13.09. | Wie Alchemie um- und umgeschrieben

Tom Bresemann —  19. Juli 2017 — Kommentieren

Mittwoch, 13. September 2017, 20:00 Uhr, (Eintritt 5,-/ erm. 4,-)
Wie Alchemie um- und umgeschrieben
Lesung mit Ute ECKENFELDER

Die Autorin Ute Eckenfelder arbeitet mit ihren Gedichten das Prozesshafte der Sprache heraus; denn Sprache hat mit Alchemie gemein, dass sie sich nicht scheut, mit unterschiedlichsten Materialien, sinnlichen, bildhaften und geistigen Substanzen zu experimentieren – so entsteht eine Vielfalt ihres Sprechens, wodurch nicht nur die Sprache selber, sondern auch wir von der Sprache immer wieder umgeschrieben werden. Vielleicht so wie Rilke – für unsere heutigen Ohren etwas zu pathetisch – formulierte: Jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert, liebt in dem Schwung der Figur nichts als den wendenden Punkt.

 

Ute ECKENFELDER

Geboren 1938 in Sulz am Neckar. Studium der Erziehungswissenschaften, M.A. Unterrichtete langjährig als Dozentin am Pestalozzi-Fröbel-Haus.

Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in zahlreichen Zeitschriften, u.a. Lichtungen, Jahrbuch der Lyrik, Ostra-Gehege, Sinn und Form.

sowie im Rundfunk. Publikationen: Mitlesebuch 19 (1997) Einblicke (1998) Falkner, bis grün dich durchwächst (2002) Ist wo die Eule (2006) War oder wird Eiszeit (2010)

Zuletzt erschien der Lyrikband: G‘schnipf für Zieglers Ziegen (Keiper 2014 / Podium 2016).

 

Nachwort von Helwig Brunner zum Buch G’schnipf füZieglers Ziegen 

„Wer die Gedichte Ute Eckenfelders liest, kommt rasch zum Staunen und hört nicht so bald wieder damit auf. Allerdings ist nicht sofort klar, woher das Staunen rührt, denn die Dichterin legt es nicht auf diese Wirkung an, sie tut nichts auf ersten Blick Außerordentliches. Sie schreibt doch nur Gedichte, möchte man sagen, so wie man über jemand anderen vielleicht sagt: Der will doch nur spielen.

[…] Kaum […] nämlich hat man erlebt, dass eine Dichterin oder ein Dichter die Sprache derart furios in sämtliche Register auffächert, sie scheinbar mühelos in ihren Höhen und Tiefen durchmisst, ohne Scheu vor ihrem Gewicht und ihrer Flüchtigkeit, ohne Berührungsängste gegenüber ihren Banalitäten […]. Dies spiegelt sich auch in der enormen Vielfalt der Motive, der thematischen und personellen Bezüge wider: Gemeinsam mit der Autorin begegnen wir Brentano, Rilke, Hofmannsthal, Hölderlin und Nietzsche, studieren Goethes Farbenlehre, Hokusais zartlinige Natur- und Landschaftsansichten, Brueghels apokalyptische Visionen und Van Goghs flackernden Himmel, besuchen die Kathedrale St. Bavo und den Hof der Beginen, treffen auf zeitgenössische Künstler wie Carsten Höller, Martin Kippenberger und Jannis Kounellis. Mit derselben Selbstverständlichkeit gehen in diesen Gedichten aber auch der Liedrijan und der Hallodri um, tummeln sich Schweine und Ziegen – samt dem für sie vorgesehenen Futter, dem »G’schnipf« –, Maulaffe und Hollerhund, weiters Radfahrer und Clowns, der Rasenmäher und die Bodenschleifmaschine.

[…] So konfigurieren sich aus der sprachkosmischen Ursuppe, die sie uns serviert, immer wieder kraftvoll-zarte poetische Fügungen, etwa ein geduldiges Grau, tantiges Handtaschen-Grün, Wahnsinnsgewölk, schnabulierende Zettel oder das Geblinzel lichtdurchlässiger Jalousien; […] Hier, in Eckenfelders entgrenzter Sprachwelt, finden wir uns in einem poetischen Kosmos wieder, der entscheidend über die Dimensionierung gewöhnlichen Sprechens hinausreicht.

So viel sprachschöpferische Virtuosität müsste Misstrauen wecken, wenn sie Selbstzweck bliebe. Doch dem ist ganz offensichtlich nicht so. »Worte sind in ihrem Sinn unendlich beweglich, ständig metaphorisch bezogen und neu beziehbar, nie selber ein letztes Fundament«, schrieb Karl Jaspers. Genau diese unendliche Beweglichkeit, dieses Fehlen eines letzten Fundaments scheint der Motor zu sein, der Eckenfelders Sprache so außerordentlich umtreibt. Schon in jungen Jahren beeindruckt von Hölderlins Sprachmagie und im Wissen um die Vordenkerrolle der Sprache, um ein in der Sprache angelegtes Verstehen vor dem Verstehen, geht Eckenfelder in ihren Gedichten aufs Ganze, nimmt die Dinge in ihrer »unausdeutbaren Deutbarkeit« (Hugo von Hofmannsthal) in den Blick. In diesen Versen werden daher weder Fragen gestellt noch Antworten gesucht – […] Vielmehr verhält sich Eckenfelders Poesie wie ein offener Sternenhimmel, auf dem man immer mehr Gestirne entdecken kann, je genauer man hinsieht. Die Dichterin ist sich der Dimension ihres Unterfangens durchaus bewusst; sie bezeichnet das Wort als anderszeitig inmitten der Zeit, schreibt von delirierenden Texten. Zu wünschen ist ihr, dass sie sich zusammen mit ihren Leserinnen und Lesern auch an der Dimension des Gelingens freut, denn diese, das darf hier mit Überzeugung gesagt werden, ist nicht vielen Dichtenden vergönnt.

Ja, Ute Eckenfelder schreibt nur Gedichte. Sie will doch nur spielen. Doch die Poesie ist wahrlich ein großes Spiel, wenn sie, also die Poesie, es ernst nimmt.“

Helwig Brunner

 

 

Tom Bresemann

Posts Facebook

Keine Kommentare

Sei der erste und beginne die Unterhaltung.

Kommentar verfassen