Archiv: con_text_gesprache

[hier: Fotos zur Veranstaltung, Interview mit den Künstlerinnen]

Von Ricoh Gerbl

Es ist Dienstag Abend. Kurz vor zwanzig Uhr. Ich laufe den Mehringdamm entlang. Bin auf dem Weg in die Lettrétage. Eine Autorin, Kinga Tóth, und eine Zeichnerin, Doro Billard, präsentieren das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit. Sie hatten eine Woche lang Zeit sich mit ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen anzunähern. Vereinfacht gesagt: irgendwie zusammen zu kommen. Dass Literatur auf andere Kunstrichtungen trifft ist Teil der Veranstaltungsreihe CON_TEXT. Autoren und Autorinnen treffen auf Künstler und Künstlerinnen aus verschiedenen Sparten und sollen gemeinsam etwas erarbeiten. Heute Abend wird dem Publikum der dritte Ausgang von so einer „Karambolage“ präsentiert. Ich biege in den Hinterhof ein. Ein paar Leute stehen vor dem Eingang. Rauchen. Ich ziehe die Tür auf, gehe durch den kleinen Vorraum, und stelle fest, hier fehlt etwas. Stühle. »Wie! Soll ich jetzt den ganzen Abend über stehen? Sonst gab es hier doch noch immer Sitzgelegenheiten.  Noch jedes Mal konnte ich mich hinsetzen, wenn ich einem Autor oder einer Autorin zuhören wollte. Und heute darf ich wohl nicht in ein passives Anwesendsein hinein sinken und mich von Stimmen berieseln lassen?« Ich verspüre Unmut. Möchte mich beschweren. Aber zu wem soll ich jetzt sagen: »Wissen Sie, sitzen zu können ist wirklich entlastend und nicht sitzen zu können ist wirklich anstrengend.« Ich schaue mich um, suche nach einer Person, der ich das jetzt wissen lassen könnte. Halte aber vor allem auch nach jemand Ausschau, der so aussieht, als ob er wüsste wo die Stühle versteckt sind. Mir wird warm. Ich ziehe den Reißverschluss meines Wintermantels nach unten. Ich möchte, dass mein Körper von mehr Luft und von weniger Stoff umgeben ist. Der offene Mantel verschafft mir etwas Kühlung. Das reicht mir aber nicht. Ich schlüpfe ganz aus dem Mantel heraus und lege ihn auf einem Klavier ab. Stuhllehnen gibt es ja keine. Ich komme mir mit meinem Gemeckere unfair vor. Denn ich weiß ganz genau, dass ich bei Lesungen auch schon den Wunsch verspürt habe, eine Lesung möge doch mal anders ablaufen, anders als man es kennt, schon so oft erlebt hat. Also kriege ich mich wieder ein, versöhne mich mit der Stuhllosigkeit, und schlage mir vor, dieser ungewöhnlichen Präsentation eine Chance zu geben. Als erstes fällt mir auf, dass an den Wänden Sätze kleben, aus großen schwarzen Buchstaben. Ich lese einen davon. Da steht: »nicht jeder gelangt in den Körper zurück«. In der Mitte des Raums steht eine Badewanne. In ihr befindet sich etwas Wasser. Neben der Badewanne liegt ein Haufen zerknülltes Papier. Hinter der Badewanne steht ein weiterer Satz an der Wand. »Wie in der Wanne, wenn der Mund verstopft ist, und du ins Wasser sprichst, so sprechen sie zu mir. Ich bin am Boden der Wanne, und sie wollen mich von oben erreichen.«. An manchen Wänden hängen Zeichnungen. Auf einer sind Gerätschaften zu sehen die auf Kinderspielplätzen zu finden sind. Schaukeln. Rutschbahnen. Auf anderen Zeichnungen sind Wasseroberflächen zu erkennen. In einem Skizzenbuch, das auf einem Tisch ausliegt, sind noch mehr Zeichnungen von Wasseroberflächen.

Die Texte von Kinga Tóth und die Zeichnungen von Doro Billard befruchten sich gegenseitig und können als Ganzes gelesen und verstanden werden. Ich versuche herauszufinden was ich von den Arbeiten ablesen kann. Ungefähr auf Hüfthöhe zieht sich eine zweifarbige Linie durch den ganzen Raum. Ich lasse Assoziationen zu. Das Wort Wasserpegel fällt mir ein. Der Stand eines Wasserpegels. Ab welcher Höhe wird es gefährlich? Was passiert wenn er zu hoch steigt? Was wird dann geflutet? Ein Dorf? Ein Kinderspielplatz? Mir fällt ein Satz ein, der diesen kritischen Zustand beschreibt. Mir steht das Wasser bis hier. Eine Grenze wird markiert. Diese Grenze ist hier überall zu sehen. Die Streifen sind farbig. Der obere Streifen ist blau, der sich gleich darunter anschließende rot. Zu blau fällt mir Wasserkreislauf ein. Und Blutkreislauf zu rot. Diese Kreisläufe die notwendig sind, damit etwas funktioniert. Das Leben. Ich lese den Satz, der hinter der Wanne steht, noch einmal: »Wie in der Wanne, wenn der Mund verstopft ist, und du ins Wasser sprichst, so sprechen sie zu mir. Ich bin am Boden der Wanne, und sie wollen mich von oben erreichen.«  In Verbindung mit der Pegelmarkierung lese ich ihn jetzt anders. Jetzt lese ich, dass eine Grenze schon überschritten wurde. Dass ein Abtauchen schon stattgefunden hat. Und dass das Auftauchen noch nicht klar ist. Noch nicht entschieden ist. Auch die Zeichnungen der Wasseroberflächen ergeben einen anderen Zugang zu der Thematik. Die Oberfläche macht, genau so wie bei den Streifen, eine Grenze sichtbar. Die Wasseroberfläche als das Tragende, das Bewegende, das Bewegliche. Und dann gibt es Möglichkeiten dazu. Aktive Möglichkeiten. Die des Eintauchens. Des Abtauchens. Auch die des Untergehens. Zeichnerisch ist die Tiefe auch schon auf der Oberfläche zu sehen. Ich gehe mit meinem Blick zurück zur Mitte des Raumes. Zu den Kleiderbügeln, die von der Decke hängen. Kleider und Hosen aus Papier hängen an ihnen. Und Waschschüsseln stehen unter den Kleidungsstücken. Manche sind mit Wasser gefüllt. Ungefärbtes Wasser. Rotes Wasser. Blaues Wasser. Manche sind leer. Ein Frauenkleid hat von unten her schon etwas Farbe aufgesogen. Auch eine Kinderhose. In meinem Kopf werden neue Gedanken angestoßen. Treffen wie Billardkugeln zusammen. Rollen weiter. Manche fallen in ein Loch. Andere bleiben auf dem Spielfeld. Die leeren Papierkleider und Hosen erscheinen mir wie Platzhalter. Ich lese sie als Modelle die offen lassen für was sie stehen. Die aber schon darauf hinweisen, was man sich anzieht, was man auszieht. Was man sich wie einfärbt. Ein Spielfeld. Was kann im Leben angezogen werden und was nicht? Und was davon kann man wieder los werden und was davon kann nicht ausgezogen werden. Welchen Kreisläufen ist man ausgeliefert? Ist die Mutterschaft so ein Kreislauf, der als Modell zur Verfügung steht? Und lässt sich von so einem Kreislauf die Farbe rausnehmen? Kann die Färbung abgewaschen werden? Ich erinnere mich an Judith Butlers Aussage: »Der Ausruf einer Hebamme ‚Ein Mädchen!‘ ist nicht nur als konstative Feststellung zu verstehen, sondern auch als direktiver Sprechakt: ‚Werde ein Mädchen!’«

Im Raum wird es still. Die Performance beginnt. Das Publikum sieht Kinga Tóth und Doro Billard dabei zu wie sie Geräusche machen, mit dem Wasser, dem Papier. Wie die Papierkleidungsstücke mit Wasser besprüht werden, in Farbe eingetaucht werden. Jemand schießt mit einer professionellen Kamera Bilder. Ich bin im Weg. Ich gehe etwas zur Seite, setze mich auf den Boden und schaue den beiden zu. Es wird kein Wort gesprochen. Die Performance ist zu Ende. Stühle werden herbei getragen. Es gibt die Möglichkeit mit der Autorin und der Künstlerin über ihre gemeinsame Arbeit zu sprechen. Fragen werden gestellt. Antworten gegeben. Von Doro Billard erfahre ich, dass Reinigung auf französisch Teinturerie heißt. Würde man es eins zu eins übersetzen, hieße das Tinterei. Interessant, denke ich. Man bringt also seine Wäsche, wenn man sie reinigen lassen will, in eine Tinterei. Doro Billard erzählt, dass sie sich als Kind immer darüber gewundert hat, dass die Hemden ihres Vaters weiß zurück kamen, wo sie doch in einer Tinterei waren. Das Gespräch wird beendet. Es gibt Applaus für die beiden und ich klatsche fleißig mit. Die Arbeiten haben mich angesprochen obwohl kein einziges Wort gesagt wurde.

7 Tage, 2 Künstler*innen, 1 Ort: Im Rahmen des Projekts CON_TEXT erarbeiten jeweils zwei Künstler*innen innerhalb einer Woche in der Lettrétage gemeinsam eine Veranstaltung

Die Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel besuchte die CON_TEXT-Künstlerinnen Kinga Toth und Doro Billard in der Lettrétage.

Daniela Seel: Die Raumsituation ist schon so unmittelbar anders, wenn man hereinkommt, wir könnten gleich daran anknüpfen. Man sieht hier diverse Arbeitsschritte und Utensilien ‒ erzählt doch vielleicht einfach etwas dazu, was hier so vor sich geht und noch vor sich gehen soll.

Kinga Tóth: Okay. Ich kann vielleicht mit den Texten anfangen. Was man hier jetzt auf dem Boden sieht, sind Texte, die viel mit Wasser zu tun haben. Deswegen haben wir einander auch ausgewählt. Es gab diese CON_TEXT-Gesprächsrunde, nicht Blind Dates, eher Zwei-Minuten-Dates ‒ und bei uns war das wirklich direkt so ein Match.

Doro Billard: Ein Thema, wo wir beide gemerkt haben: Genau daran bin ich gerade. Und deswegen sofort die klare Vorstellung, dass wir da zusammenarbeiten. Diese Texte von Kinga, wo es sehr stark um Wasser geht, um Mädchen im Wasser, im Becken, um eine Frau, die in einen Tank springt, die ganze Thematik von Mädchenkörper, Frauenkörper und Wasser hat mich total angesprochen.

KT: Naja, alle Schriftsteller schreiben über Wasser, alle Grafikerinnen oder bildenden Künstlerinnen machen etwas mit Wasser, Wasser ist ein topic wie, ich weiß nicht, Stein. Aber wie wir mit dem Wasser arbeiten, wie unsere Gedanken damit umgehen, wie wir zum Wasser gehören, was mit Atem zu tun hat, was Wasser eigentlich ist, drinnen und draußen, wo die Grenzen sind. Dazu Dinge wie Tradition oder Gürtellinie, es springt sofort viel an.

DB: Wasseroberflächen, so eingelegte Formen, was ist eine Spiegelung im Wasser, was ist es, aufs Wasser zu starren …

DB: Parallel dazu gab es für mich das Thema Mädchen und Tochter und was sind die Erinnerungen an den Körper, an den Körper des Mädchens, was sind Körpererinnerungen. Die Zeichnungen sind auch aus einem Gefühl gekommen von Nicht-loslassen-Können. Wasseroberflächen zu zeichnen, hat für mich mit einer Unruhe zu tun und mit, ja ‒ was ich nicht so gut in Worte fassen kann. Und deswegen hat es mich sehr interessiert, die Texte von Kinga darüber zu lesen und zu bekommen. Was ist dieser Zustand der Flut zum Beispiel … Ich hatte so eine Szene gesehen von zwei kleinen Mädchen, die sich ankucken, an der Elbe, wie ihr Spielplatz unter Wasser ist, wo eine Rutsche nur rausragt, eine Schaukel drüberschwebt ‒ und da sind wir auf den Gedanken gekommen einer Wäschesituation, von Kleidern, die gewaschen werden oder gefärbt werden, diese Farbe, die von unten kommt und in die Stoffe, ins Papier einwandert, hochwandert. Und das ist unser Prototyp.

 

KT: Sie badet seit gestern und sie wird bis Dienstag baden, und dann merken wir, was mit ihr passiert.

DB: Wir werden heute Nachmittag noch andere Kleider bauen und sie in verschiedene Farbgefäße einsetzen. Und die Texte, die da liegen, werden an die Wand kommen, und auch Zeichnungen, und wir werden auch eine kleine Performance machen ‒ mit einer Badewanne. (Lachen.)

KT: Die am Montag kommt. Also die Frage: Was macht ein Mädchen mit Wasser? Von draußen und von drinnen. Und wir wollten beobachten ‒ wenn man das kann ‒, wie man von innen und außen Wasser und Feuchtigkeit wahrnehmen kann, mit welchen Sinnesorganen. Also haben wir Bewegungen ausgewählt, wie zum Beispiel waschen, anders atmen, natürlich ertrinken, tauchen, schwimmen ‒ womit wir beide Probleme haben … Sehr wichtig war, dass es ein Element unseres Körpers ist, dass der menschliche Körper so sehr aus Wasser besteht und was für eine Sehnsucht wir haben: Warum wollen wir zum Wasser? Es ist eine persönliche Geschichte, aber auch eine kollektive Geschichte. Dass man irgendwie zurückgehen muss. Aber um zurückgehen zu können, muss man anders atmen, unsere Körperteile komplett umfunktionieren, aber das bedeutet dann ertrinken. Auf solchen Gedankengängen sind wir spaziert, und deswegen kommt die Wanne. Deswegen kommt Waschen, weil die Bewegung hilft, weil es etwas Motorisches ist. Und das ist auch gut fürs Storytelling, also diese monotonen und wiederkehrenden Elemente und Kreisläufe. Naja, und es hat auch sehr viel mit Weiblichkeit zu tun. Es gibt diese Wasserlinien ‒ wann ist Wasser gut, wann ist Wasser gefährlich? Und so landeten wir beide bei der Gürtellinie, die sehr wichtig ist, auch im Schwimmbecken, wo immer es ein Warnsignal gibt: Bis hierhin ist es okay, dann kommt das Geheimnis, oder das Unheimliche, und das Gefährliche, was darunter ist ‒ davon wissen wir nicht. Und so sind unsere Frauenkörper aufgebaut, wir haben diese Gürtellinie und ‒ Doro, können wir das erzählen? Dass du Kinder hast …

DB: Ja, das Wort kam, weil ich von der Geburtssituation erzählt habe. Geburt ist, ein Kind aus dem Wasser herausholen, und aus diesem Wasserwesen ein atmendes Wesen zu machen. Und da sind komische ‒ also ich fand die Schwangerschaft überhaupt einen komischen Zustand, aber was auch die Gesellschaft mit einem macht und diese ganzen Krankenhäuser … Ich fand total absurd, dass einem nach der Entbindung gesagt wird, man soll nicht mehr baden. Das heißt, das Dreckige darf nicht mit der heiligen Brust, mit Milch in Berührung kommen, weil das alles ganz schlimm ist. Diese Vorstellung, dass es das Gute und das Böse gibt, das ganz stark voneinander getrennt sein soll, dass es wirklich diese Gürtellinie gibt, und man soll nicht baden, denn man ist eigentlich unten schmutzig und oben soll man dem Kind doch bitteschön Milch geben, und ich dachte: Aus welchem Jahrtausend kommt bitte diese Vorstellung?

DS: Ich hätte gedacht, dass es anders herum ist, man soll nicht baden, weil das Wasser dreckig ist, damit man sich nicht entzündet.

DB: Genau. Aber schon diese Vorstellung, dass ein Teil des Körpers dreckig ist, also nicht das Wasser ist dreckig, sondern man macht selbst das Wasser dreckig, mit dem Wochenfluss.

DS: Ach so, du meinst im Schwimmbad.

DB: Ne, in der Badewanne. Man soll nur duschen.

DS: Ich hatte gedacht, man soll nicht in die Badewanne, weil dadurch die Selbstreinigungskräfte beeinträchtigt werden, durch das Wasser und das, was hinzukommt zu dem, was der Körper selber an Reinigung vornimmt, und dadurch eine Entzündung und Lebensgefahr entstehen kann.

KT: Das wäre, was Sinn macht. Aber die Tradition, die Oralgeschichte, was Frauen einander erzählen, in Ungarn auch, sagt etwas anderes.

DB: Auch was Hebammen erzählen. Ich war total verstört von dieser Vorstellung, ich habe es nicht verstanden, habe nachgefragt, was ist eigentlich damit gemeint? Und damit gemeint ist: Das Blut darf nicht mit der Milch in Berührung kommen. Es sind ganz moralische, eigentlich religiöse Vorstellungen, ganz verrückte Vorstellungen, es hat eigentlich nichts Rationales. Und darüber sind wir auf das Wort Gürtellinie gekommen, auf die Vorstellung, dass es eine Grenze im Körper gibt, auch einen starken Zwang, was Muttersein sein soll, die Beziehung von Mutter und Kind.

KT: Dieses Santa-Maria-Sein oben, weil es um Füttern geht, aber diese unheimliche ‒ Nassigkeit, wie sagt man das? Unheimliche Flüssigkeiten, die unter dieser Wasserlinie oder Gürtellinie sind, darüber können wir nicht reden, das ist intacto, das ist etwas, das wir verdecken müssen. Obwohl es nicht gesund ist, nicht logisch ist, teilen Mütter den Mädchen das weiter. Und für mich war diese Schwangerschaftssache auch sehr interessant, weil ich zwar keine Kinder habe, aber meine Mutter Biologielehrerin ist, und wir führen seit meiner Kindheit „kranke“ Gespräche darüber, was ein Fremdkörper ist, was ein Parasit ist, ob ein Kind ein Parasit ist, ob ein Kind ein Fisch ist mit anderem Atemsystem, was in der Gebärmutter, in diesem Wasserbecken, passiert, und dann diese Sehnsucht des Kindes … Obwohl wir ganz andere Erfahrungen haben, ist unsere Denkweise ähnlich. Und diese Reinheit ‒ vielleicht bin ich zu sehr mit Ungarn beschäftigt, aber es macht mich manchmal wirklich krank, diese Frauenrepräsentationen, diese Rückkehr zur Reinheit. Wie furchtbar es zum Beispiel ist, wenn du deine Reinheit verlierst als Mädchen, und wie du sie zurückgreifen kannst als eine heilige Mutter. Und das alles, alles geht zum Wasser zurück. Genau das wollten wir aber nicht, die Esoterik, die in solchen Frauenrepräsentationen steckt, in diesen Denkmustern. Darum war uns auch wichtig, über unsere Ängste zu sprechen.

DB: Es gibt in diesem Zusammenhang noch ein anderes Thema von Kinga, nämlich Maschinen als eine Erweiterung des Körpers, was auch viel mit Kingas Geschichte zu tun hat und mit Medizin, im weitesten Sinn. Diese Vorstellungen von Flüssigkeiten, die den Körper verlassen, davon, wie Körper an Maschinen angeschlossen werden, an Kreisläufe, sind sehr präsent in deinen Texten, und die haben mich auch sehr angesprochen.

KT: Ja, eine Maschine ist auch wie ein Fremdkörper, der nicht ein Kind ist, ein anderer Fremdkörper, eine andere Tube, die Flüssigkeitskreisläufe produzieren kann oder leiten kann. Dann kommen die Materialien hinzu. Doro ist oft mit verschiedenen Stoffen beschäftigt, ich schreibe auch über Stoffe, kreiere Sounds mit Stoffen, aber ich berühre sie nicht in dem Sinn, ich habe sogar etwas Angst davor, vor Papier, vor Wasser, vor Schneiden und sowas. Das ist auch ein Lernprozess jetzt, dass wir verschiedene Stoffe, Grundstoffe, und die Begegnung von Wasser mit diesen verschiedenen Grundstoffen ausprobieren.

DS: Vielleicht könnt ihr darüber noch mehr erzählen: Wie kommt ihr vom Inhalt zur Form? Ihr habt jetzt viel über das Thema gesprochen, aber der Rahmen des Projektes ist ja eine Performance. Wie läuft der Prozess, das aufzubauen und auch mit den anderen, die dann kommen, als Publikum, in Beziehung zu setzen, das zu entwickeln?

DB: Also zunächst gab es den Aspekt, dass Texte von Kinga, die schon da sind, und Zeichnungen von mir, die schon da sind, für uns so klar zusammenkommen, dass wir sie auch zusammen zeigen wollen, zeigen, was da ist. Dafür wollen wir gute Typografie an der Wand, von den Texten manchmal nur kurze Ausschnitte, aber dass man sie gut lesen kann und die Bilder dazu hat. Und dann war es ein Dialog. Kinga wollte gerne Geräusche und Wasser und etwas Performatives, diese Badewanne und dass man damit spielt. Mir ist das etwas fremd, Performance, mit Sound arbeiten, das ist überhaupt nicht mein Medium. Aber während wir darüber gesprochen haben, dass da Kleider hängen könnten, dachte ich auf einmal an Papier in Farbe, und dann war es für mich dieses Plastische, das in meinem Kopf auf einmal ganz klar war. Und Kinga hatte gleich eine Vorstellung davon, was man mit diesen Objekten im Raum machen könnte und wie man Leute einbeziehen könnte. Gestern beim „Basteln“ entstand die Idee, dass die Leute, die heute zur Werkstatt kommen, sich auch Kleider machen können. Das ist auch etwas Faszinierendes: Dass man das Volumen des eigenen Körpers erfährt, indem man aus einer flachen, zweidimensionalen Sache durch Falten und Kleben tatsächlich auf einmal ein Körpervolumen erhält. Was auch sehr lustig ist. Und es berührt einen, es passiert etwas ganz Unheimliches, wenn aus einem liegenden Papier auf einmal ein Bauch und ein Rücken wachsen.

DS: Und diese Kleider sollen alle aus Papier sein?

KT: Ja, auch wegen dem Wasser. Wir wollen sichtbarer machen, was Wasser mit verschiedenen Stoffen machen kann, mit der Haut. Und Papier war vielleicht das einfachste Beispiel.

DB: Wir dachten zuerst, auf diese Kleidung vielleicht auch zu schreiben, sie zu bemalen, zu zeichnen, inzwischen haben wir uns davon aber wieder verabschiedet, weil es schon genug Elemente gibt, es muss nicht alles einfließen.

KT: Das wollte ich dir noch zeigen.

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KT: Bei mir war das wirklich eine starke Vision: Ich sah uns beide beim Storytelling an der Wanne, weißt du, wie diese alten Damen. Ich dachte, wir sind jetzt diese alten Damen, die das ganze Leben, die Gesellschaft ‒ und alles beim Wasser, am Ufer, bei diesen motorischen Bewegungen, beim Waschen ‒ einfach erzählen, so geben wir alles weiter. Dass wir zeigen müssen, wie wir kommunizieren, was ein Kommunikationsmittel oder ein -kanal ist. Und dann wollte ich der Doro auch auf jeden Fall zeigen, wie Wasser sounds. Und diese Gürtellinie ‒ also unser Ziel ist jetzt, dass alle, die am Dienstag eintreten, ins Wasser eintreten werden, oder?

DB: Ja. Wir hatten die Idee, den Raum zu markieren mit Klebeband, durchgehend, alle Wände, alle Pfeiler, wie beim Hochwasser, solche Strichmarkierungen. Das ist immer sehr beeindruckend, wenn man in einer Stadt steht, und dann: 1910, bis hier … Es gibt etwas Ungemütliches darin, aber auch Beeindruckendes. Und damit das Zimmer gedanklich unter Wasser setzen.

KT: Und diesen Untergang. Wie kann man mit einem statischen Raum eine Bewegung nach unten präsentieren? Und das versuchen wir mit dem Klebeband, so dass deutlich wird, dass wir jetzt untergehen. Mich interessiert sehr, wie diese Kommunikation, ob diese Kommunikation eigentlich passieren wird.

DS: Das ist ja sowieso etwas grundsätzlich Interessantes an der künstlerischen Arbeit: Es ist eine Form von Kommunikation, die üblicherweise indirekt ist. Es gibt zwar ein Publikum, aber mit dem hat man in der Regel keinen direkten Kontakt, außer eben in so einer Performancesituation oder für dich, Doro, vielleicht in einer Ausstellungssituation, wenn du auf Besucherinnen und Besucher triffst. Wie verhält es sich für euch mit dieser Form von Kommunikation, von Beziehungsarbeit auch, zunächst im künstlerischen Prozess und dann, wenn es das konkrete Feedback gibt? Gerade wenn ihr von einer so explizit weiblichen Position herkommt, wo emotionale Arbeit, Beziehungsarbeit noch mal ein anderes Gewicht hat.

KT: Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe es so wahrgenommen, dass das, was wir mit diesen künstlerischen Tools zeigen möchten, etwas sehr Natürliches ist. Wie kann man etwas Natürliches als Wasserwesen ‒ Zurückkehren, Kreisläufe ‒ mit diesem Künstlichen ‒ Tapes, Schellack, Tinte ‒ deutlich machen? Ob die Leute das verstehen werden, dass es etwas sehr Natürliches, nur unter einer Lupe, ist? Oder werden sie das Ganze nicht verstehen? Oder wird es sie berühren? Denn uns berührt das Ganze.

DB: Ich habe noch nie so etwas Performatives gemacht, und das hat mich auch interessiert an diesem CON_TEXT-Projekt. Also dass man auf ein Publikum trifft, wo man nicht nur sagt: Das habe ich gemacht, ich kann gern darüber sprechen, aber muss nicht, sondern dass man sich in den Raum stellt und sagt: Okay, es gibt einen Dialog zwischen uns, wir wollen andere Leute daran teilhaben lassen. Für mich machen die Dinge Sinn, aber sie sind eher intuitiv, die Formen, die Aspekte ergänzen sich. Wahrscheinlich erhoffe ich mir, dass dadurch, dass deine Medien, Kinga, dazukommen, ein größeres Verständnis oder ein anderes Begreifen entsteht, dass Leute von verschiedenen Seiten Zugang zum Thema finden. Für mich hat es so funktioniert. Zum Beispiel ein Satz wie: Nicht jeder wird in den Körper wieder hineingelangen. Das ist für mich ein ganz starker Satz, der viel mit dem, was ich in meinen Zeichnungen gemacht habe, zu tun hat. Für mich war das ein Plus zu dieser Bildebene. Ich weiß natürlich nicht, wie die Leute darauf reagieren werden, und ich weiß auch nicht, wie die Leute, die sonst meine Arbeit kennen von Ausstellungen, in so einem Kontext reagieren. Ich bin sehr gespannt.

KT: Ich auch. Wir wollen keinen großen Zirkus machen. Sondern das Wasser zeigen und unsere Begegnung mit Wasser. Etwas Lebendiges und eine Beobachtung charakteristischer Merkmale des Themas.

DB: Wobei es für mich auch Überraschungen gibt. Zum Beispiel seitdem dieses Wesen hier im Raum steht, diese Papierfrau, bin ich selbst ein bisschen überrascht. Es gibt einen Witz darin, etwas Komisches, vielleicht auch andere Aspekte, ästhetische, assoziative, die dazukommen, die ich nicht eingeplant hatte. Gerade diese ganze Handwerksarbeit und was es bedeutet, ein weißes Kleid zu machen, das ist nichts, was ich symbolisch drinhaben wollte, aber jetzt steht es mit im Raum.

DS: Das ist natürlich auch toll, die überraschenden Momente, die aus der Dynamik der Zusammenarbeit entstehen. Wie war das im Vergleich zu sonst, wie hat sich euer eigenes Denken oder euer eigenes Herangehen dadurch verändert, was nehmt ihr davon mit?

KT: Huh. Bei mir gibt es auf jeden Fall ein Selbstbewusstsein. Also ich habe meine Ängste los- oder ‒ sagt man das so? ‒ abgesagt, mit Stoffen. Meine Angst, dass ich etwas kaputt mache. Dass ich etwas nicht perfekt machen kann, schneiden oder so. Wie man Stoffen begegnet, welche Wirkung der Mensch auf Stoffe ausübt. Kaputt machen oder wie kann ich sie überhaupt wahrnehmen, fühle ich sie gut, wie reagieren sie, wenn ich sie ertaste oder wenn ich etwas mit diesen Stoffen mache … Ich habe immer eher zweidimensionale Sachen gemacht. Ich zeichne auch selbst, aber nur so, 3D sehe ich leider gar nicht. Und jetzt lerne ich die Stoffe, die Materialien durch Doro oder mit Doro kennen. Also bei mir sind die Rezeptoren jetzt komplett high, ich habe eine komplett andere Wahrnehmung. Es ist, glaube ich, auch etwas Psychisches und, naja, diese unendlichen Gespräche, die wir führen. Auch über wissenschaftliche Sachen, über die Gesellschaft, die Reaktion der Gesellschaft, über Körperwahrnehmungen, innen und außen ‒ das ist echt brutal. Ich bin immer sehr müde am Abend, weil mein Kopf schwimmt. Und wir werden das fortsetzen. Also wir haben schon Pläne, dieses Experiment fortzuführen.

DB: Am Anfang dachte ich von diesem Format, okay, ich treffe zehn verschiedene Leute, man wird schon was zusammen machen. Aber ich war sehr überrascht, dass wir innerhalb von fünf Minuten ganz viele Punkte gefunden haben, wo wir wussten: Oh, darüber gibt’s ganz viel zu sagen, wir müssen darüber, darüber, darüber weitersprechen. Und das hat sich jetzt bestätigt. Ich fand das schön, wo du gesagt hast, du hattest Angst am Anfang ‒ und das habe ich auch gemerkt ‒, falsch zu schneiden, kaputt zu machen. Die habe ich nicht, aber ich kann sie verstehen. Und ich finde es spannend, denn ich habe diese Hemmung mit der Sprache, und erst recht mit der deutschen Sprache. Ich bin auch keine gebürtige Deutsche, es ist auch nur so eine angelernte Sprache, und ich versuche immer schwitzend die Fälle und Akkusativ und alles richtig zu machen. Ich fühle mich wie auf Glatteis und denke: Oh Gott, wenn ich aufgeregt bin, rutsche ich aus und alle merken, dass ich‘s nicht richtig kann. Und deine Art, damit total offensiv umzugehen und die Dinge einfach zu sagen, hat mir auch Mut gegeben, dass wir jetzt einfach was in den Raum werfen und es steht. So.

KT: Das ist sehr schön, weil ich diese Sprache auch nicht beherrsche, ich arbeite nur damit. Das ist so cool. Sie ist ein Franzose, ich bin die Ungarin, und jetzt sprechen wir auf Deutsch, und manchmal machen wir das so (gestikuliert, schnipst) und so und so und ja, ja, genau.

DS: Wie soll man jetzt eure ganzen Gesten und die ganze Körpersprache in diesem Interview mittransportieren?

DB: Ich finde, mit dem Papier, mit dem Stift ist der Moment immer total schön, wenn man merkt: Eh, ich kann nix falsch machen! Und mit der Sprache ist es natürlich auch so. Erst mal losarbeiten, und dann kann man immer wegschmeißen. Und dieses Gefühl: So, jetzt machen wir was, wir können nix falsch machen, wir machen einfach. Das finde ich schön, und das finde ich im Arbeitsprozess sehr schön.

KT: Ja. Und eine andere Sache ist ‒ also bei mir ist es so, ich weiß nicht, woher es kommt, oder vielleicht weiß ichs doch, dass ich immer alles wissenschaftlich beweisen musste. Oder wollte. Wenn ich etwas aussagte, dann musste es wissenschaftlich bewiesen werden, ansonsten existierte es nicht. Und es war so gut, dass wir jetzt so normal sprechen konnten, auch nicht nur über Intuitionen, sondern wirklich Erfahrungen, dass wir nicht gleich beweisen sollten, wissenschaftlich. Was im Hintergrund schon vorhanden ist, aber jetzt war erst mal das Storytelling da, diese kollektiven, geerbten Sachen, vielleicht mit dem Wasser, die mit dem Thema weitergegeben sein könnten ‒ Konjunktiv II Präterium whatever, mit Modalverb. Und auch deswegen war die Fremdsprache eine gute Idee, dass wir das auf Deutsch machen. Ich kann kein Französisch, du kannst kein Ungarisch, und Englisch wollten wir nicht.

DB: Es war wie ein Sichtreffen auf einem extraterritorialen Gebiet.

KT: Weil wir aus anderen Sprachen, anderen Muttersprachen kommen, war es wirklich ein Weg für uns beide, all die Definitionen einander zu erklären. Was verstehst du unter diesem deutschen Wort und was kommt von deiner Kultur, was kommt von meiner Kultur, haben wir Traditionen, haben wir Probleme mit den Traditionen, was machen die Deutschen? Weil wir jetzt beide hier sind. Das hat uns, denke ich, bei der Öffnung sehr geholfen, dass wir alles mindestens aus drei Perspektiven, Deutsch, Französisch, Ungarisch, beobachten mussten.

DS: Das wäre auch ein toller Ansatz für Dienstag, verschiedene Begriffe oder Konzepte, die für euch in der Arbeit wichtig sind, lexikalisch oder etymologisch darzustellen. Diese Zwischensprachlichkeit ist ja, wie ihr sagt, auch ein eigentlich zentraler Teil der Arbeit. Wenn die Zeit reicht.

DB: Ja, wenn die Zeit reicht.

KT: Bei den Gesprächen wird es schon deutlich, glaube ich.

DS: Noch mal zu den Gesprächen: Das heißt, es gibt nicht nur diese vorbereiteten Sachen im Raum, sondern das Performative besteht auch im unmittelbaren Gespräch, ihr sprecht das Publikum, einzelne Besucherinnen und Besucher an und wollt mit ihnen über die Themen reden?

KT: Bei der Performance werden wir miteinander kommunizieren und mit Kleidabgabe, mit Begegnungen möchten wir die Leute auch involvieren. Danach sind wir offen für Gespräche, und es wäre schon sehr gut, wenn wir darüber quatschen könnten mit den Leuten, die kommen. Aber zuerst müssen sie auch tauchen. Wenn sie nicht unten sind mit uns, geht es nicht. Deswegen ist es sehr wichtig, dass wir sie involvieren.

DS: Das heißt, man kommt rein und man muss ertrinken?

KT: Genau. Genau. (Lacht.)

DS: Dann vielleicht bis hierhin. Und den Rest müssen alle selbst erleben, wenn sie am Dienstag kommen.

KT: Erleben, das ist ein schönes Wort. Oder überleben. Ja, coole Präfixe. (Alle lachen.) Und den Spaß dabei nicht vernachlässigen.

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Alle Fotos die den Intervietext begleiten © Daniela Seel

Norbert Lange an Mathias Traxler anläßlich der von Harald Muenz und Mathias Traxler gemeinsam konzipierten und präsentierten Literaturveranstaltung „Haut-Parleurs“ am 23. Februar 2017 in der Lettrétage im Rahmen des Projekts CON_TEXT:

 

7.3.2017

 

Lieber Mathias,

 

das war ein gutes Treffen! Auch eine schöne Gelegenheit, die Themen aufzufrischen, auf die wir in unseren Gesprächen oft zurückkommen. Auf dem Heimweg ist mir dann noch das richtige Wort eingefallen, um Robin Blasers Umgang mit den Wörtern zu beschreiben: Es war nicht „Eleganz“, an die ich dachte und wie ich zuerst erklären versuchte, auch wenn das, ganz sicher sogar, eine Eigenschaft von Blasers Gedichten ist; sondern das Wort, nach dem ich suchte, war „Achtsamkeit“. Ich bilde mir ein, dass man Dichtern anhören kann, wie sehr sie in ihren Gedichten den Wörtern Raum geben, oder wie wenig sie ihn ihnen überlassen. Wenn ich Blaser höre – und als ich Harald Muenz und Dir zuhörte, hatte ich denselben Eindruck –, spüre ich eine Aufmerksamkeit, die den Wörtern die Möglichkeit lässt, sich zu artikulieren. Es ist ein Hegen der Wörter, da man um ihre Sensibilität weiß und ebenso darum, welchen Zorn sie über einem entladen können, wenn sie falsch angefasst werden. Sensibilität und Zerbrechlichkeit sind eben nicht synonym. Die Angewohnheit der Wörter, sich gegen den zu wenden, der sie gebraucht, tritt dazwischen. Und nur Schwachköpfe oder selbstgerechte Autokraten glaubten dann, dass sie ihnen blind folgen. So schnell kann sich täuschen, wer meint, mit Wörtern auf etwas hinauszulaufen, während sie mit ihm schon umspringen, wie es ihnen gefällt. Wie man auf Wörter gekommen ist, so hat man sie sich möglicherweise schon eingefangen. Und wer trotz mehrerer Backpfeifen noch meint, keinen Grund zum Zweifel am eigenen Verhalten zu haben, der wurde unlängst zur Marionette seiner empfindlichen Wärter.

Man ist also gut beraten, im Umgang mit ihnen behutsam vorzugehen, weil sie auf Zwänge jeder Art allergisch reagieren. Ein solcher Zwang könnte beispielsweise sein, eine Lesung veranstalten zu sollen. Dabei möchte man das evtl. gar nicht. Man möchte vielleicht lieber in einem Restaurant, bei einem Kaffetrinken oder auf der Arbeitsstelle mit jemandem ins Gespräch kommen, über dies und das sprechen, um am Ende sagen zu können: Wenn jemand auf dich zugeht und ein Gedicht sagt, woher weißt Du, dass es ein Gedicht ist? Und nicht etwa einem didaktischen Impuls folgend: Siehst Du, Du dachtest, wir sprechen über dies und das. Du hast jedenfalls nicht damit gerechnet, dass ein Gedicht gesagt werden würde. Und am Ende hatten wir da doch ein Gedicht.

Nein, es hat sich ja alles am richtigen Platz befunden, im Raum. Du, ich, die anderen. In der Zeit. Und deswegen haben wir ein Gedicht gesagt.

Im übrigen war es ein sehr kurzer Text, der mit einem Brief Mozarts, einem Gedicht Konrad von Würzburgs, einem Deiner Gedichte und mit Euren beiden Stimmen eine Stunde füllte.

In den vergangenen Monaten hatte ich auf Lesungen – nicht nur dort, aber sie meine ich –, oft das Gefühl, weniger Wissen und Sicherheit zu haben, um über etwas zu sprechen oder überzeugend eine Haltung einnehmen zu können, und sei es nur als Autor, der gleich Gedichte vortragen wird. Und da wundere ich mich immer wieder, wenn meine verschiedenen Rollen (Interessen, Beziehungen, Jobs), aller Schwere und gleichzeitigen Haltlosigkeit zum Trotz, bisweilen auf einem Feld zusammentreffen, das ihre Widersprüche vereinbar wirken lässt.

Diesen Eindruck hatte ich während Eurer Veranstaltung. Wobei es kein gutes Wort ist: Veranstaltung. Lesung ebensowenig, genausowenig wie Performance oder Happening. Vielleicht Letzteres. Ein Geschehen, Event? Oder wie wäre Ereignis?

Euer Setting war denkbar einfach und vertraut: Ein Komponist und ein Dichter treten in einen Raum, um ihre anschließende Kommunikation mit dem Publikum zu teilen. Ein Tisch und ein Klavier, beide mit Büchern darauf. An den Wänden der Lettrétage Stühle auf denen das Publikum Platz genommen hat. Blätter und Zettel auf dem Boden, ein Schreibtisch in einer Ecke und im hinteren Raum ein weiterer Tisch. Anderes habe ich vergessen. Ich erinnere mich auch an zwei Notenständer und einen Kühlschrank. Die Notenständer waren vielleicht Lesepulte oder, wenn man die darauf gebreiteten Mappen mit ihren Bildern und Blättern bedenkt, Minnealtare. Auf einem Blatt las ich die schöne Bezeichnung: Singspruchdichtersprech. Es könnte aber auch Sinnspruchdichtersprech geheißen haben.

Während des Ereignisses von Muenz und Dir musste ich an eine Zeile von Robert Duncan denken, um die ich ihn schwer beneide, weil er in dem Gedicht (das man hier [https://www.poetryfoundation.org/resources/learning/core-poems/detail/46317] nachlesen kann) von einem magischen Ort erzählt, an dem etwas Einzigartiges geschieht:

Often I am permitted to return to a meadow …

Wann immer ich in Zukunft das Wort Idylle (wie in „Neo-Biedermeier“) höre, will ich an den Satz dieses Gedichts denken, das davon spricht, in den Kreis einer Gemeinschaft aufgenommen zu werden, die, stelle ich mir vor, nicht exklusiv ist, sondern jedes Einzelnen Anwesenheit in ihrer Mitte billigt, inklusive aller Dünnhäutigkeiten, Überforderungen und Absichten. Die Möglichkeit eines solchen Ortes ist doch eine krasse Vorstellung? Der Satz, den Duncan und man selbst als Mitleser wiederholt, erschafft ja erst jenen Raum, von dem er spricht. Oder zeigt er schon darauf, so dass man sehen kann: er ist da, es gehört nicht viel dazu, hineinzugehen?

Oder wieso steht rechts vom Eingang zur Lettrétage auf der Mauer:

Wovor hast Du Angst?

Statt zu denken, es gäbe eine gewisse Weise, einen Text zu durchqueren, könnte man ihn doch betreten, ohne zu erwarten, von jemandem hindurchgeführt zu werden, oder gar zu fürchten, dass der Text einen gleich wieder rauswirft. Ebensowenig konnte man erwarten, dass der Text in der Topographie, die er für den Abend in der Lettrétage bildete, von selbst zuende ging. Die Verwirrung von zweien, deren Gespräch ich nachher vor dem Haus belauscht habe und die sich erklärende Worte gewünscht hätten, bevor es losging, rührt für mich von der falschen Annahme her, dass ein Text seinem Anlass entsprechend jedes Mal eine Gebrauchsanweisung braucht. Im Text aber – und schließlich hat man als Publikum für ihn den Rahmen gebildet (der Kreis, in dem die Stühle angeordnet waren) –, kann keine Unruhe aufkommen. Er wird zur schützenden Schale, wenn man es ihm erlaubt, und zerbrechlich wäre er nur, wenn man der Furcht vor ihm den Vorrang lässt. Man darf nur nicht erwarten, dass was man erwartet auch eintrifft. Überhaupt darf man erwarten: nichts, weil nichts geschieht, wo bereits ein Ergebnis vorher festgelegt war.

Und so verstehe ich den Satz von Mozart, den ihr im letzten Drittel des Abends zitiert habt, als weniger nachsichtigen Cousin des Duncan-Satzes, der aber dasselbe will: „Die Herren, die so pedantisch zu Werke gehen, werden immer mitsamt der Musik zugrunde gehen.“

Zugrunde gegangen, ist keiner, und wenn, dann auf die schönste Weise.

Entstanden ist jedenfalls kein Feld, auf dem ein Wettkampf herrschte und wo man sich hätte behaupten müssen, als Publikum oder als Aufführender.

Stattdessen entstanden wunderbare, manchmal wunderbar komische Episoden, wie das behutsame Flüstern mit dem Megaphon oder Euer Funkverkehr zwischen Hinterzimmer und Vorderzimmer als kommunizierenden Röhren, das Balancement der Vokale und Konsonanten anhand zweier Telefone auf der Stange sowie die Präsentation des „Ton-Eis“, das mit großer Achtsamkeit durch den Raum getragen wurde.

Wer hätte da nicht ratlos bleiben und über die Bedingungen nachdenken wollen, unter denen ein solches Ereignis stattfinden kann?

Was zuletzt ein gelungenes Wagnis war.

 

Kurz und herzlich,

 

Norbert

 

Weitere Dokumentation zur Veranstaltung und deren Vorbereitung: Fotos, Gespräch der Künstler während der Vorbereitung

Auszug aus der Mailkorrespondenz zwischen Harald Muenz und Mathias Traxler in Vorbereitung der CON_TEXT-Veranstaltungen „Haut-Parleurs“ am 22., 23. und 24. Februar 2017 in der Lettrétage, redigiert als Gespräch:

 

1: So, bevor ich nun die Partitur mal ausdrucke, muss ich rasch Papier holen gehen und ein paar Komissionen machen.

2: Anbei ein, zwei Beispiele, wie es im Minnesang II-Block aussehen könnte.

1: Hach, grad kommt deine Mail. Schön, Chopin, Schumann & Tristan!! Bist du das am Klavier?

2: Herzlichen Dank für den interlinearen Konrad — jetzt ist es natürlich ganz klar.

1: Ja, „hoch angesiedeltes“ Material zu verwenden, finde ich im Grunde völlig normal und ist in bestimmter Hinsicht womöglich sogar eine Pflicht. Vielen Dank für den Text von Lachenmann zu Accanto.

2: Vor unserem Skype-Gespräch möchte ich dir noch einige Aufnahmen schicken, die ich in den vergangen Tagen gemacht habe, noch ganz lose, praktisch unbearbeitet und noch untranskribiert. In den Texten kommen immer wieder Stellen vor, wo es um das Innen, das Aussen, Membrane und Übersetzungen geht.

1: An meiner Übertragung des Lieds von Konrad von Würzburg bin ich noch voll drin. Zunächst gilt es dazu, noch mehr ein- und zweisilbige Wörter aus den Sonetten Giacomo da Lentini’s herauszusuchen, ein bis zu einem weiten Grad sehr konzeptuelles Vorgehen, mehr davon später.

2: Außerdem habe ich dieselbe Aufnahme des KvWÜ-Gedichts nun auch einmal versuchsweise auf 60 Minuten gestreckt, und zwar erneut mit zwei unterschiedlichen Time-Stretch-Verfahren für den rechten und den linken Kanal. Diese Kanaltrennung muß man später nicht haben, man kann beide Stereokanäle auf dieselbe Weise transformieren, es spart nur jetzt Upload-Zeit, kannst ja beim Abhören mit dem Balance-Regler spielen. Hier kannst Du das wieder streamen, die Datei ist mit dem Kennwort „Konrad“ geschützt.

1: Etter-Kirsch ist einer der besten.

2: Im Sinne von „dasselbe ist nicht dasselbe“ dachte ich mal so als Hypothese, Du könntest eventuell die A-Klarinette benutzen, und ich B, so daß immer automatisch ein Halbton-Clash zwischen uns entsteht, wenn wir denselben Griff haben. Dadurch etabliert sich eine virtuelle „Semiton-Membran“ zwischen uns, auf die man wiederum vielfältig reagieren kann.

1: Mozart-Kugeln brauchen wir ja auch noch (apropos Budget) oder ist die Dose noch voll?

2: Keine Sorge, wenn ich mich nicht täglich mailde, die Dinge laufen weiter.

1: Ja, ich finde auch, den portablen Lautsprecher so einzusetzen, wie Du es beschreibst, ist eine sehr gute Arbeitshypothese. Sollen wir ihn vielleicht auch textlich zuordnen

2: Wenn wir den Haupttext entschieden haben, und er eingesprochen und auf 60 Minuten gestreckt ist, würde ich gern anhand des klanglichen Ergebnisses versuchen, eine erste zeitliche Untergliederung der Stunde vorzunehmen.

1: Dies ist ein anderes Duo mit mir selbst über „KV421“.

2: Von „KV421“ gibt es noch wesentlich mehr als zwei Aufnahmen, da schweben mir Kombinationen verschiedener Überlagerungen bis hin zur Unverständlichkeit vor. Und Deine Stimme sollte natürlich auch noch hineinkommen. So hört sich die unsynchronisierte Überlagerung 14 verschiedener KV421—Lesungen an: Dabei finde ich das ausfransende Decrescendo am Ende spannend, wenn unverhofft eine gewisse Verständlichkeit hineinkommt.

1: Und wie gut, dass du die Wechselsprechanlage gefunden hast, so können wir bei der Aufführung aufeinander aufpassen.

2: Mit den Donnerrohren könnte man auch zwei Satelliten machen, einen eher monistischen zu Anfang, wo wir (eher jeder für sich) nur Geräusche erzeugen, und in der zweiten Halbzeit einen eher dialogisierenden, bei dem wir schon (Minne?)-Text in die Röhre sprechen, wobei aber manche Worte durch reine Rohr-Geräusche ersetzt („geschwärzt“) sind. Dann würde man im zweiten Teil noch einmal bei denselben Donnerrohr-Raumpositionen wie im ersten vorbeikommen, aber eben verändert.

1: Das „Wechselsprechen“ in allen möglichen Formen gefällt mir ebenfalls gut – auch Interaktion, Dialog (der ja im übrigen auch beim Kammermusizieren stattfindet).

2: Das Spiel(en) mit den Superball-Schlägeln (tatsächlich der Neue-Musik-Fachausdruck für die auf Rouladennadeln aufgespießten Flummies) könnte man auch dialogisch anlegen: einerseits zwischen uns, andererseits als Möglichkeit, ganz konkret auf die Klänge des Bandes einzusteigen.

1: Eine andere Möglichkeit in dieser Richtung sehe ich darin, einen Text „so langsam wie möglich“ zu sprechen, also im Grunde eine Art Live-Zeitlupe beim Sprechen; auch dann nähert man sich den Bandklängen an.

 

„Haut-Parleurs“

In 2 Räumen richten Traxler und Muenz 1 Sprach-Stunde an.

In 421 Bewegungen donnert der Lautsprecher ins Rohr, der Kühlschrank hallt nach dem Klavier, accanto verköchelt Gober darin die Minne.

Im kirschigen Finale läutern Etter und Schladerer die Hörer innen.

 

2: Und ich habe die vier Sätze des Mozart-Streichquartetts lückenlos aneinandergehängt und dann ebenfalls auf eine Stunde gestreckt, was auch sehr schön klingt. Das wäre sozusagen eine erste Idee für einen übergreifenden Prozeß für die ganze Stunde. Die Großform wäre quasi ein Decrescendo von Parallelsprechen mit zunehmender „Enthüllung“ des Haupttextes.

1: Vielleicht ist das auch der einzige Zeitpunkt, in dem wir uns beide an derselben Station im Raum befinden (größtmögliche Nähe); alles davor/danach wäre ein Weg dorthin und wieder (anders) davon weg.

2: Hier einmal drei (provisorische) Erprobungen meinerseits mit präexistenten Texten von Dir – freue ich über Rückmeldung, bitte auch kritisch.

1: Es floss auch viel Feuerwasser (Whiskey, Kirsch etc.), was vielleicht vor allem dazu verhalf, gewisse meiner Kräfte zusammenzuhalten.

2: Anbei nun kv421 mit Markierungen. Es ist mir schwer gefallen resp. nicht gelungen, die wichtigsten Wörter herauszufinden, dafür etwas anderes.

1: Deine 12 „Wechselmarken“ waren sehr hilfreich für mich. Ich habe nun in der Mitte der durch diese Marken begrenzten Textabschnitte, außer in den sehr kurzen ersten beiden, je ein keyword definiert (siehe die rot gedruckten Wörter im beigefügter Scan) – das sind ebenfalls 12. Wie Du im Scanne siehst habe ich dann Wechselmarken und keywörter durchnumeriert und sie auf diese Weise einander zugeordnet. Die Stopzeiten in eckigen Klammern beziehen sich auf das 60-Minuten-Zuspiel, und zwar sind es die Stellen, an denen Deine Wechselmarken erscheinen (nicht die betreffenden Wörter). Dadurch werden meine 12 Keywörter Deinen Wechselorten zugeordnet, bzw. markieren diese Orte hörbar auf dem Zuspiel.

2:Gute Idee, den Mozartbrief zu integrieren! Wie war es bei Pollini? Ich sende einen heiteren Gruss durch die Nacht. Und morgen mehr.

1: Und zum anderen fragte ich nach dem Verhältnis eines anwesenden Körpers und seiner Stimme, der sowohl nichts sagt und Audiospuren abspielt als auch wirklich im Moment was sagt, aber dies nicht sofort oder gar nicht erkenntlich ist, bezogen zu einer aktuellen Situation und zu den anderen anwesenden Körpern im Raum (oder im angrenzenden).

2: Mehrsprachigkeit ist praktisch ein Muss; oder anders gesagt wüsste ich es nicht zu vermeiden.

7 Tage, 2 Künstler*innen, 1 Ort: Im Rahmen des Projekts CON_TEXT erarbeiten jeweils zwei Künstler*innen innerhalb einer Woche in der Lettrétage gemeinsam eine Veranstaltung

Die Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel besuchte die CON_TEXT-Künstler*innen Cia Rinne und Gernot Wieland in der Lettrétage

Daniela Seel: Fangen wir vorne an: Wie habt ihr euch für die Zusammenarbeit miteinander entschieden[i], was hat euch aneinander interessiert?

Cia Rinne: Ich glaube, ich war sehr irrational. Ich mochte Gernot auf Anhieb gern und konnte mir gut vorstellen, mit ihm zusammenzuarbeiten – nur hatte ich im Gegensatz zu anderen möglichen Kooperationen gar keine klare Vorstellung davon, was wir machen könnten. Diese Offenheit ist eine Herausforderung, die ich sehr mag. Tatsächlich arbeiten wir anders, als ich es gewohnt bin – ich bin froh, dass wir einander kennengelernt haben. Das Auswahlverfahren war ambivalent; es war sehr schön, die verschiedenen Künstler*innen zu treffen, nur war dies gefärbt vom bevorstehenden Auswählen, eine menschlich heikle Angelegenheit.

Gernot Wieland: Ich finde auch, diese Bedingungen waren merkwürdig. Was ist, wenn alle zehn Künstler*innen mit Cia zusammenarbeiten wollen und keiner mit einer anderen Schriftstellerin, einem anderen Schriftsteller? Bei uns stimmte die Chemie einfach. Ich wüsste aber auch nicht, wie man das anders machen kann.

DS: Ende 2016 standen die Teams fest, Ende Januar 2017 müsst ihr schon präsentieren. Das ist ein fast irrwitziger Zeitplan.

GW: In der bildenden Kunst gibt es verschiedene Typen. Es gibt die, die ins Atelier gehen, sich den Blaumann anziehen und loslegen. Ich bin eher so ein Deadline-Künstler. Ich werde zu einem Projekt eingeladen, da gibt es ein Thema, eine Deadline, ich mach eine Arbeit. Das hilft mir.

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