Wie sieht so eine Betreuung im Rahmen des Seminars  im „Herrenhaus Edenkoben“ aus? Was geschieht da so mit dem Text und dem Autor? Geht das so in Richtung Lektorat?

Die Schreibwerkstatt besteht aus zwei langen Wochenenden. Eines im Januar, eines im Juli. Die Leute bei der Lesung sind die des 2016er-Jahrgangs. Die diesjährige Werkstatt läuft schon bald wieder an.
An beiden Wochenenden werden die Texte aller Teilnehmer*innen besprochen – angeleitet von zwei Dozentinnen, einer Schriftstellerin und einem Lektor. Was passiert hängt sehr vom Stand und Art der Texte ab. Im Grunde bekommen die Autor*innen einfach Feedback von ihren jungen Kolleg*innen und eben von den beiden ‚Profis‘. Es hat natürlich Ähnlichkeiten zu einem Lektorat, allerdings zu einem sehr rohen Lektorat, da es ja nicht um grammatikalische Korrekturen o.ä. geht, sondern um das generelle Funktionieren der Texte, die ja in aller Regel eher frühe Fassungen sind. Also Struktur, Figurenkonstellation/psychologie, Metaphern, Thema, Konflikte …

Welche Autorinnen und Autoren sind da ausgewählt worden?  Lässt sich über die Teilnehmer* innen schon insgesamt etwas sagen?

Die Teilnehmer*innen 2016 waren: Barbara Eder, Simone Schröder, Christian Schulteisz, Marie-Alice Schultz, Julia Rothenburg, Marie Gamillscheg, Valentin Moritz, Julia Powalla, Jochen Veit und Tabea Hertzog.

Alles eher junge Leute, die noch keine Bücher, aber oftmals in Zeitschriften/Anthologien usf. veröffentlicht haben. Im Idealfall  „am Anfang ihrer literarischen Karriere“ … im Idealfall.

Wie alt sind sie?

Etwa Anfang 20 bis 35.

Was machen die außer dem Schreiben sonst noch so?

Zur Hälfte sind da Studierende dabei, eine Promovierende, Leute, die journalistisch oder im Bereich Kreatives Schreiben arbeiten, eine Grafikerin ist auch noch mit von der Partie.

Wonach werden die Teilnehmer ausgewählt? Gibt es formale und/oder auch inhaltliche Richtlinien?

Es sollen Prosaprojekte sein und die Qualität der Einsendung sorgt wohl für die Auswahl. Aber da müssen Sie die Organisatoren fragen – nicht mich als Teilnehmer…

Worum wird es in den Texten, die am 20.1. in der Lettrétage vorgestellt werden, gehen? Sind es Kurzgeschichten, Erzählungen oder Auszüge aus Romanen?

Es sind hauptsächlich Auszüge aus Romanprojekten. Aber auch Erzählungen und in einem Fall Prosaminiaturen. Inhaltlich, puh, was haben wir da. Große Vielfalt, eine Road-Novel, dystopische Settings, ein Dorf am Hang eines Berges nahe dem Einsturz. Ein Kind, das nicht mehr spricht. Ein irres Universalgenie zu Zeiten des dritten Reichs… und mehr!

Die Fragen stellte der Kulturjournalist Michael Lösch.

Vorankündigung: INTRE:TEXT – interdisziplinäres Kettengedicht und Live-Installation

Von Februar bis Juni 2017 findet das Projekt interdisziplinäre Textprojekt INTRE:TEXT statt, organisiert von der Lettrétage. INTRE:TEXT umfasst zwei Projektphasen:

1. Produktion eines Textes in Verschränkung mit Grafik auf einem Blog (Februar bis April 2017)
2. Weiterverarbeitung aller auf dem Blog entstandenen Elemente durch einen Musiker und einen Programmierer, die in eine Live-Installation mündet (Mai 2017)

Die Interaktionen der Autoren und bildenden Künstler auf dem Blog greifen die Tradition des japanischen Kettengedichtes auf und übersetzen dessen Linearität in eine digitale Struktur, die online wächst, für das Publikum mitzuverfolgen ist und für aktiv bearbeitende Rezeption zur Verfügung steht (Kommentarfunktion). Das gesamte Material des Blogs (inkl. Kommentare) wird von einem Musiker und einem Programmierer weiterverarbeitet, um dann live in der Lettrétage das Spielfeld von analoger und digitaler Literaturvermittlung damit auszuloten. Blogadresse und Veranstaltungstermin werden ab Mitte Februar 2017 bekannt gegeben!

Die Lettrétage versucht in Kooperation mit dem vauvau-verlag für interaktive lyrik mit der Verschränkung von Livesituation und digitaler Interaktion einen visionären Ansatz der Begegnung von Literatur und Raum, analog und digital, Produktion und Rezeption, der die verschiedenen Elemente (Text, Grafik, Programmierung, Musik) einem offenen, medienaffinen und abenteuerlustigen Publikum näherbringt.

Beteilgte AutorInnen und KünstlerInnen:
Maren Kames (Text)
Charlotte Warsen (Text)
Christian Vater (Text)
T. G. Vömel (Text)
Barbara Wrede (Grafik)
Falk Nordmann (Grafik)
Gregor Weichbrodt (Programmierung)
Sasha Pushkin (Musik)

 

In Kooperation mit dem vauvau-verlag für interaktive lyrik

 

 

 

 

INTRE:TEXT wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

 

Die Lettrétage sagt danke!

Maria Fenske, alias Fraufenske, alias LisaLettrétage, verlässt nach über 16 Monaten unser Team. Danke, liebe Maria, dass Du die ganze Zeit über den Laden zusammengehalten, die schrägsten Veranstaltungen betreut, die Details im Blick behalten, den Alltag aufgeheitert, die Mieter bemuttert, die Autoren beruhigt, für Style gesorgt und Dir für die Lettrétage die Nächte um die Ohren geschlagen hast. Das werden wir nie vergessen und Du wirst uns sehr fehlen! Wir wünschen Dir von Herzen das Beste.

 

Musikalische Grüße!

 

Die Lettrétage-Familie

Denis Abrahams liest…

Lisa Lettretage —  14. Dezember 2016 — Kommentieren

… die Erzählung Ein Landschaftsmaler von Henry James (1843-1917). Live gelesen in der Lettrétage Berlin am 27. Februar 2010.

Heute Abend ist bei uns in der Léttretage wieder Zeit Henry James zu feiern. Und zwar noch einmal mit Denis Abrahams, begeisterter Bewunderer des Autors, der aus Bildnis einer Dame lesen wird.

Verena Auffermann, Henry-James-Biographin (Henry James – Leben in Bildern), wird auch dabei sein, um ein Gespräch über den Autor und sein Werk zu führen: Eine schöne Gelegenheit für alle diejenigen, die den Schriftsteller schon lieben und/ oder mehr über ihn erfahren wollen.

Am Abend des 14. Dezembers wenden wir uns im Rahmen einer Lesung mit anschließendem Gespräch Henry James und seinem wohl bekanntesten Werk, dem im Jahre 1881 erschienenen Roman „Bildnis einer Dame“ zu. Denis Abrahams und Henry-James-Biografin Verena Auffermann geleiten uns durch die reale und fiktionale Welt des Autors. Im Interview lässt uns Denis Abrahams bereits im vorab an seinen Gedanken zu Autor und Werk teilhaben.

Lettrétage: Während Henry James in der angelsächsischen Welt geradezu als Kultautor galt, ist er im deutschen Sprachraum in den Hintergrund geraten. Er hat sich ja zeitlebens als amerikanischer und zugleich britischer Autor verstanden. So zieht sich der Kontrast der sogenannten „alten Welt“, dem Europa mit seinen kulturellen Traditionen zu der „neuen Welt“ Amerika  ja als roter Faden durch sein gesamtes Werk

Bildnis einer Dame (The Portrait of a Lady) ist die Geschichte der jungen Amerikanerin Isabel Archer, die nach dem Tod ihres Vaters zum ersten Mal in ihrem Leben nach Europa kommt und mit ihrem Charme, ihrem Wissensdurst und ihrer selbstbewussten Offenheit die Sympathie ihrer Verwandten dort erringt. Sie wird zur Haupterbin ihres Onkels. Doch obwohl ihr ihre Unabhängigkeit zunächst über alles geht, heiratet sie schließlich doch und merkt zu spät, dass sie einer Intrige zum Opfer gefallen ist.

Soweit der Suhrkamp-Klappentext.

Inwieweit lässt sich das Grundmotiv von James auch in „Bildnis einer Dame“ festmachen?  Auf welche Weise verkörpern hier die Protagonistin Isabel die amerikanische und die Repräsentanten des englischen Landadels und der Bourgeoisie die alte Welt?

Denis Abrahams: Die Protagonisten aus „Bildnis einer Dame“ sind fast allesamt Amerikaner. Sie leben gewissermaßen als Fremdkörper in Europa in ihrem eigenen Universum. Sie haben sich englische und italienische Paläste gekauft und führen dort ein Leben des Müßiggangs. Viele der Hauptfiguren (Madame Merle und Gilbert Osmond) sind schon als Kinder nach Europa verfrachtet worden, um dort in den „Genuss“ einer traditionellen Erziehung zu kommen und sind dort hängen geblieben.

Die Unterschiede zwischen – wohlgemerkt finanziell unabhängigen – Amerikanern und Europäern zeichnen sich vor allem im weniger durch Normen und Konventionen geprägten Lebenswandel der Amerikaner aus. So strebt die Hauptfigur, die junge Amerikanerin Isabel Archer zu Beginn des Romans zunächst ein von Ehe und Konventionen vollkommen unabhängiges Leben an. Sie reist z.B. gerne alleine, was im 19. Jahrhundert als nicht sehr schicklich für eine Frau galt. Heiratsanträge diverser wohlhabender englischer Adliger und steinreicher Amerikaner lehnt sie durchweg ab, um ein freies, selbstbestimmtes Leben führen zu können. Dieser Drang nach Bewahrung ihrer persönlichen Freiheit geht dann doch nicht auf. Sie landet in einer sehr unglücklichen Ehe mit dem zwar unkonventionellen, aber egoistischen und kalten Gilbert Osmond, der, wie sich später herausstellt, es nur auf ihr Geld abgesehen hat. Dieses Thema taucht in sehr vielen Werken von Henry James auf: Der Erhalt des sorgenfreien und müßiggängerischen Lebenswandels, der um jeden Preis gesichert werden muss. Danach streben viele seiner Figuren. James war ein Meister darin, die raffinierten Spiele des Eigennutzes auszuleuchten. Es geht vor allem darum, eine gute Partie zu machen, auch wenn dazu ein falsches Spiel gespielt werden muss und Herzen gebrochen werden. Das ist schon ein sehr düsteres Weltbild.

Lettrétage: Wodurch zeichnet sich der Erzählstil speziell dieses Werkes aus?

Denis Abrahams: James nimmt sich sehr viel Raum für die Entfaltung seines Figurenkabinetts. Fast 800 Seiten hat der Roman. Im Vordergrund steht die psychologisch ausgefeilte Figurenzeichnung, die Charakterstudien, die Psychogramme, die James vollendet beherrschte. Er wurde damit zu einem Wegbereiter der Moderne und zu einem Vorbild für Autoren wie Joseph Conrad und James Joyce.

In „Bildnis einer Dame“ berichtet ein namenloser Erzähler das Geschehen, spricht den Leser hin und wieder direkt an und bezieht ihn in die Geschichte ein, indem er öfters in der Wir-Form schreibt. Er wechselt aber oft von der übergreifend allwissenden in die personale Erzählperspektive. Weite Strecken des Romans werden aus der Sicht von Isabel erzählt. James‘ Stil ist virtuos und sprachlich sehr ausgefeilt. Als Erzähler bleibt James stets in der Halbdistanz. Er hat in den Salons der Upper Class, in denen er oft geladener Gast war, stets ganz genau hingehört. Grandios versteht er es, seine Figuren plaudern zu lassen; seine Dialoge sind wirklich höchster Lesegenuss. Aber diese Dialoge haben es in sich! Ich bin immer wieder überwältigt davon, welche psychologischen Ungeheuerlichkeiten Henry James im vermeintlichen Plauderton seinen Figuren und dem Leser zumutet. Diese Kühle wird aber stets umweht von einer feinen Ironie, die dafür sorgt, dass der Leser an den oft vergeblichen Bemühungen seiner Figuren, glücklich zu werden, nicht verzweifelt.

Lettrétage: Die Amazon-Kritiken sind überwiegend positiv, besonders der Anspruch, zwischen zwei Welten zu wandeln, auch zwei Gesellschaftsromane, einen englischen und einen amerikanischen in einem geschafft zu haben, wird wohl eingelöst.

Aber es wird auch auf ein zuweilen nicht unanstrengendes Missverhältnis zwischen überlangen Monologen und einen für 800 Seiten doch eher begrenzten Handlungs- und Entwicklungsbogen verwiesen. Kann man das objektiv so sehen, oder sind solche Einwendungen nicht auch einer gänzlich anderen Lesewahrnehmung von heute geschuldet?

Denis Abrahams: Ich stimme da vollkommen zu. Henry James fordert dem Leser Aufmerksamkeit und eine gewisse Beharrlichkeit ab. Man wird bei ihm aber immer dafür belohnt. Es gibt keine seiner Geschichten (ob Roman oder Erzählung), die nicht für lange Zeit in einem nachhallen und einen beschäftigen. Diese erwähnten Monologe sind Meisterstücke der Erzählkunst und brachten ein neues Stilmittel in die Belletristik ein: den inneren Monolog, den „Stream of Conciousness“. Viele große Autoren haben sich später darauf berufen, man denke z.B. an Arthur Schnitzler oder James Joyce. Bei Henry James passiert in der Tat häufig wenig an äußerer Handlung, aber er lässt uns tief wie wenige Schriftsteller in die Seele und Abgründe seiner Figuren blicken.

Die Lesewahrnehmung hat sich gewiss verändert. Ich merke das auch bei mir selber. Fiel es mir in der Prä-Internet-Ära noch sehr leicht, einen ganzen Tag mit einem Buch zu verbringen und einhundert Seiten oder mehr am Stück zu verschlingen, so fällt mir das heute wesentlich schwerer. Ich stecke auch in der Mühle von Häppchen-Konsum über das Internet und ständiger Verfügbarkeit von Bedürfnisbefriedigung und Reizüberflutung. Das hat sich spürbar auch auf mein Leseverhalten ausgewirkt. Umso schöner und bereichernder ist es, dass ich für die Lettrétage so einen literarischen Abend gestalten darf und mal wieder ganz in ein Roman-Universum eintauchen kann. Ein sehr befriedigendes Unterfangen.

Lettrétage: Warum dieses Buch, was bedeuten der Autor und gerade dieses Buch für dich persönlich, warum sollten andere es lesen und kennen?

Denis Abrahams: Es ist eines der wichtigsten Werke von Henry James. Wie Du ja zu Beginn erwähntest, ist James‘ Bekanntheitsgrad unter deutschen Lesern noch nicht besonders hoch. Aber er ist im Kommen! Es wird immer mehr von ihm übersetzt, was mich sehr freut. Er ist für mich einer der wichtigsten und einflussreichsten Autoren. Er hat meinen Blick auf die Welt und die Menschen geprägt und bereichert wie kaum ein anderer. Ein Leben ohne James wäre absolut unvorstellbar.

Lettrétage: Der Inhalt mutet ja für einen der es nicht gelesen hat, wie ein einziges Karussell aus Buhlen, aus Anträgen und Zurückweisungen, aus Eheschließung und Emanzipierungsversuchen an. Welche Passagen werden da vorgelesen und wonach sind sie von dir ausgewählt worden?

Denis Abrahams: Ich habe mir Schlüsselszenen aus dem Roman ausgesucht, die sowohl inhaltlich als auch stilistisch relevant sind. Allesamt sind Dialoge, in denen Henry James sein ganzes Können zeigt. Wir erfahren darin viel über die Figuren. Was sie vor dem anderen preisgeben, in welches Licht sie sich selbst rücken, inwieweit sie sich und ihre Gefühle in der jeweiligen Situation unter Kontrolle haben oder auch nicht. Diese Konversationen sind Maskenbälle: unglaublich reich und unterhaltsam. Ein Fest zum Vorlesen, und hoffentlich auch zum Zuhören.

Die erste Szene, um es vorweg zu nehmen, ist die erste Begegnung mit Merle, die für Isabelle und damit für die weitere Romanentwicklung von wichtiger Bedeutung ist. Durch Merle lernt sie ja ihren späteren Ehemann Osmond kennen.

Dann gibt es den Dialog zwischen Isabelle und Ralph, in dem sie ihrem darüber sehr erstaunten Vetter erklärt, warum sie Osmond zu heiraten gedenkt.

Als letzte Szene gibt es einen handfesten Ehestreit zwischen Isabelle und Osmond.

So gesehen hängen alle drei Szenen eng am Entwicklungsstrang

Die Lettrétage dankt Denis Abrahams für das Interview und lädt herzlich zur folgenden Veranstaltung ein:

Mittwoch, 14.12.2016, 20 Uhr, Eintritt 5,-/erm. 4,- Euro
Henry James – Bildnis einer Dame
Lesung und Gespräch mit Denis Abrahams und Verena Auffermann

3 Fragen an 54stories

Lisa Lettretage —  9. Dezember 2016 — Kommentieren

54Es gibt nie genug Geschichten – da sind sich Saskia Trebing und Tilman Winterling einig. Ihre Online-Plattform 54stories ist eine wahre Schatztruhe der Prosa und der Lyrik. Am 1. Dezember erscheint dort wieder jeden Tag ein handverlesener Text im literarischen Adventskalender. Am 12. Dezember verlässt das Projekt das Internet und landet als Lesung in der Lettrétage. Wir wollten mehr erfahren – über das Projekt und die Menschen, die dahintersteckten.

Lettrétage: Geht es, ganz jahreszeitgemäß um Weihnachtstexte?

Saskia Trebing: Unsere Texte haben thematisch gar nicht unbedingt etwas mit Weihnachten zu tun, wir machen vom Inhalt her keine Vorgaben. Wir bedienen uns lediglich des Formates des Adventskalenders und des Türenöffnens, indem wir jeden Tag einen neuen Text auf der Seite veröffentlichen. Da wir bereits im dritten Jahr sind, lesen am 12.12. Autorinnen und Autoren aus unseren Kalendern 2014, 2015 und 2016. Die Themen sind nicht festgelegt.

Lettrétage: Danach (also nach den Adventskalendern) erscheinen in unregelmäßigen Abständen weitere „Stories, Essays, Gedichte und Texte junger Autoren, die uns begeistern und es wert sind mit euch geteilt zu werden, so steht es ja auf eurer Website. Wie aber verhält sich das zu den Texten, die im Adventskalender veröffentlicht werden. Steht die geöffnete Tür für Handverlesenheit, für besondere Güte?

Tilman Winterling: Grundsätzlich sind alle unsere Texte handverlesen. Der Adventskalender allerdings ist unsere Institution geworden und bildet quasi den turnusmäßigen Aufhänger.

Lettrétage: Hinter unseren Türchen verstecken sich junge Autoren, die mit ihren Gedanken den besten Schutz gegen vorweihnachtliches Gefühlsduseln bieten.Na, das klingt ja mutig. Wer geht da mit welchen Inhalten und Themen gegen die Jahresendbesinnlichkeiten an. Können Sie 3,4 appetizende Beispiele nennen.

Tilman Winterling: Natürlich können wir nicht garantieren, dass überhaupt kein Gefühlsduseln aufkommt; im Gegenteil haben wir eine Menge Autoren, die mit ihren Texten Emotionen auslösen wollen. Wir nehmen aber für uns in Anspruch, dass keine „Standard-Weihnachts-Schemata“ transportiert werden. Gerade auch solche Texte, die gar keinen Bezug zur Jahreszeit haben, bilden unserer Meinung nach ein schönes Gegengewicht zu der kitschig-triefenden Vorweihnachtszeit, die zur Anheizung des Konsums inzwischen ab September herrscht, mit blinkenden Rentiergeweihen auf Weihnachtsmärkten und Kinderchormusik von der Konserve garniert wird.

Die Lettrétage bedankt sich ganz herzlich für das Interview und freut sich darauf, am 12. Dezember gemeinsam mit Annelyse Gelman, Gerasimos Bekas, Ruth Herzberg, Sarah Berger und Svenja Viola Bunggartenein weiteres Kalendertürchen zu öffnen. Seid auch Ihr mit dabei?

Montag, 12. Dezember 20:00 Uhr (Eintritt frei)
54stories
Lesung mit Annelyse Gelman, Gerasimos Bekas, Ruth Herzberg, Sarah Berger und Svenja Viola Bunggarten.

Franz Tettinger, selbständiger Grafikdesigner, Texter und Lektor, Christian Vater Gymnasiallehrer,Autor und Verleger und T. G. Vömel ebenfalls Gymnasiallehrer, Autor und Verleger präsentieren neben anderen AutorInnen am 8.12. unter dem Motto „Mit euch nicht in einem Atemzug“ ihr Projekt „FAUN UND ZERFALL“

 

„Drei Autoren schicken sich sechs Postkarten im Kreis. Du weißt: Du bekommst eine Postkarte. Du beschreibst, überschreibst, schreibst sie fort und schickst sie an einen weiter, der sie wiederum beschreibt, überschreibt, fortschreibt, bemalt, beklebt und weiterschickt. Du weißt: Deine Karte, die du gerade geschrieben hast, gibt es bald nicht mehr. Sie wird aufgegriffen, weitergeführt, überformt. Was heißt das: Jede neue Schicht wird zum Sediment und du fragst dich am Ende: Was trägt?“

 

Wie funktioniert das? Schickt jeder Autor 2 Karten ab?
Wenn ja jede Karte überschrieben bzw. überklebt wird, wie lassen sich da gerade auch ausgehend von der Frage „Was trägt“ Erhalt und Veränderung überhaupt vermessen?

So lauteten unsere Fragen an den das Projekt betreuenden Vauvau-Verlag.

Hier die Antwort des Verlages:

In der Tat hat jeder Autor zu Beginn des Projektes zwei Postkarten gestaltet und gegenläufig zueinander losgeschickt, so dass am Ende sechs Postkarten-Zyklen entstanden sind. Der komplette erste Zyklus ist exemplarisch als Diashow auf der Startseite unserer Homepage zu sehen und sollte für eine ansprechende Konkretion sorgen.

Anhand dieses Zyklus lässt sich auch die zweite, für uns ebenfalls sehr zentrale Frage nach „Erhalt und Veränderung“ thematisieren:

Welche Elemente bleiben über mehrere Postkarten hinweg erhalten oder werden nur geringfügig modifiziert? Welche Elemente gehen verloren, werden nicht weitergeführt? Welcher Rhythmus prägt die Veränderung? Gibt es stabilere Phasen mit nur kleineren Veränderungen von Karte zu Karte – wir sprechen ja von Kontrafakturen – oder gibt es sehr starke Umbrüche? Wo gibt es diese Stabilitätszentren, wo die Umbrüche und warum gerade dort? Warum ist das so und was kommuniziert sich dadurch, kommuniziert sich zwischen Autoren und Lesern, aber auch zwischen den Autoren selbst, womit ich zuletzt bei der Interaktion der Autoren – ein zentrales Interesse unseres Verlages – angekommen bin. Die Interaktion der Autoren bringt eine Eigendynamik ins System, die sich in den Zyklenverlauf einschreibt. Nicht der einzelne Autor führt hier Regie, bestimmt darüber, was trägt, sondern gerade in der Interaktion entscheidet sich, was bleibt und was weichen muss.

 

Donnerstag, 8. Dezember 20:00 Uhr (Eintritt 5,-/erm. 4,- Euro)
Mit euch nicht in einem Atemzug III
Autorenlesung mit mit Franz Tettinger, Christian Vater, T. G. Vömel, Bastian Winkler und Titus Meyer

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„In Berlin leben nach unseren Hochrechnungen ca. zehntausend Leute, die versuchen von und mit Literatur leben und für die wollen wir jetzt endlich ein Angebot schaffen, was zur Vernetzung der Branche  untereinander beiträgt, was zum Wissenstransfer beiträgt, also von der Szene, für die Szene …“

Originalbeitrag hier nachlesen!

 

„Wir sehen, wie die Existenzen von Autoren aussehen, wir wissen, zum Teil aus eigener Erfahrung, wie freie Lektoren arbeiten, freie Übersetzer usw. Wir haben das Bedürfnis entwickelt, durch Networking, durch gegenseitige Hilfe ein Forum ins Leben zu rufen, was die Leute bei ihrer wirtschaftlichen Existenz unterstützt.“

Bericht über das Branchentreff-Wochenende in der Lettrétage: Heute im Radio!

Lisa Lettrétage sprach anläßlich der Lesung am 8.12. mit Titus Meyer:

titusWas erwartet uns am 8.12.? Kannst Du uns schon mal ein Beispiel für ein Palindrom und ein Anagramm geben?

Palindrom: Nie deine Beruehrung. Nur Heu, Rebe. Nie dein.

Anagramm: Der schwarze Mann unter meinem Bett – Er erwartet mich, den Bann zu stemmen.

Woher kommt Deine Vorliebe für diese durchaus spielerisch anmutende Formgebung?

Naja, Spiel impliziert in meinen Augen immer eine Leichtigkeit, die das Ganze für mich überhaupt nicht hat. Irgendwie mag ich wohl das Ringen mit den strengen Formen, darum, wer wen schreibt, in welche Richtung die Leine eher zu betrachten ist. Ich schätze, es hat viel mit Ausbruch, mit der Schaffung und zugleich Überwindung einer Ohnmacht zu tun.

Welche Körperteile sollen aus der Wirklichkeit amputiert und neu zusammengesetzt werden?

Ihre Hände, mit denen sie uns fest im Griff hat und reziprokerweise auch Begreifen glauben macht, ihre Lungen, mit denen sie unser Denken mit Sinn beatmet. Mit Amputation derer meine ich sozusagen das Stoppen ihres Vergreifens an unserem Denken, das Stoppen der Zwangsbeatmung unseres Denkens. Neu zusammengesetzt werden die beiden dann vielleicht zu Hand-Lungen. Ein Begreifen, das nur so vor sich hinatmet. Oder ein Atem, der nach etwas greift und nie halten kann. Nutzlos, aber schön. Sämtliche Sinnschablonen sollen zerstört und Sätze in ihre Grundbausteine zerlegt werden, um sie anschließend wieder neu aufzubauen. (Nur dadurch, dass ich ja dann immer mit Buchstaben den Wiederaufbau beginne, und Buchstaben noch nahezu völlig frei von Bedeutung und mit nahezu nichts aufgeladen sind, Worte hingegen nicht, Wortgruppen erst recht nicht, fühle ich mich beim Errichten eines Gedichtes originell, so als hätte ich nichts hergenommen, das schon, wenn auch sehr wenig, vorverarbeitet wurde. Als hätte ich sämtliche Zutaten selbst angebaut.)

Naturverbundenheit ist doch eher idyllisch besetzt, Welche Schnittstellen zur Düsternis und zum Wahnsinn erwarten uns da?

Der fiktive Autor oder das lyrische Ich erlebt das zurückgezogene Leben in der Natur ja zunächst und grundeigentlich als pure Idylle, wird aber durch seine Kontaktlosigkeit, durch das stillebedingte sukzessive Abhandenkommen von Zeit und durch sein Kreisen und Pendeln in immer wieder nur sich selbst wie ein Anagramm, zunehmend wahnsinnig.

 

Donnerstag, 8. Dezember 20:00 Uhr (Eintritt 5,-/erm. 4,- Euro)
Mit euch nicht in einem Atemzug III
Autorenlesung mit mit Franz Tettinger, Christian Vater, T. G. Vömel, Bastian Winkler und Titus Meyer