Die Jagd nach dem Text

Michaela Frey —  15. Juli 2015 — Kommentieren

 

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Autor Valentin Moritz jagt seinen Text; Foto: Susanne Kilmroth

Der Autor = ein wahnwitziger Zoogänger? Bei Valentin Moritz’ Leseperformance „WILDWECHSEL | Eine Entgrenzung auf vier Beinen“ wird der Autor zum todesmutigen Zoobesucher, der nicht nur die informative Beschriftung des Tiergeheges lesen will, sondern selbst ins Gehege springt, die Gitter öffnet und dem wildgewordenen Text freien Lauf lässt. Im Zuge des zwischen/wege-Festival in Freiburg, 17.-18. Juli, tritt Valentin Moritz zum ersten Mal mit „WILDWECHSEL“ auf. Aus diesem Grund haben wir ihn in ein Gespräch verwickelt, über die Jagd nach dem Text, neue Technologien, und Kompromisse in der Kunst.

 

Michaela Frey: Valentin, am kommenden Samstag trittst du beim zwischen/wege-Festival mit dem Konzept „WILDWECHSEL | Eine Entgrenzung auf vier Beinen“ auf. Dabei machst du dich selbst auf die Jagd nach deiner Geschichte, die sich undurchdringbar und geheimnisvoll um den Obergefreiten Roy dreht und dir selbst ein Rätsel bleibt. Der Text wird also zum eigenständigen selbstbestimmten Wesen/Tier, das der Autor versucht einzufangen?
Valentin Moritz: Denken wir uns ein Gehege im Zoo. Gitterstäbe, fremde Geräusche, seltsamer Gestank. Auf der einen Seite wir, auf der anderen das Andere. Eine Tafel, darauf einige Worte und Abbildungen zu dem Wesen hinter den Stäben, sagt uns, was wir zu erwarten haben, wenn es hervorkommt. Diese Tafel ist mein Text – und alles, was sich jenseits der Stäbe befindet, ist etwas, das ich nur für Augenblicke in ihm festhalten kann. Will ich mehr, dann muss ich schon selbst in den Käfig hineingehen. Oder ihn aufsperren und hoffen, dass das Vieh noch außerhalb überleben kann. Und dann kann die Jagd beginnen.
Natürlich geht es dabei nicht darum, dieses Andere am Ende zu erlegen (das könnte ich nicht) – es geht um die Verfolgung, also darum, ihm möglichst lange möglichst nahe zu sein… Mein Text kann sich ihm zwar annähern, aber gleichzeitig ist er Teil des Zooprinzips – also weg da, ab geht‘s, wolle mer se rauslasse, aber hallo! Mit meinem offenen Lesungskonzept will ich Zuhörerinnen und Zuhörer teilhaben lassen an dieser Safari.

“Will ich mehr, dann muss ich schon selbst in den Käfig hineingehen.Oder ihn aufsperren und hoffen, dass das Vieh noch außerhalb überleben kann.”

MF: Was bedeutet diese Eigenständigkeit des wildgewordenen Texts für dein Schreiben?
VM: Der Text selbst ist, wenn man meiner abstrusen Theorie folgen will, nicht das Wildgewordene. Aber er erzählt von Wildem oder Wildgewordenem. Irgendwo in der Welt ist das unterwegs und dann kommt so einer wie ich daher und schreibt es auf. Dieser Schreibprozess ist eine ziemlich kämpferische Angelegenheit, aber am Ende bin doch ich der Sieger. Es steht ja alles da. Oder hab ich etwas vergessen? Nicht richtig strukturiert? Die falschen Worte gefunden?
Meine Zweifel werde ich nicht los. Ist ja auch gemein, jemanden oder etwas in so einem Textkäfig auszustellen. Die Zweifel zeigen aber, dass dort Eigenständigkeit ist – und das muss so sein.

 

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Valentin Moritz beim Lesen; Foto: Isabelle Winkler

MF: Das Konzept WILDWECHSEL beinhaltet auch die Montage von Text, Bild und Ton. Damit soll „ein Versuch, übliche Formen der Textpräsentation zu überholen, um sie von ausgetretenen Wegen hinein ins Dickicht zu treiben” – wie du selbst beschreibst – begangen werden. Momentan sind du und Autorin Saskia Trebing mit der Leseperformance BAHÍA unterwegs. Was bieten dir innovative Präsentationsformen von Text? Sind neue Technologien wichtig für dein Schreiben?
VM: Für mein Schreiben sind ‚neue‘ Technologien insofern wichtig, als dass sie ein Teil der Welt sind, in der ich schreibe. Wie sie funktionieren oder was sie mit uns machen, finde ich zwar prinzipiell interessant, aber letztlich sind sie auch nur eine extreme Form dessen, was ‚alte‘ Technologien auch sein können.
Wenn es darum geht, Texte zu präsentieren kann es aber sehr aufschlussreich sein, andere Medien mit ins Spiel zu bringen. Text, Bild und Ton können auf ihre jeweils eigene Weise Themen oder Zustände umkreisen – und dann in Kombination miteinander noch einmal neue Assoziationen und Spannungsfelder eröffnen. Natürlich sind viele intermediale Lesungen absolut hermetisch, also für das Publikum unzugänglich gestaltet, nach dem Motto: „Das ist Kunst – und ich, der Künstler, darf alles! Wenn du das nicht kapierst, bist du eben ein Idiot!“ Solche Attitüden möchte ich vermeiden. Manche meiner Texte sind etwas abschreckend – und da kann es ganz schön sein, Film und Sound einzubinden, um die Leute mit ins Boot zu holen.

 

MF: BAHÍA thematisiert die Dichotomie von Wildnis und Natur in der Fremde. So heißt es zum Beispiel: „ …und da kann der eine schiefe Blick genügen, da wirfst du dich mit Irrsinnsschreien auf den Leguan, nimmst ihn aus und brätst ihn über deinem inneren Feuer. Und dann bist du das Feuer. So ist das mit der Freiheit und den Idioten. So schnell kann‘s gehen mit der Zivilisation.“ Dahingegen sind in WILDWECHSEL die Bemühungen groß, die Regeln der Zivilisation aufrecht zu erhalten und das Unheimliche unter Verschluss zu halten. Was fasziniert dich an dieser Thematik der Fremde, dem Gegensatz zwischen zivilisiert und primitiv?
VM: Wir sind Menschen. Also Tiere, die behaupten, ‚zivilisiert‘ zu sein. Unser halbes Leben besteht darin, dieser Behauptung gerecht zu werden. Ständige Selbstkontrolle, ständiges Beschneiden und Erziehen der dunklen Seite der Macht. So funktionieren wir ganz gut als Gesellschaft. Aber das ‚Primitive‘ in uns, das keinesfalls besser oder schlechter als das ‚Zivilisierte‘ ist, muss trotzdem immer irgendwie kanalisiert werden und ausbrechen… Mich interessiert, wann und wo der Moment kommt – und es scheint mir, dass eine ungewohnte, fremde Umgebung dabei ein Katalysator sein kann, weil man dort eher auf sich selbst zurückgeworfen wird und gewisse Instinkte aktiv werden. Die einen nennen das dann Wahnsinn. Und die andern Wahrheit.
Zum Glück gibt es diese Narrenfreiheit: Im Schreiben kann ich vollkommen austicken – ohne, dass man mich gleich wegsperrt.

„Ständige Selbstkontrolle, ständiges Beschneiden und Erziehen der dunklen Seite der Macht. So funktionieren wir ganz gut als Gesellschaft.“

MF: Zwischen Zukunft, Liebe, Scheitern, Erfolg und Leistung tingelt sich der Kompromiss, so verortete ihn zumindest das zwischen/wege-Festival, das dem Kompromiss auf die Spur kommen will. Was ist Kompromiss für dich als Mensch/Schriftsteller und siehst du es als ewiges Leid/t-Thema einer Generation?
VM: Ich habe generell ein Problem damit, Aussagen über irgendwelche vermeintlichen ‚Generationen‘ zu treffen. Es langweilt mich, wenn jemand meint, erklären zu müssen wie es ‚uns‘ oder ‚ihnen‘ allen anscheinend gehe und wie neu die Erkenntnis darüber doch sei. Sicherlich leben einige der heute jungen Menschen in dem Luxus, überhaupt Kompromisse eingehen zu können, wohingegen beispielsweise unsere Großeltern in ihren jungen Jahren nicht diese Möglichkeiten hatten. Ich habe auch nichts dagegen, wenn jemand darüber Leid empfindet. Solche Probleme interessieren mich nur nicht besonders.
Im Alltag stellt sich die Frage, welche Kompromisse man eingeht, um sich als Autor durchzuschlagen oder auch nur als solcher zu verstehen, oft genug. Gibt aber auch Schlimmeres…

 

MF: Welchen Kompromiss bist zu zuletzt eingegangen?
VM: Wie fast jeder bin ich heute Morgen in dem Wissen aufgewacht, den Tag über wieder tausend Kompromisse eingehen zu müssen, und doch hab ich mich nicht aus dem Fenster gestürzt. Da haben wir ihn, den Urkompromiss des menschlichen Daseins… Allerdings, was zunächst furchtbar klingt, kann seine guten, ungemein produktiven Seiten haben: Man kann den Kompromiss auch als Chance im Sinne eines Zwischenraums verstehen, als Ort der Überschneidung, wo sich verschiedene Menschen und Ideen treffen und auf die Kacke hauen – na, und genauso wird es hoffentlich beim zwischen/wege-Festival!

 


Valentin Moritz wurde 1987 im Südschwarzwald geboren. Zwanzig Jahre später Studium in Berlin. Germanistik, Hispanistik, Literaturwissenschaft. 2012 Teilnehmer am Autorenkolleg bei Rainald Goetz, ausgerichtet vom Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Seitdem auf Lesebühnen zu Hause – als Gast, Organisator und als Lesender. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Magazinen, zuletzt in Sachen mit Wœrtern, Krautgarten und 500Gramm sowie online auf 54stories.de. 1. Platz beim Literaturpreis Prenzlauer Berg 2015. Im Frühjahr 2015 erschien der kurze Erzählband GROTTENHERMANN im Literatur Quickie Verlag in Hamburg.

 


Das zwischen/wege-Festival findet kommendes Wochenende, 17.-18. Juli, in Freiburg im Breisgau statt. Gemeinsam mit jungen AutorInnen begeben sich die Zuschauer hier auf die Suche nach dem Kompromiss. Auf den Kopf gestellt werden dabei unter anderem Texte, Graphic Novels, Theaterperformances, um zu sehen, wo er sich versteckt hält, der Kompromiss.

 

 

Michaela Frey

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