Im Interview: Ben Kraef zur Veranstaltung „Tram 83“ am 03.05.

Lisa Lettretage —  26. April 2017 — Kommentieren

Im Büro herrscht schon den ganzen April hindurch eine Heiden(vor)freude. Am Abend des dritten Mai gastiert bei uns der in Graz lebende kongolesische Autor Fiston Mwanza Mujila, der seinen erst im letzten Jahr in deutscher Übersetzung erschienenen Debütroman „Tram 83“ präsentieren wird. Das Werk stand unter anderem auf der Longlist des renommierten Man Booker Prize. Das wirklich bemerkenswerte an dieser Veranstaltung ist aber die Inszenierung des Textes, in ihrer Form so nur einmalig in der Lettrétage zu erleben: In Kooperation mit den Musikern Fyodor Stepanov (Bass), Marco Mingarelli (Schlagzeug) und Ben Kraef (Saxophon), sowie dem Sprecher Denis Abrahams wird eine Symbiose von Jazz und Literatur entstehen, die für alle Beteiligten ein Novum darstellt. Um uns über unsere Erwartungen an diese literarische Jazz-Performance klar zu werden, haben wir vorab mit Ben Kraef gesprochen.

Lettrétage: Ich beginne mit etwas Grundlegendem. Welche Aspekte des Projekts sind für Sie besonders interessant und haben Sie möglicherweise zur Zusage bewegt?

Kraef: Ich bin bei dem Projekt dabei, weil ich mich einerseits sehr für Literatur interessiere und gerne neue Autoren kennenlerne. Andererseits interessiere ich mich natürlich auch für Literatur, die sich in der einen oder anderen Form mit Musik und speziell Jazz befasst. Ein anderer Grund sind natürlich die anderen Musiker und dass ich bei einem Projekt in dieser Form auch noch nicht mitgemacht habe.

L: Aufbau und Sprache des Romans werden in quasi jedem Feuilleton-Artikel als dem Jazz entlehnt beschrieben. Sehen Sie Ihre Rolle also darin, bereits im Text angelegtes zu explizieren und zugänglich zu machen, oder geht es Ihnen eher darum, in der Verbindung von Text und Musik neue Dimensionen und Ansätze zu eröffnen?

K: Ich sehe es nicht unbedingt als meine Aufgabe an, Fistons kompositorischen Elemente eins zu eins zu übernehmen. Das geht meiner Meinung nach auch gar nicht, da jeder  Text oder Musik immer etwas anders interpretiert. Ich bin anders aufgewachsen und führe ein anderes Leben als Fiston, die anderen Musiker, oder jeder andere Mensch; ich habe andere Erfahrung gemacht und interpretiere Situationen immer aufgrund dessen. Was uns aber alle verbindet, ist dennoch zugleich die Sprache und Musik. Wir alle wissen z. B. was eine Kirsche ist, dennoch stellt sich jeder diese etwas anders vor. Uns verbindet also Sprache (und damit meine ich auch Sprache in geschriebener Form) und Musik, die beide Formen der Kommunikation sind. Sie unterliegen auch den gleichen Gesetzen. Ein Satz birgt eine Form, genauso wie eine musikalische Phrase. Es gibt Stilmittel wie Punktuation, Phrasierung und Komposition. Für mich ist Jazz also automatisch eine Erweiterung von Sprache und Kommunikation. In diesem besonderen Falle sehe ich es als Mittel um Fistons Text um das spontane Element zu erweitern. Dies ist, was Jazz eigentlich ausmacht. Spontane Komposition bzw. Improvisation. Fiston schafft das gleiche durch sein Vortragen. Er liest nicht nur den Text ab, sondern erweitert ihn anhand zahlreicher Sprachelemente. Er verleiht dem Text Farben und Rhythmus und haucht ihm so Leben ein. Das Gleiche passiert im Jazz.

L: Etwas Knappes zum Ende: Sie alle haben eindrucksvolle Viten und mit verschiedensten Größen zusammengearbeitet. Literaten tauchen dabei aber nicht auf. Wie sieht die Vorbereitung auf etwas so Ungewohntes aus?

K: Aus dem vorigen Punkt ergibt sich auch die Antwort zu dieser Frage. Es werden die gleichen Elemente und Stilmittel verwendet. Ein Vokal oder Konsonant oder ganzes Wort kann genauso wiederholt werden, wie ein Ton oder ein Interval oder eine ganze Phrase. Ästhetik unterliegt überall den gleichen Gesetzen der Symmetrie und Harmonie. Es ist also eigentlich das Gleiche wie eine Unterhaltung, auf die man sich entsprechend dem jeweiligen Thema auch vorbereiten würde um sich mit den anderen Beteiligten produktiv verständigen zu können.

Das Gespräch wurde geführt von Thomas Maier.

 

© Gilles Soubeyrand

Ben Kraef, deutsch-montenegrinischer Saxophonist, wurde in Berlin geboren. Dort studierte er an der Hochschule für Musik ‘Hanns Eisler’. 2007 ging er mit einem Stipendium des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) nach New York um einen Masterstudiengang in Jazz Performance am City College of New York zu absolvieren. Kraef war drei Jahre lang Mitglied der Konzertbesetzung des Bundesjugendjazzorchesters (BuJazzO, Ltg. Peter Herbolzheimer), sowie Preisträger in verschiedenen nationalen und internationalen Wettbewerben. Er arbeitete bisher bereits mit namhaften Vertretern der nationalen und internationalen Jazzszene zusammen, so z. B. Lalo Schifrin, Archie Shepp, Phil Woods, John Abercrombie, Fred Hersch, Gunther Schuller, Tania Maria, Pee-Wee Ellis und mit der Bigband des Hessischen Rundfunks.Sein Debutalbum ‘Berlin – New York’ erschien 2010 bei ACT und wurde in New York mit John Patitucci, Marcus Gilmore und Rainer Böhm aufgenommen. Bei Kraefs zweitem Album ‘Think of One’ (shoebill music) wirkten Jazzlegende Albert ‘Tootie’ Heath und John Patitucci mit.

Fyodor Stepanov, geboren 1993 in Rostov am Don, begann das E-Bass Spielen im Alter von sieben Jahren. Während seiner Studien an der Musikschule reiste er mehrmals durch Europa, u.a. durch Deutschland, die Ukraine und Schottland. 2012 begann er sein Studium am Jazz Institut Berlin, wo er mit er mit Greg Cohen und kurzzeitig auch mit John Hollenbeck zusammenarbeitete. In diesem Jahr beginnt er seinen Master in Jazz-Komposition. Er ist beteiligt an einer Reihe von Projekten im Bereich Jazz, Improvisation und Barockmusik.

 

 

Marco Mingarelli studierte klassisches Schlagzeug auf Konzertdiplom bei Daniele Sabatani an der Hochschule für Musik Cesena (Italien) und Jazz Drums bei Stefano Paolini. Er bestritt Auftritte mit zahlreichen italienischen, deutschen und internationalen Orchestern, Ensembles und Bands, unter anderem mit dem Brandon Hill Chamber Orchester, der Jungen Sinfonie Berlin, dem Sibelius Orchester, dem Eyal Lovett Trio, Massimo Vinco e la banda fuori tempo. Er arbeitet regelmäßig mit Künstler*innen anderer Sparten und der Delta Blues Band The Love Gloves zusammen. Er lebt in Berlin, wo er als Schlagzeuger und Pädagoge tätig ist.

 

Denis Abrahams, geboren 1973 in Wiesbaden, studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Er spielte zahlreiche Rollen an Stadt- und Staatstheatern. Seit 2004 lebt und arbeitet Denis Abrahams als freier Sprecher und Vorleser in Berlin. Neben seinen Lesungen, Hörbüchern und Hörspielrollen führt er inzwischen auch Dialogregie in Hörspielen. U.a. gehört er zum festen Vorleserensemble des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb). Abrahams ist Gründungsmitglied der Lettrétage und gestaltete hier bereits über einhundert literarische Abende als Sprecher und Kurator.

 

Die Veranstaltung wird gefördert durch das Österreichische Kulturforum.

Lisa Lettretage

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