Neue Literaturveranstaltungsformate

 

Für die Englische Version klicken sie hier. / For the English version click here.

 

TAG 1                TAG 2                TAG 3


RAHMENDATEN

 

Veranstaltungsort

Lettrétage e. V.
Mehringdamm 61, 1. Hinterhof
10961 Berlin

Moderation

Daniela Seel (KOOKBOOKS)

Konferenzensprache

Englisch

Konferenztage

Freitag 3.11., bis Sonntag, 5.11., jeweils 9.30 Uhr – 17.00 Uhr.


INHALTLICHE SKIZZE

Kernpunkt ist die Frage, ob im Rahmen von Literaturveranstaltungen Texte „nur“ präsentiert und diskutiert werden, das Verhältnis zum Kunstwerk also ein distanziertes ist, oder ob – wie im Fall der CON_TEXT-Veranstaltungen – die öffentliche Darbietungsform, die Bühnensituation, die „Aufführungspraxis“ nicht zwangsläufig zu einem Teil des Kunstwerks werden. Die CON_TEXT-Konferenz nimmt die zweite Anschauung als gegeben an. Infolgedessen verschmelzen Produktion, Präsentation und Reflexion des Kunstwerks; zugleich verschwimmt die klare Abgrenzung zu anderen Kunstgattungen. Eine besondere Chance bietet hier die Öffnung des literarischen Kunstwerks zum Diskurs und zum Prozess – dem Leser wird kein fertiges, unveränderliches Produkt, kein fixierter Standpunkt mehr präsentiert, sondern ein fragiles, veränderliches Gebilde, zu dessen Teil er im Rahmen einer „Textaufführung“ werden kann. Das bedeutet keine Abkehr von kritischem Denken, im Gegenteil – die Kritik wird (idealiter) als Teil des künstlerischen Prozesses in das Werk integriert, anstatt nur außen vor zu stehen. Produktion und Präsentation werden eins, die Veranstaltungen werden der Kunstgattung Literatur und ihrem Charakter des Prozesshaften gerecht: Literatur wird Kommunikationsanlass, anstatt eine Wahrheit apodiktisch zu verkünden. Denkbar wäre ein Text, der nur in seinen jeweils veränderlichen Aufführungen seine gültige Gestalt annimmt, ohne je gedruckt oder anderweitig veröffentlicht zu werden.

Wegweisend für die Konferenz sind daher insbesondere Fragen zum Verhältnis von Prozess und Produkt, und von Autor, Kurator, Veranstaltung und „Werk“: Ist die literarische Veranstaltung ein eigenes künstlerisches Werk? In welchem Verhältnis steht sie zum Text, steht der künstlerische Kurator, der die Veranstaltung konzipiert und umsetzt, zum Autor? Wie kann eine literarische Veranstaltung einen tatsächlichen ästhetischen und diskursiven Mehrwert bieten, ohne den künstlerischen Eigensinn der Texte kleinzusprechen? Bedeutet Kuratieren eine Enteignung des Autors? Ist Kuratieren ein Übersetzen? Welche ist dann die Zielsprache? Welche Möglichkeiten erschließen analoge und digitale Mittel der Textproduktion und -präsentation für die literarische Veranstaltung? Ist am Ende alles „Inszenierung“? Und wenn nicht: Welche Sprache kann die literarische Veranstaltung ersinnen, die die Eigenheit des literarischen Textes behaupten und zugleich kreativ weiter(ver)arbeiten kann, mit Blick auf das ästhetische, lebendige Erlebnis von Literatur?


TAG 1
Freitag, der 03.11.2017
Projektexterne Künstler*innen und Veranstalter (Festivals, Institutionen)

 

Panel 1 (9:30-13:00 Uhr, bitte pünktlich vor Ort sein)

Referenten: Projektexterne Künstler*innen

 

9:30-10:00 Uhr         Willkommenskaffee und Briefing

10:00-10:30 Uhr       Katharina Deloglu, Linde Nadiani, Daniela Seel: Begrüßung und Einleitung

10:30-11:45 Uhr        Sandra Man / Moritz Majce: Writing Spaces
……………………….Sandra Man / Christine Börsch-Supan: Spacing Voices
……………………….Florian NeunerAutorenmusik
……………………….Andrea Inglese: Making images unfamiliar
………………………Tomomi Adachi: Text in the context of experimental music

11:45-12:00 Uhr         Kaffeepause

12:00-13:00 Uhr         Moderierte Diskussion

13:00-14:00 Uhr         Mittagspause

 

Leitfragen von Panel 1:

Welche Motivation treibt Künstler*innen der unterschiedlichen Sparten an, in interdisziplinären Veranstaltungen literarische oder andere Texte zu präsentieren? Welches Verständnis des eigenen „Werks“ liegt dem zugrunde, gerade wenn es sich nicht um Auftragsarbeiten handelt (so im Fall der hier referierenden projektexternen Künstler*innen)? Wie gestalten sich die künstlerischen Verfahren und Entwicklungsprozesse der jeweiligen Veranstaltungen und welche Rolle spielt der Text dabei (im konkreten Verfahren und für den einzelnen Autor, Musiker, Bildenden Künstler, Tänzer etc.)? In der Bildenden Kunst spielt Text zurzeit eine wichtige Rolle – in Künstlerbüchern oder Manifesten, aber auch als grafisches, auditives Sprachmaterial in Installationen usw. Wann aber ist „Text“ in seiner ästhetischen Qualität „Literatur“, wann die Textinstallation o.ä. eine „Literaturveranstaltung“? Gibt es andere Formen künstlerischen Schreibens jenseits der Literatur und, wenn ja, was bedeuten solche künstlerischen Produktionsprozesse (welche Konsequenzen haben sie) für die öffentliche Präsentation künstlerischer Texte? Wo liegen die Unterschiede zur „Literatur“ und zur „Literaturveranstaltung“? – Erweitert man das in den Blick genommene künstlerische Arsenal um Neue Technologien, entstehen durch computergenerierte Texte, Softwares, Codes und Covertexte zahlreiche weitere Fragen rund um Autorschaft, Werkbegriff, und Definitionen von „Literatur“ und „Literaturveranstaltung“.

 

Panel 2 (14:00-17:00 Uhr)

Referenten: Akteure von Festivals und Mehrsparten-Häusern

 

14:00-15:00 Uhr         Cordula Hamschmidt, Haus der Kulturen der Welt
………………………..Heidrun Primas, Forum Stadtpark
………………………..Maria A. Ioannou: SARDAM Festival
………………………. Tom Bresemann: SOUNDING OUT LOUD! Organising and Curating New Ways of Presenting Literature

15:00-15:15 Uhr         Kaffeepause

15:15-17:00 Uhr         Moderierte Diskussion

 

Leitfragen von Panel 2:

Welche Funktion nehmen einerseits Festivals, andererseits Häuser bzw. Institutionen im Gesamtprozess von künstlerischer Produktion und öffentlicher Präsentation neuer Literaturveranstaltungsformate ein? In welchem Verhältnis stehen sie zu den Künstler*innen? Welches sind ihre Beweggründe, welches ihre Wirkungsabsichten für das öffentliche Präsentieren neuer Literaturveranstaltungsformate? Wie hängt das Einbinden neuer Literaturveranstaltungsformate mit dem Selbstverständnis der einzelnen Institution bzw. des Hauses oder Festivals zusammen? Welchen Einfluss haben bei Projekten die finanzierenden Förderprogramme und deren Richtlinien, bei der Programmarbeit der Institutionen ihr öffentlicher Auftrag? Wie verhalten sich demzufolge (förder-)politische und ästhetische Kriterien zueinander? Spielt die lokale Situation, also das Spektrum und der Charakter der literarischen Einrichtungen und Veranstaltungsprojekte vor Ort, eine Rolle und wenn ja, inwiefern? Wie unterscheiden sich Mehrspartenhäuser von Literaturhäusern in den Rahmenbedingungen für neue Literaturveranstaltungsprojekte? – Welche konkreten neuen Literaturveranstaltungsformate entstanden im Rahmen der einzelnen Festivals bzw. Jahresprogramme (Beispielfälle) und was sind ihre Charakteristika (Interdisziplinär? Kollaborativ? Ortsspezifisch? Neue Technologien?….)? Welche ästhetischen und/oder künstlerischen Fragen sind dadurch aufgeworfen worden? Wie gestaltete sich die öffentliche Kommunikation: Gab es Interesse von Medienvertretern (Bild, Ton, Text/Print)? Konnte Publikum dafür gewonnen werden, und wenn ja, welches?

 

Abendveranstaltung

Konferenz-Performance
20 Uhr, Lettrétage

MSQ–>AMS–>PAR–>TXL

von und mit Barbara Philipp (Österreich/Niederlande), Andrea Inglese (Italien/Frankreich), Aleksei Shinkarenko (Weißrussland)


TAG 2

Samstag, der 04.11.2017

CON_TEXT-Künstler*innen

Panel 3 (9:30-13:00 Uhr, bitte pünktlich vor Ort sein)

Referenten: CON_TEXT-Künstler*innen

Einzelne Künstler*innen der CON_TEXT-Veranstaltungsreihe stellen ihre jeweilige Veranstaltung vor. (Kurze Dokumentationsfilme, Veranstaltungsberichte und Künstlerinterviews)

 

9:30-10:00 Uhr           Willkommenskaffee und Begrüßung

10:00-10:15 Uhr        Katharina Deloglu: Das CON_TEXT-Projekt – zur Einführung

10:15-11:15 Uhr         Maria A. Ioannou: Concrete Skin (konzipiert und ausgeführt mit Momo Sanno)
………………………..Rike Scheffler: memory foam (konzipiert und ausgeführt mit Jochen Roller)
………………………..Charlotte Warsen: Krieg im Park / War im Park (konzipiert und ausgeführt mit Yevgenia Belorusets)

11:15-11:30 Uhr         Kaffeepause

11:30-13:00 Uhr         Moderierte Diskussion

13:00-14:00 Uhr         Mittagspause

 

Panel 4 (14:00-17:00 Uhr)

14:00-15:00 Uhr         Mathias Traxler: haut parleurs (konzipiert und ausgeführt mit Harald Muenz)
………………………..Gerhild Steinbuch: Alternative Fictions (konzipiert und ausgeführt mit Elisa Müller)
………………………..Tomomi Adachi: X3: Time to deliver (konzipiert und ausgeführt mit Daniel Malpica)

15:00-15:15 Uhr         Kaffeepause

15:15-17:00 Uhr         Moderierte Diskussion

 

Leitfragen für Panel 3 und 4:

Wie sind die beteiligten Künstler*innen mit ihrm Partner auf ihr „Thema“, ihre „Fragestellungen“ gekommen und was hat dieses Thema mit ihrm bisherigen Werk zu tun? Hatten sie eigene literarische Texte oder Texte Dritter verwendet, bei der Verwendung eigener Texte bereits existierende gewählt (ggf. überarbeitet) oder neue geschrieben? In welchem Verhältnis steht ihre Veranstaltung zu diesen literarischen Texten, und sie als Aufführende zu dem/den Autor*innen der Texte? Hat sich ihr Bezug zu eigenen, zuvor schon existierenden literarischen Texten durch die Kollaborations- und Aufführungsarbeit gewandelt? Welche Begrifflichkeiten haben für sie eine analytische Aussagekraft, wenn sie das Verhältnis von Text und Veranstaltung, von Autor und Aufführendem zu benennen versucht? Würden sie die entstandene Veranstaltung ihrem Werk zurechnen oder mehr als externe Auftragsarbeit verstehen? Welche Kriterien des subjektiven Werkbegriffs liegen dieser, ihrer Entscheidung zugrunde?

Inwieweit spielte Inter- bzw. Transdisziplinarität für sie zuvor eine Rolle? Wo entstanden Reibungen, Störungen und Konflikte – einerseits mit den Vorstellungen des Partners, andererseits mit den Rahmenbedingungen des Projekts – und wie wirkten sich diese aus? Gibt es Begriffe, Theorien, Konzepte bzw. Diskurse, die sie in einem Zusammenhang mit ihrer kollaborativen Arbeit sehen? Hat sich ihre Perspektive auf ihre gemeinsame Arbeit jetzt, aus zeitlicher Distanz, geändert im Vergleich zur Praxisphase der Konzeption und Durchführung?

 

Abendveranstaltung

Wir empfehlen  den Besuch der Raumchoreographie Narkosis der Konferenzteilnehmer*innen Sandra Man und Moritz Majce am 4./5.11. um 20.30 Uhr, die im Rahmen des Open Spaces Festival der Tanzfabrik in den Uferstudios stattfindet.


TAG 3
Sonntag, der 05.11.2017
Wissenschaftliche Perspektiven auf CON_TEXT (Vormittag) und Abschluss-Workshop 

Vormittag

Referent*innen: Lena Vöcklinghaus, Andreas Bülhoff

 

9:30-10:00 Uhr           Willkommenskaffee und Begrüßung

10:00-13:00 Uhr         Lena Vöcklinghaus, Andreas Bülhoff : Practices of Literary Performances
………………………..

13:00-14:00 Uhr         Mittagspause

 

Die Literaturwissenschafler*innen Lena Vöcklinghaus und Andreas Bülhoff arbeiten zurzeit am Thema „Textperformance – aktuelle Positionen und Begriffe“. Im laufenden Wintersemester geben sie dazu ein Seminar an der Uni Hildesheim im Studiengang Kreatives Schreiben. Auf Grundlage der Dokumentationsmaterialien der CON_TEXT-Veranstaltungsreihe – konkret: der kurzen Videos, der subjektiven Veranstaltungsberichten und der Interviews mit den beteiligten Künstlern – versuchen sie erste begriffliche und analytische Annäherungen an die erarbeiteten Veranstaltungsformate im Vergleich zur konventionellen „Wasserglas-Lesung“.

 

Nachmittag

Workshop von und mit der Künstlerin Swantje Lichtenstein

 

14:00-17:00 Uhr         Workshop: IN ANWESENHEIT SETZEN

Bis 1960 „schien Kunst ‚keinerlei Berührung‘ mit ihrem ‚Publikum‘ zu haben, mit den ‚gesellschaftlichen Werten‘, den ‚ökonomischen Realitäten‘, der Informationstheorie, Sprachanalyse usw.“ (Art & Language, 1972, 14). Dies änderte sich zwar gewaltig für die Kunst, hatte aber keinen Einfluss auf die Literatur. Es führte sogar zur einem Verbot der Anwesenheit in der zeitgenössischen Literatur und zu einer Widerlegung der Literatur als einer Sprachkunst, die auch gezeigt werden soll, die ins Öffentliche und in Anwesenheit gesetzt werden soll. Der Weg ins Digitale veränderte die Wege des Verlagswesens und die Sichtbarkeit der Sprache, doch die Kontextualisierung und Theoriebildung haben noch nicht einmal begonnen. Dieser kollaborative Workshop sammelt und teilt Wissen, befreit Ideen und Begriffe usw., und er versucht Antworten und neue Fragen zu finden.

 

Abendveranstaltung

Wir empfehlen  den Besuch der Raumchoreographie Narkosis der Konferenzteilnehmer*innen Sandra Man und Moritz Majce am 4./5.11. um 20.30 Uhr, die im Rahmen des Open Spaces Festival der Tanzfabrik in den Uferstudios stattfindet.


Die CON_TEXT-Konferenz ist eine geschlossene Veranstaltung. Nichts desto weniger freuen wir uns sehr, wenn Literaturschaffende und -vermittler Interesse haben, sich an den Diskussionen zu beteiligen. Wer teilnehmen möchte, möge sich bitte bis 25. Oktober 2017 bei Linde Nadiani anmelden: linde.nadiani@lettretage.de

Shared by:                                                                                                                                                                                          Gefördert von: