Archiv: Lisa Lettretage

Wir sind zwar mit der Meldung einen Tag im Verzug, aber unsere Freude ist ungetrübt: Der 9. Internationale Literaturpreis vom Haus der Kulturen der Welt geht in diesem Jahr an den kongolesisch-Grazer Autoren und Freund der Lettrétage Fiston Mwanza Mujila und seinen Debütroman „Tram 83“! Unsere Glückwünsche gelten Fiston, sowie den Übersetzerinnen Katharina Meyer und Lena Müller, die für ihre hervorragende Arbeit ebenfalls reichlich entlohnt werden. Die Jury begründet ihre Entscheidung wie folgt:

„Tram 83 ist der rhapsodische Roman des 46-jährigen kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila, der in Graz lebt und lehrt. Es ist der radikale Bericht postkolonialen afrikanischen Lebens in einer auf unermesslichen Bodenschätzen brodelnden Stadt. Fiston Mwanza Mujila skandiert, brüllt, säuselt die Sätze über den Alltag in einer von Gewalt beherrschten Männergesellschaft mit radikalem Furor und erzählt nebenbei die Geschichte eines Chefgauners und die der unwahrscheinlichen Rettung eines todgeweihten Dichters. Die Übersetzerinnen Katharina Meyer und Lena Müller haben für diesen ins Performative drängenden Text eine mitreißende Sprache gefunden.“

Doch damit noch nicht alles: Das Haus der Kulturen der Welt lädt außerdem unter dem Motto „Reclaim your Fictions“ zum Fest der Shortlist, in deren Rahmen ausnahmslos alle Nominierten der Shortlist anwesend sein und aus ihren jeweiligen Werken lesen werden. Da man sich das eigentlich nicht entgehen lassen kann, sehen wir uns wohl alle am 06.07. dort. Im Folgenden ist diesbezüglich die Pressemitteilung des HKW zitiert:

„Reclaim Your Fictions – Am 6. Juli 2017 lädt das HKW zum Fest der Shortlist & Preisverleihung ein. Die Autor_innen und Übersetzer_innen der Shortlist sowie das Preisträger-Trio holen sich an diesem Abend ihr Recht auf Fiktion zurück: Sie breiten Materialien aus, erzählen von literarischen Entstehungsprozessen, lesen aus Texten und Übersetzungen und stellen mit den Juror_innen und weiteren Gästen literarische Untersuchungen zur Gegenwart an. Eine besondere Möglichkeit, den Texten nahe zu kommen, bieten die Shared Readings: Mit ihnen wird die alte Praxis des gemeinsamen Lesens aktualisiert. Die Preisverleihung findet um 21.30h im Rahmen dieser langen Festnacht statt, die mit Musik ausklingt. Die Veranstaltung ist bei freiem Eintritt für alle Besucher_innen offen.

Reclaim your Fictions mit den Preisträger_innen Fiston Mwanza Mujila und Katharina Meyer & Lena Müller, den nominierten Shortlist-Autor_innen und -übersetzer_innen Hamed Abboud und
Larissa Bender, Alberto Barrera Tyszka und Matthias Strobel, Han Kang und Ki-Hyang Lee, Amanda Lee Koe und Zoë Beck, Ziemowit Szczerek und Thomas Weiler sowie Fernando Mires und Thomas Böhm. Weitere Informationen zum Fest, zu Preisträger_innen und Nominierten finden Sie hier:

hkw.de/literaturpreis
Pressefotos zum Download: hkw.de/pressefotos
Facebook: fb.com/internationalerliteraturpreis
Twitter: twitter.com/ilp_berlin
Instagram: instagram.com/hkw_literaturpreis/
Der Blog Epitext veröffentlicht Texte zu Texten und multimediale Kommentare zum Geschehen rund
um den Internationalen Literaturpreis: epitext.hkw.de“

Unter den Stichworten kreatives Europa und Kultur, ruft ‚Die Nationale Kontaktstelle für die Kulturförderung der EU‘ erneut dazu auf, literarische Übersetzungsprojekte

einzureichen.

Der gewünschte Einsendeschluss ist der 25. Juli.

 

 

 

In der neuesten Ausgabe von Lisa liest: Ianina Ilitchevas (großartiges) Gedicht „ich sehe die einsamkeit vor mir, und sie ist leicht.“, erschienen in Ausgabe No. 72 des „Edit Magazin„. Oh, und Hunde!

Seit 2012 feilt Fabian Herrmann an seinem Roman „Curiepolis“. Nun hat er ihn perfektioniert und der digitale Kosmos ermöglicht es uns, erste Einblicke in sein Werk zu erhalten.

Die Erzählung spielt in einer fremden Galaxie, denn die Weiten des bisher unerforschten Weltraums bilden gerade genug Platz für die schillernde Gedankenwelt des Autors, für seine Beobachtungen aus der Metropole:

„Er erreicht den Hügelkamm. Vor ihm dräut die Hochebene bis an den Horizont, Vulkanlandschaft mit schwarzen Lavahalden, giftblauen Seen. Der blasse Unzufriedene erklimmt eine Geröllhalde – seine Halbschuhe, für solche Spaziergänge völlig ungeeignet, werden staubig und zerbeult, doch was kümmert ihn das nun – bis an den Rand des nächstliegenden Kratersees. Gläsernstarr das Wasser. Es ist nämlich äußerst saures Wasser – eigentlich fast gar kein Wasser, sondern konzentrierte Schwefelsäure, ätzend und nur für dickhäutige Bakterienwinzlinge als Lebenselixier geeignet. Eigenbrötler Eusebius zieht einen der überanspruchten Halbschuhe (den linken) aus, wirft ihn mit einem Schrei – nicht so sehr ein Wutschrei als Herausbrüllen von Langeweile und Ungeduld – weit von sich in die Säure.

Aufzischen, Sprühen, der Schuh – feines, etwas überkandideltes Fabrikat mit Silberschnallen: gekauft zu seiner missglückten Hochzeit (die Braut machte sich am nächsten Morgen davon mit dem Kaffeetafelporzellan und einem Glockenwecker aus Messing) – versinkt, zerfällt. Eusebius der Blasse schaut ihm hinterher […]“

Das Thema „GROSSSTADT“ und deren Tücken, zieht sich stets durch die beschriebene Szenerie, ein bisschen so als seien es die Großstadtbewohner, die wie Wesen aus anderen Galaxien miteinander leben, die nicht recht zusammenpassen -sich nicht anpassen- wollen. Mit der Stadt verbindet man Beton, aber weit gefehlt denn Herrmanns Sprache ist spielerisch, neuartig, so wie der Planet, den er erschafft.

Hier finden Sie die Leseprobe.

 

Sonntag, 17. September 2017, 20:00 Uhr (Eintritt 5,-/erm. 4,-)
Atomtod und Rüschenhemd
Berlin in den Neunzigerjahren – ein literarischer Rückblick mit Markus Liske

Der Kalte Krieg ist vorbei, die Mauer gefallen. George Bush d.Ä. verkündet eine Neue Weltordnung und moderiert dabei en passant den Islamismus als neuen Feind an. In den deutschen Provinzen feiert man das Ende ihrer Zweistaatlichkeit mit brennenden Häusern und zünftigen Menschenjagden, während in Berlin die letzten Kinder des Atomtod-Zeitalters ihre schwarzen Klamotten und Grufti-LPs über Bord werfen, um der unerwarteten Möglichkeit einer Zukunft in bunten Rüschenhemden entgegen zu treten. Gegen die nachklingenden Depressionen gibt es kleine Pillen und von diesen beschwingt zelebrieren melancholische Individualisten ihr Leben nach dem überraschend ausgebliebenen Weltende als Massenkultur der Glückseligkeit …

„Ohne ‚No Future’ hätte es ‚Friede, Freude, Eierkuchen’ nie gegeben.“ – Der Autor und Publizist Markus Liske lädt zu einer literarischen Reise in jenes Jahrzehnt, in dem die alte Nachkriegsordnung zerbrach und mit reichlich „Hyper! Hyper!“ die Welt entstand, in der wir heute leben.

© Nane Diehl

Markus Liske (*1967) veröffentlichte im Verbrecher Verlag zuletzt den Neunzigerjahre-Roman „Glückschweine“. Zuvor war er Mitherausgeber der literarischen Nachwende-Anthologie „Kaltland – Eine Sammlung“ (Rotbuch 2011), des Erich Mühsam-Lesebuchs „Das seid ihr Hunde wert!“ (Verbrecher Verlag 2014) und der Essaysammlung „Vorsicht Volk!“ (Verbrecher Verlag 2015). Liske schreibt regelmäßig für die Wochenzeitung Jungle World. Seine frühen Satiren und Essays erschienen dreibändig im Verlag Edition AV.

 

Interview und Beitrag von Thomas Maier

David Keplinger schreibt Gedichte. Und zwar gute. In den Texten des 1968 in Philadelphia, Pennsylvania, geborenen Poeten wechseln sich Episoden aus dem Leben scheinbarer Durchschnittsmenschen ab mit (gar nicht so unähnlichen) Eindrücken solcher Individuen, die nicht nur in der Geschichte wohnen, sondern sie durch ihre schiere Größe teils gar transzendieren – und das auf eine Art, dass dem geneigten Kritiker auch ein Satz wie „When I arrived at the last poem in the book, I turned back to the beginning, because it is an impossible conversation to end“ (American Literary Review) komplett ohne Heuchelei von den Lippen kommen kann. Keplinger tut das, was er tut nun schon seit einiger Zeit. Bisher liegen vier Gedichtbände vor, zuletzt „The Most Natural Thing“ (2013) und „The Prayers of Others“ (2006). 2018 endlich erscheint dann auch der Fünfte, „Another City“, bei Milkweed Editions. Bereits am 12.06. diesen Jahres, ergo Montag, ist Keplinger aber mit Gedichten aus seinem neuesten Werk zu Gast bei uns in der Lettrétage, wo er gemeinsam mit seinem Freund und Übersetzer Jan Wagner („Regentonnenvariationen“, Hanser) lesen wird. Wir durften vorab nicht nur einige der Gedichte lesen, sondern auch mit dem Autoren selbst sprechen.

TM: David, first of all thank you for taking the time. I did some research and came across a wonderful sentence in a review of „The Most Natural Thing“. The critic wrote „Keplinger creates unusual conversations among the poems: when the book is closed, Flash Gordon lives beside the French Symbolists, a sexual encounter at a teenager’s first job beside Vasco da Gama.“ I was under the very same expression, there are a lot of seemingly disparant elements, but those are at the same time exquisitly connected by your voice. What interests you about these variances, this juxtapposition that then again turns out to not really be one at all?

DK: I like the way you put this: „disparate elements…at the same time… connected by a voice.“ The American poet Charles Simic wrote a series of poems called Dime Store Alchemy some years ago, in which he studied a similar phenomenon in the surrealistic art of Joseph Cornell, who gathered into small boxes the bric-a-brac he found at the thrift shops and antique stores of New York. He made many many boxes by this same process, but each one is a renewal of the form. In The Most Natural Thing I aimed to make a box of the paragraph (it was a perfect box on the page, so the last word was justified perfectly to the right side, closing the box), and then I filled the box with disparate things, whose mere inclusion in this structure alluded to a mysterious relationship where things take on meaning in the betweens, the interstices. The square, I might add, is the most unnatural thing in nature, an artificial form derived by humans, so I set the tension of that artificiality against subjects that were messy and organic–organs of the body, disease, family dynamics, and plants, to name a few.

TM: As sort of an extension to my first question: you portray, at least in the excerpt you sent me, quite a lot of historical figures in situations in which we wouldn’t necessarily picture them. The great stoic Marcus Aurelius is heartsick all of a sudden, Lincoln, in the year of his inauguration, seems worn out and tired, Houdini performs an illusion and is caught in a state of severe anxiety. Is there a certain fascination about taking „the greats“ off their pedestal and portraying them as human, vulnerable individuals? And if so, does the way you approach this differ from the way you approach your poetry about „normal“ people that, for example, once shared a bed and now reflect about possible lives they never lived? weiterlesen…

Thomas Maier liest „To the lightest of dogs“ und „The Liquid R“ aus dem 2018 erscheinenden Band „Another City“ des amerikanischen Dichters David Keplinger. Keplinger selbst wird seine Gedichte am 12.06. um 19 Uhr in der Lettrétage lesen, ins Deutsche übersetzt und gelesen werden sie von Jan Wagner.

Zugegeben nicht gerade gestern, sondern bereits am 29.05., wurde die Shortlist des 9. internationalen Literaturpreises vom Haus der Kulturen der Welt bekannt gegeben. Die seit 2009 verliehene Auszeichnung prämiert jährlich ein herausragendes Werk der internationalen Erzählliteratur und dessen Übersetzung ins Deutsche. In diesem Bereich zählt der internationale Literaturpreis zu einer der renommiertesten Ehrungen. Unser Glückwunsch gilt bereits jetzt allen Nominierten, richtet sich aber ganz besonders auch an Fiston Mwanza Mujila, sowie die Übersetzerinnen Lena Müller und Katharina Meyer. Fistons Debütroman „Tram 83“ erschien 2016, nachdem er bereits international für Furore gesorgt hatte, endlich auf Deutsch und erfährt nun auch hier verdiente Wertschätzung. Für uns ist das Ganze auch eine persönliche Freude: Fiston ist ein Freund des Hauses und hat seinen Roman im Mai in einer furiosen Jazzlesung in der Lettrétage inszeniert. Außerdem erfolgte die Übersetzung erster Passagen von „Tram 83“ im Rahmen eines Projekts, an dem auch unser Literaturhaus beteiligt war. Darüber hinaus ist er aber auch einfach eine großartige Person und ein noch besserer Autor, weshalb ihm auch diese Nominierung nur zu gönnen ist.

Hier die vollständige Shortlist mit all den hervorragenden Nominierten:

weiterlesen…

Interview und Beitrag von Thomas Maier

 

Jennifer Bennett, schweizerisch-amerikanische Künstlerin, ist unter Umständen gar nicht so einverstanden damit, dass ich sie gleich zu Beginn dieses Beitrags mittels Parenthese über ihre Staatsbürgerschaften definiere. Bennett befasst sich in ihrem Buch SAVE, bei uns live gelesen und diskutiert zu erleben am 11.06., nämlich hoch kritisch mit einigen der drängendsten Fragen unserer Zeit . Was ist eigentlich ein Nationalstaat und warum dominiert die Vorstellung von ihm unsere gedankliche Aufteilung der Welt in dem Maße, in dem sie es eben tut? Welche Rolle spielen multinationale Konzerne in diesem systemischen Machtgefüge? Und wo kommt dabei das Individuum ins Spiel, das sich der Faktizität seiner Existenz irgendwo mittendrin in diesem ganzen Schlamassel ja nunmal nicht entziehen kann, so sehr es das vielleicht auch möchte? Bennetts Fragen an die Welt reichen von der Klärung (scheinbar) grundlegender Prinzipien bis hin zu solchen, die beinahe schon philosophische Dimension annehmen. Bennett hätte da auch die Textform der Dissertation wählen können. Zum Glück tat sie es nicht, sondern begab sich auf eine Interviewreise, traf Menschen, redete und vor allem – ließ reden. Und letzteres tun wir jetzt auch.

 

TM: Jennifer, SAVE ist ja ein Werk, in dem ungemein viel Arbeit steckt. Du bist durch Chile, Argentinien, Mexiko und die USA gereist, hast etliche Interviewpartner zu Wort kommen lassen und auch die Info-Einschübe schreiben sich ja nicht ohne Recherche. Könntest du etwas dazu erzählen, wie das Projekt in diesem Umfang zu Stande gekommen ist, was deine Motivation dahinter war, und wie die Durchführung ausgesehen hat? weiterlesen…

Publiziert in: LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik, 149/XXXVIII Jg.14/2017, S.58. Neue Arab. Literatur aus Algerien.