Archiv: Europa Verlag

Noémi Kiss im Gespräch über ihr neues Buch, ihre Arbeitsbedingungen als Schriftstellerin in Ungarn und die Gegenwart des Vergangenen in Osteuropa.

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Die Reisegruppe, die in „Schäbiges Schmuckkästchen“ Osteuropa bereist, besteht aus Wissenschaftlern mit ethnologischem Erkenntnisinteresse. Sie machen sich auf, um eine Fremde Welt zu erkunden, und die Erzählerin deines Buches, die auch zu ihnen gehört, reflektiert ihren Blickwinkel dabei mit viel Ironie. Steckt dahinter eine Kritik? Ist der wissenschaftliche Blick zu arrogant?

Nein, es ist nicht unbedingt als Kritik gedacht. Das literarische Schreiben und diese Art von Feldforschung sind sich im Grunde ja recht ähnlich: Du bist als Reisende und Schreibende in der peinlichen Situation, dass du unbedingt etwas schreiben möchtest. Du reist mit deinem Erwartungshorizont und deinen Vorstellungen und das wollte ich nicht verleugnen. Ironie ist ein gutes Mittel, um kein zu seriöses Bild von sich zu zeichnen, sich nicht zu ernst zu nehmen. Es zielt ein bisschen in die Richtung einer Bewusstmachung, dass auch das Gegenteil von dem, was wir sagen, eine Wahrheit hat, oder dass es auch andere Perspektiven gibt, die nicht weniger berechtigt sind. Der Beruf der Ethnologen hat mich immer fasziniert: Es sind Sammler, die viel reisen und Statistiken studieren. Während der Feldforschung erfährst du aber eine Alltagsrealität, in der Länder sich Tag für Tag und Jahr für Jahr mit der Globalisierung verändern. In Osteuropa ist das sehr stark zu sehen, besonders in der Ukraine und Serbien. Die Zeit, in der die Reisen stattfanden, über die ich geschrieben habe, ist eine Zeit des Umbruchs und radikaler politischer Veränderungen, die bis ins intime Privatleben der Menschen gehen.

Trotz ihres Ursprungs in diesen Reisen, die du tatsächlich unternommen hast, handelt es sich um fiktionale Texte. Die erste Reise zum Beispiel wird abgebrochen, kaum dass sie angetreten wurde. Dann aber folgt die Schilderung dieser Reise, die so nicht stattgefunden hat.

Genau, diese Struktur ergibt sich für mich aus der bukowinischen Landschaft. Wie Celan sagte: “Ich komme aus einer Landschaft, die wahrscheinlich niemand kennt. Dort lebten Bücher und Menschen.” Das ist ein Thema im Buch, dass es Galizien und die Bukowina nicht mehr gibt. Sie wurden zerstückelt, Galizien an Polen und die Ukraine verteilt, die Bukowina an Rumänien und die Ukraine. Diese Regionen der Habsburger Monarchie wurden geopolitisch bewusst zerstört, im zweiten Weltkrieg sind die Menschen dort verschleppt und getötet worden und dazwischen hat Stalin die Gegendenden verhungern lassen. Deshalb sagt Celan, dass sie in der fiktiven Welt der Bücher, Erinnerungen und Gedanken weiter leben. Wenn man dort ist, auf dem Land, in den Dörfern, dann sieht man wirklich schreckliche Armut und auch in den Städten ist es unglaublich traurig. Literarisch geschönte Bilder wären dort völlig fehl am Platze. Jetzt geht es mit einem neuen Krieg in der Ukraine weiter, nichts ist gelöst. Im Gegensatz dazu hat im polnischen Teil von Galizien ein neues Leben mit viel Gastarbeiter-Optimismus angefangen. Man sieht, wie dort Häuser aus dem Tagesgeld der Arbeit im Westen Europas entstehen. Aber wenn man über die Grenze geht, ist es fast hoffnungslos, würde ich sagen.

Der Text, in dem es um die Stadt geht, in der du geboren bist, wirkt sehr persönlich. Damit hebt er sich ein bisschen von den anderen ab…

Gödöllő ist ein kulturell sehr besetzter Ort, der auch in Ingeborg Bachmanns “Malina” auftaucht. In der österreichisch-ungarischen Kultur ist die Stadt vor allem dafür bekannt, dass die österreichische Kaiserin Sissi dort ihre Liebhaber hatte, weit weg von Wien. Insofern ist es eine kulturelle Anspielung, aber ich bin auch wirklich dort geboren und ich finde, es gehört auch zu Osteuropa, zu meinem privaten Osteuropa auf jeden Fall. Das merke ich, wenn ich in Westeuropa bin, in Frankreich, Italien, der Schweiz oder Deutschland, dann fühle ich mich immer als Osteuropäerin, als Fremde. Ich war schon öfter in Berlin, aber jedes Mal fält mir auf, wie anders die Kultur ist, wie anders auch die Frauen sich geben und kleiden. Eine Freundin hat mir geschrieben, gefragt wie es mir geht und ob ich schon etwas Schönes gekauft habe, aber ich habe geantwortet nein, nein, weil hier die Kleidungskultur eine so andere ist. „Oh Noémi, das glaube ich dir nicht“, hat sie geantwortet, „Berlin ist so cool und sexy!“ Ich erlebe es anders, habe eine ganz andere Vorstellung von Stadterotik.

Das Judentum taucht im Buch immer wieder auf. Ich habe mich gefragt, ob dieses Erinnern an die osteuropäischen Juden in deinen Texten in die Zukunft wirken soll. Wie ist es in Ungarn mit Antisemitismus aktuell?

Ja, das Buch ist sehr bewusst als Erinnerungsgegenstand gedacht. Antisemitismus ist immer ein Thema, auch in Ungarn, was ja nicht der Fokus von meinem Buch ist. Als ich die Fotos von den Reisen angesehen habe, wurde mir bewusst, dass sehr viele Reste vom Chassidismus und dem osteuropäischen Judentum darauf zu sehen sind. Die Städte, die ich besucht habe, diese wirtschaftlich entwickelten, bürgerlichen Städte, die durch Völkermord zerstört wurden, waren früher zu mehr als 50% jüdisch: Lublin, Czernovitz, Radautz, Lesko, Bobowa, Zamos, Zombor, Subotica, Komorn, Drohobych… Auch im Osten Ungarns, in den Landschaften von Zemplén und Borsod gibt es keine Juden mehr, sie sind nach Buchenwald, Belsec, Kamanec Podolski oder Auschwitz verschleppt worden. Ich fotografiere oft die zurückgebliebenen Friedhöfe und Synagogen, die jetzt mitunter mitten in neuen Roma-Siedlungen stehen. Bei den Lesungen aus meinem Buch zeige ich auch immer Bilder. Was ich mich frage, ist, wie der Antisemitismus überleben kann, wenn schon kaum noch Juden da sind. Aber es ist ein gedankliches Ding, eine Fiktion. Deshalb wollte ich an die Orte gehen, wo das alles geschehen ist, es verarbeiten. Die Folgen des Holocaust sind im Osten vielleicht deshalb so stark wahrnehmbar, weil die Trümmer noch so unberührt dastehen. Aber der Hass, der sich nicht nur gegen Juden, sondern alle „fremden“ Menschen richtet, ist kein osteuropäisches Problem. Es ist kaum zu glauben, wie stark sich diese Gedanken in den letzten Jahren in Europa ausgebreitet haben – auch in Frankreich, Belgien, Norwegen und Deutschland.

Wenn Ungarn in den Medien hier auftaucht, dann in den letzten Jahren hauptsächlich in Zusammenhang mit der Verletzung von Menschenrechten, wie beispielsweise durch die Einschränkung der Pressefreiheit und der Kompetenzen des Verfassungsgerichts.

Ja, diese Kritik ist völlig berechtigt. Wir haben eine antiliberale Regierung, die unter anderem Erpressung der Kultur und Medien betreibt. Was mich als Schriftstellerin stört, ist, dass die Wahrnehmung der ungarischen Kultur in der Welt so sehr darunter leidet. Die mediale Beurteilung der ungarischen Kultur war in den letzten Jahren sehr negativ und das hat eine sehr starke Wirkung auf das Interesse daran. Es wäre schön, wenn es mehr Solidarität mit Kulturschaffenden gäbe, die unter diesen Einschränkungen leiden. Es ist ganz komisch, ich habe auch viele Briefe bekommen, von Schriftstellerkollegen, die gesagt haben: „Es tut mir Leid, ich habe keine Lust nach Ungarn zu fahren, in ein Land mit einer faschistischen Regierung, wo die Künstler so erpresst werden.“ Ich kann diese Empörung verstehen, aber was soll ich als Kulturschaffende im Land dazu sagen? Ich möchte nicht gleich emigrieren, ich habe zwei Kinder und meine Themen und meine Sprache sind nun einmal dort. Ich glaube nicht, dass die Ungarn es lange mit so einer Regierung aushalten werden…zumindest ist das meine Hoffnung.

Erlebst du, wenn du in Ungarn arbeitest, selbst Einschränkungen?

Ja, natürlich, wenn ich meine Situation mit der in anderen Ländern vergleiche, wo Schriftsteller unterstützt werden, die schon mehrere Bücher geschrieben haben und sich ständig gesellschaftlich relevanten Themen widmen… Ich empfinde meine Arbeit eher als Einzelkampf. Das Finanzielle ist sowieso kaputt, weil die Gelder für Kultur abgeschafft werden und diese Maffia-Regierung das Land auf eine feudalistische Weise führt. Nur Männer, die mit der Politik gute Geschäfte machen, Feminismus gibt es nicht. Da kannst du dich nicht wohlfühlen und diese Umstände werden dann auch zum Thema für dein Schreiben.

Kann man sagen, dass es ein Anliegen des Buches ist, die Erinnerung an geschehenes Unrecht wach zu halten und in einem politisch konservativen Klima zu verdeutlichen, wie dynamisch und auch widersprüchlich sich nationale Gewissheiten tatsächlich entwickeln?

Das kann man so sagen. Im Begriff der “Nation” steckt viel Fiktion, fiktive Mythologie und Ideologie. Dabei braucht man ja eine gewisse Identität, ein Zugehörigkeitsgefühl. Wenn man sieht, wie osteuropäische Dörfer und Gemeinden versuchen, eine Identität afzubauen, ist es manchmal wirklich tragisch. Die Völkermorde gingen nach dem zweiten Weltkrieg weiter, dann wurden die Gebiete neu besiedelt, aber ohne Wurzeln und ohne das Konstrukt von Identität kann man nicht gut leben. Deshalb habe ich die Ukraine als wirklich tief in der Identitätskrise gesehen.

Identität ist eine Konstruktion, die durch Übertreibung lächerlich werden kann, aber es ist auch eine Überlebens- und Arbeitsstrategie. In der Schweiz, obwohl die auch aus mehreren “Nationen” zusammengewachsen ist, gibt es ein ganz selbstverständliches, leichtes und feines Bewusstsein, Schweizer zu sein, über viele Generationen einer bestimmten Gemeinde oder einem Dorf anzugehören. Das ist wirklich beneidenswert. In Osteuropa klammert man sich immer an Pseudogeschichten einer nationalen Vergangenheit. Realitätsanalysen und Zukunftspläne gibt es dafür wenige.

Am Mittwoch, 18. März 2015, 20:00 Uhr, liest Noémi Kiss in der Lettrétage. Eintritt 5,-/ erm. 4,- Euro