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JK —  4. Oktober 2017 — 1 Kommentar

Ein Bericht von Sieglinde Geisel zur neunten CON_TEXT Veranstaltung „The hairy goddess‘ misstory“

 

Wir ziehen die Schuhe aus, denn der Raum der Lettrétage ist verwandelt: Der Boden ist mit zarten Plastikfolien belegt, an einigen Stellen ist es Luftpolsterfolie, die knistert, wenn man draufsteht,  „Vorsicht Glas“ steht auf roten Klebstreifen. An der Wand hängt ein dunkelroter Bademantel an einer Hängewaage, ein Kranz, auf der Schleife „In lieber Erinnerung OIKOS“.

In dem Raum liegt und steht so allerlei herum: ein alter Röhrenfernseher mit einem kleinen Propellerventilator, an der Wand eine rot umrandete Uhr mit falscher Uhrzeit, und auf einem großen Lautsprecher entdecke ich ein Duftspray („Denk mit!“), eine Flasche Ketchup und eine Flasche Mayo. Kunst oder Alltag? In einer Ecke finde ich einen Haufen schmutziges Geschirr, samt Schwämmchen und Spülmittel, daneben eine Art Altar mit Christbaumkerzen in einer Schale, Blumen, Streichhölzer. Und jetzt doch Kunst, oder jedenfalls nicht Alltag: Diagonal auf Augenhöhe ein Schriftzug mit ziemlich schnell abgespultem Lauftext, es gelingt mir nur, einzelne Begriffe aufzuschnappen. Apokalypse … Big Bang … army ot the encrypted angels … hairy goddess… Eine Diskokugel lässt Sterne über uns regnen, Trockeneis, bläuliches Licht. Wir sitzen auf dem Boden und schauen, was passiert.

Der Abend heißt „The hairy goddess‘ misstory“, ein Gemeinschaftswerk der bildenden Künstlerin Tatiana Ilichenko (Russland) und der Lyrikerin und Videokünstlerin Érica Zingano (Brasilien), aufgeführt unter Mitwirkung von Marion Breton (Frankreich), Barbara Marcel (Brasilien) und Tom Nobrega (Brasilien). In transparent-weißen Plastik-Overalls bewegen sich die Mitspieler bewegen durch den Raum, eine Stimme ertönt aus dem Off, in einem Englisch, das nicht leicht zu verstehen ist. Wir sind in einem Aufzug, so verrät uns die Stimme, relaxation … sudden muscle contractions … the heart stops … body convulsions … end of an era … Europe is a sinking ship… Irgendwann schnappe ich das Wort zombies auf.

Die Performance fühlt sich an wie eins dieser Stücke, in denen das Gewehr, das im ersten Akt an der Wand hing, im letzten dann auch abgefeuert wird. Die Gegenstände, die im Raum verteilt sind, kommen nach und nach ins Spiel, sei es der weiße Gipsarm, der knallrote Bademantel, die dramatisch entflammten Christbaumkerzen. Eine Frau legt sich in den Koffer, das Aquarium wird mit Wasser gefüllt, zwei Mitspielerinnen lassen Kaffeelöffel ins Wasser fallen, dann brennende Streichhölzer undsoweiter.

Sprache ist Teil der Performance, doch es gibt nichts, dem man folgen könnte oder müsste. Eine Frau hält eine Rede, die 15 Minuten dauern soll, denn 15 Minuten sind ein Drittel von 45 Minuten, sie hält eine kleine Plastiktüte hoch, die rotbraune Flüssigkeit darin sei ihr Menstruationsblut, und das wird jetzt auf die Folienfläche des Projektors gelegt, … life in time of sinking… die goddess als Bauchrednerin, … guts-goats-ghosts-gods late state of capitalism, jemand erwähnt Nietzsches Parabel vom Kamel, dem Löwen und dem Kind, dann geht es um den Rosenkranz, die Dreifaltigkeit und Hypostasis, dann die dramatisierte Stimmperformance, die bei solchen Veranstaltungen nie fehlen darf, undsoweiterundsofort.

„So ist das eben, in diesen Zeiten, wo die Leute vor Langeweile nicht mehr wissen, was sie wählen sollen … anything goes … anstrengend und nichtssagend“, murmelt meine Sitznachbarin genervt vor sich hin und lässt ihre Armbanduhr vor ihrer Nase baumeln. In der Zeit, als die Performance erfunden wurde und es noch Bürger gab, die man damit schrecken konnte, nannte man das Happening. Das Publikum ist gespalten. Die einen gehen nach einer Stunde, die anderen applaudieren am Ende frenetisch.

Ich gehöre zu denen, die sich gelangweilt haben und nehme in meiner Ratlosigkeit den Pressetext noch einmal zur Hand. Dort finde ich ein Statement der beiden Künstlerinnen zu ihrer „magischen Performance“: „Vorgestern. Wir trauern. Das 21. Jahrhundert ist gestorben, aber noch bereiten wir seine Beerdigung vor. Auf der einen Hand liegt die Geschichte einer Apokalypse, auf der anderen Hand die umgedrehte Version von Geschichte, die Revolution genannt werden könnte und als „haarige Göttin re-inkarnierte“.“

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JK

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  1. Any questions? | Lettrétagebuch - 24. Oktober 2017

    […] Marion Breton, Barbara Marcel and Tom Nóbrega ‘The hairy goddess’ misstory.’ Translated from German by Hester […]

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