„Eine Lanze brechen für den Text“

Michaela Frey —  5. Mai 2015 — 1 Kommentar

Thomas Köck im Gespräch

Im Gespräch mit Schriftsteller Thomas Köck über Text, Theater und Autorschaft. Gemeinsam mit Carolin Beutel, Veranstalterin und Kunsthistorikerin, organisiert er das Symposium Real/Fiktionen über zeitgenössische Theatertexte in der Lettrétage, welches am kommenden Mittwoch, den 6.5., seinen Auftakt hat. 

Lisa Lettrétage: Die zehn AutorInnen, die an den drei Tagen des Symposiums lesen, performen und diskutieren werden, habt ihr mit der Begründung „es gibt Gesprächsbedarf“ eingeladen. Was genau brennt euch auf der Seele?

Thomas Köck: Wir beide haben Real/Fiktionen initiiert, da wir über Dramentexte sprechen wollten. Carolin ist eine tolle Literaturveranstalterin und hat bei Real/Fiktionen den Löwenanteil geleistet. Wir stellen Fragen in den Raum, wie: Braucht es Theatertexte? Was kann das Drama heute sagen? In diesen Diskussionen kommen die Autoren oft nicht vor, oder werden teilweise instrumentalisiert. Wir möchten über die Texte reden, denn diese sind nicht nur Schreibtischproduktionen. Deshalb veranstalten wir das auch im Literaturhaus, denn wir möchten Dramentexte als Literatur verstehen – also als Texte, die gelesen werden können. Ähnlich wie Lyrik werden Dramentexte häufig marginalisiert, haben aber beim Lesen ihre eigene Wirkung.

LL: Das Spannungsverhältnis zwischen Realität und Fiktion ist ein altbekanntes im Theater. Gibt es momentan eine Tendenz hin zum Realen im zeitgenössischen Theater in Hinblick auf das dokumentarische Theater, Reenactments oder Theatergruppen wie Rimini Protokoll?

TK: Ich kann natürlich nur eine sehr subjektive Einschätzung abgeben, aber ich glaube nicht, dass es eine besondere Tendenz gibt. Das dokumentarische Theater ist eine sehr spannende Form, trotzdem soll Real/Fiktionen nicht ein Versuch sein, der sich auf dokumentarisches Theater bezieht. Vielmehr ging es um das semantische Feld von ‚real‘ – ‚fiktiv‘ und die Frage, wie Autoren recherchieren und daraus eine Sprache formen. Der Zugang zu diesen Fragen findet in dem Spannungsfeld von Realität und Fiktion statt.

LL: Ausgangspunkt für das Symposium war die Frage nach Literatur im digitalen Zeitalter. Beim ersten Treffen mit den Autoren, dem Workshop im Februar, hat dies dann eine Diskussion über die Rolle des Autors im Theater und vor allem des Textes entfacht.

TK: Das ist richtig. Im Workshop hat sich eine Eigendynamik entwickelt, sodass es nun nicht nur um Text im digitalen Zeitalter, sondern eher um AutorInnen, deren Position im Theater und Dramentexte außerhalb des Theaters geht. So ist bei postdramatischen Formen, wie zum Beispiel dem dokumentarischen Theater, interessant wie dort der Text funktioniert und mit welcher Sprache. Auch die eingeladenen AutorInnen, die aus verschiedensten Ausbildungsstätten und ästhetischen Hintergründen kommen, formulieren alle für sich spezielle Fragen in dem Spannungsfeld zwischen Realität und Fiktion.

LL: Es soll auch über die Rolle des Autors im Theater geredet werden…

TK: Ja, sehr oft gibt es einmalige Auftragswerke und das Stück verschwindet dann nach dreizehn Mal spielen wieder. In diesem Bewusstsein geht man als Autor ganz anders an den Text heran. Außerdem hat sich der Begriff des Autors erweitert. Im Theater stellt sich auch die Frage, inwiefern Schauspieler oder das Sprechen auf der Bühne nicht schon eine Form von Autorschaft ist.

LL: Ihr bemängelt, dass Theatertexte nur noch sehr selten publiziert werden und wenn doch, dann meist unbeachtet vom Literaturbetrieb bleiben. Was ist deiner Meinung nach der Grund dafür?

TK: Ich weiß es nicht. Ich weiß es leider wirklich nicht. Bei Real/Fiktionen geht es uns darum eine Lanze für den Text zu brechen.


Das Symposium Real/Fiktionen startet am Mittwoch, 6.5., um 20 Uhr in der Lettrétage mit den AutorInnen Gerhild Steinbuch, Jörg Albrecht und Nolte Decar (Michel Decar und Jakob Nolte). Zum einen wird sich der Verantwortung von Fiktion gegenüber der Realität gewidmet, zum anderen dem seltenen Nachspielen neuer Texte. Am Mittwoch, 13.5., setzten sich Deniz Utlu und Olga Grjasnowa mit der Thematik von Romanen auf der Bühne auseinander, während Wolfram Lotz und Hannes Becker nach der Rolle von Text im Theater fragen. Kathrin Röggla und Maxi Obexer geht es am Freitag, 15.5., um das Verhältnis von Realität und Fiktion im Text.

Weitere Informationen auf https://realfiktionen.wordpress.com/

 

Michaela Frey

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