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Die Geister, die wir riefen…

JK —  12. Juni 2017 — Kommentieren

Von Sieglinde Geisel

Wie kann ein Text dreidimensional werden? Indem man seine Buchstaben in Gegenstände verwandelt. Der 3-D-Drucker macht’s möglich: Er ist die heimliche Hauptfigur dieses Abends. Mit seinem Artefakt, dem Buchstaben X, ist er der Solist, nachdem er die ganze Zeit sozusagen im Hintergrund emsig gewerkelt hat, denn die Performance ist so getimt, dass sie zugleich mit dem Druckvorgang endet: Eine kleine Lampe strahlt den 3-D-Drucker nach vollbrachter Aufgabe wie ein Spotlight an.

Die Idee der Veranstaltungsreihe CON_TEXT besteht darin, Sprache in andere Dimensionen zu übertragen, Texte in anderen Kontexten zu zeigen. Dem aus Mexiko stammenden, in Finnland lebenden Dichter Daniel Malpica und dem japanischen Klangpoeten und Komponisten Tomomi Adachi ist es an dem Abend gelungen, dieses Feld auf unerwartete Weise zu erweitern. Selten erlebt man eine Performance, in der Dinge geschehen, die man noch nie gehört oder gesehen hat – samt der Irritation, die das Neue begleitet. Denn für das Neue gibt es, naturgemäß, noch kein Modell und damit auch keine Maßstäbe, an denen man es messen kann. Man bleibt zurückgeworfen auf das eigene Erleben, ein verunsichernder Zustand – und eine Befreiung.

Was also habe ich an diesem intensiven Abend mit dem Titel „Time to Deliver X3“ erlebt? Die Performance beginnt mit Sprache, die sich einschwingt, sich von der Bedeutung der Worte löst, Spanisch und Englisch, die Sprachen gehen ineinander über, später kommt ein reizvoll verformtes Deutsch mit finnischen Einsprengseln dazu. Daniel Malpica liest musikalisch, seine linke Hand dirigiert, die Bewegungen sind Teil der Expressivität. Sein Partner Tomomi Adachi spricht mit, so dass wir eine Jam-Session aus Worten und wortähnlichen Klängen erleben. Die beiden Künstler schwingen sich aufeinander ein, in einem Hin und Her zwischen Nähe und Distanz und der Begegnung zweier Temperamente. Daniel Malpica spricht unbeirrbar, als wolle er uns von etwas überzeugen – allerdings ohne dass wir erfahren, worin dieses Etwas besteht. Es geht um den performativen Akt, nicht um eine Botschaft, es geht um den Ausdruck, nicht um das Ausgedrückte. Tomomi Adachi dagegen lädt seine Wörter und Klänge emotional auf, er ist verspielt, erweitert den Tonraum, verfällt in einen Singsang, in aufgeregtes Geschnatter, in so etwas wie einen plötzlichen Witz. Die beiden Stimmen sind miteinander im Kontakt, jedoch führen sie kein Gespräch, die Darbietung geht nicht nach innen, sondern nach außen: Sie richtet sich an uns.

Erst allmählich merke ich, dass im Publikum etwas los ist. Ich spüre es, bevor ich etwas erkenne, eine besondere Konzentration ist im Raum, manche Körper straffen sich. Eine Frau bewegt ihren Kopf ruckartig und starr, als wäre sie ein Vogel, dazu ein stoßweises Keuchen. Auf der anderen Seite bewegt jemand roboterartig seinen Fuß, mit leerem Blick. Stör-Aktion oder Teil des Kunstwerks? Die kurzen, unvorhersehbaren „Auftritte“ verändern den Raum. Wie viele sind beteiligt? Ist es ansteckend, soll man mitmachen? Ich bin auf alles gefasst, doch ich merke rasch, dass hier Profis am Werk sind. Die scheinbar unmotivierten Gesten sind einstudiert, unversehens schwingt sich einer in den Handstand, später folgen andere, als wäre nichts dabei. Gesang ertönt, warm und schön, man merkt nicht immer gleich, wer singt, auf einmal merke ich, dass eine der Sängerinnen im Handstand an der Wand lehnt, ich wusste nicht, dass man in dieser Stellung singen kann.

War sie es auch, die zuvor ihr rechtes Bein hatte zittern lassen, als gehöre es nicht mehr zu ihr, sondern sei Teil einer Maschine? Neben mir kratzt sich einer heftig und mechanisch den Bart, er erzeugt mit seinem Mund unheimliche Klänge, die aus dem Lautsprecher kommen. Jeder der Performer, Tänzerinnen und Sängerinnen hat seine eigene Virtuosität. Sie scheinen unabhängig voneinander zu agieren – und doch gehorchen sie einer ausgeklügelten Choreografie. Zufall oder Kunst? Der ganze Raum scheint aufgeladen. Nur einmal sackt die Spannung ab, als Daniel Malpica einige Minuten solo seinen Text rezitiert. Es ist, als genüge der Sprachklang allein nicht mehr, wir haben uns an andere Reize gewöhnt, an ständige Veränderungen des Energiepegels. Wenn einfach einer spricht, droht nichts mehr, ich lehne mich zurück – und auf einmal nehme ich die Abwesenheit von Bedeutung als Mangel wahr, die Nonsens-Worte offenbaren ihre Leere.

Je länger die Performance dauert, desto mehr erkenne ich ein Thema: Es geht um die Grenze zwischen Mensch und Maschine. Die Performer im Publikum wechseln zwischen roboterhaften Gesten und den geschmeidigen Bewegungen von Naturwesen. Die Roboterbewegungen scheinen immer fanatisierter zu werden, als seien die Maschinenmenschen im Begriff, den Verstand zu verlieren, den sie nicht haben. Auch die Klänge entfernen sich zusehends vom Menschlichen, Körperhaften. Wie ich aus dem Programmheft weiß, hat Tomomi Adachi 1996 in Japan Kurt Schwitters „Ursonate“ als japanische Premiere aufgeführt, und Anklänge an die „Ursonate“ durchziehen den ganzen Abend, in verfremdeter Form. Bei Schwitters dient die Sprache bereits als Musikinstrument, Adachi treibt dieses Spiel nun weiter, nicht verbissen, sondern flexibel, als Spiel.

Elektronische Musik wird genauso von Maschinen erzeugt wie das dreidimensionale X, dessen Entstehung wir an diesem Abend beiwohnen. Allerdings handelt es sich dabei um den umgekehrten Vorgang: Der Buchstabe X wird aus der unkörperlichen Existenz in einen körperhaften Gegenstand überführt, während die Klänge, die wir eben noch als körperwarme Stimmen hörten, in die Abstraktion versetzt werden. Denn im Finale – der ganze Abend scheint eine konsequente Dramaturgie zu verfolgen – sind die Gesänge verstummt: Zum stroboskopisch erzeugten Sternenhimmel, der sich unaufhörlich über die Wände bewegt, hören wir elektronisch erzeugte Musik. Noch nie ist mir die Künstlichkeit dieser Maschinenklänge so klar bewusst geworden: Das sind die Geister, die wir riefen. Tomomi Adachi hatte das Publikum anfangs gewarnt, dass es in der Ecke mit den Lautsprechern sehr laut werden könne. Maschinen kennen kein menschliches Maß, und die Musik ist nicht nur in ihrer Lautstärke unberechenbar, sondern auch very busy, auf eine ahumane, unbegrenzte Art. Ein Angriff auf die Nerven, verstörend – und interessant.

Dieser Abend war ein Experiment in Überwältigungsästhetik. Allerdings waren es hier nicht die Leidenschaften, denen wir uns unterwerfen sollen, nicht Gefühle und Stimmungen wie etwa bei Richard Wagner, sondern Energien, die gesteuert wurden: vom Komponisten am Mischpult, vom Dichter am Mikrophon und von der unsichtbaren Kraft der Dramaturgie. Ist der Mensch Herr der Maschine, oder ist die Maschine Herr des Menschen? Diese Frage stellte der Kulturphilosoph Günther Anders in den 1950er-Jahren. Ich habe sie an diesem Abend ganz neu erlebt.

Florian Neuner, Daniel Malpica, Tomomi Adachi, CON_TEXT, Time to deliver X³, Gespräch, Hide Kinoshita, Dadaismus, X

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CON_TEXT #5: Open Call

JK —  19. Mai 2017 — Kommentieren

Photo by naya collective

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Ihr bei einer spannenden Veranstaltung mitmachen wollt – für die nächste CON_TEXT Veranstaltung machen der japanische Klangkünstler Tomomi Adachi und mexikanisch-finnische Schriftsteller Daniel Malpica einen Open Call!

Es werden 6 bis 7 Personen gesucht, die sich nicht davor scheuen, mit Ihrer Stimme zu experimentieren! Working-language Englisch! Die Bewerbung läuft bis zum 28. Mai, mehr darüber könnt Ihr auf Facebook lesen: https://www.facebook.com/events/223395874817651/

 

 

Am 12. Mai fand die vierte CON_TEXT Veranstaltung statt, von der Schriftstellerin Maria A. Ioannou und dem Tänzer und Choreographen Momo Sanno gestaltet. Sieglinde Geisel hat darüber geschrieben.

 

Die Erzählung von Maria A. Ioannou handelt von einem Menschen, der lieber ein Gegenstand wäre, ein Objekt. Als er geboren wird, scheint er nicht zu atmen, und als Erwachsener wird er mehr und mehr zu einem Gegenstand, schließlich kann er nur noch seinen Kopf bewegen. Für einen Tänzer eine Herausforderung: Wie tanzt man einen, der nicht mehr tanzen will?

Der Widerspruch zwischen Erstarrung und Bewegung ist ein Leitmotiv dieser Begegnung zweier Künste. Es ist ein Geben und Nehmen zwischen der Sprache und dem Tanz: Bewegen sich die Worte, erstarren die Bewegungen, schweigt die Autorin, erwacht der Tänzer zum Leben.

Momo Sanno liegt auf dem Boden, genauer: Er sitzt einem seitwärts umgekippten Stuhl, als wäre er mit dem Möbelstück verwachsen.

„We have created a doll, a doll, a doll“, liest die Autorin. Die Sprache gerät ins Schwingen, löst sich vom fixierten Text auf dem Papier. Maria A. Ioannou gibt dem Rhythmus nach, der in ihren Sätzen angelegt ist und löst die Wörter aus ihren Halterungen, so dass sie zu tanzen beginnen.

Sie hat Philip geschaffen, diesen Menschen, der sich als Objekt begreift. Der Tänzer Momo Sanno erforscht diese ungewöhnliche Figur mit seinem Körper. Es ist, als würde er sich durch seine Bewegungen in einen Bewusstseinszustand hineintasten: Wie mag es sich anfühlen, wenn man Objekt sein will, von anderen zum Objekt gemacht wird, sich selbst ins Objektsein zurückzieht? Und wie drückt man es aus, so dass das Publikum daran teil hat?

Auf der Bühne gibt es nur ein einziges auffälliges Requisit: eine Art Käfig in einem umgedrehten Tisch, mit Gitterstäben aus schwarzem Klebeband, ausgekleidet ist das Ganze mit Packpapier. Es knistert laut, als Philip sich hineinschlängelt. Doch er bleibt nur für kurze Zeit in der Geborgenheit seines Gefängnisses.

„Mum, touch me“, sagt der Text, und Philips Arme schlängeln sich in die Höhe. Liebeshungrig gleiten sie über- und ineinander – und erzählen genau damit von der Isolation, in der Philip sich befindet, in die er sich immer wieder von neuem begibt.

„Look, mum, I am a parking meter!“ Der Tänzer steht hinter einer Säule, auf dem Weiß der Wand sehen wir seine dunkelbraunen Hände, wie losgelöst von ihrem Körper. „Look how cool, cool, cool, how cool is that“, so tanzen die Wörter, während die Finger stumm zu uns sprechen.

Diese zweistimmige Performance ist eine Entdeckungsreise – für die Künstler ebenso wie für das Publikum, das sich einen eigenen Reim auf die Verschmelzung der beiden Künste macht. Wer ist der Tänzer? Ist er die Figur Philip – oder ist er Momo Sanno, der über die Figur Philip nachdenkt, mithilfe seines Körpers? Hört Philip überhaupt, was im Text über ihn gesagt wird, oder lebt er in seiner eigenen Welt? In Momo Sannos Wiedergabe kann Philip tanzen – am besten, wenn die Sprache schweigt: Manchmal ist es, als würden die Worte ihn erstarren lassen. Ohne Worte hat er den Raum, den er für seinen Tanz braucht, dann streckt er die Arme aus, weitet den Körper und dreht sich im Raum, in alle Richtungen.

„How does passion feel like?“ Sobald von Gefühlen die Rede ist, zieht sich alles Leben aus ihm zurück, die Ausdrucksstärke, die uns eben noch in Bann gehalten hat, erlischt von einem Moment auf den anderen. Als wäre der Tanz etwas Privates, das nur ihm gehört. „I like being used. I feel depressed when I am not used“ – diese Sätze sind ein Tabubruch. Sagt er sie zu sich selbst, oder ist es eine Mitteilung, eine Aufforderung an uns – und wie wäre ihr nachzukommen?

„Do you see me?“, steht unter den Packpapier-Streifen, die der Tänzer von der Wand reißt. Er bittet darum, aus der Geschlechtlichkeit entlassen zu werden – er sei ein „it“, also ein Ding. Ist es eine Befreiung vom Menschsein, vom Mann oder Frau Sein? Muss man sich diesen Philip als glücklichen Menschen vorstellen? Das kann jeder für sich selbst entscheiden.

Das Sprach-Tanz-Duett ist ein dialektisches Kunstwerk: eine Geschichte von Verweigerung und von Sehnsucht, eine Parabel vielleicht auf einen, der in sich selbst gefangen scheint, der sich dort sicher fühlt und den Menschen nicht mehr nahe sein will. Momo Sanno habe Philip glücklicher gemacht, als sie ihn in ihrem Text geschaffen habe, meint Maria A. Ioannou nach der Performance. Die Autorin und der Tänzer haben in ihrer Arbeit also jeweils am anderen Ende des Stricks gezogen. Auch das ist eine Form von Tanz.

Performed on the 14.03 in the Lettrétage Berlin, Kinga Tóth and Doro Billard were speaking about girls and water without words.

 

Am 14.03. in der Lettrétage vorgeführt – Kinga Tóth und Doro Billard sprachen über Mädchen und Wasser – ohne Wörter.

Volles Haus am Freitag, 27.01.2017. Der Grund: die Auftaktveranstaltung von CON_TEXT, unserem Programmschwerpunkt im Jahr 2017 – eine Veranstaltungsreihe, die das Format „Lesung“ neu zu denken und zu thematisieren sucht. Jede CON_TEXT-Veranstaltung wird von einem/r Autor/in und einem/r Künstler/in aus einer anderen Sparte gemeinsam erarbeitet und umgesetzt. Ziel ist, interdisziplinäre Formate vom literarischen Text ausgehend zu entwickeln und dabei die literarische Veranstaltung als ein eigenes künstlerisches Werk zu verstehen.

Den Auftakt der insgesamt zehn Veranstaltungen bildeten die schwedisch-finnische Autorin und Klangkünstlerin Cia Rinne (http://lettretage.de/Lettretagebuch/cia-rinne-2/) und der bildende und darstellende Künstler Gernot Wieland (http://lettretage.de/Lettretagebuch/gernot-wieland-2/). Für alle, die es live verpasst haben: Auszüge aus manifest hominis fabri und Ink in Milk:

 

Norbert Lange: To Say A Poem

JK —  18. April 2017 — Kommentieren

Norbert Lange writing to Mathias Traxler about ‚Haut-Parleurs‘, a literary event which was conceived and presented by both Harald Muenz and Mathias Traxler in the Lettrétage on the 23th February 2017 as part of the ‚CONT_TEXT‘ project.  (For further information about the event and its preparation, see here: video, photos, artists‘ discussions during preparation. Original text by Norbert Lange in German.)

Translation: Alice Bibbings

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Harald Muenz, Mathias Traxler, CON_TEXT, Haute Parleurs

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Am 14. März 2017 zeigten uns Kinga Tóth​ und Doro Billard​ ihre gemeinsam entwickelte interdisziplinäre Veranstaltung „Mädchen und Wasser“, die im Rahmen der CON_TEXT-Reihe entstanden ist (dazu ein subjektiver Bericht von Ricoh Gerbl und ein Interview mit den Künstlerinnen von Daniela Seel).

Papier, Körper, Wasser, Tinte… eine Lesung ohne gesprochene Worte.

Wir freuen uns sehr, dass die Künstlerinnen noch weiter zusammen arbeiten werden und sind schon gespannt, was sich weiter entwickeln wird! Vielen, Dank Kinga und Doro, es war wunderbar!!

Für diejenigen die es verpasst haben und auch für die, die dabei waren und sich noch mal erinnern mochten… kommt ein kurzer Film zur zweiten CON_TEXT Veranstaltung „Haut-Parleurs“ mit Mathias Traxler und Harald Muenz!

 

 

Die nächste Veranstaltung erfolgt schon morgen, 14.03. in der Lettrétage um 20 Uhr, mit Kinga Tóth und Doro Billard!