5 Fragen an Martin Jankowski von der Berliner Literarischen Aktion e.V.

Katharina Hoernes —  30. September 2015 — Kommentieren

5 Fragen an Martin Jankowski

 

In der Reihe „5 Fragen an…“ stellen wir Berliner LiteraturaktivistInnen vor. Ob AutorInnen, VerlegerInnen, VeranstalterInnen – mit uns sprechen sie darüber, was sie antreibt, was sie umtreibt und was sie überhaupt dazu bringt, sich literarisch zu engagieren.

Martin Jankowski

Foto: Berliner Literarische Aktion e.V.

Martin Jankowski ist Autor, Blogger und Mitbegründer der Berliner Literarischen Aktion. Seine Wurzeln liegen in der Szene der Untergrundautoren im Leipzig der 80er Jahre. Trotz oder gerade wegen eines Veröffentlichungsverbotes der Stasi kam er dazu, Lesungen zu veranstalten. Nicht nur in Berlin sondern mittlerweile auch international ist er als Veranstalter und Autor bekannt und aktiv.

 

Gab es für dich ein Erlebnis, nach dem du beschlossen hast, dich literarisch zu engagieren – wann und wie ist der Funke übergesprungen?

 

Ich lebte Mitte der 80er Jahre in Leipzig und durfte wie viele andere nicht veröffentlichen. Aus der Notsituation sind „Wohnzimmerlesungen“ entstanden. Die ersten Literatursalons, die ich in meiner Einzimmerwohnung veranstaltete, ergaben sich aus der politischen Notsituation von DDR-Untergrundautoren. Damals bin ich noch als Liedermacher aufgetreten, um auf diese Weise meine Texte einem Publikum präsentieren zu können, das waren allerdings „illegale“ Bühnenprogramme, denn ich bekam dank der Stasi keine Auftrittsgenehmigung. Da lag es nahe selbst etwas zu organisieren, um beispielsweise auch verbotene Autoren einzuladen, die man bewunderte – es gab ja sonst keine Möglichkeit, um diese Art Texte kennenzulernen. Das ist also die Tradition aus der ich komme… Als ich Mitte der 90er schließlich als freier Autor in Berlin gelandet bin, habe ich das alles wieder aufgegriffen… Teile der Leipziger Szene fanden sich in Berlin wieder. Zudem ergaben sich erste Veranstaltungsreihen ganz natürlich, zum Beispiel als meine Schwester mit Freunden aus der Theaterwelt im Prenzlauer Berg eine Szenekneipe eröffnete und mich sozusagen familiär verpflichtete, dort Lesungen zu veranstalten.
Bis heute ist es immer wieder von Vorteil, selbst Autor und gut vernetzt zu sein – auch international, weil man dann eben interessante Leute für sich gewinnen kann, auch für wenig oder kein Honorar hier zu lesen. Heute haben wir ein Netzwerk von Veranstaltungsreihen und Partnern auf der ganzen Welt. 2005 kamen wir dann auf die Idee, dieses Netzwerk zu professionalisieren. So entstand die Berliner Literarische Aktion e.V.

 

Ihr arbeitet im Prenzlauer Berg –

Wie sich das für einen echten Ostdichter gehört! (lacht)

 

Warum genau dort und welchen Einfluss hat Berlin auf deine Arbeit?

Berlin steckt ja schon im Namen der Berliner Literarischen Aktion. Obwohl meine Anfänge in der ostdeutschen Literaturszene liegen, sind wir total durchmixt und arbeiten international. Unter den Gründungsmitgliedern des Vereins sind zum Beispiel eine Kurdin, eine Schweizerin und eine Italienerin – wir waren von Anfang an mehrsprachig. Dieser Aspekt ist uns sehr wichtig und findet sich in Berlin, denke ich, wie kaum sonst in Deutschland. Der Prenzlauer Berg hat sich für mich aus zwei Gründen ergeben: erstens wegen der Anknüpfung an die Ostberliner Literaturszene, die hier beheimatet ist und zweitens aus familiären Gründen. Allerdings ist es nicht wirklich wohlüberlegt, dass wir hier sitzen – unser Büro könnte genauso gut im Friedrichshain, in Mitte oder im Wedding sein.

 

Gerade auch vor dem Hintergrund deiner persönlichen Geschichte: Wie politisch muss, darf oder soll Literatur sein?

Na muss schon mal gar nicht – Literatur muss nichts und darf alles, genau wie Satire. „Kunst ist Waffe“, ein Zitat von Friedrich Wolf, war bei meinem Abitur noch Thema für den DDR-Prüfungsaufsatz. Das fand ich damals schon bescheuert! Allerdings stimmt es insofern, als dass man Literatur natürlich in den Dienst von politischer Propaganda stellen kann – etwas, was mir völlig fern liegt. Und deshalb antworte ich salomonisch: Kunst kann und darf, muss aber nicht politisch sein. Ich persönlich bin schon immer auch politisch aktiv, trenne aber beide Bereiche gerne ganz bewusst.

Für die Berliner Literarische Aktion ist aber folgender Aspekt ganz wichtig: Wir denken, dass Literatur eine gesellschaftliche Kraft ist, deren Wirkung heute oft unterschätzt wird. Wir betonten genau diesen Aspekt, für den sich Buchmarkt und Betriebsrummel zumeist nicht interessieren.

 

Die Berliner Literarische Aktion schreibt auf ihrer Website, dass sie sich all jenem verschrieben hat, was „nicht einsam am Schreibtisch stattfindet“. Denkst du, dass der klassische Literaturbetrieb und –rezeption, beides ja sehr einsam, überholt ist?

Nein, das denke ich nicht – was gibt es schöneres, als sich mit einem guten Buch aufs Sofa zu legen? Aber wenn den gesellschaftlichen Aspekt der Literatur betonen will, so wie wir es tun, dann merkt man schnell, dass man mit gemeinsamen Aktionen Menschen in Bewegung setzen kann. Und wenn ich egoistisch antworten darf: Als Autor fühle ich mich auch oft einsam, wenn ich den ganzen Tag nur am Schreibtisch sitze und vor mich hin schreibe. Ich möchte gern mit Menschen zu tun haben. Deshalb treffe ich mich mit Leuten, die das auch wollen. Texte können viel mehr als den Einzelnen auf dem Sofa zu erreichen. Egal, ob es nun die klassische Wasserglas-Lesung oder durchgeplante internationale Projekte sind – genau da setzt die Berliner Literarische Aktion an.

 

Wie soll es für dich und für den Verein weitergehen? Was sind eure Pläne, eure Ziele?

„Schauen wir mal“ – so funktioniert das bei uns meistens. Wir sammeln Ideen und Vorschläge. Wichtig ist, dass Leute da sind, die Ideen haben, von denen sie begeistert sind. Um Dinge wie Logistik, Geld, Kontakte und so weiter kümmern wir uns dann peu a peu. Deshalb sehen unsere Projekte ganz unterschiedlich aus. Tägliches Brot sozusagen sind diverse Literatursalons, die wir hier in Berlin seit Jahren monatlich betreiben.
Ein Projekt, das mir derzeit persönlich am Herzen liegt, ist „Literatur hinter Gittern“, mit der wir in den letzten Jahren europaweit Aufmerksamkeit und Nachahmer gefunden haben. Jetzt möchten wir gern ein Modellprojekt zu Schreibwerkstätten für Gefangene in deutschen Gefängnissen realisieren. Leider gibt es das bislang noch gar nicht und es fehlt uns dafür dringend an einer Finanzierung, dabei ist landesweit bereits die nötige Logistik vorhanden. Andere europäische Länder sind da schon viel weiter… Aber wie bei so vielem anderen: Wir bleiben dran, bis es klappt.

Katharina Hoernes

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