Müll oder Kunst?

JK —  6. Juli 2017 — 1 Kommentar

Von Sieglinde Geisel

 

Spätestens seit dem genialen Putzfrauen-Spruch haben wir ein Bewusstsein für die Nähe von Müll und Kunst. „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ könnte als Leitmotiv über der Müll-Performance des argentinischen Dichters Cristian Forte und des deutschen Komponisten Harald Muenz stehen. Die Darbietung hat den Untertitel „Ein asemischer Eingriff“. Das Wort Asemie bedeutet die Unfähigkeit, sich über Zeichen verständlich zu machen. Wir sind gewarnt: Mit Verstehen kommen wir hier nicht weit.

Was wir in der nächsten Stunde erleben, liegt demnach jenseits der Sprache: Die Zeichen nach ihrem Sinn zu befragen, widerspräche der Intention der Künstler. In der Tat spielen Worte hier eine Nebenrolle. Das Entscheidende ist zu sehen und, mehr noch, zu hören. Harald Muenz, der meist am Mischpult sitzt und konzentriert an seinen Reglern arbeitet, erkundet Töne zwischen Klang und Geräusch. Wie weit er dabei geht, merkt man erst allmählich. Das Publikum ist aufgefordert, sich im Raum zu bewegen, doch anfangs stehen wir im vorderen Raum – bis auf einmal hinten etwas kollert. Man denkt, dort sei die Action, doch als wir alle nach hinten eilen, um nichts zu verpassen, ist dort niemand, nur ein Baldachin mit einer Plastikplane. Geräusche ohne sichtbare Quelle sind etwas Unheimliches, und auf einmal wird einem bewusst, dass die Trennung des Klangs von seiner Quelle ein fundamentaler Eingriff in die Natur der Dinge ist. Nicht nur die Erde hat der Mensch sich untertan gemacht, sondern auch die Klänge, ganz nebenbei ist dieser Abend eine Manifestation dieser Herrschaft.

Zuerst denken wir, das Spektakel sei der Müll. Cristian Forte zieht eine blaue Tonne in den Saal (Papiermüll stinkt nicht, klar). Doch bevor wir den Inhalt der Tonne zu sehen bekommen, können wir ihn hören: Forte hält das Mikrophon in die Tonne, auf einmal ist es, als spräche, sänge, klinge das Mikrophon selbst. Geheimnisvolle Interferenzen entstehen, offenbar nur durch den begrenzten Raum der Tonne, der Mikrophonkopf berührt nichts. Klingt so eine Papiertonne?

Ausgekippt wird sie dann im Nebenraum, unter dem Plastikdach des Baldachins. Bäckertüten, Haushaltpapier, Programme von Literaturinstituten – die hauseigene Papiertonne, sie „erzählt“, ganz nebenbei, auch die Geschichte des Hauses. Das unschuldige Rascheln des ausgeleerten Papiers hat etwas Tröstliches, wie auch das Knarren der Fußbodendielen, wenn wir hin und her gehen. Bei den natürlichen Klängen weiß man, was man zu erwarten hat – ganz im Gegensatz zu den Tönen, die aus dem Lautsprecher auf uns eindringen. Harald Muenz benutzt die Geräte nicht nur zur Wiedergabe von Klang, sondern als Instrument: Das Mikrophon erzeugt seinen eigenen Sound.

Cristian Forte nimmt die Papiere und wickelt das Mikrophon darin ein. Gespenstische, fiktive Klänge entstehen so, später wird das Mikrophon mit seinem Papiermantel am Kabel über den Boden gezogen. Man steht mit gespitzten Ohren da, wachsam und fluchtbereit, denn Muenz ist nicht zimperlich. In der Natur gibt es kaum Klänge, die uns weh tun können, und der Klang des Schlags von Metall auf Metall war bis zur Entdeckung der Elektrizität das lauteste Klangereignis, das die Welt zu bieten hatte. Doch nun sind alle Grenzen aufgehoben. Elektronisch erzeugte Klänge nehmen keine Rücksicht auf das Maß des Menschlichen, sie stammen von Maschinen, die ihre eigenen Gesetze haben. Harald Muenz schreckt nicht zurück vor den Extremen: Das stechende Pfeifen der Rückkoppelung gehört ebenso zu seinem Repertoire wie das Gegenteil. Er entlockt den Lautsprechern Töne, die so tief sind, dass wir sie nur mit dem Körper „hören“. Die Schwingungen lassen den Bauch vibrieren und fahren in die Knochen, kein angenehmer Effekt, auf einmal meiden wir den hinteren Raum.

Ist Kunst das Gegenteil von Müll? Kunst ist Ordnung: Aus dem Chaos des ausgekippten Papiermülls baut sich Cristian Forte unter dem Baldachin kleine Ordnungsinseln. Er reißt Fetzen aus einem bunt bedruckten Katalog und legt sie fein säuberlich auf die blaue Oberfläche der umgekippten Tonne, und entlang des Baldachin-Gestänges legt er Papierrollen auf dem Boden ab. Er streicht ein Blatt Papier glatt und kritzelt etwas darauf. Was es ist, können wir oben auf der Leinwand sehen, doch das nützt nichts, wir können es nicht entziffern, Buchstabenmüll. Eine zweite Schrift kommt dazu, von Geisterhand, ein modernes Menetekel, so rätselhaft wie das biblische Original. Das einzige Wort, das man schließlich lesen kann, lautet, wen wundert‘s, „müll“.

Die Zuschauer wandern zwischen den beiden Räumen hin und her und werden damit, ohne es zu merken, zu Akteuren der Klang-Installation. Wir durchschreiten Schallwellen und verändern diese mit unseren Körpern. Die Bezüge zwischen den beiden Räumen sind dialektisch, denn auch im vorderen Raum steht eine Leinwand: Auf ihr sehen wir den hinteren Raum als gerahmtes Bild. Ein Ready Made, das uns zeigt, dass die Frage Kunst oder Müll eine Frage des Kontexts ist: Die umgekippte Papiertonne wird, wenn man sie aus dem Alltag löst und ausstellt, ebenso zum Kunstwerk wie Duchamps Kloschüssel. Und nun wird auch die Geisterhand entzaubert: Was wir auf der Leinwand im hinteren Raum gesehen haben, schreibt Harald Muenz hier auf die Folie. Ich denke an die Geschichte des Zauberers von Oz: Alles nur inszeniert, je einfacher die Anlage, desto spektakulärer die Wirkung. Die moderne Technik verwandelt unseren Alltag unmerklich in eine Oz-Welt.

In dieser Müll-Performance eines Dichters und eines Komponisten spielen Worte nur eine Nebenrolle. Man könnte die Gedicht-Installation leicht übersehen, die gegen Ende der Performance diskret an eine Wand projiziert wird:

 

Sie sind anwesend gewesen

Sie würden abweisend sein
abwesend

Sie würden abgewiesen
wurden
werden

Sie wurden abweisend
wirkten abwesend

 

Eine poetische Miniatur, bei der die durchlaufenden Zeilen sich buchstabenweise verändern. Es ist ein Spiel der kleinen Ursachen und der großen Wirkungen. Solange Wörter einen Sinn ergeben, sind sie kein Müll – und umgekehrt. Müll oder Kunst? Geräusch oder Klang? Das ist eine Frage des Aggregatszustands, und zwar sowohl des Objekts wie auch seines Betrachters.

JK

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