Archiv: Florian Neuner

Florian Neuner, Daniel Malpica, Tomomi Adachi, CON_TEXT, Time to deliver X³, Gespräch, Hide Kinoshita, Dadaismus, X

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Freitag, 19. Mai 2017, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
„Sprachkunst aus dem Ritterverlag “
Lesung

Moderation: Florian Neuner
Unterstützt durch: BKA-Kunstsektion
Ritterverlag

Es lesen:

© Schweiger

Stefan Schweiger: liegen bleiben

„liegen bleiben“ ist die Ausfaltung eines Verlusts, der den Protagonisten sukzessive in einen stuporösen Zustand gleiten lässt. Der Textfluss, der über weite Strecken eine Dialogform zwischen Lebenden und Toten bedient, löscht die Welt des Erzählers nach und nach aus. Der Erzähler als ein von der Möglichkeit zu enden Besessener erinnert nicht nur den Tod des anderen, sondern seinen eigenen in einer treibenden Bewegung von der Zukunft wie auch von der Vergangenheit aus auf die Gegenwart zu. In einer Welt fortwährender Zerstreuung erscheint „liegen bleiben“ schließlich als einzig mögliche Alternative zum Vergessen. Stefan Schweigers Prosa ist ein lakonisch-monumentales memento mori, gerichtet an eine Gesellschaft, die Funktionieren über das Denken stellt. In staunenswerter Prägnanz und mit hintersinnigem Humor dekliniert der Autor Sprechweisen heutiger intentionsloser Hyperaktivität und chronischer Überfordertheit und lässt diese konterkarierend ins Leere laufen. „liegen bleiben“ ist eine minuziöse poetische Arbeit zum Sprach- und Bewusstseinsstand der Zeit wider das Geraune eines anything goes. (© Schweiger)

Stefan Schweiger lebt und publiziert nach dem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft seit 1991 als Sozialpsychologe und freier Autor in Berlin. Regelmäßige Buchveröffentlichungen, zuletzt „Trennungsmuster“ gemeinsam mit Jordis Brook (2014) sowie zahlreiche Beiträge in Anthologien, Gemeinschaftsprojekten u. Literaturzeitschriften. Im Ritter Verlag erschienen: „Kiefer. Fäden. Shoah“ (2009), „ruptus. marktgeschehen“ (2012), „liegen bleiben. prosa“ (2016).

© BURQAMASCHINEN

D. Holland-Moritz: The Daily Planet. Ein Para-Feuilleton.

The Daily Planet“ versammelt ein Best Of von D. Holland-Moritz’ Kurzprosa der letzten Jahre zu einer literarischen „Konzeptzeitung“ mit „Leitartikeln“, „Breaking-News“, „Reisebeilagen“ und einem Fortsetzungsroman à la Perry Rhodan, um das zu berichten, was sonst keine Nachrichten bringen. Als Aficionado streift der Autor durch Galerien und Musik-Clubs (West-)Berlins und kreiert, deren Events und Protagonisten kommentierend, eine kühn mäandernde Form der Kritik, in die persönliche Spurensuche und Zeitanalyse eng verwoben sind. Rückblicke bis in die 1960er führen über eine Szene-Chronik zwischen hochfliegenden Ideen und substanzbedingten Abstürzen hinaus und rufen ein widerständiges Denken in Erinnerung, das stets über die Segregationsgrenzen des Undergrounds hinausreicht. Holland-Moritz’ Recherche nach Gegenkonzepten jenseits von Freiheitsschimären und obsoleter Idyllen setzt die Programme seiner letzten Bücher „Fan Base Pusher“ und „Promoter“ fort: Das heiter-melancholische, intelligent-angriffige Journal „The Daily Planet“ empfiehlt sich als Leitmedium für die konsequente Arbeit am eigenen ästhetischen und politischen Bewusstsein – ein Leben lang. (© BURQAMASCHINEN)

D. Holland-Moritz, geb. 1954 in Solingen, lebt als Germanist und freier Autor in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen und Leseperformances seit 1983. Regelmäßig in perspektive – hefte für zeitgenössische literatur (Graz/Berlin) publizierend und mit perspektive literatur berlin e.V. operativ tätig. Unterhielt bis 2015 mit dem Publizisten Ralf B. Korte und dem Verleger Uwe Warnke den Literatursalon TEXT TOTAL. Im Ritter Verlag erschienen: „Fan Base Pusher“ (2008), „Promoter“ (2011), „The Daily Planet. Ein Para-Feuilleton“ (2017).

© Zauner

Hansjörg Zauner: 99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles paßt

Hansjörg Zauner ist ein Dichter von staunenswerter Konsequenz, der sich auf einige wenige sprachmanipulative Verfahren konzentriert, die er in stets neuen Facetten und auf exzessive Weise anwendet. Geradezu ein Markenzeichen seiner Kunst ist das Auf-die-Spitze-Treiben komplexer Wortzusammensetzungen, die nach dem Maßstab herkömmlicher Semantik aberwitzig erscheinen. Alles scheint mit allem verbunden und kombinierbar, ohne Unterschied paaren sich Materialien, Gerätschaften, Pflanzen, Tier und Mensch. Im vorliegenden Gedichtband irrlichtern solcherart Monstra durch Kompanien ebenförmiger Langzeilen in Strophenformation dahin. Gegenläufig zur abstrakten Gliederung treibt der Autor ein anarchisches Wortbildungsspektakel zur Erschaffung eines schroffen, eigengesetzlichen Sprachuniversums. Hansjörg Zauners schier unstillbarer Drang nach immer neuen Kompositakreationen bereitet jeglicher Übung linearen Lesens den Garaus. Das Nachspüren der kreativen Energien seiner beispiellosen Materialausbreitung verspricht ein Lektüreerlebnis von selten erreichter Intensität. (© Zauner)

Hansjörg Zauner, geb. 1959 in Salzburg, lebt in Wien und Obertraun. Dichtung, visuelle Arbeiten, Kurzfilme, Herausgebertätigkeit. Im Ritter Verlag erschienen: „mein mund das saegeloch handtuch“ (1997), „die tafel schreibt. gedichte. Mit einem Essay von Franz Josef Czernin“ (2012), „sie ist im lieblingssong mit skistöcken als lächeln hängengeblieben“ (2013), „99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles paßt“

Florian Neuner, geboren 1972 in Wels, lebt in Berlin. Sein Arbeitsschwerpunkt als Publizist ist die Neue Musik. Im Klever Verlag (Wien) gibt er die Zeitschrift Idiome. Hefte für Neue Prosa heraus und hat dort zuletzt das Buch Satzteillager veröffentlicht. Im Verlag Peter Engstler ist 2013 unter dem Titel Moor (oder Moos) eine „den Inseltexten vorgelagerte Textinsel“ erschienen. – Im Ritter Verlag erschienen: „Jena Paradies“ (2004) und „Zitat Ende“ (1997).

Zuß und Ames suchen Streit und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“
(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.))

2. Begegnung (9. Januar 2014) in Ames’ Büro zum Frühstück/ II. Teil

 

A Beschwerde über Abqualifizierung zu führen, so wie es sich Gerhard Falkner herausnimmt, das ist doch nur legitim. So ist das in einer Demokratie, in der Meinungsbildung nicht beschränkt wird und Meinungsstreit nicht untersagt ist. Oder ist Kunst ein undemokratisierbarer Hort des Elitarismus, eine Zone gelenkter Demokratie? Wo einige draufknüppeln und andere brav die andere Wange hinhalten? Die sehr allgemeinen und namenlosen Bedenken, René Hamann in „Gutenbergs Welt“ dieserhalb vorträgt, fand ich ungemein aufschlussreich. Wer aber verhindert Kritik? Ist es wirklich die Horde der ungenannten Lyriküberschussproduzenten, die Lyrikboomer? Und: Ist das vielleicht nicht mehr eine listige Zuschreibung und Einfärbung, eine schlaue Antizipation der Gegenposition. Ohne Namensnennung bleibt es Behauptung und behaviouristisch programmiertes Kalkül. So sehe ich das und ich finde es mickrig. Wenn wir nämlich mal wieder, wie seit Jahren, nur von der Mustergültigkeit bestimmter Personen hören, und Exzellenzcluster in tautologischen Bunkern errichtet werden (Erfolg hat Erfolg, weil die Erfolgreichen erfolgreich sind; und die Kritiker bestimmter erfolgreicher arrogant auftretender Kommunikatoren können nur Neider sein; die ewige Wiederkehr der beliebten Legende „Gute Bücher werden sich schon durchsetzen!“), dann wird Literaturkritik zu Literaturpolitik. Wenn es dann noch zur Freizeitbeschäftigung einiger midcareer-artists (mit leichten Erinnerungslücken betreffs eigener Starthilfen) wird, selbst aktiv und listig Literaturpolitik zu betreiben, (Reaktionen darauf sind Kommentare in Lyrikzeitung & Poetry News) und aus ihren Tauto-Bunkern heraus das literarische Feld unter Feuer zu nehmen, ganz gleich, ob als Kanoniere (Tom Schulz, René Hamann, Nora Bossong) oder als Scharfschütze (Ann Cotten), dann ist es höchste Zeit für eine Erwiderung! Und wenn solche unkollegialen Attitüden mit Orden behängt werden, ist nicht die Zeit für Appeasement und Diplomatie. Ich sehe diese echte Wut, die ich verspüre, im selben Maß in der Polemik zur ökologischen Erfassbarkeit von Kultur von Gerhard Falkner zum Ausdruck gebracht. Bedeutet es aber in der Tat literarischen Selbstmord, Posen und Attitüden anzuprangern, die mich ankotzen und dabei Ross und Reiter zu nennen? Mag sein. – Ich habe indes kein Interesse an einem weiteren Ausbau von Angst- und Frusträumen in eisigem Schweigen! Den Kollegen Florian Neuner und Crauss. war es doch auch möglich in ihrem Gespräch Tacheles zu reden (siehe Kritische Ausgabe 25). Mara Genschel ist das in ihrem Interview mit „Ich“ auch gelungen (randnummer 05), anstatt sich in aphoristisch verhüllten Invektiven eitle Selbstbespieglung zu treiben. Ich ziehe den Hut vor den mutigen Positionsbestimmungen von Crauss. und Florian Neuner, Mara Genschel, Gerhard Falkner. Ellen Wesemüllers Essay „Können Arbeiter meine Gedichte verstehen oder bin ich ein Arbeiter?“ muss ich an dieser Stelle wenigstens erwähnen, und später noch was dazu sagen.

Sie haben Positionen infrage gestellt, statt beim Ausritt auf Animositäten mit dem Privatissimo-Gewehr zu ballern, teils unter die Gürtellinie zielend, teils auf die Köpfe, die dummen Dinger. Der einzige Skandal besteht übrigens in der überheblichen Unterstellung, dass alle Welt sich für dieses Privatissimo (die Familien und Brotberufe der anderen) wohl interessiere, und dass hier eine inhaltliche Auseinandersetzung mit anderen Positionen stattfände. Selbstgerecht, wenn auch recht ansehnlich theoriekitschrot geschminkt, waren ja schon die imperialen Essais „Etwas mehr“ in der Bella triste 17 und „Ideal: Überfluss“ in der Kritischen Ausgabe 25. Eine Entgegnung auf diese Anhäufung schierer Behauptungen ist überfällig; wird aber an anderem Ort veröffentlicht, nicht hier; das wäre zuviel Aufmerksamkeit für eine Person, die genügend Aufmerksamkeit hat und zum zweiten Mal zum Wunderkind des Jahres ausgerufen wurde! Mich interessiert nur die Beobachtung des Phänomens; die dahinterstehende Person geht mich nichts an; ich interessiere mich ja auch nicht für die Person von Angela Merkel. Deshalb abschließend nur noch eine Bemerkung zum Vorwurf der Primitivität, den Frau Cotten gegen mich erhob. Was sage ich dazu? Ganz ehrlich: Primitiv ist der, der es immer war, der Zufall. Hier in Gestalt der Zwillingshaftigkeit eines, wie man so sagt, bürgerlichen Namens und einer Geburtsstadt. Ann Cotten ist ja gebürtig aus Ames in Iowa, wie einigen Publikationen zu entnehmen ist. Da muss ich wohl wirklich mal hin nach Ames.

ZdW Achgottchen! Wann kommt den endlich der Satz in Ihrem elegischen Flötenkonzert, wo der innere Monolog den Schwanentod stirbt? Wir sollten uns über ihren selbstgerechten Schwanentod und ihren inneren Schweinehund, um nicht zu sagen: Narziss, mal Klarheit verschaffen! – Ich hab hier was, das Sie zum Sprechen bringen wird. (Drückt A die Mündung der Dillinger auf einen Nasenflügel.)

A (deutet mit den Augen auf das, was ZdW entgangen ist: In Höhe des zußschen Appendix hat A ein Skalpell angesetzt. Und grinst dieses Amesgrinsen, diese Mischung aus Hai vorm Zuschnappen und Eichhörnchen nach der Streicheleinheit. Er hebt die geballte Faust zum Sozialistengruß) Vive Rimbaudelaire! Gegenfrage: Erinnern Sie sich doch mal an die Szene aus Solo Sunny, wo …

ZdW (um Fassung bemüht) Ich interessiere mich nicht sehr so für stalinistischen Mumpitz!

A Ist ja auch kein stalinistischer Mumpitz! Glauben Sie mir nicht: Schauen Sie sich den Film ruhig nochmals, und immer mal wieder, an. (Erinnerungsgeräusch) Folgende Szene daraus halte ich für den Kern jeglicher Künstlerproblematik: Sunny unterhält sich mit einem Gitarristen aus ihrer Combo und der Dialog geht in etwa so: „Sag mal, es müsste doch möglich sein, Persönlichkeit zu haben, ohne berühmt zu sein? – Tja, wäre anzustreben,“ gibt ihr der bärtige Sympath zur Antwort, von dem Sunny im Gespräch, zu ihrem größten Erstaunen erfährt, dass er Familienvater ist und seine Ehefrau einem biederen Brotberuf nachgeht. – Auf Ihren mauen Vorwurf übertragen, ich habe mich bei irgendwem eingeschleimt, oder sei ein Reaktionär, weil ich mich im Namen Mörikes habe auszeichnen lassen: der Mörike ist ein Paradebeispiel für einen zerrissenen Menschen, oder pflegen Sie gerne das Klischee vom Biedermeierpoeten? Kennen Sie Weylas Gesang oder Der Tambour? Lesen Sie doch mal die Nummer 20 des Poesiealbums, das ist nämlich Eduard Mörike gewidmet. Muss einer immer erst den Hölderlin machen, um als echter Deutschdichter zu passieren? In Nummer 25 der Kritischen Ausgabe habe ich Kolleginnen und Kollegen erwähnt, die ich für wegweisend halte, ganz im Gegensatz zu denen, die dazu von der Literaturpolitik stilisiert werden und tatkräftig und eitel wie zuletzt Rainer Maria Rilke PR treiben. Mit halbgaren Nietzscheanleihen verbrämte Tendenzen hin zu noch mehr sozialer Distanz und Homestories darüber – demgegenüber bleib ich Saarfranzose.

ZdW (lacht) Im Exil!

A Und zu Mörike und mir und dem Förderpreis, ganz bündig: Wer sich daran stößt, dass Ames’ Poesien im Namen Mörikes gefördert wurden, kann sich doch mit Billy Wilders Bonmot zu Preisen und Hämorrhoiden trösten. Ich hab zwar bisher noch nicht mit Scheiße Preise gewonnen, aber es ist noch nicht aller Tage Abend. Die besten Poesien des letzten Jahres, die dummkopfelegien hat übrigens Norbert Lange veröffentlicht, im Heft 61 der Leipziger Zeitschrift Edit. Die erste dummkopfelegie ist auch hier zu lesen.

ZdW Was hat Wilder denn gesagt?

A Hopp, ran an die Suchmaschine! Kennen Sie Billy Wilder?

ZdW Nö. Wieso sagen Sie eigentlich Poesien? Sind Sie dumm?

A Wäre das nicht was?

(ein Handy klingelt, zwar nicht sinnlos, aber penetrant-dekadent, Schostakowitsch, Suite für Jazzorchester Nr. 1, Foxtrott)

ZdW Leutnant Zuß? … Ein Zwischenfall? … Am Kotti? … Wir sind hier gerade mitten … (die schrille Stimme wird lauter, nimmt einen militärischen Ton an, polizeipräsidentenmäßig; ZdW hat offenbar seinen Vorgesetzten gefunden.)

A (steht schon an der Tür und winkt freudig zum Aufbruch) Kommen Sie schon, Bürokrat!

Vorhergehender Teil

Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes „Literaturhaus“ mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!

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Aus den neuen Idiomen, Ausgabe 6, las der Dichter Bert Papenfuß jüngst in der Kulturspelunke „Rumbalotte Continua“. Unsere Gehörgänge reichen dieses Mal bis in den Prenzlauer Berg: