als eigenständige Geschichten funktionieren.

Jonis Hartmann: Bei mir sind abgeschlossene Werke zu hören (Miniaturen und Kurzprosa) als auch Auszüge aus dem Gedichtband Bordsteinsequenzen.

Dominik Ritter: Ja, meine Kurzgeschichte ist ein abgeschlossenes Werk. Die Lyrik auch.

Clara Henssen: Ich lese einen Auszug aus meinem Roman „Down“, an dem ich seit drei Jahren arbeite und den ich gerade beende. Seit ich an diesem Roman schreibe fällt es mir schwer, mich auf Anderes zu konzentrieren. Vorher habe ich hauptsächlich Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben und gelesen, an diesem Abend aber werde ich ich einen Auszug aus dem zweiten Kapitel des Romans vorlesen, in den ich eine kurze Einleitung geben werde und der dann auch ganz gut alleine funktioniert.

„Berlin meets Hamburg“, wie viel Berlin- und wie viel Hamburg sitzen da thematisch auch mit am Tisch?

Esther Becker: Meine Geschichten sind nicht konkret verortet. Man kann sie sich also bei Bedarf sowohl im Berliner als auch im Hamburger Raum vorstellen.

Jonis Hartmann: Ich mache in Hamburg Lesereihen wie AHAB, HAFENLESUNG und WRITERS‘ ROOM JOUR FIXE und kenne Teile der unabhängigen Literaturszene recht gut, die bisher nicht den Ruf einer großen Popularität genießt, jedoch in letzter Zeit durchaus so etwas wie eine Neuformierung und -ausrichtung durchlebt.

Dominik Ritter: Thematisch findet sich Berlin meets Hamburg nicht in meiner Lyrik wieder.

Clara Henssen: Zwei (Wahl-)Hamburger und zwei (Wahl-)Berliner werden am Tisch sitzen, aber nicht thematisch!

Das Gespräch führte der Kulturjournalist Michael Lösch.

CON_TEXT #1 Flashback

JK —  8. Februar 2017 — Kommentieren

Impressionen von der ersten CON_TEXT Veranstaltung mit Cia Rinne und Gernot Wieland, am 27.01.2017 in der Lettrétage:

 

Wenn nicht anders vermerkt, Fotos © Lettrétage/Evgeny Revvo

Roxana Crisólogo, die am 14.02. in der Lettrétage auftritt, und Daniel Malpica, der im Rahmen der CON_TEXT Veranstaltungsreihe im Juni für eine Woche die Lettrétage besetzt, arbeiten an einem Netzwerk/Verlag, der sich vornimmt, die nicht-Finnische Literatur von Finnland zu werben – mehr dazu im Beitrag von unserer CROWD Blog Redakteurin Julia Schiefer, auf Englisch.

In a globalized world literature and the literary market are yet jetlagged. Slowly publishers and foremost independent networkers, writers and organizers are catching up on a development nobody can call recent anymore. Even big publishing companies that are specializing in the book market recognize the need to transform their portfolio to a broader and more international approach.

But this is still new and untestified ground for the literary world. For literature it can very well be said that it’s inhabited by coteries of increasingly problematic posts – post-colonialism, race, nation, gender, modernism, amongst others – when it goes international. And the hybrid spaces that are created by that carry the weight of weariness from the reader and writer as well.

When it comes to literature there is one more point that makes it hard to substantiate it with internationalism or even transnationalism. Literature is bound to language – even if you are fighting against the legacy of colonial history, English is still the dominant language. Everybody has to acknowledge that English has become a tool quite handy for communicating.

At its core literature is not communication. So the very fact that literature is composed in a certain language adds up to the weariness that is there in the first place. Who is actually to understand a novel written in several languages? Though attempts in writing in diverse languages are accepted with avant-garde publishing who force multi-language literature into the market, it has still not yet reached a big audience.

So how to deal with a globalized literary world? Sivuvalo, a Finnish literary network, turns things upside down. By declaring that their transnational literary network is part of Finnish literature they turn a blind spot into something visible. Swerving to a different route while having their roots in the South American guerilla publishing phenomena „Cartonero“, they produce literary events and works in as many languages as there are from foreign-born authors living in Finnland.

Roxana Crisólogo, a distinguished author of her own, who wanted to fight established concepts of literature, teamed up with designer and writer Daniel Malpica to run Sivuvalo. „What is a professional writer? It is very specific“, Roxana says. „We were talking about publishing books published by the big houses which have certain demands to become a recognized writer. We had to create accessisibitly. We all make Finnish literature, even though being from Peru, from Burma, from Iraq. We need to see the liberating aspect. It is a question of pride.“

When speaking of problems to get published or funding in Finland the current director of the ‚Poetry Moon Festival‘ (in Finnish: ‚Runokuu‘) Anna Ulvinen summarizes: „It’s not easy to be an author in Finland, and it is even harder when you are from abroad and not write in Finnish. I personally think it doesn’t matter which language you write in, as long as you write.“

She is also just astonished of Sivuvalo’s capability to bring the scene to life with non-conventional „Multi-media events“. „Cooperation has been super nice“, Anna says, „and they have produced a great program in our festival.“ Roxana and Daniel put more emphasis on the need for expanding their literary practices: „We try to find ways to make a literary event more accessible for the audience. We had the possiblity to work with theater artists, with musicians, sound artists. We have done around 10 multi media events.“

And they are spreading. Recently they created a network „NotXLitch“ (Nordic Literatures in Change and Exchange) which is a Nordic scale networking project created in cooperation with associations and individual writers from Malmö, Reykjavik and Copenhagen. „The most important thing for us is now to reach out“, Daniel says.

Though new approaches apart, Daniel and Roxana are very well aware of the fact that translation is also an important factor in their work. „For Finnish literature to work, it needs a lot of translation and an even greater network!“ So stay tuned for what is to come from Sivuvalo in the future.

(original auf dem CROWD Blog veröffentlicht)

Kulturjournalist Michael Lösch im Gespräch mit der Autorin Juliana Kálnay über ihren Debütroman.

Was war die treibende Kraft, die Motivation, diesen Roman zu schreiben?

Anfangs: Den Motiv- und Figurenideen zu folgen, um zu sehen, wohin mich diese schreibend hinführen. Später: Die Lust daran, das Haus zu bevölkern, Erzählfäden weiterzuspinnen und zu verknüpfen, aber auch „falsche Fährten“ zu legen. Und: Ein motivisch dichtes „Erzählgebäude“ zu konstruieren.

(c) Mathias Prinz

Verwandlung und Verschwinden scheinen die zentralen Leitthemen zu sein. Ist dem so und wenn ja, warum?

Tatsächlich sind beides zentrale Motive im Roman, die in unterschiedlichen Formen und Variationen immer wieder auftauchen. Warum ist eine gute Frage. Es war ja nicht so, dass ich eines Tages beschlossen habe, einen Episodenroman um das Verschwinden zu schreiben. Vielmehr ist mir im Laufe des Schreibprozesses irgendwann bewusst geworden, dass viele der Episoden um diese Themenfelder kreisen. Danach habe ich begonnen, bewusst mit ihnen weiterzuarbeiten.

Es geht schon früh los mit den bizarren Sachen, mit einem Ehemann, der sich in einen Baum verwandelt und mit in Achselhöhlen brütenden Rotkehlchen. Eigentlicher Protagonist scheint ja ein vor sich hin halluzinierendes Haus selbst zu sein und die Bewohner muten fast wie dessen Traumbilder an. Was erwartet den Leser da, auf wie viel „Fantasy“ sollte er sich einlassen? Bleibt noch etwas übrig von einer, sagen wir, „orientierenden Kraft des Realen“?

Ich würde zustimmen, dass das Haus selbst der heimliche Protagonist des Romans ist. Allerdings bin ich bisher nicht auf die Idee gekommen, dass es die Geschehnisse oder Bewohner selbst erträumt oder halluziniert. Das scheint mir selbst für die erweiterten Maßstäbe von Realität, die dieser Roman setzt, etwas zu weit hergeholt.

Der „Fantasy“-Begriff wirkt womöglich etwas irreführend. Damit assoziiert man ja meist Romane, die in einer anderen Welt spielen, die auch von fantastischen Wesen bevölkert wird. In meinem Roman ist es ja eher so, dass das Setting auf den ersten Blick unserer Welt nicht unähnlich scheint. Dann merkt man aber schnell, dass in dem Haus seltsame Dinge vor sich gehen. Es verschwinden Bewohner, ein anderer wird zum Baum… Die Geschehnisse im Haus scheinen einer eigenen, fantastischen Logik zu folgen. Und als Leser*in beobachtet man, wie die Figuren diese Geschehnisse zunächst einmal hinnehmen, und wird gefordert, dies ebenfalls zu tun.

Welche Kapitel bzw. welche Passagen sind für die Lesung ausgewählt worden? Wie lassen sie sich einordnen? Was verraten sie über die Bewohnern und  das, was sie umtreibt?

Es steht noch nicht zu 100% fest, welche Passagen ich lesen werde. In jedem Fall aber werden es welche sein, die einen Eindruck von der Atmosphäre des Romans vermitteln, von seiner Struktur und von den wichtigsten Figuren und Motiven.
Die Lettrétage dankt Juliana Kálnay herzlich für das Interview und lädt herzlich zur folgenden Veranstaltung ein:

Dienstag 07. Februar, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
Buchpremiere Juliana Kálnay

Kulturjournalist Michael Lösch im Gespräch mit dem Raumkoordinator Literatur Martin Jankowski

 

Gibt es eigentlich so einen Überblick über die so genannte „Freie Literaturszene“ in Berlin?“ Was ist darunter eigentlich zu verstehen? Gibt es Zahlen oder Schätzungen wer und wie viele so alles als AutorInnen, LektorInnen , ÜbersetzerInnen KleinverlegerInnen unterwegs sind?

In Berlin waren 1428 Autorinnen und Autoren, 544 freie Lektorinnen und Lektoren und 791 Übersetzerinnen und Übersetzer bei der Künstlersozialkasse gemeldet (Stand Februar 2014). Da nur ein geringer Teil der AutorInnen ausschließlich von der literarischen Arbeit leben kann (Lese- und Buchhonorare, Stipendien), ist zudem davon auszugehen, dass ein erheblicher Anteil der AutorInnen noch weiteren Tätigkeiten nachgeht und über Brotjobs krankenversichert ist. Hinzu kommt eine große Anzahl temporär oder dauerhaft in Berlin lebender Autoren aus dem Ausland, die nicht auf Deutsch schreiben und meist vom deutschen Literaturbetrieb und -fördersystem abgeschnitten sind. Somit kann von mindestens 2800 AutorInnen, 600 LektorInnen und 800 ÜbersetzerInnen, die in Berlin leben, ausgegangen werden. Mithin zählen rund 4200 Personen zu dem Personenkreis, der im Bereich Wort in Berlin künstlerisch tätig ist. Dazu kommen nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels rund 180 Verlage aller Größen, die in Berlin beheimatet sind. Mit der „Dunkelziffer“ des erweiterten Personenkreises, der beruflich mit Literatur beschäftigt ist, liegt laut unserer Schätzung für Berlin aus guten Gründen bei ca. 10.000 Literaten.

 

Stellt sich die Raumfrage für die sagen wir verschiedenen literarischen Gewerke nicht recht unterschiedlich? Eignet sich für den Autor nicht bestens der ruhige Tisch und der recherchierende  Browserblick in die Welt nach draußen, während für ÜbersetzerInnen, LektorInnen und ganz besonders KleinverlegerInnen ein Mehrpersonenbüro durchaus eher Sinn machen könnte. Gibt es da nicht unterschiedliche Vernetzungsbedarfe? Kann man überhaupt von einem gemeinsamen Raumproblem sprechen?

Vergleicht man sie mit anderen Künsten, etwa der Musik oder dem Tanz, unterscheiden sich die Raumanforderungen für Literaten im Grunde recht marginal. Das Raumprogramm Literatur als Bestandteil der Koalition der freien Szene Berlins sucht hier Zugriff auf die Erschließung und Entwicklung aller denkbaren Raumarten für Literaten, vom stillen Kämmerlein bis zum Großraumbüro, vom Einzelzimmer bis zur Kulturfabrik. Wir entwickeln für die Literatur bewusst ganz besonders den Co-Working-Gedanken, weil wir der bisher bestehenden Vereinzelung der Autoren und damit ihrer Existenzprobleme entgegenwirken wollen. Kleine Büros mit einzeln anmietbaren, individuell gestaltbaren Arbeitsplätzen und – bedingungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Erschließung von Gemeinschaftsbüros sowie Produktions- und Präsentationsräumen. Das gemeinsame Interesse aller Berliner Literaturschaffenden in der Raumfrage entsteht unter anderem auch dadurch, dass alle anderen Kunstsparten in dieser Stadt bereits Raumprogramme für ihre Klientel geschaffen haben und zum Teil schon seit Jahrzehnten erfolgreich ist. Hier wartet die Koalition der freien Szene ebenso wie die Berliner Kulturpolitik seit Langem schon auf eine gemeinsame Stimme der Literatur. Was eine wirksame, gemeinsame Interessenvertretung angeht, tun sich die Literaten bislang leider jedoch immer noch sehr schwer – zum Schaden der Stadt wie zu ihrem eigenen… In Raumfragen nun noch einzelne Unterprogramme für verschiedene Gruppen – beispielsweise für Lyriker, Drehbuchautoren, Kleinverleger oder Übersetzer etc. – zu schaffen, würde uns nicht nur überfordern, sondern fände auch wenig Verständnis bei den Kollegen der anderen Kunstsparten (wo beispielsweise in der Musik auch der Jazz trotz verschiedenster Raumanforderungen mit der Klassik oder der Alten Musik  etc. gemeinsame Sache macht.) Im Übrigen gibt es für die Literatur durchaus gute Chancen, in den nächsten Jahren bezahlbaren Arbeitsraum für die hiesige Szene zu schaffen und damit der laufenden Gentrifizierung durch nachhaltige Strukturen entgegenzuwirken – lange bevor die Einzelkämpfer irgendwann wegen steigender Mieten die Stadt verlassen müssten. Dazu sollten wir jetzt zusammenrücken und uns gemeinsam einen Platz erobern, denn alleine wird es nichts.

 

Wie positioniert sich denn die Kulturpolitik in Berlin dazu? Sind von rotrotgrün in der Richtung neue Perspektiven zu erwarten…oder gibt es beispielhaft positive Signale aus den Kulturverwaltungen der Bezirke?

Dank des erfolgreichen Wirkens der Koalition der freien Szene und ihres Arbeitskreises Räume (AKR, dem ich für die Literatur seit 2014 angehöre) gab es bereits im letzten Berliner Haushalt erstmals größere Mittel für stadtweite Raumprogramme für Freischaffende aller Kunstsparten. Dies weiterzuentwickeln, zu stärken und auszuweiten hat sich die amtierende rot-rot-grüne Koalition explizit in den Regierungsvertrag geschrieben. Zwar gab es das geplante Arbeitstreffen mit dem neuen Kultursenator Lederer noch nicht, aber für dieses Jahr stehen die beantragten Mittel bereit und etliche Raumprojekte sind stadtweit im Werden. Und die Planungen für die Finanzierung von Raumprogrammen zum Doppelhaushalt 2018/19 aller Sparten der freien Szene zwischen AKR, Senat und Kulturpolitik laufen derzeit an. Programmatisch ist also der politische Rückhalt für die Bedürfnisse der freien Szene so stark wie nie – jetzt kommt es darauf an, die Umsetzung einzufordern und Stück für Stück zu realisieren. Fest steht jedoch: Ohne unser aktives Zutun wird die Politik von sich aus nicht viel machen können. Deshalb braucht unser Raumprogramm die aktive Unterstützung der gesamten Berliner Literaturszene. Es ist nicht schwer und bringt nur Vorteile für uns alle …

Veranstaltung zum Berliner Raumprogramm in der Lettrétage:

04.02. | Stadt und Text – Freiräume für Berlins Autoren – Forum, 20 Uhr, Eintritt frei

 

7 Tage, 2 Künstler*innen, 1 Ort: Im Rahmen des Projekts CON_TEXT erarbeiten jeweils zwei Künstler*innen innerhalb einer Woche in der Lettrétage gemeinsam eine Veranstaltung

Die Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel besuchte die CON_TEXT-Künstler*innen Cia Rinne und Gernot Wieland in der Lettrétage

Daniela Seel: Fangen wir vorne an: Wie habt ihr euch für die Zusammenarbeit miteinander entschieden[i], was hat euch aneinander interessiert?

Cia Rinne: Ich glaube, ich war sehr irrational. Ich mochte Gernot auf Anhieb gern und konnte mir gut vorstellen, mit ihm zusammenzuarbeiten – nur hatte ich im Gegensatz zu anderen möglichen Kooperationen gar keine klare Vorstellung davon, was wir machen könnten. Diese Offenheit ist eine Herausforderung, die ich sehr mag. Tatsächlich arbeiten wir anders, als ich es gewohnt bin – ich bin froh, dass wir einander kennengelernt haben. Das Auswahlverfahren war ambivalent; es war sehr schön, die verschiedenen Künstler*innen zu treffen, nur war dies gefärbt vom bevorstehenden Auswählen, eine menschlich heikle Angelegenheit.

Gernot Wieland: Ich finde auch, diese Bedingungen waren merkwürdig. Was ist, wenn alle zehn Künstler*innen mit Cia zusammenarbeiten wollen und keiner mit einer anderen Schriftstellerin, einem anderen Schriftsteller? Bei uns stimmte die Chemie einfach. Ich wüsste aber auch nicht, wie man das anders machen kann.

DS: Ende 2016 standen die Teams fest, Ende Januar 2017 müsst ihr schon präsentieren. Das ist ein fast irrwitziger Zeitplan.

GW: In der bildenden Kunst gibt es verschiedene Typen. Es gibt die, die ins Atelier gehen, sich den Blaumann anziehen und loslegen. Ich bin eher so ein Deadline-Künstler. Ich werde zu einem Projekt eingeladen, da gibt es ein Thema, eine Deadline, ich mach eine Arbeit. Das hilft mir.

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Im Interview: CON_TEXT

Anna Lange —  20. Januar 2017 — Kommentieren

Kulturjournalist Michael Lösch im Gespräch mit CON_TEXT-Projektleiterin Katharina Deloglu

 

CON_TEXT ist der Programmschwerpunkt der Lettrétage im Jahr 2017 – eine Veranstaltungsreihe, die das Format „Lesung“ neu zu denken und zu thematisieren sucht. Jede CON_TEXT-Veranstaltung wird von einem/r Autor/in und einem/r Künstler/in aus einer anderen Sparte gemeinsam erarbeitet und umgesetzt. Ziel ist, interdisziplinäre Formate vom literarischen Text ausgehend zu entwickeln und dabei die literarische Veranstaltung als ein eigenes künstlerisches Werk zu verstehen.
… so heißt es in der Website zu dem Projekt.

Nun ist es ja durchaus nicht ungewöhnlich, Textinhalte durch Hintergrundmusik zu untermalen, um Dramatik und Emotionalität zu betonen, zu verstärken. Das kennen wir ja auch zunehmend von modernen Theateraufführungen, in denen Musik sehr gezielt und auch gekonnt als emotionaler Botenstoff genutzt wird.  Geht es bei CON_TEXT nun  um den Versuch, einem Text durch Verknüpfung mit anderen sagen wir Kunstformen nicht nur zu untermalen oder anzureichern, sondern daraus etwas ganz Neues, eine  eigene Kunstform zu machen? Ist das die Grundidee, der Anspruch?

Ganz genau. Die Idee ist, die Veranstaltung selbst als Kunstwerk zu verstehen, also als einmaliges und damit auch vergängliches Geschehen. Es entsteht ein Kunstwerk, das nur zum Zeitpunkt seiner „Aufführung“ existiert und daher nicht fixierbar ist. Die Künstler*innen entwickeln ihre Veranstaltung gemeinsam während einer Arbeitswoche vor Ort in der Lettrétage. Damit wird bewusst der künstlerischen Veranstaltungs-Produktion Raum und Zeit gegeben. Auf Hierarchien zwischen den beteiligten Künsten (und Künstlern) wird dabei verzichtet: Der Ausgangspunkt der künsterlerischen Arbeit ist zwar der literarische Text, doch wirken andere Künste gleichberechtigt mit, also gerade nicht als „Anreicherung“ oder „Untermalung“.

Selbstverständliche Veranstaltungsformate und Rollen des Literaturhausbetriebs werden dabei ästhetisch lustvoll in Frage gestellt.
Wie hat man sich so eine lustvolle Infragestellung und performative Neugenese konkret vorzustellen? Worauf könnte sich ein literatur- und kunstinteressierter Mensch so gefasst machen? Worauf sollte er sich einlassen? Könntest Du mal ein Beispielszenario anführen?

Dies kann je nach künstlerischer Herangehensweise wirklich sehr unterschiedlich aussehen. Neben Ansätzen wie Literaturinstallationen, visuellen Umsetzungen von Texten, literarischen Ausstellungen, Performances, Happenings etc. gibt es Elemente der Aleatorik (also nicht-systematisches Vorgehen, das zu unvorhersehbaren, zufallsbedingten Ergebnissen führt) sowie der Zuschauereinbindung, die Verbindung von Produktion und Präsentation, all dies oftmals unter Verwendung neuer Medien und Technologien sowie teilweise eigens geschriebener Software.

Wer es genauer wissen möchte ist vorab zum Werkstatt-Gespräch mit Cia Rinne und Gernot Wieland am Mittwoch, 25. Januar, um 18:00 Uhr eingeladen. Dort werden sie ihre Arbeit in progress vorstellen. Welche Ansätze und Herangehensweise dabei zum Tragen kommen, wird die Autorin und Verlegerin Daniela Seel herausfinden: Sie ist während der Erarbeitungsphase mit den Künstler*innen zum Interview verabredet. Dieses Interview wird im Lettrétagebuch voraussichtlich am kommenden Donnerstag veröffentlicht.

Zehn Veranstaltungen im Jahr 2017 werden von einem/r literarischen Autor/in und einem/r Künstler/in einer anderen Kunstsparte gemeinsam entwickelt und umgesetzt.
Gibt es, was den künstlerischen Teil betrifft, Schwerpunkte? Dominiert Musik? Welche – nennen wir sie – Co-Künstler und welche Co-Künste kommen zum Einsatz?

Ich  habe versucht, möglichst ausgewogen Künstler*innen der verschiedenen Sparten einzuladen: An drei Veranstaltungen sind Musiker*innen beteiligt, an zwei weiteren bildende Künstler*innen, die auch filmisch und performativ arbeiten, außerdem sind zwei Tänzer/Choreographen und eine Schauspielern/Regisseurin eingeladen.

Gibt es da oder hat es schon vergleichbare Vorstöße in diese Richtung gegeben oder wird mit „CON_TEXT“ da künstlerisches Neuland betreten?

Die Frage nach neuen Formaten der Literaturveranstaltung bewegt uns schon seit geraumer Zeit. Im Winter 2013/14 und 2014/15 haben wir an jeweils acht bis zehn Abenden Künstler*innen, Autor*innen und Literaturveranstalter*innen aus Berlin eingeladen, interdisziplinäre Formate zu entwickeln. Im Mai/Juni 2014 haben wir diese Frage auf internationaler Ebene weiterverfolgt und durch eine europaweite Ausschreibung Künstler*innen aufgefordert, Konzepte einzureichen. Von den über hundert Ideen aus über 35 Ländern konnten wir am Ende ungefähr 25 zur Präsentation während des Festivals SOUNDOUT einladen. Das Programmheft des SOUNDOUT-Festivals zeigt, wie kreativ und vielfältig die Ansätze sind. Gerade durch SOUNDOUT habe ich den Eindruck gewonnen, dass Künstler in der ganzen Welt sich mit der Frage nach neuen Formaten der literarischen Präsentation beschäftigen, dass ihnen aber leider zu selten eine Bühne geboten wird, um ihre Arbeiten zu zeigen. Positive Gegenbeispiele sind das SARDAM-Literaturfestival für neue Veranstaltungsformate in Zypern, auch Einzelveranstaltungen des poesiefestivals in Berlin thematisieren neue Veranstaltungskonzepte. Letztens erst las ich etwas von einer Veranstaltungsreihe irgendwo in den Alpen auf der Alm, die sich dem Thema widmet. Ich wünsche mir, dass CON_TEXT neben dem Publikumsbezug auch Künstler*innen miteinander ins Gespräch über neue Veranstaltungskonzepte bringt und sie mehr voneinander erfahren.

Worum geht es in der Auftaktveranstaltung am 27.1.? Was erwartet den für Literatur und Kunstperformance Aufgeschlossenen da?

Die Frage ist sehr berechtigt, jedoch schwer zu beantworten, weil wir den Künstler*innen bewusst den Freiraum geben wollen, binnen einer Arbeitswoche vor Ort ihre Veranstaltung auszuarbeiten, d.h. eine Woche vor der Veranstaltung ist das meiste noch ungewiss. Allerdings waren Cia Rinne und Gernot Wieland, die die Auftaktveranstaltung gestalten, so freundlich, schon einen Einblick in das zu geben woran sie arbeiten. Sie schreiben: „Wir arbeiten an einer Lesung/Lecture Performance, die durch gemeinsame Inhalte verwoben wird und Kristalle und Psychiatrien, Träume und Kartoffeldrucke von Tieren, Erinnerungen an unsere Kindheit, ‚J´accuse‘ und merkwürdige Diagramme beinhaltet.“ – Ich bin gespannt!

 

 

Lisa Lettrétage liest Mein Land ist verloren. Ich bin ein schlechter Politiker. Romanauszug von Egon Christian Leitner.
Aus LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik, Graz 2016, 148/XXXVII.Jg./2016

Im Interview: FEDERLESEN

Anna Lange —  17. Januar 2017 — Kommentieren

Wie sieht so eine Betreuung im Rahmen des Seminars  im „Herrenhaus Edenkoben“ aus? Was geschieht da so mit dem Text und dem Autor? Geht das so in Richtung Lektorat?

Die Schreibwerkstatt besteht aus zwei langen Wochenenden. Eines im Januar, eines im Juli. Die Leute bei der Lesung sind die des 2016er-Jahrgangs. Die diesjährige Werkstatt läuft schon bald wieder an.
An beiden Wochenenden werden die Texte aller Teilnehmer*innen besprochen – angeleitet von zwei Dozentinnen, einer Schriftstellerin und einem Lektor. Was passiert hängt sehr vom Stand und Art der Texte ab. Im Grunde bekommen die Autor*innen einfach Feedback von ihren jungen Kolleg*innen und eben von den beiden ‚Profis‘. Es hat natürlich Ähnlichkeiten zu einem Lektorat, allerdings zu einem sehr rohen Lektorat, da es ja nicht um grammatikalische Korrekturen o.ä. geht, sondern um das generelle Funktionieren der Texte, die ja in aller Regel eher frühe Fassungen sind. Also Struktur, Figurenkonstellation/psychologie, Metaphern, Thema, Konflikte …

Welche Autorinnen und Autoren sind da ausgewählt worden?  Lässt sich über die Teilnehmer* innen schon insgesamt etwas sagen?

Die Teilnehmer*innen 2016 waren: Barbara Eder, Simone Schröder, Christian Schulteisz, Marie-Alice Schultz, Julia Rothenburg, Marie Gamillscheg, Valentin Moritz, Julia Powalla, Jochen Veit und Tabea Hertzog.

Alles eher junge Leute, die noch keine Bücher, aber oftmals in Zeitschriften/Anthologien usf. veröffentlicht haben. Im Idealfall  „am Anfang ihrer literarischen Karriere“ … im Idealfall.

Wie alt sind sie?

Etwa Anfang 20 bis 35.

Was machen die außer dem Schreiben sonst noch so?

Zur Hälfte sind da Studierende dabei, eine Promovierende, Leute, die journalistisch oder im Bereich Kreatives Schreiben arbeiten, eine Grafikerin ist auch noch mit von der Partie.

Wonach werden die Teilnehmer ausgewählt? Gibt es formale und/oder auch inhaltliche Richtlinien?

Es sollen Prosaprojekte sein und die Qualität der Einsendung sorgt wohl für die Auswahl. Aber da müssen Sie die Organisatoren fragen – nicht mich als Teilnehmer…

Worum wird es in den Texten, die am 20.1. in der Lettrétage vorgestellt werden, gehen? Sind es Kurzgeschichten, Erzählungen oder Auszüge aus Romanen?

Es sind hauptsächlich Auszüge aus Romanprojekten. Aber auch Erzählungen und in einem Fall Prosaminiaturen. Inhaltlich, puh, was haben wir da. Große Vielfalt, eine Road-Novel, dystopische Settings, ein Dorf am Hang eines Berges nahe dem Einsturz. Ein Kind, das nicht mehr spricht. Ein irres Universalgenie zu Zeiten des dritten Reichs… und mehr!

Die Fragen stellte der Kulturjournalist Michael Lösch.

Vorankündigung: INTRE:TEXT – interdisziplinäres Kettengedicht und Live-Installation

Von Februar bis Juni 2017 findet das Projekt interdisziplinäre Textprojekt INTRE:TEXT statt, organisiert von der Lettrétage. INTRE:TEXT umfasst zwei Projektphasen:

1. Produktion eines Textes in Verschränkung mit Grafik auf einem Blog (Februar bis April 2017)
2. Weiterverarbeitung aller auf dem Blog entstandenen Elemente durch einen Musiker und einen Programmierer, die in eine Live-Installation mündet (Mai 2017)

Die Interaktionen der Autoren und bildenden Künstler auf dem Blog greifen die Tradition des japanischen Kettengedichtes auf und übersetzen dessen Linearität in eine digitale Struktur, die online wächst, für das Publikum mitzuverfolgen ist und für aktiv bearbeitende Rezeption zur Verfügung steht (Kommentarfunktion). Das gesamte Material des Blogs (inkl. Kommentare) wird von einem Musiker und einem Programmierer weiterverarbeitet, um dann live in der Lettrétage das Spielfeld von analoger und digitaler Literaturvermittlung damit auszuloten. Blogadresse und Veranstaltungstermin werden ab Mitte Februar 2017 bekannt gegeben!

Die Lettrétage versucht in Kooperation mit dem vauvau-verlag für interaktive lyrik mit der Verschränkung von Livesituation und digitaler Interaktion einen visionären Ansatz der Begegnung von Literatur und Raum, analog und digital, Produktion und Rezeption, der die verschiedenen Elemente (Text, Grafik, Programmierung, Musik) einem offenen, medienaffinen und abenteuerlustigen Publikum näherbringt.

Beteilgte AutorInnen und KünstlerInnen:
Maren Kames (Text)
Charlotte Warsen (Text)
Christian Vater (Text)
T. G. Vömel (Text)
Barbara Wrede (Grafik)
Falk Nordmann (Grafik)
Gregor Weichbrodt (Programmierung)
Sasha Pushkin (Musik)

 

In Kooperation mit dem vauvau-verlag für interaktive lyrik

 

 

 

 

INTRE:TEXT wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.