Archiv: Katharina Deloglu

Die WiSU-Flyer sind da und freuen sich über interessierte Leser  – Weiterleiten erlaubt 🙂

 

Allgemein:Überblick über die Angebote des Projekts WiSU

Angebot Raumnutzung

Beratungsangebot: Sprechstunden (Dozenten, Zielgruppen bzw. Themen)

 

Alternativ informiert auch die Webseite des Projekts WiSU:

http://literaturszene.berlin/raumnutzung/

http://literaturszene.berlin/beratungsangebot/

Information für Berliner Literaturveranstalter*innen:

Ankündigung von Veranstaltungen im Serviceteil der LateinamerikaNachrichten (LN)

Email an: redaktion@ln-berlin.de

 

Bitte mit dem Betreff „Service“

 

Und den wichtigsten Infos in der Mail:

– Titel der Veranstaltung

– wer, wo, wann

– kurze Beschreibung und/oder Internetlink

– Eintritt?

 

Nächste Termine:

  • Aprilausgabe: Alles, was ihr bis 28. März schickt, kommt bei den Leser*innen ca. am 10. April an
  • Maiausgabe: 2.5. > bei den Leser*innen um den 15.5.
  • Juni: 6.6. > 19.6.
  • Doppelausgabe Juli/August: 11.7. > 24.7.
  • Doppelausgabe Sep/Okt: 12.9. > 25.9.
  • November (heißt so, auch wenn sie schon im Oktober erscheint – also nicht irritieren lassen, sondern an den Daten orientieren): 10.12. > 23.10.
  • Dezember (vgl. November): 7.11. > 20.11.
  • Januar: 5.12. > 18.12.

[hier: Fotos zur Veranstaltung, Interview mit den Künstlerinnen]

Von Ricoh Gerbl

Es ist Dienstag Abend. Kurz vor zwanzig Uhr. Ich laufe den Mehringdamm entlang. Bin auf dem Weg in die Lettrétage. Eine Autorin, Kinga Tóth, und eine Zeichnerin, Doro Billard, präsentieren das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit. Sie hatten eine Woche lang Zeit sich mit ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen anzunähern. Vereinfacht gesagt: irgendwie zusammen zu kommen. Dass Literatur auf andere Kunstrichtungen trifft ist Teil der Veranstaltungsreihe CON_TEXT. Autoren und Autorinnen treffen auf Künstler und Künstlerinnen aus verschiedenen Sparten und sollen gemeinsam etwas erarbeiten. Heute Abend wird dem Publikum der dritte Ausgang von so einer „Karambolage“ präsentiert. Ich biege in den Hinterhof ein. Ein paar Leute stehen vor dem Eingang. Rauchen. Ich ziehe die Tür auf, gehe durch den kleinen Vorraum, und stelle fest, hier fehlt etwas. Stühle. »Wie! Soll ich jetzt den ganzen Abend über stehen? Sonst gab es hier doch noch immer Sitzgelegenheiten.  Noch jedes Mal konnte ich mich hinsetzen, wenn ich einem Autor oder einer Autorin zuhören wollte. Und heute darf ich wohl nicht in ein passives Anwesendsein hinein sinken und mich von Stimmen berieseln lassen?« Ich verspüre Unmut. Möchte mich beschweren. Aber zu wem soll ich jetzt sagen: »Wissen Sie, sitzen zu können ist wirklich entlastend und nicht sitzen zu können ist wirklich anstrengend.« Ich schaue mich um, suche nach einer Person, der ich das jetzt wissen lassen könnte. Halte aber vor allem auch nach jemand Ausschau, der so aussieht, als ob er wüsste wo die Stühle versteckt sind. Mir wird warm. Ich ziehe den Reißverschluss meines Wintermantels nach unten. Ich möchte, dass mein Körper von mehr Luft und von weniger Stoff umgeben ist. Der offene Mantel verschafft mir etwas Kühlung. Das reicht mir aber nicht. Ich schlüpfe ganz aus dem Mantel heraus und lege ihn auf einem Klavier ab. Stuhllehnen gibt es ja keine. Ich komme mir mit meinem Gemeckere unfair vor. Denn ich weiß ganz genau, dass ich bei Lesungen auch schon den Wunsch verspürt habe, eine Lesung möge doch mal anders ablaufen, anders als man es kennt, schon so oft erlebt hat. Also kriege ich mich wieder ein, versöhne mich mit der Stuhllosigkeit, und schlage mir vor, dieser ungewöhnlichen Präsentation eine Chance zu geben. Als erstes fällt mir auf, dass an den Wänden Sätze kleben, aus großen schwarzen Buchstaben. Ich lese einen davon. Da steht: »nicht jeder gelangt in den Körper zurück«. In der Mitte des Raums steht eine Badewanne. In ihr befindet sich etwas Wasser. Neben der Badewanne liegt ein Haufen zerknülltes Papier. Hinter der Badewanne steht ein weiterer Satz an der Wand. »Wie in der Wanne, wenn der Mund verstopft ist, und du ins Wasser sprichst, so sprechen sie zu mir. Ich bin am Boden der Wanne, und sie wollen mich von oben erreichen.«. An manchen Wänden hängen Zeichnungen. Auf einer sind Gerätschaften zu sehen die auf Kinderspielplätzen zu finden sind. Schaukeln. Rutschbahnen. Auf anderen Zeichnungen sind Wasseroberflächen zu erkennen. In einem Skizzenbuch, das auf einem Tisch ausliegt, sind noch mehr Zeichnungen von Wasseroberflächen.

Die Texte von Kinga Tóth und die Zeichnungen von Doro Billard befruchten sich gegenseitig und können als Ganzes gelesen und verstanden werden. Ich versuche herauszufinden was ich von den Arbeiten ablesen kann. Ungefähr auf Hüfthöhe zieht sich eine zweifarbige Linie durch den ganzen Raum. Ich lasse Assoziationen zu. Das Wort Wasserpegel fällt mir ein. Der Stand eines Wasserpegels. Ab welcher Höhe wird es gefährlich? Was passiert wenn er zu hoch steigt? Was wird dann geflutet? Ein Dorf? Ein Kinderspielplatz? Mir fällt ein Satz ein, der diesen kritischen Zustand beschreibt. Mir steht das Wasser bis hier. Eine Grenze wird markiert. Diese Grenze ist hier überall zu sehen. Die Streifen sind farbig. Der obere Streifen ist blau, der sich gleich darunter anschließende rot. Zu blau fällt mir Wasserkreislauf ein. Und Blutkreislauf zu rot. Diese Kreisläufe die notwendig sind, damit etwas funktioniert. Das Leben. Ich lese den Satz, der hinter der Wanne steht, noch einmal: »Wie in der Wanne, wenn der Mund verstopft ist, und du ins Wasser sprichst, so sprechen sie zu mir. Ich bin am Boden der Wanne, und sie wollen mich von oben erreichen.«  In Verbindung mit der Pegelmarkierung lese ich ihn jetzt anders. Jetzt lese ich, dass eine Grenze schon überschritten wurde. Dass ein Abtauchen schon stattgefunden hat. Und dass das Auftauchen noch nicht klar ist. Noch nicht entschieden ist. Auch die Zeichnungen der Wasseroberflächen ergeben einen anderen Zugang zu der Thematik. Die Oberfläche macht, genau so wie bei den Streifen, eine Grenze sichtbar. Die Wasseroberfläche als das Tragende, das Bewegende, das Bewegliche. Und dann gibt es Möglichkeiten dazu. Aktive Möglichkeiten. Die des Eintauchens. Des Abtauchens. Auch die des Untergehens. Zeichnerisch ist die Tiefe auch schon auf der Oberfläche zu sehen. Ich gehe mit meinem Blick zurück zur Mitte des Raumes. Zu den Kleiderbügeln, die von der Decke hängen. Kleider und Hosen aus Papier hängen an ihnen. Und Waschschüsseln stehen unter den Kleidungsstücken. Manche sind mit Wasser gefüllt. Ungefärbtes Wasser. Rotes Wasser. Blaues Wasser. Manche sind leer. Ein Frauenkleid hat von unten her schon etwas Farbe aufgesogen. Auch eine Kinderhose. In meinem Kopf werden neue Gedanken angestoßen. Treffen wie Billardkugeln zusammen. Rollen weiter. Manche fallen in ein Loch. Andere bleiben auf dem Spielfeld. Die leeren Papierkleider und Hosen erscheinen mir wie Platzhalter. Ich lese sie als Modelle die offen lassen für was sie stehen. Die aber schon darauf hinweisen, was man sich anzieht, was man auszieht. Was man sich wie einfärbt. Ein Spielfeld. Was kann im Leben angezogen werden und was nicht? Und was davon kann man wieder los werden und was davon kann nicht ausgezogen werden. Welchen Kreisläufen ist man ausgeliefert? Ist die Mutterschaft so ein Kreislauf, der als Modell zur Verfügung steht? Und lässt sich von so einem Kreislauf die Farbe rausnehmen? Kann die Färbung abgewaschen werden? Ich erinnere mich an Judith Butlers Aussage: »Der Ausruf einer Hebamme ‚Ein Mädchen!‘ ist nicht nur als konstative Feststellung zu verstehen, sondern auch als direktiver Sprechakt: ‚Werde ein Mädchen!’«

Im Raum wird es still. Die Performance beginnt. Das Publikum sieht Kinga Tóth und Doro Billard dabei zu wie sie Geräusche machen, mit dem Wasser, dem Papier. Wie die Papierkleidungsstücke mit Wasser besprüht werden, in Farbe eingetaucht werden. Jemand schießt mit einer professionellen Kamera Bilder. Ich bin im Weg. Ich gehe etwas zur Seite, setze mich auf den Boden und schaue den beiden zu. Es wird kein Wort gesprochen. Die Performance ist zu Ende. Stühle werden herbei getragen. Es gibt die Möglichkeit mit der Autorin und der Künstlerin über ihre gemeinsame Arbeit zu sprechen. Fragen werden gestellt. Antworten gegeben. Von Doro Billard erfahre ich, dass Reinigung auf französisch Teinturerie heißt. Würde man es eins zu eins übersetzen, hieße das Tinterei. Interessant, denke ich. Man bringt also seine Wäsche, wenn man sie reinigen lassen will, in eine Tinterei. Doro Billard erzählt, dass sie sich als Kind immer darüber gewundert hat, dass die Hemden ihres Vaters weiß zurück kamen, wo sie doch in einer Tinterei waren. Das Gespräch wird beendet. Es gibt Applaus für die beiden und ich klatsche fleißig mit. Die Arbeiten haben mich angesprochen obwohl kein einziges Wort gesagt wurde.

Donnerstag, 11. Mai 2017, 18:30 Uhr (Eintritt frei)
Offene Werkstatt zu CON_TEXT IV: Concrete Skin
Mit Maria A. Ioannou & Momo Sanno

 

Der rumänische Tänzer und Choreograf Momo Sanno und die zypriotische Autorin Maria A. Ioannou laden am Donnerstag, 11. Mai, in die Lettrétage zu einer offenen Werkstatt ein, um gemeinsam mit ihren Besucher*innen Text und Bewegung für ihre Veranstaltung am folgenden Freitag Abend zu erkunden. CONCRETE SKIN wird auf Grundlage von Ioannous Kurzgeschichte Philip auf Objekte fokussieren. Objekte und die „Objekt-ivierung“ in Bezug auf den Körper und das Schreiben stehen im Mittelpunkt. Die Künstler versprechen Einblicke in einen Dialog zwischen Körper/Bewegung und Text/Lesung und zudem in ihre interkulturelle Zusammenarbeit.

CON_TEXT ist ein Modellprojekt, in dessen Rahmen neue, interdisziplinäre Formate von Literaturveranstaltungen von einem spartenübergreifenden Künstler-Duo konzipiert und umgesetzt werden. Insgesamt finden zehn Abendveranstaltungen und eine Abschlusskonferenz statt. Die Künstler*innen arbeiten eine Woche lang gemeinsam an Ihrer Veranstaltung und stellen während dieser Produktionsphase mit einem informellen Werkstatt-Format ihre Arbeit in progress vor.

CON_TEXT wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.


Samstag, 11. März, 16:00 Uhr (Eintritt frei)
Mädchen und Wasser: Offene Werkstatt. Im Rahmen des Modellprojekts CON_TEXT.
Mit Kinga Tóth & Doro Billard
. Familien mit Kindern willkommen.

Die bildende Künstlerin Doro Billard und die Autorin und (Klang-)Poet-Illustratorin Kinga Tóth laden  am Samstag, 11. März, in die Lettrétage zu einer offenen Werkstatt ein, um gemeinsam mit ihren Besucher*innen die Materialien für ihre Veranstaltung am darauffolgenden Dienstag Abend vorzubereiten. Bei einem informellen Gespräch geben die Künstlerinnen Einblick in ihr Schaffen – Texte, Farben, Papierarbeiten… – und erzählen, wie sie zusammen einen Abend über das Thema „Mädchen und Wasser“ entwickeln. Auch Familien mit Kindern sind willkommen!

CON_TEXT ist ein Modellprojekt, in dessen Rahmen neue, interdisziplinäre Formate von Literaturveranstaltungen von einem spartenübergreifenden Künstler-Duo konzipiert und umgesetzt werden. Insgesamt finden zehn Abendveranstaltungen und eine Abschlusskonferenz statt. Die Künstler*innen arbeiten eine Woche lang gemeinsam an Ihrer Veranstaltung und stellen während dieser Produktionsphase mit einem informellen Werkstatt-Format ihre Arbeit in progress vor.

CON_TEXT wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

Norbert Lange an Mathias Traxler anläßlich der von Harald Muenz und Mathias Traxler gemeinsam konzipierten und präsentierten Literaturveranstaltung „Haut-Parleurs“ am 23. Februar 2017 in der Lettrétage im Rahmen des Projekts CON_TEXT:

 

7.3.2017

 

Lieber Mathias,

 

das war ein gutes Treffen! Auch eine schöne Gelegenheit, die Themen aufzufrischen, auf die wir in unseren Gesprächen oft zurückkommen. Auf dem Heimweg ist mir dann noch das richtige Wort eingefallen, um Robin Blasers Umgang mit den Wörtern zu beschreiben: Es war nicht „Eleganz“, an die ich dachte und wie ich zuerst erklären versuchte, auch wenn das, ganz sicher sogar, eine Eigenschaft von Blasers Gedichten ist; sondern das Wort, nach dem ich suchte, war „Achtsamkeit“. Ich bilde mir ein, dass man Dichtern anhören kann, wie sehr sie in ihren Gedichten den Wörtern Raum geben, oder wie wenig sie ihn ihnen überlassen. Wenn ich Blaser höre – und als ich Harald Muenz und Dir zuhörte, hatte ich denselben Eindruck –, spüre ich eine Aufmerksamkeit, die den Wörtern die Möglichkeit lässt, sich zu artikulieren. Es ist ein Hegen der Wörter, da man um ihre Sensibilität weiß und ebenso darum, welchen Zorn sie über einem entladen können, wenn sie falsch angefasst werden. Sensibilität und Zerbrechlichkeit sind eben nicht synonym. Die Angewohnheit der Wörter, sich gegen den zu wenden, der sie gebraucht, tritt dazwischen. Und nur Schwachköpfe oder selbstgerechte Autokraten glaubten dann, dass sie ihnen blind folgen. So schnell kann sich täuschen, wer meint, mit Wörtern auf etwas hinauszulaufen, während sie mit ihm schon umspringen, wie es ihnen gefällt. Wie man auf Wörter gekommen ist, so hat man sie sich möglicherweise schon eingefangen. Und wer trotz mehrerer Backpfeifen noch meint, keinen Grund zum Zweifel am eigenen Verhalten zu haben, der wurde unlängst zur Marionette seiner empfindlichen Wärter.

Man ist also gut beraten, im Umgang mit ihnen behutsam vorzugehen, weil sie auf Zwänge jeder Art allergisch reagieren. Ein solcher Zwang könnte beispielsweise sein, eine Lesung veranstalten zu sollen. Dabei möchte man das evtl. gar nicht. Man möchte vielleicht lieber in einem Restaurant, bei einem Kaffetrinken oder auf der Arbeitsstelle mit jemandem ins Gespräch kommen, über dies und das sprechen, um am Ende sagen zu können: Wenn jemand auf dich zugeht und ein Gedicht sagt, woher weißt Du, dass es ein Gedicht ist? Und nicht etwa einem didaktischen Impuls folgend: Siehst Du, Du dachtest, wir sprechen über dies und das. Du hast jedenfalls nicht damit gerechnet, dass ein Gedicht gesagt werden würde. Und am Ende hatten wir da doch ein Gedicht.

Nein, es hat sich ja alles am richtigen Platz befunden, im Raum. Du, ich, die anderen. In der Zeit. Und deswegen haben wir ein Gedicht gesagt.

Im übrigen war es ein sehr kurzer Text, der mit einem Brief Mozarts, einem Gedicht Konrad von Würzburgs, einem Deiner Gedichte und mit Euren beiden Stimmen eine Stunde füllte.

In den vergangenen Monaten hatte ich auf Lesungen – nicht nur dort, aber sie meine ich –, oft das Gefühl, weniger Wissen und Sicherheit zu haben, um über etwas zu sprechen oder überzeugend eine Haltung einnehmen zu können, und sei es nur als Autor, der gleich Gedichte vortragen wird. Und da wundere ich mich immer wieder, wenn meine verschiedenen Rollen (Interessen, Beziehungen, Jobs), aller Schwere und gleichzeitigen Haltlosigkeit zum Trotz, bisweilen auf einem Feld zusammentreffen, das ihre Widersprüche vereinbar wirken lässt.

Diesen Eindruck hatte ich während Eurer Veranstaltung. Wobei es kein gutes Wort ist: Veranstaltung. Lesung ebensowenig, genausowenig wie Performance oder Happening. Vielleicht Letzteres. Ein Geschehen, Event? Oder wie wäre Ereignis?

Euer Setting war denkbar einfach und vertraut: Ein Komponist und ein Dichter treten in einen Raum, um ihre anschließende Kommunikation mit dem Publikum zu teilen. Ein Tisch und ein Klavier, beide mit Büchern darauf. An den Wänden der Lettrétage Stühle auf denen das Publikum Platz genommen hat. Blätter und Zettel auf dem Boden, ein Schreibtisch in einer Ecke und im hinteren Raum ein weiterer Tisch. Anderes habe ich vergessen. Ich erinnere mich auch an zwei Notenständer und einen Kühlschrank. Die Notenständer waren vielleicht Lesepulte oder, wenn man die darauf gebreiteten Mappen mit ihren Bildern und Blättern bedenkt, Minnealtare. Auf einem Blatt las ich die schöne Bezeichnung: Singspruchdichtersprech. Es könnte aber auch Sinnspruchdichtersprech geheißen haben.

Während des Ereignisses von Muenz und Dir musste ich an eine Zeile von Robert Duncan denken, um die ich ihn schwer beneide, weil er in dem Gedicht (das man hier [https://www.poetryfoundation.org/resources/learning/core-poems/detail/46317] nachlesen kann) von einem magischen Ort erzählt, an dem etwas Einzigartiges geschieht:

Often I am permitted to return to a meadow …

Wann immer ich in Zukunft das Wort Idylle (wie in „Neo-Biedermeier“) höre, will ich an den Satz dieses Gedichts denken, das davon spricht, in den Kreis einer Gemeinschaft aufgenommen zu werden, die, stelle ich mir vor, nicht exklusiv ist, sondern jedes Einzelnen Anwesenheit in ihrer Mitte billigt, inklusive aller Dünnhäutigkeiten, Überforderungen und Absichten. Die Möglichkeit eines solchen Ortes ist doch eine krasse Vorstellung? Der Satz, den Duncan und man selbst als Mitleser wiederholt, erschafft ja erst jenen Raum, von dem er spricht. Oder zeigt er schon darauf, so dass man sehen kann: er ist da, es gehört nicht viel dazu, hineinzugehen?

Oder wieso steht rechts vom Eingang zur Lettrétage auf der Mauer:

Wovor hast Du Angst?

Statt zu denken, es gäbe eine gewisse Weise, einen Text zu durchqueren, könnte man ihn doch betreten, ohne zu erwarten, von jemandem hindurchgeführt zu werden, oder gar zu fürchten, dass der Text einen gleich wieder rauswirft. Ebensowenig konnte man erwarten, dass der Text in der Topographie, die er für den Abend in der Lettrétage bildete, von selbst zuende ging. Die Verwirrung von zweien, deren Gespräch ich nachher vor dem Haus belauscht habe und die sich erklärende Worte gewünscht hätten, bevor es losging, rührt für mich von der falschen Annahme her, dass ein Text seinem Anlass entsprechend jedes Mal eine Gebrauchsanweisung braucht. Im Text aber – und schließlich hat man als Publikum für ihn den Rahmen gebildet (der Kreis, in dem die Stühle angeordnet waren) –, kann keine Unruhe aufkommen. Er wird zur schützenden Schale, wenn man es ihm erlaubt, und zerbrechlich wäre er nur, wenn man der Furcht vor ihm den Vorrang lässt. Man darf nur nicht erwarten, dass was man erwartet auch eintrifft. Überhaupt darf man erwarten: nichts, weil nichts geschieht, wo bereits ein Ergebnis vorher festgelegt war.

Und so verstehe ich den Satz von Mozart, den ihr im letzten Drittel des Abends zitiert habt, als weniger nachsichtigen Cousin des Duncan-Satzes, der aber dasselbe will: „Die Herren, die so pedantisch zu Werke gehen, werden immer mitsamt der Musik zugrunde gehen.“

Zugrunde gegangen, ist keiner, und wenn, dann auf die schönste Weise.

Entstanden ist jedenfalls kein Feld, auf dem ein Wettkampf herrschte und wo man sich hätte behaupten müssen, als Publikum oder als Aufführender.

Stattdessen entstanden wunderbare, manchmal wunderbar komische Episoden, wie das behutsame Flüstern mit dem Megaphon oder Euer Funkverkehr zwischen Hinterzimmer und Vorderzimmer als kommunizierenden Röhren, das Balancement der Vokale und Konsonanten anhand zweier Telefone auf der Stange sowie die Präsentation des „Ton-Eis“, das mit großer Achtsamkeit durch den Raum getragen wurde.

Wer hätte da nicht ratlos bleiben und über die Bedingungen nachdenken wollen, unter denen ein solches Ereignis stattfinden kann?

Was zuletzt ein gelungenes Wagnis war.

 

Kurz und herzlich,

 

Norbert

 

Weitere Dokumentation zur Veranstaltung und deren Vorbereitung: Fotos, Gespräch der Künstler während der Vorbereitung

Freitag, 27. Januar 2017, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
Programmschwerpunkt CON_TEXT
Mit Cia Rinne & Gernot Wieland

Im Januar 2017 startet in der Lettrétage die Veranstaltungsreihe CON_TEXT, die das Format „Lesung“ neu zu denken und zu thematisieren sucht. Jede der zehn geplanten CON_TEXT-Veranstaltungen wird von einem/r Autor/in und einem/r Künstler/in aus einer anderen Sparte gemeinsam erarbeitet und umgesetzt. Ziel ist, interdisziplinäre Formate vom literarischen Text ausgehend zu entwickeln und dabei die literarische Veranstaltung als ein eigenes künstlerisches Werk zu verstehen. Selbstverständliche Veranstaltungsformate und Rollen des Literaturhausbetriebs werden dabei ästhetisch lustvoll in Frage gestellt.

Die erste Veranstaltung wird von Cia Rinne (Autorin) und Gernot Wieland (bildender und darstellender Künstler) konzipiert und umgesetzt. 

Weitere Infos zur Veranstaltungsreihe und zu den beteiligten KünstlerInnen und Veranstaltungsterminen.

CON_TEXT wird von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.

Intro: CON_TEXT

Katharina Deloglu —  3. Oktober 2016 — Kommentieren

CON_TEXT. Veranstaltungsreihe und Konferenz zu neuen Formen der literarischen Veranstaltung

CON_TEXT ist eine 2017 startende Reihe der Lettrétage, die das Format „Lesung“ neu zu denken und zu thematisieren sucht. Jede CON_TEXT-Veranstaltung wird von einem/r Autor/in und einem/r Künstler/in aus einer anderen Sparte gemeinsam erarbeitet und umgesetzt. Ziel ist, interdisziplinäre Formate vom literarischen Text ausgehend zu entwickeln und dabei die literarische Veranstaltung als ein eigenes künstlerisches Werk zu verstehen. Selbstverständliche Veranstaltungsformate und Rollen des Literaturhausbetriebs werden dabei ästhetisch lustvoll in Frage gestellt.

CON_TEXT erprobt Ansätze, die Produktion, Präsentation und Reflexion des Kunstwerks verschmelzen lassen. Das literarische Kunstwerk öffnet sich zum Diskurs und zum Prozess – dem Leser wird kein fertiges, unveränderliches Produkt, kein fixierter Standpunkt mehr präsentiert, sondern ein fragiles, veränderliches Gebilde, zu dessen Teil er im Rahmen einer „Textaufführung“ werden kann. Produktion und Präsentation werden eins, die Veranstaltung nähert sich der Kunstgattung Literatur und ihrem Charakter des Prozesshaften an: Literatur wird Kommunikationsanlass, anstatt eine Wahrheit apodiktisch zu verkünden.

Zehn Veranstaltungen im Jahr 2017 werden von einem/r literarischen Autor/in und einem/r Künstler/in einer anderen Kunstsparte gemeinsam entwickelt und umgesetzt. Eine abschließende dreitägige internationale Konferenz mit Künstlerinnen und Wissenschaftlern öffnet einen Diskussionsraum, der die zahlreichen Praxisbeispiele theoretisch reflektiert: In welchem Verhältnis steht die literarische Veranstaltung zum Text, steht der Kurator zum Autor? Wie kann eine literarische Veranstaltung einen tatsächlichen ästhetischen und diskursiven Mehrwert bieten, ohne den künstlerischen Eigensinn der Texte kleinzusprechen? Bedeutet Kuratieren eine Enteignung des Autors? Ist Kuratieren ein Übersetzen? Welche ist dann die Zielsprache? Welche Möglichkeiten erschließen analoge und digitale Mittel der Textproduktion und -präsentation für die literarische Veranstaltung? Ist am Ende alles „Inszenierung“? Und wenn nicht: Welche Sprache kann die literarische Veranstaltung ersinnen, die die Eigenheit des literarischen Textes behaupten und zugleich kreativ weiter(ver)arbeiten kann, mit Blick auf das ästhetische, lebendige Erlebnis von Literatur?

CON_TEXT knüpft zum Teil an aktuelle Entwicklungen anderer Kunstsparten beziehungsweise der genuin interdisziplinären Kunst an. Oft werden Texte von Bildenden oder Darstellenden Künstlerinnen für ihre Werke genutzt. Der Unterschied ist jedoch, dass selten denjenigen Künstlern ein Podium geboten wird, die literarische Texte in den Mittelpunkt stellen und Interdisziplinarität aus der Perspektive der Literatur heraus entwickeln. Genau hier setzt CON_TEXT an.

 

Gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und EuropaSen_KuEu_logo_quer

Warum redet noch irgendwer von einer heimlich immer noch laufenden Regietheater-debatte, von der niemand weiß und die auch eigentlich nicht mehr geführt wird?

Zur inflationär geführten Debatte um die Vormacht auf der Bühne lässt sich abschließend eigentlich nur sagen: Zwei Positionen in der Theaterpraxis sind unersetzbar, die der/des AutorIn und die der/des HospitantIn. Beide sind wichtig, weil sie von außen kommen und mit dem Theater nichts zu tun haben, und nur die beiden können die fürs Theater entscheidenden Fragen stellen, nämlich: Was passiert hier? Was macht ihr hier? Was soll das eigentlich alles?

Zur Intro

Quelle: Projektwebsite RealFiktionen

Für wen macht man eigentlich Theater? Wen will man erreichen? Die Krise des Textes ist vielleicht nur eine kleine Fußnote zu einer Krise des Theaters, das zwischen Erneuerung und Abo hin und her gerissen strudelt. Und vielleicht ist das vorschnelle Abstoßen des („einen“, „klassischen“) Textbegriffs (der wie ein gespenstisches Dispositiv immer eine jede Debatte über diese Fragen heimsucht) eine recht hilflose Panik-Reaktion, auf Fragen, die gestellt werden müssen, die aber vielleicht ganz anders und vielleicht auch weniger dramatisch und polternd beantwortet werden könnten. Gespräche sind dazu oft ein recht guter erster Schritt.

Zur Intro

Quelle: Projektwebsite RealFiktionen