Der Abfall wird zur Hauptsache

JK —  6. Juli 2017 — Kommentieren

Vor der sechsten CON_TEXT Veranstaltung traf sich Florian Neuner mit dem Küntlerduo Cristian Forte und Harald Muenz, um dem Müll auf den Grund zu kommen.

 

Florian Neuner: Wie kommt es, Harald, dass du im Rahmen dieser Reihe schon mit dem zweiten Partner agierst? Konntest du dich nicht entscheiden?

Harald Muenz: Nein, gar nicht. Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind. Das Auswahlverfahren war ja so, dass wir nach dem Speeddating einen Dreiervorschlag abgeben sollten, und auf meinem Dreiervorschlag standen sowohl Cristian als auch Mathias Traxler. Irgendwann hieß es dann: Du kriegst beide! Ich habe nicht nachgefragt, warum, aber ich habe mich natürlich sehr gefreut.

Cristian Forte: Ich arbeite normalerweise mit Sound, deshalb habe ich mich für Harald als Partner entschieden.

F.N.: Bei eurer Performance fällt auf, dass Sprache sehr weit in den Hintergrund tritt. Es vergehen 40 Minuten, ehe gesprochene Sprache zum ersten Mal zu hören ist und nicht nur etwa auf Papierschnipseln am Boden liegt. Ich meine die Stelle, an der in einem eingespielten O-Ton der Müllmann zu hören ist. Daneben gibt es Skripturales, Schriftzeichen, die aber nicht ohne weiteres zu entziffern sind. Verständliche Sprache schält sich erst relativ spät heraus aus dem klanglichen Kontinuum. Warum diese Zurückhaltung?

H.M.: Wir hatten schon im Vorfeld die Idee, weder als Dichter noch als Komponisten im engeren Sinne auftreten zu wollen. Und die Klänge sind ja auch keine komponierten Klänge, sondern kommen eher aus dem Bereich von Sound. Es gibt keine komponierte Partitur.

C.F.: Ich arbeite mit Textmaterial, das ich im Papiermüll finde. Meine Texte entstehen quasi aleatorisch. Ich setze während der Aufführung aus Fundstücken eine Collage zusammen.

H.M.: Es gab schon die Idee, mit mehr Text zu arbeiten, aber Cristian war es vor allem wichtig, einen Text live zu generieren und also nicht schon mit Texten anzukommen. Ich habe das dann aufgegriffen, indem ich auch live mit Klängen arbeite. Von daher ist es eigentlich eine doppelte Improvisation.

F.N.: Wie bist du als Klanginstallateur vorgegangen?

H.M.: Ich wollte den Raum von Anfang an akustisch unter Wasser setzen. Eine Möglichkeit dazu ist es, ein Feedback zu erzeugen. Wenn ich ein Mikrophon bis an die Grenze zum Feedback aufdrehe, hat der Hörer den Eindruck von Wasser im Raum. Mit diesem Feedback wird sehr viel gespielt – ein akustisches Phänomen, das schlecht kontrollierbar ist –, und das andere sind Schwebungen. In jedem Raum gibt es einen Lautsprecher, und die beiden Lautsprecher haben quasi dieselbe Frequenz, aber nur quasi. Das psychoakustische Phänomen ist, dass sich durch die geringfügig voneinander abweichenden Frequenzen im Gehirn des Hörers dynamische Schwebungen einstellen, dieses Flattern des Tones, das aber eigentlich nicht existiert. Auf diesen beiden schwer kontrollierbaren akustischen Phänomenen habe ich das aufgebaut.

F.N.: Es wird also morgen wieder erheblich anders klingen?

H.M.: Bestimmt.

C.F.: Ja.

F.N.: Wie probt man so etwas? Es gibt wahrscheinlich nur einen groben Ablaufplan?

C.F.: Nein, das kann man nicht proben. Jede Probe ist ein neues Kunstwerk. Ein wichtiger Bestandteil ist aber auch die Installation, dieser Würfel im hinteren Raum.

H.M.: Das ist keine totale Improvisation. Wir wissen genau, was wir machen, aber die Details unterscheiden sich jedes Mal. Man könnte eher von Aleatorik als von einer freien Improvisation reden, wobei der Ablauf immer derselbe ist. Es hat uns, glaube ich, beiden gut gefallen, dass man permanent aufpassen und reagieren muss.

F.N.: Es gibt also einen groben Ablaufplan, nach wie viel Minuten die Mülltonne hereingeschoben wird, wann die Projektion des Textes einsetzt usw. Was aber akustisch genau passiert, ist nicht festgelegt?

H.M.: Es gibt insofern einen festgelegten Ablaufplan, als sich die Schwebungen von 35 Hertz bis ca. 580 langsam hochschrauben. Und wenn der O-Ton des Müllwerkers kommt, geht das Glissando wieder zurück. Der Müllwerker ist sozusagen der Solist. Der ist eigentlich der Dichter.

F.N.: Den habt ihr hier zufällig getroffen?

H.M.: Im Mai schon, und der war auch ganz scharf darauf, interviewt zu werden. Dieses Interview ist eine Art objét trouvé.

F.N.: Wie seid ihr auf das Thema Müll gekommen? Stand das für euch von Anfang fest?

C.F.: Ich hatte zunächst die Idee, etwas draußen auf der Straße zu machen. Ich arbeite bei meinen Performances immer gerne im öffentlichen Raum. Es hieß aber, das sei nicht möglich. Die CON_TEXT-Veranstaltungen müssten auf jeden Fall in den Räumen der Lettrétage stattfinden. Deswegen war meine Überlegung, mit dem Müll etwas hereinzuholen und auf diese Weise einen Kontakt zwischen draußen und drinnen herzustellen.

F.N.: Das ist die Papier-Mülltonne der Lettrétage?

H.M.: Wir haben von den vorangegangen CON_TEXT-Veranstaltungen noch einiges gefunden, aber auch eine Bild-Zeitung …

F.N.: Was bedeutet Müll in euren jeweiligen Arbeitsfeldern? Für den Autor ist vielleicht eine verworfene Fassung Müll, ein Ausdruck, der weggeworfen wird. Bzw. hat man es heute mehr mit Datenmüll als mit Papiermüll auf Papier zu tun. Ein Auswahlprozess bedeutet jedenfalls auch immer, dass etwas ausgeschieden wird.

H.M.: Für mich stellt sich das etwas anders dar. Schwebungen sind ja meist unerwünschte Beiprodukte. Man versucht Schwebungen zu eliminieren, etwa beim Stimmen eines Musikinstruments. Dasselbe gilt für Feedback. Wenn man die Mikrophone korrekt einzustellen versucht, vermeidet man das gerade. Im Grunde spiele ich mit zwei Abfallprodukten, die normalerweise verpönt sind. Dazu kommen die verstärkten Schrittgeräusche, die man sonst ja auch nicht haben will. Der Abfall wird zur Hauptsache.

C.F.: Ich arbeite in meiner Dichtung mit »schlechtem« Material. In dieser Performance handelt es sich für mich um metaphorisch aufgeladenes Material. Wenn ich diesen am Boden zum Quadrat ausgelegten Papiermüll sehe, sehe ich eine Stadt, den Konsum und den Müll, der anfällt. In der Literatur passiert das auch. Ich arbeite nicht mit den Produkten, sondern mit dem Rest. Deshalb spielt die Collagetechnik eine große Rolle für mich.

F.N.: Nun ist die Grenze zwischen Müll und brauchbarem Material fließend. Es gibt Menschen, die sich gut aus dem Müll ernähren können, weil so viele einwandfreie Produkte weggeworfen werden. Ich muss auch an ein Restaurant in Wuppertal denken, das »Müll-Museum« heißt und wo die erstaunlichsten Gegenstände ausgestellt sind, die ein Wuppertaler Müllmann aus dem Müll gerettet hat.

C.F.: Unsere Zusammenarbeit war auch insofern harmonisch, als wir von Anfang an etwas Politisches machen wollten. Mich interessieren in diesem Zusammenhang die Grenzen zwischen Künstler und Publikum.

F.N.: Die sind ja hier weitgehend aufgelöst. Das Publikum ist aufgefordert, sich frei in den Räumen zu bewegen. Gut, es wird jetzt niemand hineintrampeln, wenn Cristian am Boden seine Papiere sortiert, aber es gibt keine Absperrungen.

H.M.: Du überlegst dir natürlich schon: Soll ich da jetzt hineingehen? Darf ich da jetzt hineingehen? Das Publikum wird sich das fragen.

F.N.: Was bedeutet der Untertitel »asemischer Eingriff«? Ich habe heute in zwei Fremdwörterbüchern nachgesehen und konnte ›asemisch‹ nicht finden.

H.M.: Das geht auf Kenneth Goldsmith zurück, »asemic writing«. Asemische Zeichen sind Zeichen, die in keiner existierenden Schrift vorkommen.

F.N.: Es gibt eine Passage, in der du solche Zeichen auf eine Folie schreibst.

H.M.: Auf der musikalischen Ebene ist das ganz ähnlich. Es sind Dreiklänge und Intervalle zu hören, aber letztlich sind das Zufallsprodukte, die in keinem musikalisch-syntaktischen Kontext stehen.

F.N.: Nun ist die Idee hinter dieser CON_TEXT-Reihe, literarische Veranstaltungsformate durch die Einbeziehung von Nachbarkünsten aufzubrechen. Wie ist euer Bezug darauf? Oder anders gefragt: Harald, könntest du in einem Neue-Musik-Rahmen genauso agieren oder würde das andere Überlegungen und Kriterien erfordern?

H.M.: Wir haben einfach gesagt, wir machen eine gemeinsame Performance und wir legen unsere Kräfte zusammen – egal, ob dabei Musik oder Literatur herauskommt. Wir machen ein gemeinsames Kunstprojekt. Ausgangspunkt waren der Raum, ein Etat und eine Woche Zeit. Daraus wollten wir etwas machen. Das ist auch ein Clash, weil wir sehr unterschiedlich arbeiten. Uns hat beide gereizt zu sehen, wie man sich an einer anderen Künstlerpersönlichkeit messen kann. Das ist das Ergebnis. Wir haben jetzt gar nicht so sehr gedacht, da muss Literatur oder Musik herauskommen.

C.F.: Ich finde aber schon, dass es in dieser Performance viel Literatur gibt. Literatur bedeutet für mich nicht, einen Text zu schreiben. Mir geht es darum, meine Wirklichkeit mit der Wirklichkeit anderer Personen oder Situationen zu verbinden. In unserem Interview mit Tino, dem Müllmann, habe ich viel Literatur gefunden. Tinos Geschichte ist die Literatur, und wir arbeiten in diesem Rahmen. Er erzählt zwei Geschichten, und das ist doch Literatur, Geschichten erzählen. Er ist auf jeden Fall ganz authentisch.

H.M.: Du sagst, Literatur ist Narrativität, aber um das geht es vielleicht gerade nicht. Das ist der Alltag, und da ist es schon viel besser realisiert. Literatur kann sich dann vielleicht um andere Dinge kümmern, jenseits dieser Alltagsnarration.

C.F.: Ich bin immer auf der Suche nach der Grenze, was man noch als Literatur definieren kann. In Argentinien habe ich in einer surrealistischen Gruppe mitgewirkt, die auch auf der Straße bei Demonstrationen in Erscheinung getreten ist. Ich interessiere mich für Literatur, bei der nicht unbedingt ein Buch als Endprodukt angestrebt wird, und ich beziehe mich dabei auf Avantgarde-Traditionen, bei denen der Körper des Autors als Performer im Mittelpunkt steht.

F.N.: Wenn ich die Kunstgattungen und -felder vergleiche, fällt auf, dass in der bildenden Kunst medial erst mal alles möglich zu sein scheint. Auf der documenta kann ein Beitrag darin bestehen, dass aus einem Buch gelesen wird. Es könnte aber auch ein Streichquartett aufgeführt werden – von quasi journalistischen Reportagen aus dem Nahen Osten mal abgesehen. Das ist in der Literatur oder in der Musik nicht so ohne weiteres möglich. Aus den in diesen Bereichen etablierten Veranstaltungsformaten fällt man viel schneller heraus, gerät unter Rechtfertigungsdruck usw. Die CON_TEXT-Reihe steht unter der Überschrift »Wir machen mal etwas ganz anderes«, da wird sich jetzt niemand wundern, wenn keine normale Lesung stattfindet. Aber in der Regel sind die Rahmen relativ eng gezogen. In der Neuen Musik ist das ähnlich. Schon die sogenannten Klangkünstler fristen eine Art Außenseiterdasein.

H.M.: Ich denke, da sind sich Literatur und Musik doch relativ nahe, was das konservative Festhalten an einem bestimmten Literatur- oder einem bestimmten Musikbegriff betrifft. Alles, was da herausfällt, landet in einer Nische. Die Nische ist zwar als das exotische Andere akzeptiert, aber man möchte damit eigentlich nichts zu tun haben. Wenn man aus dieser Nische aber auch noch rausspringt und sagt, ich mache Kunst, Musik als Kunst, dann ist das keineswegs selbstverständlich. Es gäbe dafür natürlich ein gewaltiges Vorbild, und das ist John Cage, der gesagt hat, er macht auch Literatur, er macht auch Musik, und man kann das im übrigen nennen, wie man will.

F.N.: Wenn man diese Entgrenzungen, die sich in den einzelnen Gattungen sozusagen zentrifugal abspielen, zu Ende denken würde, dann würde daraus ja resultieren, dass man diese Sparteneinteilung hinter sich lassen muss.

H.M.: Warum denn nicht?

F.N.: Dazu ist es aber trotz aller Sprengungen und Verfransungen, trotz der Fluxus-Bewegung usw. nicht gekommen. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass es in den letzten Jahrzehnten wieder zunehmend konservativer zugeht. In der Literatur z. B. werden die Gattungen wieder sehr sauber getrennt.

H.M.: Ich finde das eine vollkommen lächerliche Tendenz. Wenn man Kunst ernst nimmt als Utopie von Freiheit, dann ist es völlig unakzeptabel, solche Grenzen einzuziehen. Ich verstehe natürlich, dass man versucht, Kriterien zu finden, aber letztendlich muss der Kunstbegriff weit geöffnet bleiben. Zumindest waren wir da schon mal weiter. Cage ist nur ein Beispiel, Beuys ein anderes. Es heißt dann, das seien »historische Positionen«. Aber hinter die sind wir wieder zurückgefallen. Es wird wieder enger.

C.F.: Ich war gerade in Chile. Dort gibt es viele Autoren, die künstlerisch-soziale Projekte machen. Das hat auch damit zu tun, dass es nicht so viel Geld für Kunst und Literatur gibt. Das ist aber perfekt, weil die Leute dann das machen, worauf sie Lust haben. Es gibt keine Grenzen und Konventionen, sondern nur die Macht der Kreativität. Wir Künstler stehen im Regen, und das ist eine ganz positive Situation. Das Problem ist die Hegemonie europäischer Vorstellungen von Kunst. Europa sagt, was Kunst ist. Aber das wird im 21. Jahrhundert keinen Bestand mehr haben. Künstler und Künstlergruppen sind heute gut vernetzt und informiert. Es ist nicht mehr so wie in den achtziger und neunziger Jahren. Wir wissen haute, was in anderen Ländern passiert. Es gibt keine große Kunst mehr, es gibt nicht mehr die zehn bedeutenden Künstler in Südamerika.

H.M.: Die sind alle in Europa!

C.F.: Es gibt nicht mehr fünf, sondern hunderte interessante Dichter. Wir können jetzt suchen und finden. Die Hegemonie der Institutionen und Verlage ist viel schwächer geworden.

F.N.: Das ist sicher eine gewaltige Chance. Aber diese Bastionen werden nicht kampflos aufgegeben. Es gibt die großen Verlage mit den großen Werbebudgets noch. Es gibt noch Kritiker, die glauben, dass ihr Wort entscheidend ist. Die versuchen immer noch, Hierarchien zu verteidigen und sich gegenseitig Wichtigkeit zuzuschreiben.

C.F.: Es findet eine Demokratisierung der Information statt. Man kann einen Blog oder eine Website machen. Wenn ich auf der Suche nach alternativen Informationen bin, dann gibt es auf jeden Fall Angebote.

F.N.: Jetzt könnte ein literatur- oder musikinteressierter Mensch aber einwenden: Das ist ja gut und schön, aber ich habe die Zeit nicht, den ganzen Tag im Netz zu surfen auf der Suche nach den wahren Perlen. Ich brauche jemanden, der mir Hinweise gibt.

H.M.: Aus meiner früheren Hochschultätigkeit weiß ich: Wenn Leute aus fernen Ländern kommen, dann sind die bestens informiert. In diese Richtung funktioniert der Informationsfluss sehr gut. Wenn sie aber ihre eigenen Sachen publizieren, dann wird das nicht unbedingt zur Kenntnis genommen.

JK

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