Die Lesung findet in der Schwartzsche Villa, Grunewaldstraße 55 in Berlin statt.

Am Sonntag, dem 27. August, liest T. A. Wegberg aus seinem im März erschienenen Roman

„Meine Mutter, sein Exmann und ich“.

Hier vorab ein kleiner Auszug:

 

Vor fünf Jahren
«Das kannst du nicht machen!», schrie ich. «Wenn du das wirklich machst, dann … dann hau ich ab!» Ich warf Liska einen Seitenblick zu, um mir ihre Unterstützung zu sichern, aber die starrte Mama nur an. Mit so einer Mischung aus Entsetzen und Faszination. Als müsste man schon die ersten Veränderungen sehen. Natürlich sah man jetzt noch nichts. Mama war immer noch eine ganz normale Frau, auch wenn sie nie besonders großen Wert darauf gelegt hatte, weiblich zu wirken. Ich hatte sie, soweit ich wusste, noch nie in einem Kleid oder einem Rock gesehen. Sie schminkte sich auch
nicht, höchstens benutzte sie manchmal ein bisschen Wimperntusche oder einen unauffälligen Lippenstift. Und sie hatte immer kurze Haare gehabt. Jetzt nicht so stoppelkurz, aber eben auch keine typische Frauenfrisur. Hätte mir irgendwas auffallen müssen? War ich zu dämlich gewesen, um was mitzukriegen? Ach, Quatsch! Andere Frauen trugen doch auch keine Röcke, hatten kein Make-up und keine langen Haare! Zum Beispiel … zum Beispiel … Also, irgendwie fiel mir gerade keine ein, auf
die das alles zutraf, aber ich war auch viel zu durcheinander, um mich konzentrieren zu können.    Mama guckte mich total traurig und verzweifelt an und hatte Tränen in den Augen. Ha! Wenn das kein Beweis dafür war, dass sie eine Frau war! Dann fiel mir ein, dass Papa damals in der Zeit vor der Scheidung auch ab und zu geheult hatte. «Joschka, es tut mir so leid», sagte sie. «Ich weiß, dass das für euch eine wahnsinnig blöde Situation ist. Aber ich kann so einfach nicht weitermachen, sonst …» Sie sah zu meiner Schwester. «So kann ich nicht mehr leben. Das macht mich depressiv. Und dann sind wir alle drei unglücklich.» «Wieso? Bisher war doch auch alles gut!», beharrte ich. Ich hatte immer noch die verrückte Hoffnung, dass ich sie irgendwie davon abbringen könnte. «Ja, weil ich mich zusammengerissen habe. Und weil ich es die ganzen Jahre verdrängt habe. Ich dachte, ich muss mich eben anpassen, ich muss das durchstehen. Aber in letzter Zeit hab ich noch mal ganz gründlich darüber nachgedacht, und da ist mir klargeworden, wie viel Lebenszeit ich noch vor mir habe. Ich bin erst zweiundvierzig, und ich könnte locker doppelt so alt werden.» «Aber du hast doch nie was gesagt!» «Nein, natürlich nicht! Was hätte ich denn sagen sollen? Dass ich mich nie als Frau gefühlt habe? Dass ich total unglücklich mit meinem verdammten Körper bin? Ich konnte das doch gar nicht erklären. Ich wollte es ja nicht mal wahrhaben!» Mama wischte sich eine Träne von der Wange, aber in ihren Augen machten sich schon wieder neue zum Absprung bereit. «Es ist schon schlimm genug, als Frau leben zu müssen. Aber eine alte Frau will ich nicht sein. Auf keinen Fall.» «Und was willst du jetzt genau machen?», fragte Liska. Da sagte sie endlich mal was, und dann war es noch nicht mal ein Protest! Ich warf ihr einen wütenden Blick zu. «Ich muss mir jetzt erst mal einen Therapeuten suchen», erklärte Mama. «Gute Idee», murmelte ich. Mama ignorierte meine Bemerkung. «Und dann kann ich hoffentlich bald mit der Hormonbehandlung anfangen. Aber bis zur OP dauert es auf jeden Fall noch ziemlich lange.» «Was machen die denn bei so einer OP?», fragte Liska ängstlich. Die Frage stellte ich mir natürlich auch. Aber ich wollte die Antwort definitiv nicht wissen. Zum Glück sagte Mama auch bloß: «Das muss ich dann abklären, wenn es so weit ist.» An diesem Tag wollte ich mit niemandem mehr sprechen. Ich verkroch mich in meinem Zimmer, spielte Minecraft und fühlte mich von der Welt verraten. Wen hatte ich denn jetzt noch? Papa war schon vor drei Jahren ausgezogen, der war jetzt mit Petra verheiratet, und die kriegte demnächst ein Baby. Mama wollte nicht mehr unsere Mama sein. Und zum ersten Mal hatte auch Liska mich im Stich gelassen, meine Zwillingsschwester, auf die ich mich in den zehn Jahren unseres gemeinsamen Lebens immer hatte verlassen können. Na, das war jetzt wohl auch Vergangenheit. Liska hatte ja noch nicht mal versucht, Mama von ihrem irren Plan abzubringen! Stattdessen hatte sie sie nur mit großen Augen angeglotzt und dann auch noch Fragen gestellt. Als ob sie es nicht völlig durchgeknallt, sondern interessant fände. Ich hatte nur eine einzige Frage, aber die konnte ich niemandem stellen: nämlich wie es jetzt weitergehen sollte. Wenn Mama das wirklich durchzog, was wurde dann aus uns? Sollten wir dann «Papa» zu ihr sagen? Niemals! Nicht mit mir! Und wenn sie nun plötzlich wie ein Kerl rumlief, was sollte ich dann meinen Freunden sagen? Oder meinen Lehrern? Was Peinlicheres konnte es ja wohl kaum geben! Wie konnte Mama mir das antun? […]

Wen die Lust zum Lesen gepackt hat, kann sich auf der Website noch den ganzen Textauszug durchlesen und ist natürlich herzlich zur Lesung am 27 August eingeladen!

https://www.rowohlt.de/paperback/meine-mutter-sein-exmann-und-ich.html

Übersetzung aus dem Englischen: Lena Hintze

Während der Erarbeitungsphase der Performance “Concrete Skin” im Rahmen der CON_TEXT-Reihe am 12. Mai 2017 in der Lettrétage interviewte Erica Zíngano die Künstler Momo Sanno und Maria A. Ioannou.

 

Érica: Als ich versuchte, ein paar Fragen für dieses Interview aufzuschreiben, habe ich darüber nachgedacht, welche Art von Fragen ich stellen sollte und dabei habe ich speziell an dich gedacht, Maria, weil du nicht in Berlin lebst. Für dich müsste diese eine Woche hier also eine völlig neue Erfahrung sein, eine Art von Versetzung, oder? Du hingegen, Momo, lebst schon eine Weile hier, und bist sicher schon eher an das Leben in Berlin gewöhnt, aber du lebst auch in Rumänien…

Momo: Ich lebe überall auf der Welt! Eigentlich gibt es keinen konkreten Ort, an dem ich lebe… Ich zahle meine Steuern in Berlin und auch in Bukarest, aber ich ziehe mehr oder weniger umher. Ich pendele ständig zwischen Berlin und Bukarest, weil ich vor zwei, drei Jahren nach Bukarest zurückgezogen bin und mir dort auch eine Basis schaffen will. Dass mich Berlin für sich eingenommen hat, ist schon eine sehr lange Zeit her…

Érica: Und du, Maria, genießt du die Woche in Berlin? Wie geht es dir mit der Entwicklung dieses neuen Projekts hier?

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Text, Raum, Zeit

JK —  26. Juli 2017 — Kommentieren

Ein persönlicher Bericht über die siebte CON_TEXT Veranstaltung mit Rike Scheffler und Jochen Roller, von Florian Neuner

Wer sich in diesen Tagen mit den Besuchermassen durch die Ausstellungsräume der documenta bewegt, der wird ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Art der Rezeption, wie sie zahlreiche der dort versammelten Kunstwerke erheischen, und der tatsächlich stattfindenden Wahrnehmung kaum übersehen bzw. sich auch selbst in der Lage wieder finden, dass er vielen Arbeiten – aus Zeitgründen – kaum gerecht werden kann. Auf Monitoren und Leinwänden werden teils stundenlange Filme gezeigt, andere Künstler breiten ganze Archive und umfangreiche Dokumentationen vor den Besuchern aus, deren Lektüre oder auch nur einigermaßen adäquate Wahrnehmung ebenfalls einen beträchtlichen Zeitaufwand bedeuten würde. weiterlesen…

Beitrag und Interview von Thomas Maier

Der Juli in der Lettrétage ist etwas anders. Nach „Disappearances. Appearances. Publishing.“ und „Modificating Singularity“ gastiert vom 21. bis 25.07. mit Nune Arazyans „Das Tor der Verwandlung“ bereits die dritte Ausstellung binnen eines Monats bei uns. Die Petersburger Künstlerin, ausgebildet in der renommierten Eremitage, setzt sich darin unter anderem mittels einer Installation aus rotierenden, immer neue Verbindungen eingehenden Trommeln mit der monumentalen Thematik der russischen Revolution auseinander. Das Ereignis jährt sich dieses Jahr zum hundertsten Mal. Sie sehen also, wir haben das recht geschickt getimet. Vorab haben wir uns außerdem bereits im Juni mit Nune Arazyan über Kunst, die Ästhetik des revolutionären Umbruchs und die Verbindung zwischen Berlin und Sankt Petersburg unterhalten.

TM: Nune, du bist unserem Publikum wahrscheinlich eher unbekannt. Vielleicht könntest du einfach kurz erzählen, warum du tust, was du tust und worum es dir bei der Kunst geht.

© Vladimir Egorov

NA: Ich bin durch einen Autounfall Künstlerin geworden. 2007, als ich sechs Jahre alt war, brach ich mir beim Zusammenstoß mit einem Wagen, der auf den Gehsteig ausweichte, um einen entgegenkommenden Fahrer nicht zu rammen, zehn Rückenwirbel. Meine Mutter brach sich dabei das Bein, wir mussten beide ins Krankenhaus. Da fing ich zum ersten Mal an zu malen. Zuerst waren meine Bilder ein Kommunikationsmittel zwischen meiner Mutter und mir. Wir lagen in verschiedenen Krankenhäusern, deswegen konnten wir nur durch Bilder den Zustand des jeweils anderen einschätzen. Während der ersten Wochen dachte ich nicht, dass ich je wieder gehen oder laufen würde. Ich habe dann, als Kind, entschieden, dass ich, wenn ich schon nicht laufen kann, fliegen würde. Meine erste Ausstellung hieß „Das Fliegen wagen“ und hat mich gewissermaßen wieder auf die Beine gebracht. Am wichtigsten in der Kunst finde ich aber, dass der Künstler einen Raum für das Publikum schafft, es hindurch führt, ihm eine Weltempfindung vermittelt. Ich lege auch viel Wert darauf, dass Kunst immer einen Einfluss hat. Niemand kann wissen, auf welche Art ein Betrachter ein Kunstwerk erschließen wird, aber der Künstler muss sozusagen einen Faden vorgeben, an dem sich das Publikum entlang hangeln kann. Kunst ist immer eine Transgression für mich, egal ob es um das ganze Leben oder um eine eintägige Ausstellung geht.

TM: Du bist ja eine recht junge Künstlerin, die nicht in der Sowjetunion gelebt hat. Wie kommt es da, dass dich die Revolutionsthematik derart fesselt? Ist das auch einfach eine theoretisch-ästhetische Faszination, die von dieser Neuordnung der Dinge ausgeht? Ich denke da auch ein bisschen an Blok, um ehrlich zu sein. weiterlesen…

Daniela Seel: Hier ist ja schon einiges losgegangen, wenn man sich so umschaut ..

Jochen Roller: Findste?

DS: Ja, find ich, gegenüber dem letzten Mal, als ich hier war ..

JR: Super. Das war die Idee.

DS: Erzählt doch mal, was hier so passiert.

JR: Seit Donnerstag sind wir hier, und unser beider Hauptanliegen war, den Raum wirklich zu verändern. Als wir reinkamen, war so ein klassisches Lesungssetting aufgebaut. Weißt du noch, wie wir auf den Raum im Raum gekommen sind?

Rike Scheffler: Ja. Es gab ja als eine Art von Anfang ein Speeddating, bei dem die Pärchen entstehen sollten, und dabei haben Jochen und ich geskypt, und ich glaube, du hattest gesprochen von dem „Honey, I’m home“-Video von mir mit den Loop-Poems ‒

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Vor der sechsten CON_TEXT Veranstaltung traf sich Florian Neuner mit dem Küntlerduo Cristian Forte und Harald Muenz, um dem Müll auf den Grund zu kommen.

 

Florian Neuner: Wie kommt es, Harald, dass du im Rahmen dieser Reihe schon mit dem zweiten Partner agierst? Konntest du dich nicht entscheiden?

Harald Muenz: Nein, gar nicht. Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind. Das Auswahlverfahren war ja so, dass wir nach dem Speeddating einen Dreiervorschlag abgeben sollten, und auf meinem Dreiervorschlag standen sowohl Cristian als auch Mathias Traxler. Irgendwann hieß es dann: Du kriegst beide! Ich habe nicht nachgefragt, warum, aber ich habe mich natürlich sehr gefreut.

Cristian Forte: Ich arbeite normalerweise mit Sound, deshalb habe ich mich für Harald als Partner entschieden.

F.N.: Bei eurer Performance fällt auf, dass Sprache sehr weit in den Hintergrund tritt. Es vergehen 40 Minuten, ehe gesprochene Sprache zum ersten Mal zu hören ist und nicht nur etwa auf Papierschnipseln am Boden liegt. Ich meine die Stelle, an der in einem eingespielten O-Ton der Müllmann zu hören ist. Daneben gibt es Skripturales, Schriftzeichen, die aber nicht ohne weiteres zu entziffern sind. Verständliche Sprache schält sich erst relativ spät heraus aus dem klanglichen Kontinuum. Warum diese Zurückhaltung?

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Müll oder Kunst?

JK —  6. Juli 2017 — Kommentieren

Von Sieglinde Geisel

 

Spätestens seit dem genialen Putzfrauen-Spruch haben wir ein Bewusstsein für die Nähe von Müll und Kunst. „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ könnte als Leitmotiv über der Müll-Performance des argentinischen Dichters Cristian Forte und des deutschen Komponisten Harald Muenz stehen. Die Darbietung hat den Untertitel „Ein asemischer Eingriff“. Das Wort Asemie bedeutet die Unfähigkeit, sich über Zeichen verständlich zu machen. Wir sind gewarnt: Mit Verstehen kommen wir hier nicht weit.

Was wir in der nächsten Stunde erleben, liegt demnach jenseits der Sprache: Die Zeichen nach ihrem Sinn zu befragen, widerspräche der Intention der Künstler. In der Tat spielen Worte hier eine Nebenrolle. Das Entscheidende ist zu sehen und, mehr noch, zu hören. Harald Muenz, der meist am Mischpult sitzt und konzentriert an seinen Reglern arbeitet, erkundet Töne zwischen Klang und Geräusch. Wie weit er dabei geht, merkt man erst allmählich. Das Publikum ist aufgefordert, sich im Raum zu bewegen, doch anfangs stehen wir im vorderen Raum – bis auf einmal hinten etwas kollert. Man denkt, dort sei die Action, doch als wir alle nach hinten eilen, um nichts zu verpassen, ist dort niemand, nur ein Baldachin mit einer Plastikplane. Geräusche ohne sichtbare Quelle sind etwas Unheimliches, und auf einmal wird einem bewusst, dass die Trennung des Klangs von seiner Quelle ein fundamentaler Eingriff in die Natur der Dinge ist. Nicht nur die Erde hat der Mensch sich untertan gemacht, sondern auch die Klänge, ganz nebenbei ist dieser Abend eine Manifestation dieser Herrschaft.

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Sollte man einen hauptsächlichen Kulturfaktor in der jüngeren osteuropäischen Kunstgeschichte ausmachen wollen, so käme man aller Wahrscheinlichkeit nach nicht darum herum, das Thema Migration anzuschneiden. Das ganze zwanzigste Jahrhundert hindurch war es das (oft unfreiwillige) Auswandern und seine Folgen, das Leben und Arbeit einer kaum überschaubaren Menge an KünstlerInnen geprägt haben. Die Sowjetunion verbannte Joseph Brodsky, der dann in New York seine mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Essays und Gedichte schrieb; Vladimir Nabokov verschlug es zunächst nach Berlin, bevor auch er den Sprung in die USA und ins Englische machte und der Literaturwelt den jetzt schon zeitlosen Klassiker „Lolita“ hinterließ; und Marc Chagal hieß irgendwie auch mal russischer. Da diese Migrationsprozesse aber nicht abgeschlossen sind, sondern es ganz im Gegenteil auch heute noch genügend KünstlerInnen aus Russland, Usbekistan, der Ukraine, Kasachstan etc. nach Westen verschlägt, setzen sich die Osteuropatage gezielt mit der Bedeutung von Migrationskontexten in der Arbeit junger KünstlerInnen auseinander. Die Ausstellung „Modificating Singularity“ beschäftigt sich mit der Identität des/der KünstlerIn zwischen den Kulturen und der performativen Aneignung derselbigen. Oder sind die grundlegenden Annahmen über Kunst doch irgendwie universeller Natur? Wir haben Marie-Thérèse Schreiber, eine der TeilnehmerInnen, gefragt.

 

TM: Ich formuliere die erste Frage am Besten mal wie auf der Homepage. Dir ist „daran gelegen, Strukturen und Logiken zu erkennen, die alle Menschen miteinander teilen, die bei aller Transformation konstante Größen bleiben.“ Könntest du darauf kurz eingehen, einerseits erklärend,
und andererseits im Hinblick darauf, wie sich dieses (unterstellte?) gemeinsame Verständnis in Migrationskontexten und der Arbeit damit niederschlägt?

MTS: Ich glaube, dass insbesondere die Arbeiten, die ich bei dieser Ausstellung zeige, universell verständlich sind, unabhängig vom kulturellen Kontext. Mit zackigen Formen und warmen Farben assoziieren die meisten Menschen Wärme und Kraft; mit seichten, bläulichen, sich dahin schlängelnden Strukturen eher Ruhe und Konzentriertheit. Beim Betrachten der Bilder stellt sich bei vielen Menschen ein ähnliches
Gefühl ein – das ist es, was ich mit universell meine. Diese Gemeinsamkeit in der Wahrnehmung deutet darauf hin, dass wir eben
nicht alle komplett in unseren eigenen (Be)deutungswelten leben, sondern durchaus ein gewisses Verständnis von der Welt teilen, wenn
auch auf sehr basaler Ebene. Das wird von Kulturrelativisten ja gerne verneint.

TM: Obwohl du vornehmlich an diesen Universalien interessiert bist, hast du dich trotzdem für einen Bildungsschwerpunkt in Osteuropastudien entschieden. Was macht daran einen besonderen Reiz aus? weiterlesen…

21.09. | Cronos Cube

Tom Bresemann —  5. September 2017 — Kommentieren

Donnerstag, 21. September 2017, 20:00 Uhr

CRONOS CUBE ist der Erstlingsroman von Thekla Kraußeneck. Sie entwirft ein dystopisches Szenario im Jahr 2030 und zeigt uns eine Welt, in der Drohnen über den Straßen Europas patrouillieren, Smartphones getrackt und Internetverläufe überprüft werden – jede*r ist ortbar. Die permanente Überwachung und eine vom Staat aufoktroyierte Transparenz setzen der Gesellschaft sowohl seelisch als auch finanziell zu. Menschen ohne Perspektive vegetieren in riesigen Wohnblöcken vor sich hin. Das Virtual-Reality-Spiel Cronos Cube wird zum Ausweg für Spaßsüchtige oder Verzweifelte – als letzter Hort freier Meinungsäußerung aber auch zur Brutstätte des Widerstands.

Erschienen ist der Text 2017 im „Liesmich Verlag“. Liesmich ist ein 2013 gegründeter, unabhängiger Verlag aus Leipzig mit belletristischem Schwerpunkt. Die Grenzen zwischen den Kompetenzbereichen der einzelnen Mitwirkenden sind fließend. Jeder darf sich frei einbringen und aktiv mitgestalten. Der Verlag setzt auf ungewöhnliche Vermarktungsstrategien, organisiert mobile Lesungen und entwirft Fahrrad- und Landkarten. Es ist erklärtes Ziel des Verlags, insbesondere unkonventionelle Ideen zu fördern und (bisher) unbekannten Autor*innen eine Plattform zu bieten. Der Liesmich Verlag sucht nach Geschichten, die aus der Reihe tanzen.

Thekla Kraußeneck, Jahrgang 1987, ist Berlinerin und bringt ihren lebenslangen Schreibprozess mit ihrem Debütroman „Cronos Cube“ in Buchform. Die passionierte Gamerin arbeitet seit vielen Jahren als freie Journalistin für die Süddeutsche Zeitung und studiert in München Ethnologie und Philosophie.

 

Dienstag, 26. September 2017, 19-21 Uhr: Open doors working day (Eintritt frei)
Freitag, 29.September 2017, 20 Uhr: Final public presentation (Eintritt frei)

CON_TEXT IX: The hairy goddess‘ misstory

von und mit Érica Zingano, Tatiana Ilichenko, Marion Breton, Barbara Marcel, Tom Nobrega

For English please visit this link.

Vorgestern. Wir trauern. Das 21. Jahrhundert ist gestorben, aber noch bereiten wir seine Beerdigung vor. Schau auf deine Hände, beide Hände. Auf der einen Hand liegt die Geschichte einer Apokalypse. Wie jede Geschichte über die Zeit, natürlich wird es in einer großen Klimax enden, bing bang, bow wow wow. Natürlich ist die Hauptfigur dieses Abenteuers Gott, der auf den Schultern seiner Armee verschlüsselter Engel steht. Auf der anderen Hand liegt die umgedrehte Version dieser Geschichte: diese können wir Revolution nennen. Eine Revolution, die als haarige Göttin reinkarnierte. Sie / er ist überall, überall fühlt sich so nah wie nirgendwo an. Immanent in unseren unordentlichen Rucksäcken, brüllend in unseren inneren Dschungeln. Diese Version ändert die Geschwindigkeit der Züge und Autos und Flugzeuge, durch die wir die Welt wahrnehmen. Wähle ein Wort und mache dich auf den Weg. Mysterium. Chaos. Rauch. Tiere. Magie. Zünde noch ein Streichholz an. Es ist eine fortlaufende Geschichte. Sie kommt in einem Päckchen, geliefert von DHL. Die Sonne ist das dritte Zeichen auf dem Weg. Einem langen Weg. An deiner Fingern Spitze.

Die Veranstaltungsreihe CON_TEXT vesucht das Format Lesung neu zu denken und zu thematisieren. Jeweils ein/e Autor/in und ein/e Künstler/in einer anderen Sparte erarbeiten gemeinsam eine Woche lang in der Lettrétage ein interdisziplinäres Veranstaltungsformat. TänzerInnen, MusikerInnen, Bildende und Darstellende KünstlerInnen sowie FilmemacherInnen sind die künstlerischen PartnerInnen der AutorInnen. Ausgehend vom literarischen Text entwickeln die KünstlerInnen-Tandems interdisziplinäre Formate und thematisieren dabei den Prozess der gemeinsamen Arbeit. Die so entstehende literarische Veranstaltung wird als ein eigenes, weit über die bloße Textpräsentation hinausgehendes, künstlerisches Werk begriffen. Die KünstlerInnen arbeiten ohne inhaltliche Vorgaben, der Prozess ist ergebnisoffen.

Insgesamt finden zehn Abendveranstaltungen und eine Abschlußkonferenz statt. Zu jeder Veranstaltung erscheinen vorab ein Interview mit einem Experten und im Nachhinein eine kurze filmische Dokumentation im Lettrétagebuch. Dort findet sich auch weitere Information zur Veranstaltungsreihe und zu den beteiligten KünstlerInnen und Veranstaltungsterminen.

 

CON_TEXT wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

 

 

 

© Lotto Theißen

Érica Zíngano wurde 1980 in Fortaleza, Brasilien, geboren und lebt seit 2014 in Berlin. Ihre künstlerische Praxis übertritt Grenzen zwischen Lyrik und visueller Kunst in unterschiedlichen Richtungen. Als eine Frau, die sich tagtäglich mit fremden Sprachen beschäftigt und sich daher ständig in einem Zustand linguistischer Verrenkungen wiederfindet, hat Érica Zíngano eine Leidenschaft für das Phänomen der Stimme und hat zunehmend die Aussprache von Gedichten in performativen Aktionen und Lesungen untersucht. Während ihrer Zeit in Frankreich im vergangenen Sommer, wo sie die extremeren Aspekte der post-tuquetism Theorie in die Tat umsetzte, entdeckte sie den Poeten Christophe Tarkos, der schon auf sie gewartet hatte und in ihre Kopfhörer flüsterte:

“dans quatre mois et on est dedans“. „Immanenz: Ich denke es ist ein guter Tipp, keine Pläne, allem Anschein nach, keine Ziele, kein Gestöhne, sondern ein Überströmen von Geächze.“, schrieb sie in eines ihrer Notizbücher. Würden wir etwas mehr Zeit damit verbringen, in eines ihrer aktuellen Notizbücher zu schauen, würden wir vermutlich erkennen, dass sich ihre literarischen Interessen um die Kombination von Wörtern wie „Vibration“, „Körper“, „weiblicher Körper“, „Maschinen“, „Träume“, „Intensität“, „Sprachen“, „Partnerschaft“, „Verlangen“, „Gemeinschaft“, „Tierhaftigkeit“, „Kühlschrank“ und „Freundschaft“ drehen. Vielleicht merkt man, dass sie oft in Versuchung ist, dadaistische und surrealistische Dichtung mit zeitgenössischer Literatur zu kombinieren, oder vielleicht – anders ausgedrückt – könnten Sie festgestellt haben, dass sie bloß versucht zu sagen (um einen ihrer besten Freunde, Antoine Hummel, zu zitieren, der es auf Französisch sagen würde): „Guten Morgen an all die aktuellen Probleme der Welt“. Sie verbringt ihre Zeit häufig mit dem Versuch, eine ethische Brücke zwischen dem „Ich“ und dem „Anderen“ zu entwickeln, die immer noch gebaut werden muss, irgendwo, irgendwie. Bolaño zu lesen ruft starke emotionale Reaktionen hervor – das “Reis-Interview” ganz besonders – aber man sollte auch „Putas asesinas“ erwähnen, usw., usw., usw.

 

© Moritz Metzner

Tatiana Ilichenko ist eine Künstlerin und Filmemacherin aus Russland, zurzeit lebt sie in Berlin.

 

Sie arbeitet mit Video- und Performance-Hybridformen und entwickelt Projekte mit doku-fiktionalen, ort-spezifischen und kollaborativen Ansätzen, in denen sehr persönliche Perspektiven und heterogene Stimmen auf polyphone Art zusammenkommen. Inhaltlich drehen sie sich um Artikulation radikaler Erfahrungen von Verlust, geschlechtsspezifischer Gewalt und Unterdrückung; Politik und Ethik der visuellen Darstellung; künstlerische Kollaboration; Liebe, Fürsorge und Empathie im Bereich der Politik und des Aktivismus; gesellschaftliche Utopien in einem post-kommunistischen Zustand; selbstorganisierte Gemeinschaften und Formen des Zusammenseins; Groteske, Feiern und Glamour als eine Form des Wiedererstands in marginalisierten und queeren Gemeinschaften.

 

Tatiana studierte Art in Context an der Universität der Künste in Berlin, bildende Kunst und Philosophie am Bard College Berlin, Film an der russischen staatlichen Filmhochschule in Moskau und beschäftigte sich intensiv mit Tanz, Performance und physischem Theater. Ihre Projekte wurden bereits in zahlreichen Institutionen sowie auf Kunst- und Performance-Veranstaltungen in Berlin und in Europa präsentiert. Zudem arbeitet sie regelmäßig für politische Dokumentarfilme und unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Organisation.

 

Marion Breton, Génération 90. Wohnhaft in Berlin und geboren in Paris unter dem Namen Marion – einem Namen, den ihr Großvater für ein böses Omen ansah: « Marion? Souillon  », das heißt Tölpel! Als Antwort auf diese anfängliche Verwünschung nannte sie sich manchmal selbst Ablana Thanalba (Hocus Pocus auf Hebräisch), als ob sie die Welt verzaubern und sich auf einen gemeinsamen locus (im Lateinischen loci, loca, für Uterus) berufen müsste, in welchem sie ihr bestimmtes Wesen als sponge-actor entwickelt. Sie schluckt und verdaut alle Arten von Stimmungen und Materialien: Videos, Poesie, Texte und Schriften. Aber bei nochmaliger Überlegung wäre sie wohl eher ein Tölpel in ihrer Tonne; einer Tonne wo sie alle aufheben und –sammeln könnte, die sie auf ihrem Weg findet, und wo sie die Bedingungen eines unproduktiven Lebens, einer unermüdlichen Erneuerung der Trägheit, begreifen könnte.

 

Tom Nobrega spricht mit einem Akzent, selbst in seiner eigenen Sprache. Er nutzt zwei Hörhilfen, hat sieben Nägel aus Titan in seinem Knöchel, trägt Kontaktlinsen und drei künstliche Zähne. Er hat kein Zuhause, hat kein Handy und ist sich nie sicher, wo genau in der Welt er in den nächsten Monaten sein wird. Er wurde in Sao Paulo, Brazilien, geboren, hat jedoch mehr als nur einen Namen und eine Nationalität – die offiziellen, die emotionalen und die mythischen eingeschlossen. Er ist ein notorischer Reisender und macht eine Menge nicht direkt nützlicher Dinge wie zum Beispiel seltsame Äußerungen in einer nichtexistierenden Sprache, eine unglaubliche Menge an Gegenständen verlieren, Amulette finden, astrologische Kalender lesen, Gedichte schreiben, wiederholende Gesten machen und Musikinstrumente spielen, die er eigentlich gar nicht spielen kann. Gerade widmet er sich der Unknown University, einer mysteriösen Universität ohne festen Ort, die jeden seiner Schritte begleitet, selbst wenn er ihr gar keine Aufmerksamkeit schenkt.

 

Barbara Marcel (Rio de Janeiro, 1985) ist eine in Berlin lebende Filmemacherin und Künstlerin, deren Werke die Beziehung zwischen Natur, ihrer kulturellen Geschichte und ihrer kolonialen Imaginationen untersucht. Während ihrer künstlerischen Forschung im Rahmen ihrer Promotion an der Bauhaus-Universität in Weimar setzt sich Marcel mit Essay-Filmen als historiographische Medien für dekolonialisiertes Denken auseinander, wobei der Botanische Garten Berlin-Dahlem und seine Pflanzen gegenwärtig Gegenstand ihrer Studien sind.

 

Kürzliche Ausstellungen: Fit Frame to Content, Urlaub Projects Berlin (2017); Universidad Desconocida at Standard Deluxe, Lausanne (2017); Tropic Matters V240 Amsterdam (Einzelausstellung, 2017), Omonoia, Athens Biennial (2016); There will come soft rains, GMK Berlin (2016); Vision and Fear Station, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (2015); On Projection, Kühlhaus Berlin (2015); Through the looking screen, 175 Gallery Seoul (2015); Desvenda, Galeria Marta Traba – Fundação Memorial da América Latina, São Paulo (2013); Return to Forever, TZB Gallery of the Czech Centre Berlin (2013).