Eine ungewöhnliche Veranstaltung. Kinga Tóth und Dorothée Billard am 14. März 2017 in der Lettrétage

Katharina Deloglu —  18. März 2017 — 1 Kommentar

[hier: Fotos zur Veranstaltung, Interview mit den Künstlerinnen]

Von Ricoh Gerbl

Es ist Dienstag Abend. Kurz vor zwanzig Uhr. Ich laufe den Mehringdamm entlang. Bin auf dem Weg in die Lettrétage. Eine Autorin, Kinga Tóth, und eine Zeichnerin, Doro Billard, präsentieren das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit. Sie hatten eine Woche lang Zeit sich mit ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen anzunähern. Vereinfacht gesagt: irgendwie zusammen zu kommen. Dass Literatur auf andere Kunstrichtungen trifft ist Teil der Veranstaltungsreihe CON_TEXT. Autoren und Autorinnen treffen auf Künstler und Künstlerinnen aus verschiedenen Sparten und sollen gemeinsam etwas erarbeiten. Heute Abend wird dem Publikum der dritte Ausgang von so einer „Karambolage“ präsentiert. Ich biege in den Hinterhof ein. Ein paar Leute stehen vor dem Eingang. Rauchen.

Ich ziehe die Tür auf, gehe durch den kleinen Vorraum, und stelle fest, hier fehlt etwas. Stühle. »Wie! Soll ich jetzt den ganzen Abend über stehen? Sonst gab es hier doch noch immer Sitzgelegenheiten.  Noch jedes Mal konnte ich mich hinsetzen, wenn ich einem Autor oder einer Autorin zuhören wollte. Und heute darf ich wohl nicht in ein passives Anwesendsein hinein sinken und mich von Stimmen berieseln lassen?« Ich verspüre Unmut. Möchte mich beschweren. Aber zu wem soll ich jetzt sagen: »Wissen Sie, sitzen zu können ist wirklich entlastend und nicht sitzen zu können ist wirklich anstrengend.« Ich schaue mich um, suche nach einer Person, der ich das jetzt wissen lassen könnte. Halte aber vor allem auch nach jemand Ausschau, der so aussieht, als ob er wüsste wo die Stühle versteckt sind. Mir wird warm. Ich ziehe den Reißverschluss meines Wintermantels nach unten. Ich möchte, dass mein Körper von mehr Luft und von weniger Stoff umgeben ist. Der offene Mantel verschafft mir etwas Kühlung. Das reicht mir aber nicht. Ich schlüpfe ganz aus dem Mantel heraus und lege ihn auf einem Klavier ab. Stuhllehnen gibt es ja keine. Ich komme mir mit meinem Gemeckere unfair vor.

Foto: Falk Weiß

Denn ich weiß ganz genau, dass ich bei Lesungen auch schon den Wunsch verspürt habe, eine Lesung möge doch mal anders ablaufen, anders als man es kennt, schon so oft erlebt hat. Also kriege ich mich wieder ein, versöhne mich mit der Stuhllosigkeit, und schlage mir vor, dieser ungewöhnlichen Präsentation eine Chance zu geben. Als erstes fällt mir auf, dass an den Wänden Sätze kleben, aus großen schwarzen Buchstaben. Ich lese einen davon. Da steht: »nicht jeder gelangt in den Körper zurück«. In der Mitte des Raums steht eine Badewanne. In ihr befindet sich etwas Wasser. Neben der Badewanne liegt ein Haufen zerknülltes Papier. Hinter der Badewanne steht ein weiterer Satz an der Wand. »Wie in der Wanne, wenn der Mund verstopft ist, und du ins Wasser sprichst, so sprechen sie zu mir. Ich bin am Boden der Wanne, und sie wollen mich von oben erreichen.«. An manchen Wänden hängen Zeichnungen. Auf einer sind Gerätschaften zu sehen die auf Kinderspielplätzen zu finden sind. Schaukeln. Rutschbahnen. Auf anderen Zeichnungen sind Wasseroberflächen zu erkennen. In einem Skizzenbuch, das auf einem Tisch ausliegt, sind noch mehr Zeichnungen von Wasseroberflächen.

Die Texte von Kinga Tóth und die Zeichnungen von Doro Billard befruchten sich gegenseitig und können als Ganzes gelesen und verstanden werden. Ich versuche herauszufinden was ich von den Arbeiten ablesen kann. Ungefähr auf Hüfthöhe zieht sich eine zweifarbige Linie durch den ganzen Raum. Ich lasse Assoziationen zu. Das Wort Wasserpegel fällt mir ein. Der Stand eines Wasserpegels. Ab welcher Höhe wird es gefährlich? Was passiert wenn er zu hoch steigt? Was wird dann geflutet? Ein Dorf? Ein Kinderspielplatz? Mir fällt ein Satz ein, der diesen kritischen Zustand beschreibt. Mir steht das Wasser bis hier. Eine Grenze wird markiert. Diese Grenze ist hier überall zu sehen. Die Streifen sind farbig. Der obere Streifen ist blau, der sich gleich darunter anschließende rot. Zu blau fällt mir Wasserkreislauf ein. Und Blutkreislauf zu rot. Diese Kreisläufe die notwendig sind, damit etwas funktioniert. Das Leben. Ich lese den Satz, der hinter der Wanne steht, noch einmal: »Wie in der Wanne, wenn der Mund verstopft ist, und du ins Wasser sprichst, so sprechen sie zu mir. Ich bin am Boden der Wanne, und sie wollen mich von oben erreichen.«  In Verbindung mit der Pegelmarkierung lese ich ihn jetzt anders. Jetzt lese ich, dass eine Grenze schon überschritten wurde. Dass ein Abtauchen schon stattgefunden hat. Und dass das Auftauchen noch nicht klar ist. Noch nicht entschieden ist.

Foto: Falk Weiß

Auch die Zeichnungen der Wasseroberflächen ergeben einen anderen Zugang zu der Thematik. Die Oberfläche macht, genau so wie bei den Streifen, eine Grenze sichtbar. Die Wasseroberfläche als das Tragende, das Bewegende, das Bewegliche. Und dann gibt es Möglichkeiten dazu. Aktive Möglichkeiten. Die des Eintauchens. Des Abtauchens. Auch die des Untergehens. Zeichnerisch ist die Tiefe auch schon auf der Oberfläche zu sehen. Ich gehe mit meinem Blick zurück zur Mitte des Raumes. Zu den Kleiderbügeln, die von der Decke hängen. Kleider und Hosen aus Papier hängen an ihnen. Und Waschschüsseln stehen unter den Kleidungsstücken. Manche sind mit Wasser gefüllt. Ungefärbtes Wasser. Rotes Wasser. Blaues Wasser. Manche sind leer. Ein Frauenkleid hat von unten her schon etwas Farbe aufgesogen. Auch eine Kinderhose. In meinem Kopf werden neue Gedanken angestoßen. Treffen wie Billardkugeln zusammen. Rollen weiter. Manche fallen in ein Loch. Andere bleiben auf dem Spielfeld. Die leeren Papierkleider und Hosen erscheinen mir wie Platzhalter. Ich lese sie als Modelle die offen lassen für was sie stehen. Die aber schon darauf hinweisen, was man sich anzieht, was man auszieht. Was man sich wie einfärbt. Ein Spielfeld. Was kann im Leben angezogen werden und was nicht? Und was davon kann man wieder los werden und was davon kann nicht ausgezogen werden. Welchen Kreisläufen ist man ausgeliefert? Ist die Mutterschaft so ein Kreislauf, der als Modell zur Verfügung steht? Und lässt sich von so einem Kreislauf die Farbe rausnehmen? Kann die Färbung abgewaschen werden? Ich erinnere mich an Judith Butlers Aussage: »Der Ausruf einer Hebamme ‚Ein Mädchen!‘ ist nicht nur als konstative Feststellung zu verstehen, sondern auch als direktiver Sprechakt: ‚Werde ein Mädchen!’«

Foto: Falk Weiß

Im Raum wird es still. Die Performance beginnt. Das Publikum sieht Kinga Tóth und Doro Billard dabei zu wie sie Geräusche machen, mit dem Wasser, dem Papier. Wie die Papierkleidungsstücke mit Wasser besprüht werden, in Farbe eingetaucht werden. Jemand schießt mit einer professionellen Kamera Bilder. Ich bin im Weg. Ich gehe etwas zur Seite, setze mich auf den Boden und schaue den beiden zu. Es wird kein Wort gesprochen. Die Performance ist zu Ende. Stühle werden herbei getragen. Es gibt die Möglichkeit mit der Autorin und der Künstlerin über ihre gemeinsame Arbeit zu sprechen. Fragen werden gestellt. Antworten gegeben. Von Doro Billard erfahre ich, dass Reinigung auf französisch Teinturerie heißt. Würde man es eins zu eins übersetzen, hieße das Tinterei. Interessant, denke ich. Man bringt also seine Wäsche, wenn man sie reinigen lassen will, in eine Tinterei. Doro Billard erzählt, dass sie sich als Kind immer darüber gewundert hat, dass die Hemden ihres Vaters weiß zurück kamen, wo sie doch in einer Tinterei waren. Das Gespräch wird beendet. Es gibt Applaus für die beiden und ich klatsche fleißig mit. Die Arbeiten haben mich angesprochen obwohl kein einziges Wort gesagt wurde.

Katharina Deloglu

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Katharina Deloglu, Literaturwissenschaftlerin und Mitbegründerin der Lettrétage.

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