Im Gespräch mit Frederike Frei

Athanasia Theel —  2. Februar 2015 — Kommentieren

Frederike Frei wird Ende des Monats in der Lettrétage sein. Vorab hat sie uns noch ein paar Fragen beantwortet.

Kannst du uns einen kleinen Einblick in dein neues Mitlesebuch 126 geben, bzw. was erwartet das Publikum am 24. März in der Lettrétage?
Meine Erfindung: Kolumnengedichte. Ich lese gerne Zeitung und schreibe notwendig Gedichte oder umgekehrt. Beides führt auf schmalem Leseraum senkrecht in die Tiefe. Dpa hat ja keine Ahnung: Gedichtzeilen aus meiner Zimmergazette sind aktueller als die Zeitung von gestern. Die wirft keiner in den Papierkorb vor meinen Augen. Also poetische Nachrichten aus meinem Zimmer erwartet das Publikum. Man kennt ja den Spruch von Pascal: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ Für die Lesung müssen sie allerdings ihr Zimmer verlassen…

 

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Janni Struzyk, die begleitend zur Lesung auf der Tuba spielen wird?
Ich hatte ein Literatur-Stipendium im Wendland und ging zu einem Konzert in einer Mühle genau in der Gegend überm überm Salzstock. Dort spielte Janni. Ich war sofort fasziniert von ihrem Spiel und davon, wie die beiden, die Tuba und sie, zusammenpassten, so wie ich mit meinem Kuli.

 

Deine Vita klingt sehr spannend. Du hast nach deiner Schauspielausbildung in Filmen mitgewirkt, wie Bei Westwind hört man keinen Schuss von Hansjörg Martin. Zudem warst du an den Hamburger Kammerspielen bei Ida Ehre als Darstellerin tätig. Heute bist du als Schriftstellerin bekannt und veröffentlichst Lyrik und Prosa. Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Seit 1976 bin ich der Bundesrepublik bekannt geworden wie ein bunter Hund, indem ich 1976 mit meinen Gedichten im Bauchladen auf die Frankfurter Buchmesse marschierte. Inzwischen lebe ich vom Schreiben. Hörspiele, einen Monolog, den ich selber spiele, Apfelgeschichten, Blumengedichte, einen Inselliebesroman, einen Kindroman (demnächst im Achterverlag) und jetzt meine Lyrik.

 

1979 hast du die erste deutsche Dichter-Demonstration in Hamburg organisiert. Was war der Anlass dafür und wie lief das Ganze ab?
Ich hatte halb Hamburg aufgemischt mit uns Alltagsschreibern, ein lustiger Kampfbegriff gegen die uns damals zu elitären Schriftsteller. Ich hatte zuviele erlebt am Bauchladen, die sehr gut schrieben, aber nicht bekannt waren und mein Text im Lautsprecherwagen entstand spontan: „Achtung, Achtung, hier sprechen die Dichter und Dichterinnen. Wir wissen genau, dass ihr auch schreibt, euch nur nicht damit heraustraut. Wir wollen aber nicht soviel Werbung und Reklame sehen und lesen, sondern das, was wir selbst zu sagen und zu schreiben haben. Wir fordern Bürgerbretter in jedem Viertel, öffentliche Satz- und Druckstudios,“ na usw. Unsere Initiative von etwa hundert Leuten fabrizierte Plakate mit Gedichten an Stöcken angetackert und trug sie am Hauptbahnhof vorbei. Ich sagte Gedichte auf im Lautsprecherwagen, auch meine eigenen (Hinter den Dünen verkrümelt sich das Licht…), oder die Antwort einer Sekretärin („Ich schreibe den ganzen Tag, habe aber noch nie was geschrieben“), und sah, wie die Taxifahrer ausstiegen und sich Leute gemeinsam über kleine Gedichtzettel beugten mit unseren persönlichen Absendern drauf. Zum Schluss besetzten wir eine Literaturbühne aus Spaß im Ernst. Ich gründete dann die Literaturpost e.V., das Literaturlabor e.V.
Heute gibt es noch eine Weiterentwicklung dessen: Writers Room in Hamburg, Schreibräume sind das. Ich schreib ein Buch drüber: Die Wörterfrau.

Athanasia Theel

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