Archiv: Interview

BuchBerlin 2017

Tom Bresemann —  6. November 2017 — Kommentieren

Im November findet die Buchmesse BuchBerlin zum vierten Mal statt. Auch die Lettrétage wird mit dem Projekt WiSU dort vetreten sein. Vorab haben wir mit BuchBerlin-Gründerin Steffi Bieber-Geske ein Interview geführt.

Die deutsche Literaturlandschaft besitzt mit den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig bereits zwei sehr große, prominente und international bekannte Foren für Verlage, Veranstalter und Medien. Warum braucht es da noch die Buch Berlin?
Weil die großen Buchmessen für unabhängige Verlage und Selfpublisher nur bedingt interessant sind. Viele können sich die exorbitanten Standgebühren schlicht nicht leisten – und wenn, dann sitzen sie an einem winzigen Stand, in den sich niemand hineintraut, und gehen neben den riesigen, aufwendig gestalteten Ständen der großen Verlage schlicht unter.
Das ist auf der BuchBerlin anders. Bei uns stehen die kleineren und mittelständischen Verlage sowie Autoren und Selfpublisher im Mittelpunkt.
Außerdem ist Berlin eine traditionelle Literaturstadt, in der rund 200 Verlage ansässig sind und weit mehr als 1000 Autoren leben. Viele Berliner lesen gern und freuen sich daher, nun direkt in der Hauptstadt eine Buchmesse besuchen zu können.
Bei uns geht es gemütlicher und familiärer zu als in Leipzig und Frankfurt, der Eintritt kostet viel weniger und man hat die Chance, an einem Tag alle interessanten Aussteller zu besuchen und muss sich nicht auf ein, zwei Hallen beschränken. Alle Aussteller verkaufen ihre Bücher direkt am Stand und weil zahlreiche Autoren vor Ort sind, kann man sich viele Titel auch signieren lassen.

Die Buch Berlin ist innerhalb von nur vier Jahren auf eine beträchtliche Größe gewachsen. Wie beurteilen Sie rückblickend diese Entwicklung und was erwarten Sie für die kommenden Jahre?
Bereits im ersten Jahr waren wir ausgebucht – es war daher schnell klar, dass die Verlage und Autoren auf eine Messe wie die BuchBerlin gewartet haben. Ich bin ja selbst Verlegerin und habe bei der BuchBerlin das umgesetzt, was ich mir selbst als Ausstellerin gewünscht habe. Viele Aussteller sind uns von Anfang an treu geblieben, weil sie sich auf der BuchBerlin einfach wohlfühlen – und teilweise auch wirklich gute Umsätze machen. Zahlreiche andere sind hinzugekommen.
Auch die Zahl der Besucher steigt von Jahr zu Jahr – inzwischen kommen Leseratten aus ganz Deutschland, weil sie wissen, dass sie bei uns tollen Autoren und Verlage treffen und besondere Bücher finden, die es nicht in jeder Buchhandlung und oft auch nicht auf den großen Messen gibt.
Weil viele Aussteller größere Stände gebucht haben, werden wir in diesem Jahr doch keine 300 Autoren und Verlage vor Ort haben, sondern nur knapp 250. Im nächsten Jahr werden wir dann voraussichtlich auf 300 Aussteller wachsen.
Sehr viel größer wird die BuchBerlin dann aber nicht mehr werden, denn wir hoffen, ab 2018 eine dauerhafte Location gefunden zu haben, und dort ist der Platz natürlich auch begrenzt. In Berlin eine noch größere Location zu einem Preis zu finden, bei dem wir unsere günstigen Standgebühren halten können, ist so gut wie unmöglich.
Außerdem wollen wir uns auch weiterhin gut um unsere Aussteller und Besucher kümmern und alles so professionell wie möglich organisieren. Das funktioniert bei mehr als 400 Ausstellern vermutlich nicht mehr. Wir organisieren die BuchBerlin ja nicht als Messeveranstalter mit einem großen Team, das den ganzen Tag nichts anderes tut, sondern als gemeinnütziger Verein mit viel ehrenamtlichem Engagement.

Das literarische Publikum, aber auch die AutorInnen selbst sind so vielfältig und divers aufgestellt wie nie zuvor. Welche Zielgruppe möchten Sie ansprechen und wie erreichen Sie diese?
Unsere Zielgruppe ist so bunt und vielfältig wie die unabhängige Literaturszene – und wie Berlin. Zu uns kommen Verlage und Autoren aus allen Genres und Besucher aus allen Altergruppen und gesellschaftlichen Bereichen. Nur Nazis finden bei uns kein Forum.

Die BuchBerlin findet am 25. & 26. November 2017 von 10 bis 18 Uhr im Congress Center des Hotels Estrel, Sonnenallee 225, 12057 Berlin, statt. Die Lettrétage ist im Rahmen des WiSU-Projekts auch auf der Buch Berlin vertreten: Kommt vorbei, ihr findet uns auf der Empore! An unserem Stand habt ihr die Möglichkeit euch zum Thema Freiberuflichkeit im Literaturbereich zu informieren und eine Kurzberatung in Anspruch zu nehmen: http://literaturszene.berlin/beratungsangebot/beratungen-auf-der-buchberlin/

 

 

Alexander Graeff

 

SB: Lieber Herr Graeff, am 28. Oktober veranstalten Sie eine „Lange Nacht der poetischen Prosa“. Besucht habe ich bisher die Lange Nacht der Musik in Kaiserslautern sowie die Lange Nacht der Wissenschaften in Berlin. „So geht Prosa!“ wird ebenfalls in Berlin stattfinden. Wie kann man sich das Programm einer solchen Nacht ungefähr vorstellen? Sind verschiedene Standorte für Lesungen vorgesehen?

AG: Es ist eine Lange Nacht der poetischen Prosa. Wir hatten in der Brotfabrik auch schon andere Lange Nächte, z. B. der Lyrik. Die Veranstaltung am 28.10. heißt „So geht Prosa! Alternativen zum Romanstandard“, und ich denke, dieser Titel bringt es gut auf den Punkt, worum es geht: Einmal die unkonventionelle Seite der Prosa zu zeigen, die mit den kurzen, experimentellen, poetischen Formen. Gelesen wird ausschließlich auf der BrotfabrikBühne bis Mitternacht und darüber hinaus, daher die Bezeichnung des Formats als Lange Nacht.

 

 

Die Brotfabrik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SB: Das klingt nach einer hervorragenden Idee, die unkonventionellen Seiten der Prosa darzustellen. Ich habe noch eine Frage zur Titelgebung der Veranstaltung, geht es bei dem ersten Ausruf um die Benennung von Alternativen? Soll heißen, so kann Prosa auch gehen?

AG: Genau, darum geht es. Es herrscht oft ein sehr eindimensionales Bild von belletristischer Prosa in der Öffentlichkeit vor, das eben vielen Autor*innen und ihrem Schaffen nicht entspricht. Deren Texte würden das Marketingetikett »Roman« vieler großer Verlage nicht bekommen, weil ihre Arbeiten eben nicht marktkonform sind. Sie haben andere Formen oder Themen. Es geht darum, diesen Teil der Prosa sichtbarer zu machen.

SB: Vielleicht verraten Sie mir ja bereits, welche anderen Themen das sind. Welche Themen haben derzeit einen innovativen Charakter?

AG: Mutige Themen. Themen, die wehtun, nicht nur dem Status Quo, sondern auch ganz konkret Leser*innen, weil sie Muster und Strukturen des Denkens sichtbar machen, spiegeln, kritisieren – ohne dabei nur zu kritisieren, sondern auch Gegenentwürfe aufzuzeigen, Neben-Realitäten zu konstruieren usw. Konkret wären das z. B. Geschlechterverhältnisse und -zustände, Mentalitätskonstruktionen, Sozialisation, religiöse Themen oder auch mal Texte, die jenseits von bildungsbürgerlichen Selbstfindungsprozessen in urbanen Räumen handeln. Darüber wird ja geschrieben, ist aber zu oft dem „großen Publikum“ unsichtbar.

SB: Es soll sich dabei ja auch um eine Benefizlesung handeln, eine Lesung deren Einnahmen Geflüchteten zugutekommen. Wissen Sie bereits, in welchen Sprachen die Lesung stattfinden wird?

AG: Das Projekt präsentiert deutschsprachige Prosa. Der Benefizcharakter der Veranstaltung hat damit aber nur indirekt etwas zu tun. Die Kasseneinnahmen werden zur Einrichtung einer Bibliothek in der Gemeinschaftsunterkunft Treskowstraße in Heinersdorf verwendet. Natürlich werden dann aber vorrangig Bücher in den Sprachen der Geflüchteten angeschafft. Ich habe versucht, auch Schriftsteller*innen unter den Geflüchteten zu finden, die zum Konzept passen. Leider bisher ohne Erfolg.

SB: Hat es einen Grund, weshalb genau diese Unterkunft ausgewählt wurde? Haben Sie über die Suche nach geflüchteten Autor*innen einen Diskurs entfachen können über Literatur? Welche Autor*innen sind für Geflüchtete interessant?

AG: Die Heinersdorfer Gemeinschaftsunterkunft befindet sich in direkter Nachbarschaft zur Brotfabrik, zu Fuß sind das gerade mal 10 Minuten. Außerdem treffen sich die Akteur*innen des Unterstützungskreises regelmäßig in der Kneipe der Brotfabrik, da lag es fast auf der Hand, dass wir kooperieren. Ich habe den Eindruck, dass sich geflüchtete Autor*innen eher am Mainstream orientieren, also Genre-Literatur wie Fantasy etc. pp. produzieren. Das trifft ganz sicher nicht auf alle zu, es gab aber in der Vorbereitungszeit ein paar Kontakte aufgrund von Empfehlungen etwa, die das bestätigen. Ist aber, wie gesagt, nur ein sehr subjektiver Eindruck. Meistens kam die Absage dann vonseiten der angefragten Autor*innen selbst.

SB: Kommen wir nun zu meiner letzten Frage. Ich möchte abschließend von Ihnen wissen, ob eine „Lange Nacht der poetischen Prosa“ eine Art Pilot-Projekt ist? Dürfen wir uns auf eine Veranstaltungsreihe freuen, die sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird?

AG: Naja, wir hatten ja schon öfters mal eine Lange Nacht in der Sparte „Literatur“ in der Brotfabrik, als Reihe ist „So geht Prosa!“ aber nicht konzipiert. Evtl. ergeben sich noch weitere Kooperationen mit der Gemeinschaftsunterkunft in Heinersdorf, aber auch das ist nicht geplant bisher.

SB: Lieber Herr Graeff, ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch.

AG: Ich danke Ihnen.

 

 

Die Interviewfragen stellte S.Barnieck