Im Gespräch mit Fiston Mwanza Mujila, Autor von „Tram 83“

Tom Bresemann —  2. Mai 2017 — Kommentieren

Morgen ist es nun endlich so weit: die Jazzlesung zu Fiston Mwanza Mujilas Debütroman „Tram 83“ steht bevor. Bereits vor wenigen Tagen erschien an höchstselbiger Stelle ja bereits ein Interview mit Saxophonist Ben Kraef, der gemeinsam mit Fyodor Stepanov, Marco Mingarelli und Denis Abrahams am 03. Mai auf Mujila und dessen Text treffen wird. Wir wollen also gar nicht noch einmal allzu viele Worte über die Charakteristik dieses außergewöhnlichen Werkes verlieren. Besser wäre es, man ließe einfach den Autor selbst sprechen.

Lettrétage: Ich fange mit der gleichen, ganz allgemeinen Frage an, die ich auch dem Rest der Gruppe gestellt habe: Welche Aspekte dieses Projektes beziehungsweise dieser Performance, überzeugte Sie, dem Event zuzustimmen?

Fiston: In meiner Heimatstadt spricht man Suaheli. In dieser Sprache schätze ich den Begriff „Makutano“. Es bedeutet der Ort der Begegnung. Leute treffen Leute, um sich über die Welt und die Gesellschaft auszutauschen. Unsere Jazzlesung ist Makutano. Jeder von uns kommt mit seiner Geschichte, seiner Einsamkeit, seinem Schicksal, seiner Poesie, seiner Freude und zusammen versuchen wir nicht den Turm zu Babel aber eine Zitadelle der Erwartung zu errichten. Denis Abrahams bringt seine Stimme, Ben Kraef am Tenorsaxphon, Fyodor Stepanov spielt Bass und Marco Mingarelli am Schlagzeug. Meine Hoffnung ist, dass die Performance nicht entweder als eine Lesung oder ein Konzert verstanden wird, sondern wie ein Gespräch zwischen Menschen. Was genau passieren wird, weiß ich noch nicht …

L: Wenden wir uns Ihrer Arbeit zu. Das deutsche Feuilleton zitiert oft Ihre Aussage, dass Ihre Lesungen, die Schreien und andere Techniken beinhalten, die für das mitteleuropäische Publikum ganz ungewöhnlich sind, eine Notwendigkeit für Sie sind, da sie es Ihnen erlauben, sich auszudrücken und Leser-Aspekte zugänglich zu machen, die der bloße schriftliche Text allein nicht artikulieren kann. In diesem Sinne erwarten Sie, dass Ihre Zusammenarbeit mit einer Reihe von Jazz-Musikern Ihren eigenen Ansatz verstärken wird oder erwarten Sie, dass völlig neue Dimensionen eröffnet werden, die Ihren Text in eine Richtung bewegen könnten, an die Sie selbst noch nicht gedacht haben?

F: „Ich miete und ich borge mir meinen Nachnamen von meinem Vater aus. MWANZA MUJILA heißt er. Wie ich. Vater mietet auch den Familienamen von seinem Vorfahren. Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich nicht einsam. Ich stehe dort mit allen MWANZA MUJILA meiner Familie. Wenn ich auf der Bühne performe, bin ich dort natürlich gemeinsam mit meiner Mutter, meinen Großeltern, meinen Tanten, meinen Cousins, meinen Schwestern … Wenn ich auf die Bühne gehe, trage ich den Kongo mit, insbesondere den Kongo-Fluss, die Berge, Vulkane, die Sonne, den Regen … Das Land zählt 81.331.050 Bewohner, das Gebiet misst 2345000 km². Stell dir vor, dass das Land sich in meinen Bauch und in meinen Kopf befindet.“ So beginnt ein Text, den ich gerade schreibe. Deshalb ist alles laut, episch …wenn ich meine Texte vortrage… Ich reise durch Sprachen, Territorien … Die Zusammenarbeit mit Künstlern und Jazzmusikern ermöglicht es mir, mein Publikum zu erweitern, weil ich prinzipiell auf französisch schreibe und lebe auch als Schriftsteller im deutschsprachigen Raum. Die Musik ist eine Tür, ein Fenster zur Welt …

L: Und zu guter Letzt: Bei der Nachforschung über Sie begegnet man oft zwei Erzählungen: Erstens gibt es den allgegenwärtigen Vergleich der Struktur und Sprache Ihres Buches mit dem einer Jazzkomposition. Und zweitens gibt es die Geschichte, dass Sie sich bemüht haben, einen Verleger zu finden, weil Sie sich weigerten, den Roman in einer Weise zu bearbeiten, die es mit den europäischen Lesegewohnheiten kompatibler machen würde. Ich will auf eine kurze Frage hinaus: Wie afrikanisch ist Jazz?

F: Ich habe den Roman als Partitur verfasst. Die Figuren laufen im Text als Musiker auf der Bühne. Meiner Meinung nach ist Jazz universell wie Poesie oder die Einsamkeit und Afrika gehört zur Welt in der gleichen Art und Weise wie Asien, Europa oder Amerika. Wir sind Menschen, gleichen Blutes, sonst wäre alles doof.

L: Fiston, Danke für dieses Gespräch.

Das Interview führte Thomas Maier.

Die Veranstaltung wird gefördert durch das österreichische Kulturforum.

© Leonhard Hilzensauer

Fiston Mwanza Mujila wurde 1981 in Lubumbashi / Demokratische Republik Kongo geboren. Er lebt in Graz, schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke und unterrichtet afrikanische Literatur an der Universität. Tram 83 ist sein erster Roman, für den er bereits zahlreiche Preise erhielt. Unter anderem stand das Werk 2015 auf der Longlist des Man Booker International Prize und erhielt den Etisalat Prize for Literature. Mwanza Mujila lebt seit 2009 in Graz und unterrichtet afrikanische Literatur an der Universität Graz.)

Tom Bresemann

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