Archiv: Saloon

Liebe Mitstreiter*innen der freien Literaturszene in Berlin,

das Arbeitsraumprogramm der Literatur steckt noch immer in den Kinderschuhen.
Viele Arbeitsräume an verschiedenen Standorten befinden sich bereits in der konkreten Planungs- und Umsetzungsphase, allerdings wird es noch etwas dauern, bis wir gemeinsam mit den verantwortlichen Akteuren aus Politik, Kulturverwaltung und Freier Szene die Ernte einfahren und im größeren Umfang Arbeitsräume für die freie Literaturszene bereitstellen können.
Nichtsdestotrotz halten wir an unserer ambitionierten Zielsetzung fest und fordern, dass bis Ende 2019 120 – 140 Arbeitsräume für die Literatur bereitgestellt werden können.

In diesem Zusammenhang möchte der NFLB e.V. mit einer Umfrage gerne einen noch detaillierteren Kenntnisstand und Überblick über den tatsächlichen quantitativen und qualitativen Bedarf an Arbeits- / Büroräumen von Akteur*innen der freien Literaturszene in Berlin gewinnen, um aus den Ergebnissen Schlussfolgerungen und Argumentationshilfen für die weitere Ausgestaltung unseres Arbeitsraumprogramms abzuleiten.

Der Zugang zur Umfrage erfolgt über den folgenden Link der Umfrage-Anwendung survey monkey: 
https://www.surveymonkey.de/r/67MLXXS

Die Umfrage ist anonym und wird ausschließlich zu statistischen Zwecken ausgewertet. Es ist sichergestellt, dass aus den Umfrageergebnissen nicht die Identität der Befragten ermittelt werden kann.

Wir möchten in dieser Sache nachdrücklich um Eure Unterstützung bitten. Streut die Umfrage über Eure persönlichen Netzwerke, es ist sehr wichtig, dass möglichst viele dran teilnehmen, damit die Umfrage auch ein repräsentatives Gewicht erhält. Nehmt Euch bitte kurz die Zeit, um die 26 Fragen möglichst vollständig zu beantworten, alle Angaben sind wichtig. Die Dauer der Umfrage liegt bei ca. 10 Minuten.

Die Umfrage läuft bis zum 31. Oktober 2017.

Wenn Ihr noch Fragen, Anregungen oder sonstige Anmerkungen dazu habt, könnt Ihr Euch auch gerne an uns per Mail wenden: info@nflb.de.

Mit bestem Gruß

Eric Schumacher (im Auftrag des NFLB e.V.)

Netzwerk freie Literaturszene Berlin e. V.
c/o Lettrétage e.V.
Methfesselstr. 23-25
10965 BerlinTelekontakt: 0176 – 619 045 68
info@nflb.de
www.nflb.de

Woran erkennt man Krieg?

JK —  13. September 2017 — Kommentieren

Zur Installation “Krieg im Park” mit Fotos und Texten von Yevgenia Belorusets und Charlotte Warsen

Von Sieglinde Geisel

 

Wir betreten an diesem Abend nicht einfach einen Raum in der Lettrétage am Mehringdamm. Wir legen stattdessen in wenigen Minuten eine Distanz von über 1300 Kilometer zurück: Berlin-Kiew. Die Dichterin Charlotte Warsen begleitet uns bei dieser geistigen Reise per Kopfhörer. Ihre Stimme holt uns ab, sie macht uns bewusst, dass wir die Räume wechseln. “Wenn Sie jetzt nicht hier wären, würde Ihnen anderswo etwas Aufregenderes passieren?” Die Stimme weiß, dass wir jetzt wohl lieber auf der Straße in der Abendluft wären und dass wir angesichts der aufgestapelten Stühle befürchten, den ganzen Abend stehen zu müssen. Auf der Einladung hatte es geheißen “20 bis 23 Uhr”, erst jetzt verstehe ich, dass damit keine Dauer gemeint ist, sondern ein Zeit-Raum, in dem  man sich so lange aufhalten kann, wie man will.

Ich folge den Anweisungen der Stimme. Sie führt mich in den hinteren Raum, und in den Kiewer Park, in dem die ukrainisch-deutsche Künstlerin Yevgenia Belorusets fotografiert hat. Der Kopfhörertext dauert 13:25 Minuten. Wie lange ich im hinteren Raum verweile, ist mir selbst überlassen. An zwei gegenüberliegenden Wänden hängen die Fotografien, an der Stirnwand dazwischen ein Gedicht, dessen Zeilen in Gruppen auf dem weißen Papier verteilt sind.

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Daniela Seel im Gespräch mit Yevgenia Belorusets und Charlotte Warsen

 

Daniela Seel: Fangen wir mit etwas Schönem an: Was war der bisher schönste Moment in eurer Zusammenarbeit?

Charlotte Warsen: Das waren vielleicht so Witze, die wir nebenher gemacht haben … Also viele Dinge haben aus unterschiedlichen Gründen nicht geklappt, und das war ziemlich witzig schon in der reinen Summierung.

Yevgenia Belorusets: Der schönste Moment für mich war, als wir verstanden haben, was wir hier überhaupt machen können.

CW: Wo das klar wurde?

YB: Ja, wo das klar wurde. Dass wir eine Lösung für diese Falle gefunden haben, in der wir sind.

DS: Das ist ja schon mal ein gutes Stichwort, Falle. Wieso sagst du Falle?

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Dienstag, 05. September 2017, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
CON_TEXT VIII: War im Park / Krieg im Park
Ausstellung und Führung mit Yevgenia Belorusets und Charlotte Warsen

Ein zentral gelegener Park in Kiew, in dem sich der kriegerische Konflikt in der Ostukraine in die alltägliche Kulisse der Stadt mischt: Das ist der Ort, zu dem die bildende Künstlerin Yevgenia Belorusets (Ukraine/Deutschland) und die Dichterin Charlotte Warsen (Deutschland) ihre Berliner Besucher*innen führen wollen.

Die Künstlerinnen, die sich in ihrer Praxis zwischen Literatur, bildender Kunst und politischem Aktivismus bewegen, entwickeln für die Dauer eines Abends gemeinsam eine Versuchsanordnung, in der das Publikum in den Dialog zwischen ihren Arbeiten einbezogen wird. Die fotografische Serie von Yevgenia Belorusets, die in Momenten der Eskalation des Krieges im Osten der Ukraine entstand, und die Texte von Charlotte Warsen erkunden die Möglichkeiten und Grenzen der Worte und Bilder zwischen politischen Ängsten, solidarischen und poetischen Gesten. (Wie) lässt sich gegen Ansprüche des Dokumentarischen eine Zone des Träumerischen behaupten? Gerade dann, wenn so vieles in den fortlaufenden Ereignissen undeutlich, traumatisch und entfremdend bleibt – oder weit entfernt scheint?

Die Veranstaltungsreihe CON_TEXT vesucht das Format Lesung neu zu denken und zu thematisieren. Jeweils ein/e Autor/in und ein/e Künstler/in einer anderen Sparte erarbeiten gemeinsam eine Woche lang in der Lettrétage ein interdisziplinäres Veranstaltungsformat. TänzerInnen, MusikerInnen, Bildende und Darstellende KünstlerInnen sowie FilmemacherInnen sind die künstlerischen PartnerInnen der AutorInnen. Ausgehend vom literarischen Text entwickeln die KünstlerInnen-Tandems interdisziplinäre Formate und thematisieren dabei den Prozess der gemeinsamen Arbeit. Die so entstehende literarische Veranstaltung wird als ein eigenes, weit über die bloße Textpräsentation hinausgehendes, künstlerisches Werk begriffen. Die KünstlerInnen arbeiten ohne inhaltliche Vorgaben, der Prozess ist ergebnisoffen.

Insgesamt finden zehn Abendveranstaltungen und eine Abschlußkonferenz statt. Zu jeder Veranstaltung erscheinen vorab ein Interview mit einem Experten und im Nachhinein eine kurze filmische Dokumentation im Lettrétagebuch. Dort findet sich auch weitere Information zur Veranstaltungsreihe und zu den beteiligten KünstlerInnen und Veranstaltungsterminen.

CON_TEXT wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

 

 

Info-Partner der Veranstaltung: n-ost und Kul´tura

 

© Jurij Kruchak

Yevgenia Belorusets lebt als Künstlerin und Autorin in Kiew und Berlin. Sie ist Mitbegründerin und Herausgeberin der ukrainischen Zeitschrift für Kunst und Literatur „Prostory“ und Mitglied der Kuratorengruppe „Hudrada“. Die Künstlerin arbeitet mit den Medien Video, Fotografie und Installation, ihre Arbeiten befinden sich an der Schnittstelle von Kunst, Literatur und Aktivismus. Seit 2014 engagiert sie sich in sozialen Initiativen im Osten der Ukraine. Zahlreiche internationale Ausstellungen, u.a. in der Gedenkstätte Berliner Mauer sowie auf der 56. Biennale in Venedig. „Die Siege der Besiegten“ wurde 2016 in Kiew gezeigt.

 

© Valerie Schmidt

Charlotte Warsen ist Dichterin, Malerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt ‚Kulturtechnik Malen‘ an der Düsseldorfer Kunstakademie. Sie promoviert in der Philosophie und organisierte mit Freunden die Veranstaltungsreihe ‚Politik der Lyrik‘ im Theater Vierte Welt und im Studio Я des Maxim-Gorki-Theaters. Ihr erstes Buch vom speerwurf zu pferde erschien 2014. Für ihre Gedichte erhielt sie 2016 den GWK-Förderpreis für Literatur, 2017 ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats.

Marion Breton, Génération 90. Based in Berlin & born in Paris under the name of Marion — a name her grandpa saw as a bad omen: « Marion? Souillon » / slob/! In response to this initial curse, she sometimes named herself Ablana Thanalba (Hocus Pocus in Hebrew) as if she had to conjure the world and invoke a shared locus (loci, loca, in Latin: uterus) where she develops a special sponge-actor being. She sips and digests all kind of atmospheres and materials: videos, poetry, texts or writings. But, on second thought, she would rather be a slob in her barrel; a barrel where she could pick up and put bits of everyone that she found on her way and realize the conditions of an unproductive life, a Sisyphean reform of inaction.

Tom Nobrega speaks with an accent even when he speaks his own tongue. He uses two hearing aids, has seven titanium nails in his ankle, wears contact lenses and has three artificial teeth. He doesn’t have a home, doesn’t have a cell phone and he is never exactly sure where in the world he is going to be in the next months. He was born in Sao Paulo, Brazil, but has more than one name and nationalities, including the official, affective, and mythic ones. He is a compulsive traveler and does a lot of not exactly useful things, such as making strange utterances in languages that do not exist, losing an unbelievable amount of objects, finding amulets, reading astrological charts, writing poems, making repetitive gestures and playing instruments he cannot play. He is currently committing himself to the Unknown University, a mysterious university without a fixed place that guides his steps even when he is not paying attention to it.

Barbara Marcel (Rio de Janeiro, 1985) is a filmmaker and visual artist based in Berlin, whose works investigate the relations between nature, its cultural histories and colonial imaginaries. In her artistic research PhD at the Bauhaus-University in Weimar, Marcel is investigating the essay-film as a historiographical tool for decolonized thinking with and through images, with the Botanical Garden Berlin-Dahlem and its plants being her current material of study.

Recent exhibitions include: Tropic Matters V240 Amsterdam (solo show, 2017), Omonoia, Athens Biennial (2016); There will come soft rains, GMK Berlin (2016); Vision and Fear Station, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (2015); On Projection, Kühlhaus Berlin (2015); Through the looking screen, 175 Gallery Seoul (2015); Desvenda, Galeria Marta Traba – Fundação Memorial da América Latina, São Paulo (2013); Return to Forever, TZB Gallery of the Czech Centre Berlin (2013).

Marion Breton, Génération 90. Wohnhaft in Berlin und geboren in Paris unter dem Namen Marion – einem Namen, den ihr Großvater für ein böses Omen ansah: « Marion? Souillon », das heißt Tölpel! Als Antwort auf diese anfängliche Verwünschung nannte sie sich manchmal selbst Ablana Thanalba (Hocus Pocus auf Hebräisch), als ob sie die Welt verzaubern und sich auf einen gemeinsamen locus (im Lateinischen loci, loca, für Uterus) berufen müsste, in welchem sie ihr bestimmtes Wesen als sponge-actor entwickelt. Sie schluckt und verdaut alle Arten von Stimmungen und Materialien: Videos, Poesie, Texte und Schriften. Aber bei nochmaliger Überlegung wäre sie wohl eher ein Tölpel in ihrer Tonne; einer Tonne wo sie alle aufheben und –sammeln könnte, die sie auf ihrem Weg findet, und wo sie die Bedingungen eines unproduktiven Lebens, einer unermüdlichen Erneuerung der Trägheit, begreifen könnte.

Tom Nobrega spricht mit einem Akzent, selbst in seiner eigenen Sprache. Er nutzt zwei Hörhilfen, hat sieben Nägel aus Titan in seinem Knöchel, trägt Kontaktlinsen und drei künstliche Zähne. Er hat kein Zuhause, hat kein Handy und ist sich nie sicher, wo genau in der Welt er in den nächsten Monaten sein wird. Er wurde in Sao Paulo, Brazilien, geboren, hat jedoch mehr als nur einen Namen und eine Nationalität – die offiziellen, die emotionalen und die mythischen eingeschlossen. Er ist ein notorischer Reisender und macht eine Menge nicht direkt nützlicher Dinge wie zum Beispiel seltsame Äußerungen in einer nichtexistierenden Sprache, eine unglaubliche Menge an Gegenständen verlieren, Amulette finden, astrologische Kalender lesen, Gedichte schreiben, wiederholende Gesten machen und Musikinstrumente spielen, die er eigentlich gar nicht spielen kann. Gerade widmet er sich der Unknown University, einer mysteriösen Universität ohne festen Ort, die jeden seiner Schritte begleitet, selbst wenn er ihr gar keine Aufmerksamkeit schenkt.

Barbara Marcel (Rio de Janeiro, 1985) ist eine in Berlin lebende Filmemacherin und visuelle Künstlerin, deren Werke die Beziehung zwischen Natur, ihrer kulturellen Geschichte und ihrer kolonialen Imaginationen untersucht. Während ihrer künstlerischen Forschung im Rahmen ihrer Promotion an der Bauhaus-Universität in Weimar setzt sich Marcel mit Essay-Filmen als historiographische Medien für entkolonialisiertes Denken auseinander, wobei der Botanische Garten Berlin-Dahlem und seine Pflanzen gegenwärtig Gegenstand ihrer Studien sind.

Kürzliche Ausstellungen: Tropic Matters V240 Amsterdam (Einzelausstellung, 2017), Omonoia, Athens Biennial (2016); There will come soft rains, GMK Berlin (2016); Vision and Fear Station, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (2015); On Projection, Kühlhaus Berlin (2015); Through the looking screen, 175 Gallery Seoul (2015); Desvenda, Galeria Marta Traba – Fundação Memorial da América Latina, São Paulo (2013); Return to Forever, TZB Gallery of the Czech Centre Berlin (2013).

Tuesday, 26. September 2017, 19-21.00 : Open doors working day (free admission)
Friday, 29.September 2017, 20.00 : Final public presentation (free admission)

CON_TEXT IX: The hairy goddess‘ misstory

by and with Érica Zingano, Tatiana Ilichenko, Marion Breton, Barbara Marcel, Tom Nobrega

 

The day before yesterday. We mourn. The XXI century died, but we keep preparing its funeral. Look at your hands, both hands. On the one hand you have the story of apocalypse. As any story about time, of course it will end in a big climax, bing bang, bow wow wow. Of course the main character of this adventure is God, standing on the shoulders of his army of encrypted angels. On the other hand, there is the flipped version of this story: this one we could call revolution. A revolution reincarnated as a hairy goddess. S/he’s everywhere, everywhere feels as near as nowhere. Immanent in our messy backpacks, roaring in our inner jungles. This version changes the speed of the trains and cars and airplanes through which we perceive the world. Choose a word and hit the road. Mystery. Chaos. Smoke. Animals. Magic. Light another match. This is an ongoing story. It comes in a box delivered by DHL. The sun is the third sign on the road. A long road. On the tip of your fingers.

 

CON_TEXT is  a series of events seeks to address and rethink the format of the ‘reading’. Each of the events in the CON_TEXT series is developed and realised by both an author and an artist from another artistic discipline. Working from the basis of the literary text, its aim is to develop interdisciplinary formats and thereby come to understand ‘the literary event’ as an artistic work in its own right. The usual formats of reading events, as well as the role of literature organisations such as the ‘literature house’, are thus called into question in a dynamic aesthetic manner. CON_TEXT tests artistic approaches and methods that allow the production, presentation and reflection of a piece of art to blend into one. The literary work opens itself up to discourse and process – the reader is not presented with a finished, unvarying product, nor a fixed point of view, but rather a fragile, unstable entity which the reader can become a part of as the ‘text’ is ‘performed’. Production and presentation become one: the event taps into the essence of literature as an art form, drawing off its particular capacity for process. Literature will, in this sense, offer an opportunity to communicate rather than proclaiming apodictic truths.

In total ten events and a final conference will take place. For each event an interview conducted by an expert is published as well as a short film documentation afterwards, in Lettretagebuch. There one can find more information to the event series as well as the participating artists and event dates.

 

The CON_TEXT project is funded by the Berlin Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

 

 

 

© Lotto Theißen

Born in 1980 in Fortaleza (Brazil), Érica Zíngano has been living in Berlin since 2014. Her artistic practice crosses the boundaries between poetry and visual arts in different directions, tracing a cartography of strange combinations. As someone who deals with foreign languages on a daily basis and who feels herself to be in a permanent state of linguistic dislocation as a result, Érica is passionate about the phenomenon of the voice, and has been increasingly exploring the enunciation of poems in performative actions and readings. (Or you could infer by this last sentence that Erica was trying to say, in an elegant manner, that Érica’s language problems highlight issues regarding language and communication.) During her time in France last summer, while she was collectively putting into practice the more extreme aspects of post-tuquetism theory, she discovered the poet Christophe Tarkos, who was already waiting for her, whispering in her headphones: “dans quatre mois et on est dedans”.

 

© Moritz Metzner

Tatiana Ilichenko is a visual artist and filmmaker from Russia, currently based in Berlin.

She works with hybrid forms of video and performance and develops projects with a docu-fictional, site-specific and collaborative approach, bringing together very personal perspectives and heterogeneous voices in a polyphonic manner. Their topics revolve around the articulations of radical experiences of loss, gendered violence and oppression; politics and ethics of visual representation; artistic collaboration; love, care and empathy in the realm of politics and activism; social utopias under post-communist condition; self-organized communities and forms of togetherness; and grotesque, celebration and glamour as a resistance form in marginalized and queer communities.

 

 

Marion Breton, Génération 90. Based in Berlin & born in Paris under the name of Marion — a name her grandpa saw as a bad omen: « Marion? Souillon » / slob/! In response to this initial curse, she sometimes named herself Ablana Thanalba (Hocus Pocus in Hebrew) as if she had to conjure the world and invoke a shared locus (loci, loca, in Latin: uterus) where she develops a special sponge-actor being. She sips and digests all kind of atmospheres and materials: videos, poetry, texts or writings. But, on second thought, she would rather be a slob in her barrel; a barrel where she could pick up and put bits of everyone that she found on her way and realize the conditions of an unproductive life, a Sisyphean reform of inaction.

 

Tom Nobrega speaks with an accent even when he speaks his own tongue. He uses two hearing aids, has seven titanium nails in his ankle, wears contact lenses and has three artificial teeth. He doesn’t have a home, doesn’t have a cell phone and he is never exactly sure where in the world he is going to be in the next months. He was born in Sao Paulo, Brazil, but has more than one name and nationalities, including the official, affective, and mythic ones. He is a compulsive traveler and does a lot of not exactly useful things, such as making strange utterances in languages that do not exist, losing an unbelievable amount of objects, finding amulets, reading astrological charts, writing poems, making repetitive gestures and playing instruments he cannot play. He is currently committing himself to the Unknown University, a mysterious university without a fixed place that guides his steps even when he is not paying attention to it.

 

Barbara Marcel (Rio de Janeiro, 1985) is a filmmaker and visual artist based in Berlin, whose works investigate the relations between nature, its cultural histories and colonial imaginaries. In her artistic research PhD at the Bauhaus-University in Weimar, Marcel is investigating the essay-film as a historiographical tool for decolonized thinking with and through images, with the Botanical Garden Berlin-Dahlem and its plants being her current material of study.

Recent exhibitions include: Tropic Matters V240 Amsterdam (solo show, 2017), Omonoia, Athens Biennial (2016); There will come soft rains, GMK Berlin (2016); Vision and Fear Station, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (2015); On Projection, Kühlhaus Berlin (2015); Through the looking screen, 175 Gallery Seoul (2015); Desvenda, Galeria Marta Traba – Fundação Memorial da América Latina, São Paulo (2013); Return to Forever, TZB Gallery of the Czech Centre Berlin (2013).

Am 14.09. um 20 Uhr liest Patricia Hempel aus ihrem Debütroman Metrofolklore.

Wer also keine Lust hat, den Roman alleine für sich zu lesen, sondern in guter Gesellschaft und mit dem ein oder anderen Cocktail, der ist herzlich eingeladen, am Donnerstag in die Lettrétage zu kommen und Patricia Hempels Stimme zu lauschen sowie dem Minnesang. Und wer sich überhaupt nicht gedulden kann, der kann sich vorab schon mal den Buchtrailer anschauen, um sich auf den Roman einzustimmen.

 

Veranstaltungshinweis:

Donnerstag, 14. September 2017, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
METROFOLKLORE
Patricia Hempel liest aus ihrem Romandebüt

Ein Kurzvideo der fünften CON_TEXT Veranstaltung „Time to deliver: X³“, konzipiert und umgesetzt von Daniel Malpica und Tomomi Adachi. Im Mittelpunkt ein 3D-Drucker, der im Laufe der Veranstaltung ein Modell des Buchstaben X produziert. Dieser Vorgang wurde doppelt eingerahmt. Einerseits haben zusätzlich geladene Darsteller den Druckvorgang inszeniert. Andererseits war die visuelle Ebene verknüpft mit Malpicas Gedicht-Serie „Se escribe con X“, eigens für diesen Abend ins Deutsche übersetzt, und dem Poem „Voice Sound Poetry Form Begun with X“ des futuristischen Dichters Hide Kinoshita.

Darsteller (Stimme, Bewegung):
Barbara Lázara, Eiji Takeda , Charlotte Pauwelyn, María Ferrara, Amelie Baier, Grilowsky und Raica

Das Projekt CON_TEXT wird gefördert durch die Berlin Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

 

 

Alexander Graeff

 

SB: Lieber Herr Graeff, am 28. Oktober veranstalten Sie eine „Lange Nacht der poetischen Prosa“. Besucht habe ich bisher die Lange Nacht der Musik in Kaiserslautern sowie die Lange Nacht der Wissenschaften in Berlin. „So geht Prosa!“ wird ebenfalls in Berlin stattfinden. Wie kann man sich das Programm einer solchen Nacht ungefähr vorstellen? Sind verschiedene Standorte für Lesungen vorgesehen?

AG: Es ist eine Lange Nacht der poetischen Prosa. Wir hatten in der Brotfabrik auch schon andere Lange Nächte, z. B. der Lyrik. Die Veranstaltung am 28.10. heißt „So geht Prosa! Alternativen zum Romanstandard“, und ich denke, dieser Titel bringt es gut auf den Punkt, worum es geht: Einmal die unkonventionelle Seite der Prosa zu zeigen, die mit den kurzen, experimentellen, poetischen Formen. Gelesen wird ausschließlich auf der BrotfabrikBühne bis Mitternacht und darüber hinaus, daher die Bezeichnung des Formats als Lange Nacht.

 

 

Die Brotfabrik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SB: Das klingt nach einer hervorragenden Idee, die unkonventionellen Seiten der Prosa darzustellen. Ich habe noch eine Frage zur Titelgebung der Veranstaltung, geht es bei dem ersten Ausruf um die Benennung von Alternativen? Soll heißen, so kann Prosa auch gehen?

AG: Genau, darum geht es. Es herrscht oft ein sehr eindimensionales Bild von belletristischer Prosa in der Öffentlichkeit vor, das eben vielen Autor*innen und ihrem Schaffen nicht entspricht. Deren Texte würden das Marketingetikett »Roman« vieler großer Verlage nicht bekommen, weil ihre Arbeiten eben nicht marktkonform sind. Sie haben andere Formen oder Themen. Es geht darum, diesen Teil der Prosa sichtbarer zu machen.

SB: Vielleicht verraten Sie mir ja bereits, welche anderen Themen das sind. Welche Themen haben derzeit einen innovativen Charakter?

AG: Mutige Themen. Themen, die wehtun, nicht nur dem Status Quo, sondern auch ganz konkret Leser*innen, weil sie Muster und Strukturen des Denkens sichtbar machen, spiegeln, kritisieren – ohne dabei nur zu kritisieren, sondern auch Gegenentwürfe aufzuzeigen, Neben-Realitäten zu konstruieren usw. Konkret wären das z. B. Geschlechterverhältnisse und -zustände, Mentalitätskonstruktionen, Sozialisation, religiöse Themen oder auch mal Texte, die jenseits von bildungsbürgerlichen Selbstfindungsprozessen in urbanen Räumen handeln. Darüber wird ja geschrieben, ist aber zu oft dem „großen Publikum“ unsichtbar.

SB: Es soll sich dabei ja auch um eine Benefizlesung handeln, eine Lesung deren Einnahmen Geflüchteten zugutekommen. Wissen Sie bereits, in welchen Sprachen die Lesung stattfinden wird?

AG: Das Projekt präsentiert deutschsprachige Prosa. Der Benefizcharakter der Veranstaltung hat damit aber nur indirekt etwas zu tun. Die Kasseneinnahmen werden zur Einrichtung einer Bibliothek in der Gemeinschaftsunterkunft Treskowstraße in Heinersdorf verwendet. Natürlich werden dann aber vorrangig Bücher in den Sprachen der Geflüchteten angeschafft. Ich habe versucht, auch Schriftsteller*innen unter den Geflüchteten zu finden, die zum Konzept passen. Leider bisher ohne Erfolg.

SB: Hat es einen Grund, weshalb genau diese Unterkunft ausgewählt wurde? Haben Sie über die Suche nach geflüchteten Autor*innen einen Diskurs entfachen können über Literatur? Welche Autor*innen sind für Geflüchtete interessant?

AG: Die Heinersdorfer Gemeinschaftsunterkunft befindet sich in direkter Nachbarschaft zur Brotfabrik, zu Fuß sind das gerade mal 10 Minuten. Außerdem treffen sich die Akteur*innen des Unterstützungskreises regelmäßig in der Kneipe der Brotfabrik, da lag es fast auf der Hand, dass wir kooperieren. Ich habe den Eindruck, dass sich geflüchtete Autor*innen eher am Mainstream orientieren, also Genre-Literatur wie Fantasy etc. pp. produzieren. Das trifft ganz sicher nicht auf alle zu, es gab aber in der Vorbereitungszeit ein paar Kontakte aufgrund von Empfehlungen etwa, die das bestätigen. Ist aber, wie gesagt, nur ein sehr subjektiver Eindruck. Meistens kam die Absage dann vonseiten der angefragten Autor*innen selbst.

SB: Kommen wir nun zu meiner letzten Frage. Ich möchte abschließend von Ihnen wissen, ob eine „Lange Nacht der poetischen Prosa“ eine Art Pilot-Projekt ist? Dürfen wir uns auf eine Veranstaltungsreihe freuen, die sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird?

AG: Naja, wir hatten ja schon öfters mal eine Lange Nacht in der Sparte „Literatur“ in der Brotfabrik, als Reihe ist „So geht Prosa!“ aber nicht konzipiert. Evtl. ergeben sich noch weitere Kooperationen mit der Gemeinschaftsunterkunft in Heinersdorf, aber auch das ist nicht geplant bisher.

SB: Lieber Herr Graeff, ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch.

AG: Ich danke Ihnen.

 

 

Die Interviewfragen stellte S.Barnieck