5 Fragen an Alexander Filyuta

Antonia Eisenköck —  9. Dezember 2015 — Kommentieren

In der Reihe „5 Fragen an…“ stellen wir Berliner LiteraturaktivistInnen vor. Ob AutorInnen, VerlegerInnen, VeranstalterInnen – mit uns sprechen sie darüber, was sie antreibt, was sie umtreibt und was sie überhaupt dazu bringt, sich literarisch zu engagieren.

A. FilyutaAlexander Filyuta wurde 1971 in Leningrad geboren und studierte Deutsche und Russische Philologie in St. Petersburg und an der Humbolt Universität Berlin. Heute lebt und arbeitet der Dichter, Übersetzer, Kurator und Mitgründer von der Reihe Lyrik im ausland in Berlin. Lyrik im ausland umfasst Lesungen Berliner und internationalen AutorInnen im ausland-Veranstaltungsraum in Prenzlauer Berg. An diesen Abenden treffen fremdsprachige AutorInnen mit deutschsprachigen KollegInnen zusammen. Texte werden jeweils im Original von den VerfassenerInnen und anschließend in Deutsch von den ÜbersetzerInnen vorgelesen. Alexander Filyuta selbst schreibt auf Deutsch und Russisch.

1.) Die Reihe Lyrik im ausland umfasst Abende, an denen deutschsprachige Autorinnen und Autoren mit fremdsprachigen Kolleginnen und Kollegen zusammentreffen. Texte werden jeweils im Original von den fremdsprachigen AutoroInnen selbst sowie in Übertragungen ins Deutsche von ihren ÜbersetzerInnen gelesen. Hier scheint die sprachliche Differenz mehr eine Möglichkeit als ein Hindernis zu sein. Wie kann Mehrsprachigkeit zu interkulturellem Austausch beitragen? Was ist dabei zu beachten?

Na, das ist ja eine nette Vorlage, danke! Die Mehrsprachigkeit ist, glaube ich, ein natürlicher Bestandteil eines interkulturellen Austausches, im Sinne einer interkulturellen Gesellschaft, die er fördert.
Im Übrigen ist für uns die deutsche Sprache schon das zentrale Medium, die wichtigste Stütze, um das Fremde an den Mann – auch an einen gebildeten – hier zu Lande zu bringen. Apropos, 2017 ist für die Reihe Lyrik im ausland ein Frauenjahr. Für 2017 streben wir eine 100-prozentig weibliche Besetzung bei unseren Lesungen an. Das gilt aber nicht fürs Publikum.

2.) Was gab euch die Idee Lyrik im ausland zu starten? Was war die Inspiration?

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Man wollte nicht nur schreiben, man wollte auch lesen und hören. Ich spreche hier mehr von mir selbst.
Aber wir waren einmal überrascht, wie gut es anlief, dabei durften wir natürlich von der vorhandenen Infrastruktur des Veranstaltungsorts ausland von Anfang an profitieren. Dazu gehört auch, dass wir über die Jahre die Sparflammenschiene gefahren sind, um alles möglichst einfach und somit überlebensfähig zu halten, aber auch um uns nicht zu verbrennen.

3.) Du bist nicht nur Mitorganisator von Lyrik im ausland, sondern schreibst auch selbst. Wie wirkt sich deine russische Nationalität auf deine Arbeit aus?

Da musste einiges abgetötet werden. Im Moment wirkt’s gefühlt minimal. Das hört sich vielleicht ein bisschen wie Berichterstattung zur momentanen Gefahrenlage an, aber die gesellschaftlichen, sozialen, medialen, nationalen Vorbilder bzw. Meinungen – das kann bei der seit Jahren vorhandenen Gemengelage sehr belastend bzw. kontraproduktiv fürs eigene Tun wirken. Also, Schwamm darüber!

4.) Du schreibst auf Russisch und Deutsch. Unterscheidet sich deine russische und deutsche Arbeit nur in der Sprache oder auch in anderen Aspekten?

Es wird von jeweiligen Vorbildern und Poetiken sehr beeinflusst und bleibt, denke ich, beeinflussbar. Der gesamte Hintergrund ist jeweils ganz anders, und das macht den größten Unterschied.
Zweisprachigkeit, wenn sie, wie in meinem Fall, im Bezug auf Deutsch, nicht schon im kleinsten Alter vorhanden war, fühlt sich manchmal wie dünnes Eis an, im Hintergrund lauert immer der Zweifel. Die Sinnfrage, an sich selbst gestellt – ja oder nein, wird meistens positiv beantwortet, und ist nicht das Problem. Es ist etwas gesellschaftliches, der Anerkennungsdruck gegenüber dem sozialen etc. Mainstream – was sich – vermeintlich – gehört, und was nicht. Und sogar weniger gegenüber den Kollegen, wegen meistens positiven Feedbacks. Aber der Reflexionsraum ist halt um diese Komponente stark erweitert. Es ist auch ein ständiger Lernprozess, der von solchen Gedanken, wie oben, gefüttert wird.

5.) Ist Berlin für dich Ausland oder Heimat? In welchem Teil der Stadt fühlst du dich am meisten zu Hause und wieso?

Weder, noch. Es ist ein Ort der Vermessung, menschlich und räumlich gleichzeitig, aber auch von sich selbst, im Sinne von Selbsterkenntnis.
Räumlich fühle ich mich im Kiez um die Lychener Str. zu Hause, früher auch LSD-Kiez genannt, im Prenzlauer Berg also. Ja, ja, die Gentrifizierung, die Preise, die Bestandzersetzung etc., aber man lebt da rein und das gehört irgendwie auch zur „Vermessung“, wird zu ihrem Bestandteil als (gelebte) Erfahrung.

Antonia Eisenköck

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