Hab keine Angst. Und benutze deine Haare

JK —  13. Oktober 2017 — Kommentieren

Vera Kurlenina im Gespräch mit Marion Breton, Tatiana Ilichenko, Barbara Marcel, Tom Nóbrega und Érica Zíngano über die neunte CON_TEXT Veranstaltung „The Hairy Goddess‘ Misstory“

Wir treffen uns im weißen Raum der Lettrétage, den meine Gesprächspartner(innen) gerade für die Aufführung von „Hairy Goddess‘ Misstory“ dekorieren. Der Boden ist mit Plastikfolie ausgelegt, aus Alltagsgegenständen sind konstruktivistisch anmutende Installationen entstanden. Érica Zíngano ist dabei, kleine, akribisch beschriftete Plastiktüten mit Menstruationsblut zu sortieren, deren Abbilder später mit einem optischen Bildwerfer an die Wand projiziert werden. Die fünf Künstler(innen) haben eine Regel für das Interview aufgestellt, angeblich um das Chaos zu bewältigen: Wir werden ein „Kommunikationsrohr“ verwenden, ein Stück weißes Sanitärrohr. Wer es in der Hand hat, hat maximal drei Minuten Redezeit und darf nicht unterbrochen werden.

Vera Kurlenina: Ihr seid fünf Künstlerinnen und Künstler mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Arbeitsmethoden. Und ihr arbeitet gerade gemeinsam an einem Projekt, das in Berlin und auf Englisch stattfinden wird. Könnt ihr bitte erzählen, was ihr in euer künstlerischen Soloarbeit macht und inwiefern sich diese kollektive Arbeit davon unterscheidet?

Tom Nóbrega: Für mich ist es ein krasser Unterschied, ob ich allein oder in einer Gruppe arbeite. Viele Jahre lang habe ich ziemlich oft allein gearbeitet, und ich habe diese Isolation auch in meinen Projekten thematisiert. Heute arbeite ich viel lieber in Gruppen oder Zwei-Personen-Kooperationen. Bei einer Zusammenarbeit hast du viel weniger Kontrolle darüber, was passiert, es ist ziemlich unvorhersagbar. Selbst wenn du allein was machst, gibt es immer diesen Unterschied zwischen deinen Erwartungen und dem Ergebnis, es ist nicht so, dass du alles unter Kontrolle hättest. Aber in einer Gruppe treffen verschiedene Erwartungen aufeinander, und es passiert dabei etwas, was von keinem der Beteiligten vorab artikuliert worden ist. Und immer gibt es dieses Moment, wenn du dich verloren fühlst, du verstehst nicht, was gerade los ist. Aber gleichzeitig erlaubt es dir, Dinge zu tun, die du niemals allein machen würdest. Es ist viel riskanter, und auch weniger kohärent.

Vera Kurlenina: Und was machst du normalerweise als Solokünstler?

Tom Nóbrega: Ich arbeite mit sehr unterschiedlichen Medien, mache viel performative Kunst und Klangexperimente mit der Stimme. Aber ich schreibe auch Gedichte.

Barbara Marcel: Meine Arbeit basiert meistens auf Recherchen. Ich setze mich mit verschiedenen historischen Themen auseinander, und ich arbeite viel mit Video und anderen Medien. Ich habe Film studiert, was an sich eine sehr kollektive, aber auch sehr hierarchische Kunstform ist. Aber in der letzten Zeit bin ich dabei, andere Möglichkeiten, Kunst zu praktizieren, für mich zu entdecken. Und ich denke, dass die Arbeit im Kollektiv wirklich funktioniert, insbesondere wenn wir die Gelegenheit haben, zusammen zu wohnen. In dieser Gruppe haben wir alle keine feste Spezialisierung, wir sind multidisziplinäre Künstler(innen), und wir sind bereit, das Risiko einzugehen, bei uns neue Talente zu entdecken, von denen wir früher keine Ahnung hatten. Für mich ist es eine tolle Möglichkeit, aus mir selbst rauszugehen und neuen Herangehensweisen zu begegnen: mit der Sprache zu spielen, wie Érica es tut, und meinen eigenen Körper einzusetzen wie Tanja. Natürlich ist es nicht immer einfach, und manchmal musst du kämpfen, um deine Ideen durchzusetzen. Aber vor allem geht es für mich darum, diese Schnittstelle zwischen mir selbst und den anderen zu finden, dieses Dazwischen.

Érica Zíngano: Ich lebe seit drei Jahren in Deutschland. Bevor ich hierhergekommen bin, habe ich bereits an kollektiven Projekten teilgenommen, darunter auch literarischen. Und ich habe auch damals schon mit unterschiedlichen Medien gearbeitet. In Berlin angekommen, habe ich, statt weiter visuelle Kunst zu machen, mich immer mehr für die Stimme interessiert, unter anderem in Verbindung mit dem Erlernen einer Fremdsprache.
Mit anderen Leuten zu arbeiten ist eine tolle Erfahrung. Doch es ist nicht ganz einfach, heutzutage Kunst zu machen. Neben den eigenen Interessen muss man darauf achten, was die Institutionen von dir wollen, die Gelder vergeben, und manchmal muss man sich eben anpassen. Die Idee für dieses Projekt ist entstanden, weil ich Tom schon lange kenne, noch aus der Zeit, als er eine Frau namens Luísa war. Damals wollten Tom, Barbara und ich uns um ein Aufenthaltsstipendium in Wroclaw bewerben, dort gab es gerade eine Ausschreibung für Projekte zum Thema „Migrationskrise“. Bei einer Internetrecherche ist Barbara auf das Stück „Mysterium Buffo“ von Majakowski gestoßen, das vom großen polnischen Theaterregisseur Grotowski in Wroclaw aufgeführt worden ist. Wir haben beschlossen, mit diesem Stück zu arbeiten, da es darin auch um Migration geht. Doch es hat mit dem Projekt in Polen nicht geklappt … Dann haben wir Tanja getroffen, die eine Projektidee zur Überwindung des Todes im russischen Kosmismus und der futuristischen Oper „Sieg über die Sonne“ hatte. Danach ist Marion in unser Boot gesprungen. So sind wir zusammengekommen.

Tatiana Ilichenko: Ich denke, dass unser gemeinsames Projekt dem, was ich alleine gemacht hätte, sehr ähnlich ist, und gleichzeitig gibt es auch große Unterschiede. Ich habe viel solo gearbeitet, und vieles in meiner Arbeit hatte dabei mit extremen Erfahrungen und ziemlich schwierigen Themen zu tun. Und dadurch hat sich seit ein paar Jahren der Schwerpunkt meiner Arbeit in Richtung einer sehr kollaborativen künstlerischen Praxis verschoben, die viel mit selbstorganisierten Gemeinschaften zu tun hat, mit der Kommunikation, mit sozialen Erfahrungen. Es ist immer eine riesige Herausforderung, aber auch extrem bereichernd, besonders wenn es keine Hierarchie gibt. Und bei uns gibt es keine. Man muss immer verhandeln, und interne Regeln herausarbeiten, sie aber aufs notwenige Minimum reduzieren. Und jeden Tag müssen diese Regeln neu verhandelt werden.

Vera Kurlenina: Habt ihr deshalb die Regel des Sprachrohrs aufgestellt?

Tatiana Ilichenko: Ja, genau! Aber die Regeln sind natürlich da, um gebrochen zu werden.

Barbara Marcel: Wir reden alle gern und viel. Deshalb haben wir uns die Sache mit dem Rohr überlegt, um das Ganze etwas weniger chaotisch zu gestalten und jedem die Möglichkeit zu geben, zu sprechen.

(Es folgt ein kurzer Streit um das Rohr, alle sprechen durcheinander.)

Tatiana Ilichenko: Wir alle teilen gewisse ethische und politische Werte, auch wenn wir unterschiedliche kulturelle Hintergründe mitbringen, und unsere Art der nicht-hierarchischen Zusammenarbeit hat etwas damit zu tun. Innerhalb des Projekts eine Mikrogesellschaft neu zu erfinden und einen gemeinsamen Mikrokosmos herzustellen – das gehört bei einer Kooperation immer dazu.

Vera Kurlenina: Ist es Demokratie? Oder eine Art Kommunismus?

Érica Zíngano: Ich weiß nicht, was du unter Demokratie meinst. Vielleicht hast du eine andere Vorstellung davon als ich.

Marion Breton: Für mich ist dieser kollektive Prozess sehr spannend. Obwohl es langsam vorangeht und viel schwieriger ist, als ich das mir hätte vorstellen können. Weißt du, wir haben sehr viel recherchiert, es ist verrückt, wie viele Google Docs wir geteilt haben, doch es ist auch sehr schön. Und je mehr wir in diese verrückten Bilderwelten eintauchen, desto mehr entwickelt sich diese Dynamik des Mikrokosmos. Und dass sich dieser imaginäre Raum immer mehr öffnet, ist für mich wahrscheinlich das schönste an der Zusammenarbeit.

Vera Kurlenina: Könntest du mir auch etwas über dich als Künstlerin sagen?

Marion Breton: Ich habe ein paar Gedichte publiziert, aber ich bin noch dabei, mich zu entwickeln. Und ich bin einfach neugierig auf alles Mögliche, ich experimentiere viel und möchte eigentlich keine Spezialisierung haben.

Tatiana Ilichenko: Was wir machen, ist auch eine große Vertrauensübung. Vertrauen ineinander und in diesen kollektiven Prozess. Denn du lässt dich komplett darauf ein und kannst nur hoffen, dass du selbst in dieser kollektiven Stimme nicht verloren gehst, sondern auf jeden Fall du selbst bleibst. Und gleichzeitig ist es eine Kontaminierung auf unterschiedlichen Ebenen, intellektuell, künstlerisch, persönlich, spirituell. Und ja, es hat etwas mit unseren Vorstellungen von Demokratie und Kommunismus zu tun, aber das sind zwei Begriffe, die im Lauf der Geschichte oft missbraucht worden sind, deshalb gehen wir vorsichtig damit um. Aber natürlich wollen wir andere gesellschaftliche Bereiche mit unserer künstlerischen Praxis in Verbindung bringen und vermischen.

Vera Kurlenina: Ihr habt erwähnt, dass es schon einer Aufführung des Stücks gab, in Frankreich. Ist das, was ihr macht, eher eine einmalige oder eine serielle Geschichte? Wollt ihr vielleicht die Performance an anderen Orten wiederholen und welche Rolle spielen überhaupt die Orte?

Barbara Marcel: Lass mich kurz die Vorgeschichte erklären. Das hat alles mit dem Open Call aus Polen für europäische Kunstprojekte begonnen. Érica hat mich eingeladen, etwas mit Tom zusammen zu schreiben. Damals haben wir noch von unterschiedlichen Orten aus zusammengearbeitet. Wir haben einen Antrag gestellt, der nicht angenommen wurde. Danach wurde Érica zu einem experimentellen Musikfestival in Frankreich eingeladen, und es war geplant, dass sie dort ein Soloprojekt macht. Doch Érica hat stattdessen beschlossen, uns alle zu einer Kooperation einzuladen. Und jetzt, in Berlin, hat sie das gleiche getan. Es war geplant, dass sie einen Künstler einlädt, aber er konnte leider nicht teilnehmen, und dann hat sie wieder unsere Gruppe eingeladen.
Das Festival in Frankreich war ein kleines Projekt in sehr ländlicher Umgebung. Aber es war auf eine unspektakuläre Art sehr schön, und Organisatoren waren sehr offen. Unsere Performance in Tuquet (es ist ein Dorf in der Dordogne) war stark durch den Ort bedingt. Auf einem Spaziergang haben wir dieses verlassene alte Auto mitten in der Pampa gefunden, von dem wir sehr angetan waren. Wir haben beschlossen, dass wir nicht auf die Bühne wollen, sondern dass dieses Auto unsere Bühne werden soll. In Majakowskis Stück gibt ja eine Arche, mit der die Figuren nach dem Weltende unterwegs sind. Unsere Arche ist dieses unbewegliche Wrack geworden. In dieses erste Stück haben wir viel Arbeit investiert, und wir hatten alle das Gefühl, dass wir es nochmal machen müssen. Jetzt sind wir hier in Berlin, und der Raum ist ganz anders. Er ist sehr schön aber fast ein weißer Kubus, und es steht eben kein Auto darin.

Vera Kurlenina: Was werden wir eigentlich sehen? Werdet ihr vor allem sprechen oder wird es auch andere Interventionsformen geben? Und sind die Texte vorab geschrieben oder werdet ihr improvisieren?

© Ferid A. Barak/Lettrétage

Barbara Marcel: Es ist eine Mischung aus einer ortspezifischen Installation mit einem Stück, das wir gemeinsam geschrieben haben, und es ist viel Improvisation im Spiel. Es gibt einige schriftliche und mündliche Texte, die wir vorab aufgeschrieben und aufgenommen haben. Wir arbeiten viel mit Collagetechniken, mit Montage, mit Cut-up, und dabei beziehen wir uns auch auf historische Quellen, gemischt mit fiktionalen Referenzen. Außerdem gibt auch einiges an Videomaterial … Habe ich etwas vergessen?

Érica Zíngano: Das Leben! Dieses Stück handelt vom Tod, aber eben deshalb muss es auch ums Leben gehen. Und im Leben gibt es immer Unfälle. Wir nehmen uns viel vor, doch dann greift das Leben ein, und es passieren plötzlich schlimme Dinge, auf der Bühne und hinter der Bühne. Und dann muss man damit umgehen, während das Stück läuft. Das bedeutet für mich Improvisation.

Vera Kurlenina: Und in welcher Sprache wird das Ganze eigentlich stattfinden?

Marion Breton: Vor allem auf Englisch, ein wenig auch auf Russisch, Französisch und Deutsch.

Érica Zíngano: Und es gibt die Bauchgeräusche. Die Worte der Göttin werden… Geräusche sein, Geräusche aus dem Bauch.

Vera Kurlenina: Ihr habt das 100-Jährige Jubiläum der russischen Revolution und Referenzen zu internationalen Kunstströmungen der Zeit erwähnt. Könntet ihr etwas mehr darüber erzählen?

Tatiana Ilichenko: Das ist eine schwierige Frage. Es gibt viele Referenzen zur russischen Avantgarde oder generell zur historischen Avantgarde. Ich bin aber nicht sicher, ob sie im Bühnenbild, im Text oder im Ton- und Videomaterial deutlich erkennbar sein werden. Es ist eine sehr persönliche und gleichzeitig politische Auseinandersetzung mit einigen der zentralen Mythen der historischen Avantgarde, etwa mit dem Künstlerkult und dem autoritären Denken der Zeit, das gleichzeitig faszinierend und abstoßend ist. Ich bin mit der westeuropäischen und russischen Kunstgeschichte aufgewachsen und fand natürlich all diese Intellektuellen, Schriftsteller und Künstler toll. Als ich erwachsener wurde, musste ich eine kritischere Herangehensweise an diese Figuren finden und mich auch mit den Spuren der autoritären Mentalität in ihren Werken und in meinem eigenen Denken auseinandersetzen. Und natürlich könnten und sollten wir niemals diese Macho-Künstler der historischen Avantgarde nachahmen …

Vera Kurlenina: Aber es gab doch auch Frauen?

Tatiana Ilichenko: Klar, aber es geht gar nicht so sehr um das biologische Geschlecht, sondern eher um die Denkart und die ihr eigenen Gesten. Außerdem glaube ich nicht, dass in der Mainstream-Kunstgeschichte Frauen damals eine dominante Rolle gespielt hätten.

Tom Nóbrega: Was mich angeht, ist für mich die Auseinandersetzung mit der Avantgarde auch eine Art Umgang mit Gespenstern. Die Avantgarde ist eine gespenstische Praxis, die für uns heute gleichzeitig da und nicht da ist. Ich habe in der letzten Zeit viel über das Internet nachgedacht. Darin gibt es keine Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren nebeneinander, und du kannst gespenstische Stimmen hören und Bilder sehen, die aus unterschiedlichen Orten dieser Welt kommen. Es ist so, als wärest du in einer riesigen Bibliothek, doch es gibt viel Störgeräusche, es ist ein Kaleidoskop aus widersprüchlichen, undeutlichen Stimmen, die nach dir rufen, und deshalb kannst du bei all diesen Informationen nicht in die Tiefe gehen. Es überfordert und fasziniert dich. Und du musst einen Umgang damit finden, ein künstlerisches Ritual. Eine zentrale Technik ist dabei die Fragmentierung und die Montage. Wir arbeiten mit vielen Realitätsfragmenten aus der Vergangenheit – und dabei rede ich nicht über die faktische Geschichte, sondern vielmehr über unsere Vorstellungen davon, das Imaginäre aus unterschiedlichen Orten, die russische Revolution, aber auch diverse andere Referenzen – und der Zukunft.

© Ferid A. Barak/Lettrétage

Barbara Marcel: Was für mich persönlich wichtig war, als ich das Stück von Majakowski gelesen habe, war dieses sehr deutliche Gefühl, dass es um etwas längst Vergangenes geht. Wie können wir diesen Text als etwas Lebendiges ins Heute zurückholen. Ist das überhaupt möglich? Majakoswski selbst wollte, dass das Stück später umgeschrieben wird. Und ich habe mich gefragt, wie kann man diesen Wunsch nach Vermischung, Veränderung und Revolution bewahren, doch nicht auf diese universalistische Art und Weise, die nicht mehr zeitgemäß ist? Wir wollen eine kleine Herangehensweise an die Revolution finden, und versuchen dabei, die Spannung zwischen dem Individuum und dem Kollektiv neu zu denken … Denn dieser alte revolutionäre Wunsch, die Zukunft vorherzusagen und zu bestimmen, ist für uns nicht mehr lebbar. Über welche Revolution können wir heute überhaupt noch nachdenken?

Tatiana Ilichenko: Einerseits wollen wir an dieser revolutionären Leidenschaft teilhaben, andererseits haben wir aber auch über die Notwendigkeit diskutiert, das Stück von Majakowski zu hintergehen.

Barbara Marcel: Wir wollen die Avantgarde als Kunstsystem verraten.

Tatiana Ilichenko: Denn sie arbeitet mit Begriffen wie Originalität und Genialität des Künstlers, und mit universalistischen Ideen. Wir aber gehören zu einer anderen Generation, und wir sind nicht der gesellschaftliche Mainstream. Deshalb ist unsere Perspektive eine der Schwäche, feministisch, queer, migrantisch. Dabei sind wir heimlich immer noch extrem idealistisch …

Barbara Marcel:  … und glauben an die Macht der kleinen Dinge.

Vera Kurlenina: Ihr habt gesagt, dass ihr das Bedürfnis habt, die Avantgarde zu verraten. Die Avantgarde in Russland hat sich auch selbst verraten. Viele Künstler träumten von der totalen Revolution in der Kunst wie im Leben und kooperierten zu gerne mit der kommunistischen Regierung. Bis sie festgestellt hatten, dass diese Haarige Göttin ziemlich konservativen ästhetischen Vorstellungen anhing. Majakoswki selbst, der natürlich das Paradebeispiel eines männlichen Künstlers der Zeit ist, war zutiefst enttäuscht und hat Selbstmord begangen. Ihr habt über die möglichen Herangehensweisen an diese Problematik gesprochen: die weibliche und queere Perspektive, die Fragmentierung etc. Gehört das Trauern auch zu diesen Strategien? In eurer Projektbeschreibung sagt ihr, dass ihr das 21. Jahrhundert beweint. Nach den jüngsten politischen Ereignissen und der Rückkehr der Rhetorik des Kalten Krieges habe ich das Gefühl, dass das 21. Jahrhundert noch keine richtige Chance bekommen hat, und das 20. Jahrhundert untot ist, ein Zombie, der hinter uns her ist. Was bedeutet es für euch, um das 21. Jahrhundert zu trauern?

© Ferid A. Barak/Lettrétage

Marion Breton: Das Trauern ist für uns ein imaginativer, schamanistischer Prozess. Es geht uns nicht bloß darum, die Apokalypse zu predigen und zu sagen, dass alles zerfällt. Wir suchen nach einem Umgang mit den Fragmenten, den Resten, und arbeiten mit kleinen Dingen. Deshalb werden im Bühnenbild auch Miniaturen auftauchen, kleine Figuren.

Érica Zíngano: „Wir“ ist ein schwieriges Wort, doch ich denke, wir alle kommen darin überein, dass am Anfang des 20. Jahrhunderts viel Hoffnung da war, und dass wir jetzt, 100 Jahre später, eher traurig sind. Die Futuristen haben damals die Technik und die Geschwindigkeit gefeiert, und jetzt sehen wir, dass der Lauf dieser kapitalistischen Maschine viel komplizierter ist. Auf dem Herrmannplatz haben sie diese große Easyjet-Werbung angebracht, die mit dem AfD-Slogan spielt: „Alternative für Europa“. Die Werbeleute denken, es sei cool, ein cooler privater Witz. Doch ich finde es uncool, eine Verbindung mit dieser rechten Rhetorik herzustellen. Wir sind also enttäuscht und traurig, weil das 21. Jahrhundert noch nicht begonnen hat und schon tot ist. Aber wir sind immer noch da, und was sollen wir tun? Vielleicht geht es auch darum, den Tod als einen Transformationsprozess zu begreifen.

Tatiana Ilichenko: Wir dürfen nicht mehr so sehr an die positivistisch-optimistische Rhetorik glauben. Das heißt aber nicht, Pessimistinnen zu sein, im Gegenteil. Finde ich zumindest, auch wenn diese Ansicht etwas irrational sein mag. In meinen anderen Projekten und auch privat hatte ich viel mit Trauer zu tun. Und ich sehe sie als einen sehr starken sozialen Verbindungsfaktor, der viel Potential in sich trägt und auch eine große, vollkommen irrationale Hoffnung. Und es ist nichts Intellektuelles, im Gegensatz, jeder von uns bringt eine rohe, lebendige Energie mit ein, die aus schlimmen Erfahrungen – bei jedem sind es eigene – und auch aus historischen Traumata wie dem Kommunismus in Russland herrührt. Und doch glauben wir mit aller Kraft, dass es auch andere Möglichkeiten gibt. Traue ich mich, „wir“ zu sagen? Ja, doch: wir versuchen, diese dunklen Energien zu kanalisieren, um etwas sehr Lebendiges zu vermitteln, egal, aus welchem Diskurs heraus wir sprechen.

Érica Zíngano: Es ist gut, „wir“ zu sagen, weil man dann das Gefühl hat, nicht allein zu sprechen. Und wir sind heute hier und sprechen, weil wir an ein kollektives Sprechen glauben. Aber Demokratie ist heutzutage ein sehr schwieriges Wort, weil viele politische Kräfte im Namen einer Mehrheit sprechen wollen und dabei das Wort „Demokratie“ missbrauchen. Deshalb habe ich dich am Anfang unseres Gesprächs gefragt, was du unter Demokratie verstehst.

Tom Nóbrega: Ich muss schon wieder an Gespenster denken. Das 21. Jahrhundert scheint eine Parodie auf die schlimmsten Dinge aus dem 20. Jahrhundert zu sein, einschließlich des Kalten Kriegs. Etwas, was tot war, scheint zurückzukommen. Vielleicht haben wir es nicht begraben? Lasst uns es begraben und schauen, was dann passiert.

Vera Kurlenina: Wie bete ich die Haarige Göttin richtig an?

Marion Breton: Mit deinen Haaren!

Érica Zíngano: Die Haare können Elektrizität leiten, sie sind ein Energiekanal. Du kannst deine eigene, private Methode entwickeln. Aber selbstverständlich musst du dabei deine Haare benutzen.

Vera Kurlenina: Aber ja, auf jeden Fall!

Tom Nóbrega: Die Haarige Göttin besteht aus Widersprüchen: Sie ist männlich und weilblich, tierisch und eine Maschine, lebend und tot, echt und erfunden. Und vielleicht muss man in die eigenen Widersprüche eintauchen, um diese Göttin zu finden.

Érica Zíngano: Hab keine Angst.

Marion Breton: Und benutze deine Haare.

JK

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