Archiv: CON_TEXT

Die Geister, die wir riefen…

JK —  12. Juni 2017 — Kommentieren

Von Sieglinde Geisel

Wie kann ein Text dreidimensional werden? Indem man seine Buchstaben in Gegenstände verwandelt. Der 3-D-Drucker macht’s möglich: Er ist die heimliche Hauptfigur dieses Abends. Mit seinem Artefakt, dem Buchstaben X, ist er der Solist, nachdem er die ganze Zeit sozusagen im Hintergrund emsig gewerkelt hat, denn die Performance ist so getimt, dass sie zugleich mit dem Druckvorgang endet: Eine kleine Lampe strahlt den 3-D-Drucker nach vollbrachter Aufgabe wie ein Spotlight an.

Die Idee der Veranstaltungsreihe CON_TEXT besteht darin, Sprache in andere Dimensionen zu übertragen, Texte in anderen Kontexten zu zeigen. Dem aus Mexiko stammenden, in Finnland lebenden Dichter Daniel Malpica und dem japanischen Klangpoeten und Komponisten Tomomi Adachi ist es an dem Abend gelungen, dieses Feld auf unerwartete Weise zu erweitern. Selten erlebt man eine Performance, in der Dinge geschehen, die man noch nie gehört oder gesehen hat – samt der Irritation, die das Neue begleitet. Denn für das Neue gibt es, naturgemäß, noch kein Modell und damit auch keine Maßstäbe, an denen man es messen kann. Man bleibt zurückgeworfen auf das eigene Erleben, ein verunsichernder Zustand – und eine Befreiung.

Was also habe ich an diesem intensiven Abend mit dem Titel „Time to Deliver X3“ erlebt? Die Performance beginnt mit Sprache, die sich einschwingt, sich von der Bedeutung der Worte löst, Spanisch und Englisch, die Sprachen gehen ineinander über, später kommt ein reizvoll verformtes Deutsch mit finnischen Einsprengseln dazu. Daniel Malpica liest musikalisch, seine linke Hand dirigiert, die Bewegungen sind Teil der Expressivität. Sein Partner Tomomi Adachi spricht mit, so dass wir eine Jam-Session aus Worten und wortähnlichen Klängen erleben. Die beiden Künstler schwingen sich aufeinander ein, in einem Hin und Her zwischen Nähe und Distanz und der Begegnung zweier Temperamente. Daniel Malpica spricht unbeirrbar, als wolle er uns von etwas überzeugen – allerdings ohne dass wir erfahren, worin dieses Etwas besteht. Es geht um den performativen Akt, nicht um eine Botschaft, es geht um den Ausdruck, nicht um das Ausgedrückte. Tomomi Adachi dagegen lädt seine Wörter und Klänge emotional auf, er ist verspielt, erweitert den Tonraum, verfällt in einen Singsang, in aufgeregtes Geschnatter, in so etwas wie einen plötzlichen Witz. Die beiden Stimmen sind miteinander im Kontakt, jedoch führen sie kein Gespräch, die Darbietung geht nicht nach innen, sondern nach außen: Sie richtet sich an uns.

Erst allmählich merke ich, dass im Publikum etwas los ist. Ich spüre es, bevor ich etwas erkenne, eine besondere Konzentration ist im Raum, manche Körper straffen sich. Eine Frau bewegt ihren Kopf ruckartig und starr, als wäre sie ein Vogel, dazu ein stoßweises Keuchen. Auf der anderen Seite bewegt jemand roboterartig seinen Fuß, mit leerem Blick. Stör-Aktion oder Teil des Kunstwerks? Die kurzen, unvorhersehbaren „Auftritte“ verändern den Raum. Wie viele sind beteiligt? Ist es ansteckend, soll man mitmachen? Ich bin auf alles gefasst, doch ich merke rasch, dass hier Profis am Werk sind. Die scheinbar unmotivierten Gesten sind einstudiert, unversehens schwingt sich einer in den Handstand, später folgen andere, als wäre nichts dabei. Gesang ertönt, warm und schön, man merkt nicht immer gleich, wer singt, auf einmal merke ich, dass eine der Sängerinnen im Handstand an der Wand lehnt, ich wusste nicht, dass man in dieser Stellung singen kann.

War sie es auch, die zuvor ihr rechtes Bein hatte zittern lassen, als gehöre es nicht mehr zu ihr, sondern sei Teil einer Maschine? Neben mir kratzt sich einer heftig und mechanisch den Bart, er erzeugt mit seinem Mund unheimliche Klänge, die aus dem Lautsprecher kommen. Jeder der Performer, Tänzerinnen und Sängerinnen hat seine eigene Virtuosität. Sie scheinen unabhängig voneinander zu agieren – und doch gehorchen sie einer ausgeklügelten Choreografie. Zufall oder Kunst? Der ganze Raum scheint aufgeladen. Nur einmal sackt die Spannung ab, als Daniel Malpica einige Minuten solo seinen Text rezitiert. Es ist, als genüge der Sprachklang allein nicht mehr, wir haben uns an andere Reize gewöhnt, an ständige Veränderungen des Energiepegels. Wenn einfach einer spricht, droht nichts mehr, ich lehne mich zurück – und auf einmal nehme ich die Abwesenheit von Bedeutung als Mangel wahr, die Nonsens-Worte offenbaren ihre Leere.

Je länger die Performance dauert, desto mehr erkenne ich ein Thema: Es geht um die Grenze zwischen Mensch und Maschine. Die Performer im Publikum wechseln zwischen roboterhaften Gesten und den geschmeidigen Bewegungen von Naturwesen. Die Roboterbewegungen scheinen immer fanatisierter zu werden, als seien die Maschinenmenschen im Begriff, den Verstand zu verlieren, den sie nicht haben. Auch die Klänge entfernen sich zusehends vom Menschlichen, Körperhaften. Wie ich aus dem Programmheft weiß, hat Tomomi Adachi 1996 in Japan Kurt Schwitters „Ursonate“ als japanische Premiere aufgeführt, und Anklänge an die „Ursonate“ durchziehen den ganzen Abend, in verfremdeter Form. Bei Schwitters dient die Sprache bereits als Musikinstrument, Adachi treibt dieses Spiel nun weiter, nicht verbissen, sondern flexibel, als Spiel.

Elektronische Musik wird genauso von Maschinen erzeugt wie das dreidimensionale X, dessen Entstehung wir an diesem Abend beiwohnen. Allerdings handelt es sich dabei um den umgekehrten Vorgang: Der Buchstabe X wird aus der unkörperlichen Existenz in einen körperhaften Gegenstand überführt, während die Klänge, die wir eben noch als körperwarme Stimmen hörten, in die Abstraktion versetzt werden. Denn im Finale – der ganze Abend scheint eine konsequente Dramaturgie zu verfolgen – sind die Gesänge verstummt: Zum stroboskopisch erzeugten Sternenhimmel, der sich unaufhörlich über die Wände bewegt, hören wir elektronisch erzeugte Musik. Noch nie ist mir die Künstlichkeit dieser Maschinenklänge so klar bewusst geworden: Das sind die Geister, die wir riefen. Tomomi Adachi hatte das Publikum anfangs gewarnt, dass es in der Ecke mit den Lautsprechern sehr laut werden könne. Maschinen kennen kein menschliches Maß, und die Musik ist nicht nur in ihrer Lautstärke unberechenbar, sondern auch very busy, auf eine ahumane, unbegrenzte Art. Ein Angriff auf die Nerven, verstörend – und interessant.

Dieser Abend war ein Experiment in Überwältigungsästhetik. Allerdings waren es hier nicht die Leidenschaften, denen wir uns unterwerfen sollen, nicht Gefühle und Stimmungen wie etwa bei Richard Wagner, sondern Energien, die gesteuert wurden: vom Komponisten am Mischpult, vom Dichter am Mikrophon und von der unsichtbaren Kraft der Dramaturgie. Ist der Mensch Herr der Maschine, oder ist die Maschine Herr des Menschen? Diese Frage stellte der Kulturphilosoph Günther Anders in den 1950er-Jahren. Ich habe sie an diesem Abend ganz neu erlebt.

Florian Neuner, Daniel Malpica, Tomomi Adachi, CON_TEXT, Time to deliver X³, Gespräch, Hide Kinoshita, Dadaismus, X

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Performed on the 14.03 in the Lettrétage Berlin, Kinga Tóth and Doro Billard were speaking about girls and water without words.

 

Am 14.03. in der Lettrétage vorgeführt – Kinga Tóth und Doro Billard sprachen über Mädchen und Wasser – ohne Wörter.

Norbert Lange: To Say A Poem

JK —  18. April 2017 — Kommentieren

Norbert Lange writing to Mathias Traxler about ‚Haut-Parleurs‘, a literary event which was conceived and presented by both Harald Muenz and Mathias Traxler in the Lettrétage on the 23th February 2017 as part of the ‚CONT_TEXT‘ project.  (For further information about the event and its preparation, see here: video, photos, artists‘ discussions during preparation. Original text by Norbert Lange in German.)

Translation: Alice Bibbings

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Harald Muenz, Mathias Traxler, CON_TEXT, Haute Parleurs

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[hier: Fotos zur Veranstaltung, Interview mit den Künstlerinnen]

Von Ricoh Gerbl

Es ist Dienstag Abend. Kurz vor zwanzig Uhr. Ich laufe den Mehringdamm entlang. Bin auf dem Weg in die Lettrétage. Eine Autorin, Kinga Tóth, und eine Zeichnerin, Doro Billard, präsentieren das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit. Sie hatten eine Woche lang Zeit sich mit ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen anzunähern. Vereinfacht gesagt: irgendwie zusammen zu kommen. Dass Literatur auf andere Kunstrichtungen trifft ist Teil der Veranstaltungsreihe CON_TEXT. Autoren und Autorinnen treffen auf Künstler und Künstlerinnen aus verschiedenen Sparten und sollen gemeinsam etwas erarbeiten. Heute Abend wird dem Publikum der dritte Ausgang von so einer „Karambolage“ präsentiert. Ich biege in den Hinterhof ein. Ein paar Leute stehen vor dem Eingang. Rauchen. Ich ziehe die Tür auf, gehe durch den kleinen Vorraum, und stelle fest, hier fehlt etwas. Stühle. »Wie! Soll ich jetzt den ganzen Abend über stehen? Sonst gab es hier doch noch immer Sitzgelegenheiten.  Noch jedes Mal konnte ich mich hinsetzen, wenn ich einem Autor oder einer Autorin zuhören wollte. Und heute darf ich wohl nicht in ein passives Anwesendsein hinein sinken und mich von Stimmen berieseln lassen?« Ich verspüre Unmut. Möchte mich beschweren. Aber zu wem soll ich jetzt sagen: »Wissen Sie, sitzen zu können ist wirklich entlastend und nicht sitzen zu können ist wirklich anstrengend.« Ich schaue mich um, suche nach einer Person, der ich das jetzt wissen lassen könnte. Halte aber vor allem auch nach jemand Ausschau, der so aussieht, als ob er wüsste wo die Stühle versteckt sind. Mir wird warm. Ich ziehe den Reißverschluss meines Wintermantels nach unten. Ich möchte, dass mein Körper von mehr Luft und von weniger Stoff umgeben ist. Der offene Mantel verschafft mir etwas Kühlung. Das reicht mir aber nicht. Ich schlüpfe ganz aus dem Mantel heraus und lege ihn auf einem Klavier ab. Stuhllehnen gibt es ja keine. Ich komme mir mit meinem Gemeckere unfair vor. Denn ich weiß ganz genau, dass ich bei Lesungen auch schon den Wunsch verspürt habe, eine Lesung möge doch mal anders ablaufen, anders als man es kennt, schon so oft erlebt hat. Also kriege ich mich wieder ein, versöhne mich mit der Stuhllosigkeit, und schlage mir vor, dieser ungewöhnlichen Präsentation eine Chance zu geben. Als erstes fällt mir auf, dass an den Wänden Sätze kleben, aus großen schwarzen Buchstaben. Ich lese einen davon. Da steht: »nicht jeder gelangt in den Körper zurück«. In der Mitte des Raums steht eine Badewanne. In ihr befindet sich etwas Wasser. Neben der Badewanne liegt ein Haufen zerknülltes Papier. Hinter der Badewanne steht ein weiterer Satz an der Wand. »Wie in der Wanne, wenn der Mund verstopft ist, und du ins Wasser sprichst, so sprechen sie zu mir. Ich bin am Boden der Wanne, und sie wollen mich von oben erreichen.«. An manchen Wänden hängen Zeichnungen. Auf einer sind Gerätschaften zu sehen die auf Kinderspielplätzen zu finden sind. Schaukeln. Rutschbahnen. Auf anderen Zeichnungen sind Wasseroberflächen zu erkennen. In einem Skizzenbuch, das auf einem Tisch ausliegt, sind noch mehr Zeichnungen von Wasseroberflächen.

Die Texte von Kinga Tóth und die Zeichnungen von Doro Billard befruchten sich gegenseitig und können als Ganzes gelesen und verstanden werden. Ich versuche herauszufinden was ich von den Arbeiten ablesen kann. Ungefähr auf Hüfthöhe zieht sich eine zweifarbige Linie durch den ganzen Raum. Ich lasse Assoziationen zu. Das Wort Wasserpegel fällt mir ein. Der Stand eines Wasserpegels. Ab welcher Höhe wird es gefährlich? Was passiert wenn er zu hoch steigt? Was wird dann geflutet? Ein Dorf? Ein Kinderspielplatz? Mir fällt ein Satz ein, der diesen kritischen Zustand beschreibt. Mir steht das Wasser bis hier. Eine Grenze wird markiert. Diese Grenze ist hier überall zu sehen. Die Streifen sind farbig. Der obere Streifen ist blau, der sich gleich darunter anschließende rot. Zu blau fällt mir Wasserkreislauf ein. Und Blutkreislauf zu rot. Diese Kreisläufe die notwendig sind, damit etwas funktioniert. Das Leben. Ich lese den Satz, der hinter der Wanne steht, noch einmal: »Wie in der Wanne, wenn der Mund verstopft ist, und du ins Wasser sprichst, so sprechen sie zu mir. Ich bin am Boden der Wanne, und sie wollen mich von oben erreichen.«  In Verbindung mit der Pegelmarkierung lese ich ihn jetzt anders. Jetzt lese ich, dass eine Grenze schon überschritten wurde. Dass ein Abtauchen schon stattgefunden hat. Und dass das Auftauchen noch nicht klar ist. Noch nicht entschieden ist. Auch die Zeichnungen der Wasseroberflächen ergeben einen anderen Zugang zu der Thematik. Die Oberfläche macht, genau so wie bei den Streifen, eine Grenze sichtbar. Die Wasseroberfläche als das Tragende, das Bewegende, das Bewegliche. Und dann gibt es Möglichkeiten dazu. Aktive Möglichkeiten. Die des Eintauchens. Des Abtauchens. Auch die des Untergehens. Zeichnerisch ist die Tiefe auch schon auf der Oberfläche zu sehen. Ich gehe mit meinem Blick zurück zur Mitte des Raumes. Zu den Kleiderbügeln, die von der Decke hängen. Kleider und Hosen aus Papier hängen an ihnen. Und Waschschüsseln stehen unter den Kleidungsstücken. Manche sind mit Wasser gefüllt. Ungefärbtes Wasser. Rotes Wasser. Blaues Wasser. Manche sind leer. Ein Frauenkleid hat von unten her schon etwas Farbe aufgesogen. Auch eine Kinderhose. In meinem Kopf werden neue Gedanken angestoßen. Treffen wie Billardkugeln zusammen. Rollen weiter. Manche fallen in ein Loch. Andere bleiben auf dem Spielfeld. Die leeren Papierkleider und Hosen erscheinen mir wie Platzhalter. Ich lese sie als Modelle die offen lassen für was sie stehen. Die aber schon darauf hinweisen, was man sich anzieht, was man auszieht. Was man sich wie einfärbt. Ein Spielfeld. Was kann im Leben angezogen werden und was nicht? Und was davon kann man wieder los werden und was davon kann nicht ausgezogen werden. Welchen Kreisläufen ist man ausgeliefert? Ist die Mutterschaft so ein Kreislauf, der als Modell zur Verfügung steht? Und lässt sich von so einem Kreislauf die Farbe rausnehmen? Kann die Färbung abgewaschen werden? Ich erinnere mich an Judith Butlers Aussage: »Der Ausruf einer Hebamme ‚Ein Mädchen!‘ ist nicht nur als konstative Feststellung zu verstehen, sondern auch als direktiver Sprechakt: ‚Werde ein Mädchen!’«

Im Raum wird es still. Die Performance beginnt. Das Publikum sieht Kinga Tóth und Doro Billard dabei zu wie sie Geräusche machen, mit dem Wasser, dem Papier. Wie die Papierkleidungsstücke mit Wasser besprüht werden, in Farbe eingetaucht werden. Jemand schießt mit einer professionellen Kamera Bilder. Ich bin im Weg. Ich gehe etwas zur Seite, setze mich auf den Boden und schaue den beiden zu. Es wird kein Wort gesprochen. Die Performance ist zu Ende. Stühle werden herbei getragen. Es gibt die Möglichkeit mit der Autorin und der Künstlerin über ihre gemeinsame Arbeit zu sprechen. Fragen werden gestellt. Antworten gegeben. Von Doro Billard erfahre ich, dass Reinigung auf französisch Teinturerie heißt. Würde man es eins zu eins übersetzen, hieße das Tinterei. Interessant, denke ich. Man bringt also seine Wäsche, wenn man sie reinigen lassen will, in eine Tinterei. Doro Billard erzählt, dass sie sich als Kind immer darüber gewundert hat, dass die Hemden ihres Vaters weiß zurück kamen, wo sie doch in einer Tinterei waren. Das Gespräch wird beendet. Es gibt Applaus für die beiden und ich klatsche fleißig mit. Die Arbeiten haben mich angesprochen obwohl kein einziges Wort gesagt wurde.

Für diejenigen die es verpasst haben und auch für die, die dabei waren und sich noch mal erinnern mochten… kommt ein kurzer Film zur zweiten CON_TEXT Veranstaltung „Haut-Parleurs“ mit Mathias Traxler und Harald Muenz!

 

 

Die nächste Veranstaltung erfolgt schon morgen, 14.03. in der Lettrétage um 20 Uhr, mit Kinga Tóth und Doro Billard!

7 Tage, 2 Künstler*innen, 1 Ort: Im Rahmen des Projekts CON_TEXT erarbeiten jeweils zwei Künstler*innen innerhalb einer Woche in der Lettrétage gemeinsam eine Veranstaltung

Die Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel besuchte die CON_TEXT-Künstlerinnen Kinga Toth und Doro Billard in der Lettrétage.

Daniela Seel: Die Raumsituation ist schon so unmittelbar anders, wenn man hereinkommt, wir könnten gleich daran anknüpfen. Man sieht hier diverse Arbeitsschritte und Utensilien ‒ erzählt doch vielleicht einfach etwas dazu, was hier so vor sich geht und noch vor sich gehen soll.

Kinga Tóth: Okay. Ich kann vielleicht mit den Texten anfangen. Was man hier jetzt auf dem Boden sieht, sind Texte, die viel mit Wasser zu tun haben. Deswegen haben wir einander auch ausgewählt. Es gab diese CON_TEXT-Gesprächsrunde, nicht Blind Dates, eher Zwei-Minuten-Dates ‒ und bei uns war das wirklich direkt so ein Match.

Doro Billard: Ein Thema, wo wir beide gemerkt haben: Genau daran bin ich gerade. Und deswegen sofort die klare Vorstellung, dass wir da zusammenarbeiten. Diese Texte von Kinga, wo es sehr stark um Wasser geht, um Mädchen im Wasser, im Becken, um eine Frau, die in einen Tank springt, die ganze Thematik von Mädchenkörper, Frauenkörper und Wasser hat mich total angesprochen.

KT: Naja, alle Schriftsteller schreiben über Wasser, alle Grafikerinnen oder bildenden Künstlerinnen machen etwas mit Wasser, Wasser ist ein topic wie, ich weiß nicht, Stein. Aber wie wir mit dem Wasser arbeiten, wie unsere Gedanken damit umgehen, wie wir zum Wasser gehören, was mit Atem zu tun hat, was Wasser eigentlich ist, drinnen und draußen, wo die Grenzen sind. Dazu Dinge wie Tradition oder Gürtellinie, es springt sofort viel an.

DB: Wasseroberflächen, so eingelegte Formen, was ist eine Spiegelung im Wasser, was ist es, aufs Wasser zu starren …

DB: Parallel dazu gab es für mich das Thema Mädchen und Tochter und was sind die Erinnerungen an den Körper, an den Körper des Mädchens, was sind Körpererinnerungen. Die Zeichnungen sind auch aus einem Gefühl gekommen von Nicht-loslassen-Können. Wasseroberflächen zu zeichnen, hat für mich mit einer Unruhe zu tun und mit, ja ‒ was ich nicht so gut in Worte fassen kann. Und deswegen hat es mich sehr interessiert, die Texte von Kinga darüber zu lesen und zu bekommen. Was ist dieser Zustand der Flut zum Beispiel … Ich hatte so eine Szene gesehen von zwei kleinen Mädchen, die sich ankucken, an der Elbe, wie ihr Spielplatz unter Wasser ist, wo eine Rutsche nur rausragt, eine Schaukel drüberschwebt ‒ und da sind wir auf den Gedanken gekommen einer Wäschesituation, von Kleidern, die gewaschen werden oder gefärbt werden, diese Farbe, die von unten kommt und in die Stoffe, ins Papier einwandert, hochwandert. Und das ist unser Prototyp.

 

KT: Sie badet seit gestern und sie wird bis Dienstag baden, und dann merken wir, was mit ihr passiert.

DB: Wir werden heute Nachmittag noch andere Kleider bauen und sie in verschiedene Farbgefäße einsetzen. Und die Texte, die da liegen, werden an die Wand kommen, und auch Zeichnungen, und wir werden auch eine kleine Performance machen ‒ mit einer Badewanne. (Lachen.)

KT: Die am Montag kommt. Also die Frage: Was macht ein Mädchen mit Wasser? Von draußen und von drinnen. Und wir wollten beobachten ‒ wenn man das kann ‒, wie man von innen und außen Wasser und Feuchtigkeit wahrnehmen kann, mit welchen Sinnesorganen. Also haben wir Bewegungen ausgewählt, wie zum Beispiel waschen, anders atmen, natürlich ertrinken, tauchen, schwimmen ‒ womit wir beide Probleme haben … Sehr wichtig war, dass es ein Element unseres Körpers ist, dass der menschliche Körper so sehr aus Wasser besteht und was für eine Sehnsucht wir haben: Warum wollen wir zum Wasser? Es ist eine persönliche Geschichte, aber auch eine kollektive Geschichte. Dass man irgendwie zurückgehen muss. Aber um zurückgehen zu können, muss man anders atmen, unsere Körperteile komplett umfunktionieren, aber das bedeutet dann ertrinken. Auf solchen Gedankengängen sind wir spaziert, und deswegen kommt die Wanne. Deswegen kommt Waschen, weil die Bewegung hilft, weil es etwas Motorisches ist. Und das ist auch gut fürs Storytelling, also diese monotonen und wiederkehrenden Elemente und Kreisläufe. Naja, und es hat auch sehr viel mit Weiblichkeit zu tun. Es gibt diese Wasserlinien ‒ wann ist Wasser gut, wann ist Wasser gefährlich? Und so landeten wir beide bei der Gürtellinie, die sehr wichtig ist, auch im Schwimmbecken, wo immer es ein Warnsignal gibt: Bis hierhin ist es okay, dann kommt das Geheimnis, oder das Unheimliche, und das Gefährliche, was darunter ist ‒ davon wissen wir nicht. Und so sind unsere Frauenkörper aufgebaut, wir haben diese Gürtellinie und ‒ Doro, können wir das erzählen? Dass du Kinder hast …

DB: Ja, das Wort kam, weil ich von der Geburtssituation erzählt habe. Geburt ist, ein Kind aus dem Wasser herausholen, und aus diesem Wasserwesen ein atmendes Wesen zu machen. Und da sind komische ‒ also ich fand die Schwangerschaft überhaupt einen komischen Zustand, aber was auch die Gesellschaft mit einem macht und diese ganzen Krankenhäuser … Ich fand total absurd, dass einem nach der Entbindung gesagt wird, man soll nicht mehr baden. Das heißt, das Dreckige darf nicht mit der heiligen Brust, mit Milch in Berührung kommen, weil das alles ganz schlimm ist. Diese Vorstellung, dass es das Gute und das Böse gibt, das ganz stark voneinander getrennt sein soll, dass es wirklich diese Gürtellinie gibt, und man soll nicht baden, denn man ist eigentlich unten schmutzig und oben soll man dem Kind doch bitteschön Milch geben, und ich dachte: Aus welchem Jahrtausend kommt bitte diese Vorstellung?

DS: Ich hätte gedacht, dass es anders herum ist, man soll nicht baden, weil das Wasser dreckig ist, damit man sich nicht entzündet.

DB: Genau. Aber schon diese Vorstellung, dass ein Teil des Körpers dreckig ist, also nicht das Wasser ist dreckig, sondern man macht selbst das Wasser dreckig, mit dem Wochenfluss.

DS: Ach so, du meinst im Schwimmbad.

DB: Ne, in der Badewanne. Man soll nur duschen.

DS: Ich hatte gedacht, man soll nicht in die Badewanne, weil dadurch die Selbstreinigungskräfte beeinträchtigt werden, durch das Wasser und das, was hinzukommt zu dem, was der Körper selber an Reinigung vornimmt, und dadurch eine Entzündung und Lebensgefahr entstehen kann.

KT: Das wäre, was Sinn macht. Aber die Tradition, die Oralgeschichte, was Frauen einander erzählen, in Ungarn auch, sagt etwas anderes.

DB: Auch was Hebammen erzählen. Ich war total verstört von dieser Vorstellung, ich habe es nicht verstanden, habe nachgefragt, was ist eigentlich damit gemeint? Und damit gemeint ist: Das Blut darf nicht mit der Milch in Berührung kommen. Es sind ganz moralische, eigentlich religiöse Vorstellungen, ganz verrückte Vorstellungen, es hat eigentlich nichts Rationales. Und darüber sind wir auf das Wort Gürtellinie gekommen, auf die Vorstellung, dass es eine Grenze im Körper gibt, auch einen starken Zwang, was Muttersein sein soll, die Beziehung von Mutter und Kind.

KT: Dieses Santa-Maria-Sein oben, weil es um Füttern geht, aber diese unheimliche ‒ Nassigkeit, wie sagt man das? Unheimliche Flüssigkeiten, die unter dieser Wasserlinie oder Gürtellinie sind, darüber können wir nicht reden, das ist intacto, das ist etwas, das wir verdecken müssen. Obwohl es nicht gesund ist, nicht logisch ist, teilen Mütter den Mädchen das weiter. Und für mich war diese Schwangerschaftssache auch sehr interessant, weil ich zwar keine Kinder habe, aber meine Mutter Biologielehrerin ist, und wir führen seit meiner Kindheit „kranke“ Gespräche darüber, was ein Fremdkörper ist, was ein Parasit ist, ob ein Kind ein Parasit ist, ob ein Kind ein Fisch ist mit anderem Atemsystem, was in der Gebärmutter, in diesem Wasserbecken, passiert, und dann diese Sehnsucht des Kindes … Obwohl wir ganz andere Erfahrungen haben, ist unsere Denkweise ähnlich. Und diese Reinheit ‒ vielleicht bin ich zu sehr mit Ungarn beschäftigt, aber es macht mich manchmal wirklich krank, diese Frauenrepräsentationen, diese Rückkehr zur Reinheit. Wie furchtbar es zum Beispiel ist, wenn du deine Reinheit verlierst als Mädchen, und wie du sie zurückgreifen kannst als eine heilige Mutter. Und das alles, alles geht zum Wasser zurück. Genau das wollten wir aber nicht, die Esoterik, die in solchen Frauenrepräsentationen steckt, in diesen Denkmustern. Darum war uns auch wichtig, über unsere Ängste zu sprechen.

DB: Es gibt in diesem Zusammenhang noch ein anderes Thema von Kinga, nämlich Maschinen als eine Erweiterung des Körpers, was auch viel mit Kingas Geschichte zu tun hat und mit Medizin, im weitesten Sinn. Diese Vorstellungen von Flüssigkeiten, die den Körper verlassen, davon, wie Körper an Maschinen angeschlossen werden, an Kreisläufe, sind sehr präsent in deinen Texten, und die haben mich auch sehr angesprochen.

KT: Ja, eine Maschine ist auch wie ein Fremdkörper, der nicht ein Kind ist, ein anderer Fremdkörper, eine andere Tube, die Flüssigkeitskreisläufe produzieren kann oder leiten kann. Dann kommen die Materialien hinzu. Doro ist oft mit verschiedenen Stoffen beschäftigt, ich schreibe auch über Stoffe, kreiere Sounds mit Stoffen, aber ich berühre sie nicht in dem Sinn, ich habe sogar etwas Angst davor, vor Papier, vor Wasser, vor Schneiden und sowas. Das ist auch ein Lernprozess jetzt, dass wir verschiedene Stoffe, Grundstoffe, und die Begegnung von Wasser mit diesen verschiedenen Grundstoffen ausprobieren.

DS: Vielleicht könnt ihr darüber noch mehr erzählen: Wie kommt ihr vom Inhalt zur Form? Ihr habt jetzt viel über das Thema gesprochen, aber der Rahmen des Projektes ist ja eine Performance. Wie läuft der Prozess, das aufzubauen und auch mit den anderen, die dann kommen, als Publikum, in Beziehung zu setzen, das zu entwickeln?

DB: Also zunächst gab es den Aspekt, dass Texte von Kinga, die schon da sind, und Zeichnungen von mir, die schon da sind, für uns so klar zusammenkommen, dass wir sie auch zusammen zeigen wollen, zeigen, was da ist. Dafür wollen wir gute Typografie an der Wand, von den Texten manchmal nur kurze Ausschnitte, aber dass man sie gut lesen kann und die Bilder dazu hat. Und dann war es ein Dialog. Kinga wollte gerne Geräusche und Wasser und etwas Performatives, diese Badewanne und dass man damit spielt. Mir ist das etwas fremd, Performance, mit Sound arbeiten, das ist überhaupt nicht mein Medium. Aber während wir darüber gesprochen haben, dass da Kleider hängen könnten, dachte ich auf einmal an Papier in Farbe, und dann war es für mich dieses Plastische, das in meinem Kopf auf einmal ganz klar war. Und Kinga hatte gleich eine Vorstellung davon, was man mit diesen Objekten im Raum machen könnte und wie man Leute einbeziehen könnte. Gestern beim „Basteln“ entstand die Idee, dass die Leute, die heute zur Werkstatt kommen, sich auch Kleider machen können. Das ist auch etwas Faszinierendes: Dass man das Volumen des eigenen Körpers erfährt, indem man aus einer flachen, zweidimensionalen Sache durch Falten und Kleben tatsächlich auf einmal ein Körpervolumen erhält. Was auch sehr lustig ist. Und es berührt einen, es passiert etwas ganz Unheimliches, wenn aus einem liegenden Papier auf einmal ein Bauch und ein Rücken wachsen.

DS: Und diese Kleider sollen alle aus Papier sein?

KT: Ja, auch wegen dem Wasser. Wir wollen sichtbarer machen, was Wasser mit verschiedenen Stoffen machen kann, mit der Haut. Und Papier war vielleicht das einfachste Beispiel.

DB: Wir dachten zuerst, auf diese Kleidung vielleicht auch zu schreiben, sie zu bemalen, zu zeichnen, inzwischen haben wir uns davon aber wieder verabschiedet, weil es schon genug Elemente gibt, es muss nicht alles einfließen.

KT: Das wollte ich dir noch zeigen.

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KT: Bei mir war das wirklich eine starke Vision: Ich sah uns beide beim Storytelling an der Wanne, weißt du, wie diese alten Damen. Ich dachte, wir sind jetzt diese alten Damen, die das ganze Leben, die Gesellschaft ‒ und alles beim Wasser, am Ufer, bei diesen motorischen Bewegungen, beim Waschen ‒ einfach erzählen, so geben wir alles weiter. Dass wir zeigen müssen, wie wir kommunizieren, was ein Kommunikationsmittel oder ein -kanal ist. Und dann wollte ich der Doro auch auf jeden Fall zeigen, wie Wasser sounds. Und diese Gürtellinie ‒ also unser Ziel ist jetzt, dass alle, die am Dienstag eintreten, ins Wasser eintreten werden, oder?

DB: Ja. Wir hatten die Idee, den Raum zu markieren mit Klebeband, durchgehend, alle Wände, alle Pfeiler, wie beim Hochwasser, solche Strichmarkierungen. Das ist immer sehr beeindruckend, wenn man in einer Stadt steht, und dann: 1910, bis hier … Es gibt etwas Ungemütliches darin, aber auch Beeindruckendes. Und damit das Zimmer gedanklich unter Wasser setzen.

KT: Und diesen Untergang. Wie kann man mit einem statischen Raum eine Bewegung nach unten präsentieren? Und das versuchen wir mit dem Klebeband, so dass deutlich wird, dass wir jetzt untergehen. Mich interessiert sehr, wie diese Kommunikation, ob diese Kommunikation eigentlich passieren wird.

DS: Das ist ja sowieso etwas grundsätzlich Interessantes an der künstlerischen Arbeit: Es ist eine Form von Kommunikation, die üblicherweise indirekt ist. Es gibt zwar ein Publikum, aber mit dem hat man in der Regel keinen direkten Kontakt, außer eben in so einer Performancesituation oder für dich, Doro, vielleicht in einer Ausstellungssituation, wenn du auf Besucherinnen und Besucher triffst. Wie verhält es sich für euch mit dieser Form von Kommunikation, von Beziehungsarbeit auch, zunächst im künstlerischen Prozess und dann, wenn es das konkrete Feedback gibt? Gerade wenn ihr von einer so explizit weiblichen Position herkommt, wo emotionale Arbeit, Beziehungsarbeit noch mal ein anderes Gewicht hat.

KT: Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe es so wahrgenommen, dass das, was wir mit diesen künstlerischen Tools zeigen möchten, etwas sehr Natürliches ist. Wie kann man etwas Natürliches als Wasserwesen ‒ Zurückkehren, Kreisläufe ‒ mit diesem Künstlichen ‒ Tapes, Schellack, Tinte ‒ deutlich machen? Ob die Leute das verstehen werden, dass es etwas sehr Natürliches, nur unter einer Lupe, ist? Oder werden sie das Ganze nicht verstehen? Oder wird es sie berühren? Denn uns berührt das Ganze.

DB: Ich habe noch nie so etwas Performatives gemacht, und das hat mich auch interessiert an diesem CON_TEXT-Projekt. Also dass man auf ein Publikum trifft, wo man nicht nur sagt: Das habe ich gemacht, ich kann gern darüber sprechen, aber muss nicht, sondern dass man sich in den Raum stellt und sagt: Okay, es gibt einen Dialog zwischen uns, wir wollen andere Leute daran teilhaben lassen. Für mich machen die Dinge Sinn, aber sie sind eher intuitiv, die Formen, die Aspekte ergänzen sich. Wahrscheinlich erhoffe ich mir, dass dadurch, dass deine Medien, Kinga, dazukommen, ein größeres Verständnis oder ein anderes Begreifen entsteht, dass Leute von verschiedenen Seiten Zugang zum Thema finden. Für mich hat es so funktioniert. Zum Beispiel ein Satz wie: Nicht jeder wird in den Körper wieder hineingelangen. Das ist für mich ein ganz starker Satz, der viel mit dem, was ich in meinen Zeichnungen gemacht habe, zu tun hat. Für mich war das ein Plus zu dieser Bildebene. Ich weiß natürlich nicht, wie die Leute darauf reagieren werden, und ich weiß auch nicht, wie die Leute, die sonst meine Arbeit kennen von Ausstellungen, in so einem Kontext reagieren. Ich bin sehr gespannt.

KT: Ich auch. Wir wollen keinen großen Zirkus machen. Sondern das Wasser zeigen und unsere Begegnung mit Wasser. Etwas Lebendiges und eine Beobachtung charakteristischer Merkmale des Themas.

DB: Wobei es für mich auch Überraschungen gibt. Zum Beispiel seitdem dieses Wesen hier im Raum steht, diese Papierfrau, bin ich selbst ein bisschen überrascht. Es gibt einen Witz darin, etwas Komisches, vielleicht auch andere Aspekte, ästhetische, assoziative, die dazukommen, die ich nicht eingeplant hatte. Gerade diese ganze Handwerksarbeit und was es bedeutet, ein weißes Kleid zu machen, das ist nichts, was ich symbolisch drinhaben wollte, aber jetzt steht es mit im Raum.

DS: Das ist natürlich auch toll, die überraschenden Momente, die aus der Dynamik der Zusammenarbeit entstehen. Wie war das im Vergleich zu sonst, wie hat sich euer eigenes Denken oder euer eigenes Herangehen dadurch verändert, was nehmt ihr davon mit?

KT: Huh. Bei mir gibt es auf jeden Fall ein Selbstbewusstsein. Also ich habe meine Ängste los- oder ‒ sagt man das so? ‒ abgesagt, mit Stoffen. Meine Angst, dass ich etwas kaputt mache. Dass ich etwas nicht perfekt machen kann, schneiden oder so. Wie man Stoffen begegnet, welche Wirkung der Mensch auf Stoffe ausübt. Kaputt machen oder wie kann ich sie überhaupt wahrnehmen, fühle ich sie gut, wie reagieren sie, wenn ich sie ertaste oder wenn ich etwas mit diesen Stoffen mache … Ich habe immer eher zweidimensionale Sachen gemacht. Ich zeichne auch selbst, aber nur so, 3D sehe ich leider gar nicht. Und jetzt lerne ich die Stoffe, die Materialien durch Doro oder mit Doro kennen. Also bei mir sind die Rezeptoren jetzt komplett high, ich habe eine komplett andere Wahrnehmung. Es ist, glaube ich, auch etwas Psychisches und, naja, diese unendlichen Gespräche, die wir führen. Auch über wissenschaftliche Sachen, über die Gesellschaft, die Reaktion der Gesellschaft, über Körperwahrnehmungen, innen und außen ‒ das ist echt brutal. Ich bin immer sehr müde am Abend, weil mein Kopf schwimmt. Und wir werden das fortsetzen. Also wir haben schon Pläne, dieses Experiment fortzuführen.

DB: Am Anfang dachte ich von diesem Format, okay, ich treffe zehn verschiedene Leute, man wird schon was zusammen machen. Aber ich war sehr überrascht, dass wir innerhalb von fünf Minuten ganz viele Punkte gefunden haben, wo wir wussten: Oh, darüber gibt’s ganz viel zu sagen, wir müssen darüber, darüber, darüber weitersprechen. Und das hat sich jetzt bestätigt. Ich fand das schön, wo du gesagt hast, du hattest Angst am Anfang ‒ und das habe ich auch gemerkt ‒, falsch zu schneiden, kaputt zu machen. Die habe ich nicht, aber ich kann sie verstehen. Und ich finde es spannend, denn ich habe diese Hemmung mit der Sprache, und erst recht mit der deutschen Sprache. Ich bin auch keine gebürtige Deutsche, es ist auch nur so eine angelernte Sprache, und ich versuche immer schwitzend die Fälle und Akkusativ und alles richtig zu machen. Ich fühle mich wie auf Glatteis und denke: Oh Gott, wenn ich aufgeregt bin, rutsche ich aus und alle merken, dass ich‘s nicht richtig kann. Und deine Art, damit total offensiv umzugehen und die Dinge einfach zu sagen, hat mir auch Mut gegeben, dass wir jetzt einfach was in den Raum werfen und es steht. So.

KT: Das ist sehr schön, weil ich diese Sprache auch nicht beherrsche, ich arbeite nur damit. Das ist so cool. Sie ist ein Franzose, ich bin die Ungarin, und jetzt sprechen wir auf Deutsch, und manchmal machen wir das so (gestikuliert, schnipst) und so und so und ja, ja, genau.

DS: Wie soll man jetzt eure ganzen Gesten und die ganze Körpersprache in diesem Interview mittransportieren?

DB: Ich finde, mit dem Papier, mit dem Stift ist der Moment immer total schön, wenn man merkt: Eh, ich kann nix falsch machen! Und mit der Sprache ist es natürlich auch so. Erst mal losarbeiten, und dann kann man immer wegschmeißen. Und dieses Gefühl: So, jetzt machen wir was, wir können nix falsch machen, wir machen einfach. Das finde ich schön, und das finde ich im Arbeitsprozess sehr schön.

KT: Ja. Und eine andere Sache ist ‒ also bei mir ist es so, ich weiß nicht, woher es kommt, oder vielleicht weiß ichs doch, dass ich immer alles wissenschaftlich beweisen musste. Oder wollte. Wenn ich etwas aussagte, dann musste es wissenschaftlich bewiesen werden, ansonsten existierte es nicht. Und es war so gut, dass wir jetzt so normal sprechen konnten, auch nicht nur über Intuitionen, sondern wirklich Erfahrungen, dass wir nicht gleich beweisen sollten, wissenschaftlich. Was im Hintergrund schon vorhanden ist, aber jetzt war erst mal das Storytelling da, diese kollektiven, geerbten Sachen, vielleicht mit dem Wasser, die mit dem Thema weitergegeben sein könnten ‒ Konjunktiv II Präterium whatever, mit Modalverb. Und auch deswegen war die Fremdsprache eine gute Idee, dass wir das auf Deutsch machen. Ich kann kein Französisch, du kannst kein Ungarisch, und Englisch wollten wir nicht.

DB: Es war wie ein Sichtreffen auf einem extraterritorialen Gebiet.

KT: Weil wir aus anderen Sprachen, anderen Muttersprachen kommen, war es wirklich ein Weg für uns beide, all die Definitionen einander zu erklären. Was verstehst du unter diesem deutschen Wort und was kommt von deiner Kultur, was kommt von meiner Kultur, haben wir Traditionen, haben wir Probleme mit den Traditionen, was machen die Deutschen? Weil wir jetzt beide hier sind. Das hat uns, denke ich, bei der Öffnung sehr geholfen, dass wir alles mindestens aus drei Perspektiven, Deutsch, Französisch, Ungarisch, beobachten mussten.

DS: Das wäre auch ein toller Ansatz für Dienstag, verschiedene Begriffe oder Konzepte, die für euch in der Arbeit wichtig sind, lexikalisch oder etymologisch darzustellen. Diese Zwischensprachlichkeit ist ja, wie ihr sagt, auch ein eigentlich zentraler Teil der Arbeit. Wenn die Zeit reicht.

DB: Ja, wenn die Zeit reicht.

KT: Bei den Gesprächen wird es schon deutlich, glaube ich.

DS: Noch mal zu den Gesprächen: Das heißt, es gibt nicht nur diese vorbereiteten Sachen im Raum, sondern das Performative besteht auch im unmittelbaren Gespräch, ihr sprecht das Publikum, einzelne Besucherinnen und Besucher an und wollt mit ihnen über die Themen reden?

KT: Bei der Performance werden wir miteinander kommunizieren und mit Kleidabgabe, mit Begegnungen möchten wir die Leute auch involvieren. Danach sind wir offen für Gespräche, und es wäre schon sehr gut, wenn wir darüber quatschen könnten mit den Leuten, die kommen. Aber zuerst müssen sie auch tauchen. Wenn sie nicht unten sind mit uns, geht es nicht. Deswegen ist es sehr wichtig, dass wir sie involvieren.

DS: Das heißt, man kommt rein und man muss ertrinken?

KT: Genau. Genau. (Lacht.)

DS: Dann vielleicht bis hierhin. Und den Rest müssen alle selbst erleben, wenn sie am Dienstag kommen.

KT: Erleben, das ist ein schönes Wort. Oder überleben. Ja, coole Präfixe. (Alle lachen.) Und den Spaß dabei nicht vernachlässigen.

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Alle Fotos die den Intervietext begleiten © Daniela Seel

Donnerstag, 11. Mai 2017, 18:30 Uhr (Eintritt frei)
Offene Werkstatt zu CON_TEXT IV: Concrete Skin
Mit Maria A. Ioannou & Momo Sanno

 

Der rumänische Tänzer und Choreograf Momo Sanno und die zypriotische Autorin Maria A. Ioannou laden am Donnerstag, 11. Mai, in die Lettrétage zu einer offenen Werkstatt ein, um gemeinsam mit ihren Besucher*innen Text und Bewegung für ihre Veranstaltung am folgenden Freitag Abend zu erkunden. CONCRETE SKIN wird auf Grundlage von Ioannous Kurzgeschichte Philip auf Objekte fokussieren. Objekte und die „Objekt-ivierung“ in Bezug auf den Körper und das Schreiben stehen im Mittelpunkt. Die Künstler versprechen Einblicke in einen Dialog zwischen Körper/Bewegung und Text/Lesung und zudem in ihre interkulturelle Zusammenarbeit.

CON_TEXT ist ein Modellprojekt, in dessen Rahmen neue, interdisziplinäre Formate von Literaturveranstaltungen von einem spartenübergreifenden Künstler-Duo konzipiert und umgesetzt werden. Insgesamt finden zehn Abendveranstaltungen und eine Abschlusskonferenz statt. Die Künstler*innen arbeiten eine Woche lang gemeinsam an Ihrer Veranstaltung und stellen während dieser Produktionsphase mit einem informellen Werkstatt-Format ihre Arbeit in progress vor.

CON_TEXT wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.


Freitag, 12. Mai 2017, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
CONCRETE SKIN. CON_TEXT IV
Mit Maria A. Ioannou & Momo Sanno

 

In einer gemeinsamen Performance werden eine Schriftstellerin und ein Tänzer eine neue „Körper-Sprache“ finden. Dabei soll sich eine eigene Form der Konversation entspannen, bei der sich Bewegung und Wortbildung gegenseitig zu durchdringen suchen. Das Künstler-Tandem Maria A. Ioannou (Schriftstellerin aus Zypern) und Momo Sanno (Tänzer und Choreograph aus Rumänien) präsentiert diesen Prozess in einer öffentlichen Performance – gewissermaßen als Versuchsanordnung. Tanzende Literatur? Sprechender Tanz? Während einer vorgeschalteten Arbeitsphase (6. – 12. Mai) begegnen sich die beiden Künstler in der Lettrétage zum ersten Mal und lassen auf Grundlage von Ioannous Kurzgeschichte Philip im kreativen Akt der Konversation von Tanz und Literatur ein neues Kunstwerk entstehen. – Die Veranstaltung wird auf Englisch stattfinden, begleitet von Passagen auf Rumänisch und Griechisch. Deutsche Übersetzungen der literarischen Texte stehen zur Verfügung.

Die Veranstaltungsreihe CON_TEXT vesucht das Format Lesung neu zu denken und zu thematisieren. Jeweils ein/e Autor/in und ein/e Künstler/in einer anderen Sparte erarbeiten gemeinsam eine Woche lang in der Lettrétage ein interdisziplinäres Veranstaltungsformat. TänzerInnen, MusikerInnen, Bildende und Darstellende KünstlerInnen sowie FilmemacherInnen sind die künstlerischen PartnerInnen der AutorInnen. Ausgehend vom literarischen Text entwickeln die KünstlerInnen-Tandems interdisziplinäre Formate und thematisieren dabei den Prozess der gemeinsamen Arbeit. Die so entstehende literarische Veranstaltung wird als ein eigenes, weit über die bloße Textpräsentation hinausgehendes, künstlerisches Werk begriffen. Die KünstlerInnen arbeiten ohne inhaltliche Vorgaben, der Prozess ist ergebnisoffen.

Insgesamt finden zehn Abendveranstaltungen und eine Abschlußkonferenz statt.
Zu jeder Veranstaltung erscheinen vorab ein Interview mit einem Experten und im Nachhinein eine kurze filmische Dokumentation im Lettrétagebuch. Dort findet sich auch weitere Information zur Veranstaltungsreihe und zu den beteiligten KünstlerInnen und Veranstaltungsterminen.

CON_TEXT wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

 

 

 

 

Maria A. Ioannou wurde 1982 in Limassol, Zypern, geboren. Sie studierte Englische Literatur und Literatur des 20. Jahrhunderts in Großbritannien und ist derzeit Doktorandin für kreatives Schreiben. Ihre Kur

 

zgeschichtensammlung „The Gigantic Fall of an Eyelash“ (Gabrielides Publishing, Athens 2011) wurde mit dem ‚Emerging Writer Literary Prize‘ von Zyperns Ministerium für Bildung und Kultur ausgezeichnet und ausgewählt, um Zypern sowohl beim ersten Budapester Buch Festival 2014 als auch beim Kikinda Kurzgeschichten Festival zu repräsentieren. Maria A. Ioannou ist auch die Gründerin von ‚Sardam‘, einem jährlichen Literaturfestival, das seit 2013 alternative Literaturlesungen von Autoren aus Zypern und dem Ausland präsentiert. Ihre zweite Kurzgeschichtensammlung ‚Cauldron‘ wurde bei Nefeli Publishing veröffentlicht (Athen, 2015). Das Buch wurde für den ‚Best Young Writer Award‘ von Clepsydra/Enastron in Griechenland nominiert und ausgewählt, um in Serbisch und Ungarisch übersetzt zu werden.

(c) Maria Ioannou

 

(c) Alina Usurelu

Momo Sanno ist ein in Berlin und Bukarest lebender Tänzer und Choreograf. Nach einer klassischen Ausbildung mit Abschlüssen an Akademien wie der „Floria Capsali Schol of Choreography“ in Bukarest und der „John Cranko Dance Academy“ in Stuttgart entdeckte Sanno seine Liebe zum zeitgenössischen Tanz, die ihn bis heute antreibt. Seine Karriere führte in bereits zur Garth Fagan Dance Company in den USA und von dort weiter nach Brasilien, Jamaika, und Haiti. Seine weltweit gesammelte Erfahrung bündelte Momo Sanno 2009 in seiner ersten eigenen Choreographie „Travelling Body“ und dem darauf folgenden „…Minutes, Seconds“, die 2010 für NDTC Jamaika produziert wurde. Seit seiner Rückkehr nach Rumänien im Jahr 2012 arbeitete Sanno an einer Vielzahl verschiedener Projekte, unter anderem an den Choreographien „Two.One.1“ und „Forgotten Rhythms“. Darüber hinaus ist er aktuell als movement director und Tänzer in unterschiedlichen Produktionen und Kooperationen mit Künstlern aus ganz Europa tätig.