Archiv: con_text_gesprache

Vera Kurlenina im Gespräch mit Marion Breton, Tatiana Ilichenko, Barbara Marcel, Tom Nóbrega und Érica Zíngano über die neunte CON_TEXT Veranstaltung „The Hairy Goddess‘ Misstory“

Wir treffen uns im weißen Raum der Lettrétage, den meine Gesprächspartner(innen) gerade für die Aufführung von „Hairy Goddess‘ Misstory“ dekorieren. Der Boden ist mit Plastikfolie ausgelegt, aus Alltagsgegenständen sind konstruktivistisch anmutende Installationen entstanden. Érica Zíngano ist dabei, kleine, akribisch beschriftete Plastiktüten mit Menstruationsblut zu sortieren, deren Abbilder später mit einem optischen Bildwerfer an die Wand projiziert werden. Die fünf Künstler(innen) haben eine Regel für das Interview aufgestellt, angeblich um das Chaos zu bewältigen: Wir werden ein „Kommunikationsrohr“ verwenden, ein Stück weißes Sanitärrohr. Wer es in der Hand hat, hat maximal drei Minuten Redezeit und darf nicht unterbrochen werden.

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Noch Fragen?

JK —  4. Oktober 2017 — Kommentieren

Ein Bericht von Sieglinde Geisel zur neunten CON_TEXT Veranstaltung „The hairy goddess‘ misstory“

 

Wir ziehen die Schuhe aus, denn der Raum der Lettrétage ist verwandelt: Der Boden ist mit zarten Plastikfolien belegt, an einigen Stellen ist es Luftpolsterfolie, die knistert, wenn man draufsteht,  „Vorsicht Glas“ steht auf roten Klebstreifen. An der Wand hängt ein dunkelroter Bademantel an einer Hängewaage, ein Kranz, auf der Schleife „In lieber Erinnerung OIKOS“.

In dem Raum liegt und steht so allerlei herum: ein alter Röhrenfernseher mit einem kleinen Propellerventilator, an der Wand eine rot umrandete Uhr mit falscher Uhrzeit, und auf einem großen Lautsprecher entdecke ich ein Duftspray („Denk mit!“), eine Flasche Ketchup und eine Flasche Mayo. Kunst oder Alltag? In einer Ecke finde ich einen Haufen schmutziges Geschirr, samt Schwämmchen und Spülmittel, daneben eine Art Altar mit Christbaumkerzen in einer Schale, Blumen, Streichhölzer. Und jetzt doch Kunst, oder jedenfalls nicht Alltag: Diagonal auf Augenhöhe ein Schriftzug mit ziemlich schnell abgespultem Lauftext, es gelingt mir nur, einzelne Begriffe aufzuschnappen. Apokalypse … Big Bang … army ot the encrypted angels … hairy goddess… Eine Diskokugel lässt Sterne über uns regnen, Trockeneis, bläuliches Licht. Wir sitzen auf dem Boden und schauen, was passiert.

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Woran erkennt man Krieg?

JK —  13. September 2017 — 1 Kommentar

Zur Installation “Krieg im Park” mit Fotos und Texten von Yevgenia Belorusets und Charlotte Warsen

Von Sieglinde Geisel

 

Wir betreten an diesem Abend nicht einfach einen Raum in der Lettrétage am Mehringdamm. Wir legen stattdessen in wenigen Minuten eine Distanz von über 1300 Kilometer zurück: Berlin-Kiew. Die Dichterin Charlotte Warsen begleitet uns bei dieser geistigen Reise per Kopfhörer. Ihre Stimme holt uns ab, sie macht uns bewusst, dass wir die Räume wechseln. “Wenn Sie jetzt nicht hier wären, würde Ihnen anderswo etwas Aufregenderes passieren?” Die Stimme weiß, dass wir jetzt wohl lieber auf der Straße in der Abendluft wären und dass wir angesichts der aufgestapelten Stühle befürchten, den ganzen Abend stehen zu müssen. Auf der Einladung hatte es geheißen “20 bis 23 Uhr”, erst jetzt verstehe ich, dass damit keine Dauer gemeint ist, sondern ein Zeit-Raum, in dem  man sich so lange aufhalten kann, wie man will.

Ich folge den Anweisungen der Stimme. Sie führt mich in den hinteren Raum, und in den Kiewer Park, in dem die ukrainisch-deutsche Künstlerin Yevgenia Belorusets fotografiert hat. Der Kopfhörertext dauert 13:25 Minuten. Wie lange ich im hinteren Raum verweile, ist mir selbst überlassen. An zwei gegenüberliegenden Wänden hängen die Fotografien, an der Stirnwand dazwischen ein Gedicht, dessen Zeilen in Gruppen auf dem weißen Papier verteilt sind.

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Daniela Seel im Gespräch mit Yevgenia Belorusets und Charlotte Warsen

 

Daniela Seel: Fangen wir mit etwas Schönem an: Was war der bisher schönste Moment in eurer Zusammenarbeit?

Charlotte Warsen: Das waren vielleicht so Witze, die wir nebenher gemacht haben … Also viele Dinge haben aus unterschiedlichen Gründen nicht geklappt, und das war ziemlich witzig schon in der reinen Summierung.

Yevgenia Belorusets: Der schönste Moment für mich war, als wir verstanden haben, was wir hier überhaupt machen können.

CW: Wo das klar wurde?

YB: Ja, wo das klar wurde. Dass wir eine Lösung für diese Falle gefunden haben, in der wir sind.

DS: Das ist ja schon mal ein gutes Stichwort, Falle. Wieso sagst du Falle?

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Übersetzung aus dem Englischen: Lena Hintze

Während der Erarbeitungsphase der Performance “Concrete Skin” im Rahmen der CON_TEXT-Reihe am 12. Mai 2017 in der Lettrétage interviewte Erica Zíngano die Künstler Momo Sanno und Maria A. Ioannou.

 

Érica: Als ich versuchte, ein paar Fragen für dieses Interview aufzuschreiben, habe ich darüber nachgedacht, welche Art von Fragen ich stellen sollte und dabei habe ich speziell an dich gedacht, Maria, weil du nicht in Berlin lebst. Für dich müsste diese eine Woche hier also eine völlig neue Erfahrung sein, eine Art von Versetzung, oder? Du hingegen, Momo, lebst schon eine Weile hier, und bist sicher schon eher an das Leben in Berlin gewöhnt, aber du lebst auch in Rumänien…

Momo: Ich lebe überall auf der Welt! Eigentlich gibt es keinen konkreten Ort, an dem ich lebe… Ich zahle meine Steuern in Berlin und auch in Bukarest, aber ich ziehe mehr oder weniger umher. Ich pendele ständig zwischen Berlin und Bukarest, weil ich vor zwei, drei Jahren nach Bukarest zurückgezogen bin und mir dort auch eine Basis schaffen will. Dass mich Berlin für sich eingenommen hat, ist schon eine sehr lange Zeit her…

Érica: Und du, Maria, genießt du die Woche in Berlin? Wie geht es dir mit der Entwicklung dieses neuen Projekts hier?

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Text, Raum, Zeit

JK —  26. Juli 2017 — 1 Kommentar

Ein persönlicher Bericht über die siebte CON_TEXT Veranstaltung mit Rike Scheffler und Jochen Roller, von Florian Neuner

Wer sich in diesen Tagen mit den Besuchermassen durch die Ausstellungsräume der documenta bewegt, der wird ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Art der Rezeption, wie sie zahlreiche der dort versammelten Kunstwerke erheischen, und der tatsächlich stattfindenden Wahrnehmung kaum übersehen bzw. sich auch selbst in der Lage wieder finden, dass er vielen Arbeiten – aus Zeitgründen – kaum gerecht werden kann. Auf Monitoren und Leinwänden werden teils stundenlange Filme gezeigt, andere Künstler breiten ganze Archive und umfangreiche Dokumentationen vor den Besuchern aus, deren Lektüre oder auch nur einigermaßen adäquate Wahrnehmung ebenfalls einen beträchtlichen Zeitaufwand bedeuten würde. weiterlesen…

Daniela Seel: Hier ist ja schon einiges losgegangen, wenn man sich so umschaut ..

Jochen Roller: Findste?

DS: Ja, find ich, gegenüber dem letzten Mal, als ich hier war ..

JR: Super. Das war die Idee.

DS: Erzählt doch mal, was hier so passiert.

JR: Seit Donnerstag sind wir hier, und unser beider Hauptanliegen war, den Raum wirklich zu verändern. Als wir reinkamen, war so ein klassisches Lesungssetting aufgebaut. Weißt du noch, wie wir auf den Raum im Raum gekommen sind?

Rike Scheffler: Ja. Es gab ja als eine Art von Anfang ein Speeddating, bei dem die Pärchen entstehen sollten, und dabei haben Jochen und ich geskypt, und ich glaube, du hattest gesprochen von dem „Honey, I’m home“-Video von mir mit den Loop-Poems ‒

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Vor der sechsten CON_TEXT Veranstaltung traf sich Florian Neuner mit dem Küntlerduo Cristian Forte und Harald Muenz, um dem Müll auf den Grund zu kommen.

 

Florian Neuner: Wie kommt es, Harald, dass du im Rahmen dieser Reihe schon mit dem zweiten Partner agierst? Konntest du dich nicht entscheiden?

Harald Muenz: Nein, gar nicht. Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind. Das Auswahlverfahren war ja so, dass wir nach dem Speeddating einen Dreiervorschlag abgeben sollten, und auf meinem Dreiervorschlag standen sowohl Cristian als auch Mathias Traxler. Irgendwann hieß es dann: Du kriegst beide! Ich habe nicht nachgefragt, warum, aber ich habe mich natürlich sehr gefreut.

Cristian Forte: Ich arbeite normalerweise mit Sound, deshalb habe ich mich für Harald als Partner entschieden.

F.N.: Bei eurer Performance fällt auf, dass Sprache sehr weit in den Hintergrund tritt. Es vergehen 40 Minuten, ehe gesprochene Sprache zum ersten Mal zu hören ist und nicht nur etwa auf Papierschnipseln am Boden liegt. Ich meine die Stelle, an der in einem eingespielten O-Ton der Müllmann zu hören ist. Daneben gibt es Skripturales, Schriftzeichen, die aber nicht ohne weiteres zu entziffern sind. Verständliche Sprache schält sich erst relativ spät heraus aus dem klanglichen Kontinuum. Warum diese Zurückhaltung?

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Müll oder Kunst?

JK —  6. Juli 2017 — 1 Kommentar

Von Sieglinde Geisel

 

Spätestens seit dem genialen Putzfrauen-Spruch haben wir ein Bewusstsein für die Nähe von Müll und Kunst. „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ könnte als Leitmotiv über der Müll-Performance des argentinischen Dichters Cristian Forte und des deutschen Komponisten Harald Muenz stehen. Die Darbietung hat den Untertitel „Ein asemischer Eingriff“. Das Wort Asemie bedeutet die Unfähigkeit, sich über Zeichen verständlich zu machen. Wir sind gewarnt: Mit Verstehen kommen wir hier nicht weit.

Was wir in der nächsten Stunde erleben, liegt demnach jenseits der Sprache: Die Zeichen nach ihrem Sinn zu befragen, widerspräche der Intention der Künstler. In der Tat spielen Worte hier eine Nebenrolle. Das Entscheidende ist zu sehen und, mehr noch, zu hören. Harald Muenz, der meist am Mischpult sitzt und konzentriert an seinen Reglern arbeitet, erkundet Töne zwischen Klang und Geräusch. Wie weit er dabei geht, merkt man erst allmählich. Das Publikum ist aufgefordert, sich im Raum zu bewegen, doch anfangs stehen wir im vorderen Raum – bis auf einmal hinten etwas kollert. Man denkt, dort sei die Action, doch als wir alle nach hinten eilen, um nichts zu verpassen, ist dort niemand, nur ein Baldachin mit einer Plastikplane. Geräusche ohne sichtbare Quelle sind etwas Unheimliches, und auf einmal wird einem bewusst, dass die Trennung des Klangs von seiner Quelle ein fundamentaler Eingriff in die Natur der Dinge ist. Nicht nur die Erde hat der Mensch sich untertan gemacht, sondern auch die Klänge, ganz nebenbei ist dieser Abend eine Manifestation dieser Herrschaft.

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