Archiv: Harald Muenz

Harald Muenz, Mathias Traxler, CON_TEXT, Haute Parleurs

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Für diejenigen die es verpasst haben und auch für die, die dabei waren und sich noch mal erinnern mochten… kommt ein kurzer Film zur zweiten CON_TEXT Veranstaltung „Haut-Parleurs“ mit Mathias Traxler und Harald Muenz!

 

 

Die nächste Veranstaltung erfolgt schon morgen, 14.03. in der Lettrétage um 20 Uhr, mit Kinga Tóth und Doro Billard!

Cristian Forte und Harald Muenz laden zur Generalprobe der sechsten CON_TEXT Veranstaltung
„müll fällt an [asemischer eingriff]“

Kommen Sie am 19.06. um 18 Uhr zur Lettrétage, um einen Einblick in den Entwicklungsprozess der Arbeit von Cristian Forte und Harald Muenz zu bekommen und bleiben Sie anschließend noch auf ein Getränk und ein entspanntes Gespräch mit den Künstlern!

Die finale Veranstaltung
„müll fällt an [asemischer eingriff]“
findet am nächsten Tag, Dienstag, 20.06. statt.

https://www.facebook.com/events/1288917414540414/

Das Projekt CON_TEXT wird gefördert durch die Berlin Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

Dienstag, 20. Juni 2017, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
„CON_TEXT VI: müll fällt an [asemischer eingriff]“
Mit Cristian Forte (Schriftsteller und Klangkünstler, Argentinien) und Harald Muenz (Komponist, Deutschland)

2 Räume, 2 Asemien.
2 Projektionen in permanenter Entstehung: 1 textliche mit aus Abfall transkribierten Informationen, 1 2. mit Müllbildern als Text.
2 Klangebenen: 1 „reine“ aus Elementarmaterial & 1 „unreine“ aus Müll.
Von Abfällen & Resten aus wird 1 installative Performance realisiert.

Was geschieht, wenn man Müll ans Licht bringt? Was, wenn aus dem Abfall Informationen transkribiert werden und Klang aus reinen Elementen und unreinem Müll entsteht? Die beiden Künstler Cristian Forte und Harald Muenz heben prekäre Materialien auf und tasten sie audio-visuell und klangmedial ab. Daraus entsteht eine Installation, die sie „Asemischen Eingriff“ nennen und mit dem sie zeigen werden, wie aus vermeintlich nutzlosen Objekten eine zufällige Menge an Möglichkeiten entsteht.

Die Veranstaltungsreihe CON_TEXT vesucht das Format Lesung neu zu denken und zu thematisieren. Jeweils ein/e Autor/in und ein/e Künstler/in einer anderen Sparte erarbeiten gemeinsam eine Woche lang in der Lettrétage ein interdisziplinäres Veranstaltungsformat. TänzerInnen, MusikerInnen, Bildende und Darstellende KünstlerInnen sowie FilmemacherInnen sind die künstlerischen PartnerInnen der AutorInnen. Ausgehend vom literarischen Text entwickeln die KünstlerInnen-Tandems interdisziplinäre Formate und thematisieren dabei den Prozess der gemeinsamen Arbeit. Die so entstehende literarische Veranstaltung wird als ein eigenes, weit über die bloße Textpräsentation hinausgehendes, künstlerisches Werk begriffen. Die KünstlerInnen arbeiten ohne inhaltliche Vorgaben, der Prozess ist ergebnisoffen.

Insgesamt finden zehn Abendveranstaltungen und eine Abschlußkonferenz statt. Zu jeder Veranstaltung erscheinen vorab ein Interview mit einem Experten und im Nachhinein eine kurze filmische Dokumentation im Lettrétagebuch. Dort findet sich auch weitere Information zur Veranstaltungsreihe und zu den beteiligten KünstlerInnen und Veranstaltungsterminen.

CON_TEXT wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

 

 

© Graham Hains

Cristian Forte / Dichter / 1977 in Buenos Aires geboren. Er war von 1999 bis 2006 Mitglied der Politikkunstgruppe Etcétera, einem interdisziplinären, vom Surrealismus beeinflussten Kollektiv in Buenos Aires. Seit 2009 lebt er in Berlin. 2010 gründete er den Nicht-Verlag Milena Berlin. Mit Katja von Helldorff formierte er die Band Leiseylento. 2014 erhielt er zusammen mit Érica Zíngano den Preis des Festivals Soundout / New Ways of Presenting Literature für das Projekt KM.0. 2015 kuratierte er das Projekt RAUMumDICHTUNG in Berlin, das vom Kulturamt Friedrichshain-Kreuzberg gefördert wurde, und mit Mirella Galbiatti und Ginés Olivares den Performance-Workshop „Die Stadt als Lochkamera“ für das Forum Stadtpark in Graz. 2016 war er Artist-in-Residence bei The Harbor/Beta-Local in San Juan, Puerto Rico, und außerdem Gast des 19. Hausacher LeseLenz. Er veröffentlichte die Gedichtbände „Abr.“, „Alfabeto Dactilar“, „Goldene Regel“. Texte von ihm erschienen in den Anthologien „El Tejedor en Berlín“ (LUPI, Bilbao, 2015) und „MMM DIARIUM“ (Hybriden Verlag, Berlin, 2016).

 

 

© Harald Muenz

Harald Muenz (*1965), Komponist und Musiker, widmet sich neben Kammer-, Orchester- und Vokalmusik besonders der Sprachkomposition, Ars Acustica und Instrumentalmusik mit und ohne Live-Elektronik. Häufige Kooperationsprojekte mit Schriftstellern, aktuell Kompositionsauftrag für das Festival 8 Brücken Köln für das Ensemble hand werk. Er erhielt Preise, Stipendien, Aufträge und Radiosendungen (fast alle ARD-Sender, BBC, RAI, Donaueschinger Musiktage, Ultraschall u.v.a.) weltweit. Mit Sigrid und Georg Sachse bildet er das Trio sprechbohrer, das Sprechkunst aus musikalischer Perspektive aufführt. Seit 2005 pendelt er als Sparten übergreifender Künstler zwischen Köln und London, wo er Komposition am Centre for Contemporary Music Practice der Brunel University unterrichtet. Über soundcloud und YouTube findet man Kostproben seiner Arbeit.

Norbert Lange an Mathias Traxler anläßlich der von Harald Muenz und Mathias Traxler gemeinsam konzipierten und präsentierten Literaturveranstaltung „Haut-Parleurs“ am 23. Februar 2017 in der Lettrétage im Rahmen des Projekts CON_TEXT:

 

7.3.2017

 

Lieber Mathias,

 

das war ein gutes Treffen! Auch eine schöne Gelegenheit, die Themen aufzufrischen, auf die wir in unseren Gesprächen oft zurückkommen. Auf dem Heimweg ist mir dann noch das richtige Wort eingefallen, um Robin Blasers Umgang mit den Wörtern zu beschreiben: Es war nicht „Eleganz“, an die ich dachte und wie ich zuerst erklären versuchte, auch wenn das, ganz sicher sogar, eine Eigenschaft von Blasers Gedichten ist; sondern das Wort, nach dem ich suchte, war „Achtsamkeit“. Ich bilde mir ein, dass man Dichtern anhören kann, wie sehr sie in ihren Gedichten den Wörtern Raum geben, oder wie wenig sie ihn ihnen überlassen. Wenn ich Blaser höre – und als ich Harald Muenz und Dir zuhörte, hatte ich denselben Eindruck –, spüre ich eine Aufmerksamkeit, die den Wörtern die Möglichkeit lässt, sich zu artikulieren. Es ist ein Hegen der Wörter, da man um ihre Sensibilität weiß und ebenso darum, welchen Zorn sie über einem entladen können, wenn sie falsch angefasst werden. Sensibilität und Zerbrechlichkeit sind eben nicht synonym. Die Angewohnheit der Wörter, sich gegen den zu wenden, der sie gebraucht, tritt dazwischen. Und nur Schwachköpfe oder selbstgerechte Autokraten glaubten dann, dass sie ihnen blind folgen. So schnell kann sich täuschen, wer meint, mit Wörtern auf etwas hinauszulaufen, während sie mit ihm schon umspringen, wie es ihnen gefällt. Wie man auf Wörter gekommen ist, so hat man sie sich möglicherweise schon eingefangen. Und wer trotz mehrerer Backpfeifen noch meint, keinen Grund zum Zweifel am eigenen Verhalten zu haben, der wurde unlängst zur Marionette seiner empfindlichen Wärter.

Man ist also gut beraten, im Umgang mit ihnen behutsam vorzugehen, weil sie auf Zwänge jeder Art allergisch reagieren. Ein solcher Zwang könnte beispielsweise sein, eine Lesung veranstalten zu sollen. Dabei möchte man das evtl. gar nicht. Man möchte vielleicht lieber in einem Restaurant, bei einem Kaffetrinken oder auf der Arbeitsstelle mit jemandem ins Gespräch kommen, über dies und das sprechen, um am Ende sagen zu können: Wenn jemand auf dich zugeht und ein Gedicht sagt, woher weißt Du, dass es ein Gedicht ist? Und nicht etwa einem didaktischen Impuls folgend: Siehst Du, Du dachtest, wir sprechen über dies und das. Du hast jedenfalls nicht damit gerechnet, dass ein Gedicht gesagt werden würde. Und am Ende hatten wir da doch ein Gedicht.

Nein, es hat sich ja alles am richtigen Platz befunden, im Raum. Du, ich, die anderen. In der Zeit. Und deswegen haben wir ein Gedicht gesagt.

Im übrigen war es ein sehr kurzer Text, der mit einem Brief Mozarts, einem Gedicht Konrad von Würzburgs, einem Deiner Gedichte und mit Euren beiden Stimmen eine Stunde füllte.

In den vergangenen Monaten hatte ich auf Lesungen – nicht nur dort, aber sie meine ich –, oft das Gefühl, weniger Wissen und Sicherheit zu haben, um über etwas zu sprechen oder überzeugend eine Haltung einnehmen zu können, und sei es nur als Autor, der gleich Gedichte vortragen wird. Und da wundere ich mich immer wieder, wenn meine verschiedenen Rollen (Interessen, Beziehungen, Jobs), aller Schwere und gleichzeitigen Haltlosigkeit zum Trotz, bisweilen auf einem Feld zusammentreffen, das ihre Widersprüche vereinbar wirken lässt.

Diesen Eindruck hatte ich während Eurer Veranstaltung. Wobei es kein gutes Wort ist: Veranstaltung. Lesung ebensowenig, genausowenig wie Performance oder Happening. Vielleicht Letzteres. Ein Geschehen, Event? Oder wie wäre Ereignis?

Euer Setting war denkbar einfach und vertraut: Ein Komponist und ein Dichter treten in einen Raum, um ihre anschließende Kommunikation mit dem Publikum zu teilen. Ein Tisch und ein Klavier, beide mit Büchern darauf. An den Wänden der Lettrétage Stühle auf denen das Publikum Platz genommen hat. Blätter und Zettel auf dem Boden, ein Schreibtisch in einer Ecke und im hinteren Raum ein weiterer Tisch. Anderes habe ich vergessen. Ich erinnere mich auch an zwei Notenständer und einen Kühlschrank. Die Notenständer waren vielleicht Lesepulte oder, wenn man die darauf gebreiteten Mappen mit ihren Bildern und Blättern bedenkt, Minnealtare. Auf einem Blatt las ich die schöne Bezeichnung: Singspruchdichtersprech. Es könnte aber auch Sinnspruchdichtersprech geheißen haben.

Während des Ereignisses von Muenz und Dir musste ich an eine Zeile von Robert Duncan denken, um die ich ihn schwer beneide, weil er in dem Gedicht (das man hier [https://www.poetryfoundation.org/resources/learning/core-poems/detail/46317] nachlesen kann) von einem magischen Ort erzählt, an dem etwas Einzigartiges geschieht:

Often I am permitted to return to a meadow …

Wann immer ich in Zukunft das Wort Idylle (wie in „Neo-Biedermeier“) höre, will ich an den Satz dieses Gedichts denken, das davon spricht, in den Kreis einer Gemeinschaft aufgenommen zu werden, die, stelle ich mir vor, nicht exklusiv ist, sondern jedes Einzelnen Anwesenheit in ihrer Mitte billigt, inklusive aller Dünnhäutigkeiten, Überforderungen und Absichten. Die Möglichkeit eines solchen Ortes ist doch eine krasse Vorstellung? Der Satz, den Duncan und man selbst als Mitleser wiederholt, erschafft ja erst jenen Raum, von dem er spricht. Oder zeigt er schon darauf, so dass man sehen kann: er ist da, es gehört nicht viel dazu, hineinzugehen?

Oder wieso steht rechts vom Eingang zur Lettrétage auf der Mauer:

Wovor hast Du Angst?

Statt zu denken, es gäbe eine gewisse Weise, einen Text zu durchqueren, könnte man ihn doch betreten, ohne zu erwarten, von jemandem hindurchgeführt zu werden, oder gar zu fürchten, dass der Text einen gleich wieder rauswirft. Ebensowenig konnte man erwarten, dass der Text in der Topographie, die er für den Abend in der Lettrétage bildete, von selbst zuende ging. Die Verwirrung von zweien, deren Gespräch ich nachher vor dem Haus belauscht habe und die sich erklärende Worte gewünscht hätten, bevor es losging, rührt für mich von der falschen Annahme her, dass ein Text seinem Anlass entsprechend jedes Mal eine Gebrauchsanweisung braucht. Im Text aber – und schließlich hat man als Publikum für ihn den Rahmen gebildet (der Kreis, in dem die Stühle angeordnet waren) –, kann keine Unruhe aufkommen. Er wird zur schützenden Schale, wenn man es ihm erlaubt, und zerbrechlich wäre er nur, wenn man der Furcht vor ihm den Vorrang lässt. Man darf nur nicht erwarten, dass was man erwartet auch eintrifft. Überhaupt darf man erwarten: nichts, weil nichts geschieht, wo bereits ein Ergebnis vorher festgelegt war.

Und so verstehe ich den Satz von Mozart, den ihr im letzten Drittel des Abends zitiert habt, als weniger nachsichtigen Cousin des Duncan-Satzes, der aber dasselbe will: „Die Herren, die so pedantisch zu Werke gehen, werden immer mitsamt der Musik zugrunde gehen.“

Zugrunde gegangen, ist keiner, und wenn, dann auf die schönste Weise.

Entstanden ist jedenfalls kein Feld, auf dem ein Wettkampf herrschte und wo man sich hätte behaupten müssen, als Publikum oder als Aufführender.

Stattdessen entstanden wunderbare, manchmal wunderbar komische Episoden, wie das behutsame Flüstern mit dem Megaphon oder Euer Funkverkehr zwischen Hinterzimmer und Vorderzimmer als kommunizierenden Röhren, das Balancement der Vokale und Konsonanten anhand zweier Telefone auf der Stange sowie die Präsentation des „Ton-Eis“, das mit großer Achtsamkeit durch den Raum getragen wurde.

Wer hätte da nicht ratlos bleiben und über die Bedingungen nachdenken wollen, unter denen ein solches Ereignis stattfinden kann?

Was zuletzt ein gelungenes Wagnis war.

 

Kurz und herzlich,

 

Norbert

 

Weitere Dokumentation zur Veranstaltung und deren Vorbereitung: Fotos, Gespräch der Künstler während der Vorbereitung

Auszug aus der Mailkorrespondenz zwischen Harald Muenz und Mathias Traxler in Vorbereitung der CON_TEXT-Veranstaltungen „Haut-Parleurs“ am 22., 23. und 24. Februar 2017 in der Lettrétage, redigiert als Gespräch:

 

1: So, bevor ich nun die Partitur mal ausdrucke, muss ich rasch Papier holen gehen und ein paar Komissionen machen.

2: Anbei ein, zwei Beispiele, wie es im Minnesang II-Block aussehen könnte.

1: Hach, grad kommt deine Mail. Schön, Chopin, Schumann & Tristan!! Bist du das am Klavier?

2: Herzlichen Dank für den interlinearen Konrad — jetzt ist es natürlich ganz klar.

1: Ja, „hoch angesiedeltes“ Material zu verwenden, finde ich im Grunde völlig normal und ist in bestimmter Hinsicht womöglich sogar eine Pflicht. Vielen Dank für den Text von Lachenmann zu Accanto.

2: Vor unserem Skype-Gespräch möchte ich dir noch einige Aufnahmen schicken, die ich in den vergangen Tagen gemacht habe, noch ganz lose, praktisch unbearbeitet und noch untranskribiert. In den Texten kommen immer wieder Stellen vor, wo es um das Innen, das Aussen, Membrane und Übersetzungen geht.

1: An meiner Übertragung des Lieds von Konrad von Würzburg bin ich noch voll drin. Zunächst gilt es dazu, noch mehr ein- und zweisilbige Wörter aus den Sonetten Giacomo da Lentini’s herauszusuchen, ein bis zu einem weiten Grad sehr konzeptuelles Vorgehen, mehr davon später.

2: Außerdem habe ich dieselbe Aufnahme des KvWÜ-Gedichts nun auch einmal versuchsweise auf 60 Minuten gestreckt, und zwar erneut mit zwei unterschiedlichen Time-Stretch-Verfahren für den rechten und den linken Kanal. Diese Kanaltrennung muß man später nicht haben, man kann beide Stereokanäle auf dieselbe Weise transformieren, es spart nur jetzt Upload-Zeit, kannst ja beim Abhören mit dem Balance-Regler spielen. Hier kannst Du das wieder streamen, die Datei ist mit dem Kennwort „Konrad“ geschützt.

1: Etter-Kirsch ist einer der besten.

2: Im Sinne von „dasselbe ist nicht dasselbe“ dachte ich mal so als Hypothese, Du könntest eventuell die A-Klarinette benutzen, und ich B, so daß immer automatisch ein Halbton-Clash zwischen uns entsteht, wenn wir denselben Griff haben. Dadurch etabliert sich eine virtuelle „Semiton-Membran“ zwischen uns, auf die man wiederum vielfältig reagieren kann.

1: Mozart-Kugeln brauchen wir ja auch noch (apropos Budget) oder ist die Dose noch voll?

2: Keine Sorge, wenn ich mich nicht täglich mailde, die Dinge laufen weiter.

1: Ja, ich finde auch, den portablen Lautsprecher so einzusetzen, wie Du es beschreibst, ist eine sehr gute Arbeitshypothese. Sollen wir ihn vielleicht auch textlich zuordnen

2: Wenn wir den Haupttext entschieden haben, und er eingesprochen und auf 60 Minuten gestreckt ist, würde ich gern anhand des klanglichen Ergebnisses versuchen, eine erste zeitliche Untergliederung der Stunde vorzunehmen.

1: Dies ist ein anderes Duo mit mir selbst über „KV421“.

2: Von „KV421“ gibt es noch wesentlich mehr als zwei Aufnahmen, da schweben mir Kombinationen verschiedener Überlagerungen bis hin zur Unverständlichkeit vor. Und Deine Stimme sollte natürlich auch noch hineinkommen. So hört sich die unsynchronisierte Überlagerung 14 verschiedener KV421—Lesungen an: Dabei finde ich das ausfransende Decrescendo am Ende spannend, wenn unverhofft eine gewisse Verständlichkeit hineinkommt.

1: Und wie gut, dass du die Wechselsprechanlage gefunden hast, so können wir bei der Aufführung aufeinander aufpassen.

2: Mit den Donnerrohren könnte man auch zwei Satelliten machen, einen eher monistischen zu Anfang, wo wir (eher jeder für sich) nur Geräusche erzeugen, und in der zweiten Halbzeit einen eher dialogisierenden, bei dem wir schon (Minne?)-Text in die Röhre sprechen, wobei aber manche Worte durch reine Rohr-Geräusche ersetzt („geschwärzt“) sind. Dann würde man im zweiten Teil noch einmal bei denselben Donnerrohr-Raumpositionen wie im ersten vorbeikommen, aber eben verändert.

1: Das „Wechselsprechen“ in allen möglichen Formen gefällt mir ebenfalls gut – auch Interaktion, Dialog (der ja im übrigen auch beim Kammermusizieren stattfindet).

2: Das Spiel(en) mit den Superball-Schlägeln (tatsächlich der Neue-Musik-Fachausdruck für die auf Rouladennadeln aufgespießten Flummies) könnte man auch dialogisch anlegen: einerseits zwischen uns, andererseits als Möglichkeit, ganz konkret auf die Klänge des Bandes einzusteigen.

1: Eine andere Möglichkeit in dieser Richtung sehe ich darin, einen Text „so langsam wie möglich“ zu sprechen, also im Grunde eine Art Live-Zeitlupe beim Sprechen; auch dann nähert man sich den Bandklängen an.

 

„Haut-Parleurs“

In 2 Räumen richten Traxler und Muenz 1 Sprach-Stunde an.

In 421 Bewegungen donnert der Lautsprecher ins Rohr, der Kühlschrank hallt nach dem Klavier, accanto verköchelt Gober darin die Minne.

Im kirschigen Finale läutern Etter und Schladerer die Hörer innen.

 

2: Und ich habe die vier Sätze des Mozart-Streichquartetts lückenlos aneinandergehängt und dann ebenfalls auf eine Stunde gestreckt, was auch sehr schön klingt. Das wäre sozusagen eine erste Idee für einen übergreifenden Prozeß für die ganze Stunde. Die Großform wäre quasi ein Decrescendo von Parallelsprechen mit zunehmender „Enthüllung“ des Haupttextes.

1: Vielleicht ist das auch der einzige Zeitpunkt, in dem wir uns beide an derselben Station im Raum befinden (größtmögliche Nähe); alles davor/danach wäre ein Weg dorthin und wieder (anders) davon weg.

2: Hier einmal drei (provisorische) Erprobungen meinerseits mit präexistenten Texten von Dir – freue ich über Rückmeldung, bitte auch kritisch.

1: Es floss auch viel Feuerwasser (Whiskey, Kirsch etc.), was vielleicht vor allem dazu verhalf, gewisse meiner Kräfte zusammenzuhalten.

2: Anbei nun kv421 mit Markierungen. Es ist mir schwer gefallen resp. nicht gelungen, die wichtigsten Wörter herauszufinden, dafür etwas anderes.

1: Deine 12 „Wechselmarken“ waren sehr hilfreich für mich. Ich habe nun in der Mitte der durch diese Marken begrenzten Textabschnitte, außer in den sehr kurzen ersten beiden, je ein keyword definiert (siehe die rot gedruckten Wörter im beigefügter Scan) – das sind ebenfalls 12. Wie Du im Scanne siehst habe ich dann Wechselmarken und keywörter durchnumeriert und sie auf diese Weise einander zugeordnet. Die Stopzeiten in eckigen Klammern beziehen sich auf das 60-Minuten-Zuspiel, und zwar sind es die Stellen, an denen Deine Wechselmarken erscheinen (nicht die betreffenden Wörter). Dadurch werden meine 12 Keywörter Deinen Wechselorten zugeordnet, bzw. markieren diese Orte hörbar auf dem Zuspiel.

2:Gute Idee, den Mozartbrief zu integrieren! Wie war es bei Pollini? Ich sende einen heiteren Gruss durch die Nacht. Und morgen mehr.

1: Und zum anderen fragte ich nach dem Verhältnis eines anwesenden Körpers und seiner Stimme, der sowohl nichts sagt und Audiospuren abspielt als auch wirklich im Moment was sagt, aber dies nicht sofort oder gar nicht erkenntlich ist, bezogen zu einer aktuellen Situation und zu den anderen anwesenden Körpern im Raum (oder im angrenzenden).

2: Mehrsprachigkeit ist praktisch ein Muss; oder anders gesagt wüsste ich es nicht zu vermeiden.

Impressionen des zweiten Abends der CON_TEXT Veranstaltung mit Mathias Traxler und Harald Muenz, am 23.02.2017 in der Lettrétage:

 Mittwoch (22.), Donnerstag (23.) und Freitag, 24. Februar 2017, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
 Programmschwerpunkt CON_TEXT
„Haut-Parleurs“ von und mit Mathias Traxler & Harald Muenz

 

Es geht weiter, im Januar hat es mit Cia Rinne und Gernot Wieland begonnen, im Februar bereiten im Rahmen der CON_TEXT Veranstaltungsreihe der schweizer Schriftsteller Mathias Traxler und deutscher Klangkünstler Harald Muenz gleich drei Abende vor!

(c) Robert Golinski

In den Wörtern des Tandems: „Im Klang von Orchester hört man die einzelnen Körper, die mit ihren Instrumenten hantieren. Dass bestimmte Bücher, die in einem Rucksack transportiert sind und sich darin berühren und zwischen den Menschen, die dieses Buch gelesen haben, eine Verbindung entsteht. In 2 Räumen versuchen Traxler und Muenz 1 Gedicht zu sagen.“

 

(c) Privat

Jede der zehn geplanten CON_TEXT-Veranstaltungen wird von einem/r Autor/in und einem/r Künstler/in aus einer anderen Sparte gemeinsam erarbeitet und umgesetzt. Ziel ist, interdisziplinäre Formate vom literarischen Text ausgehend zu entwickeln und dabei die literarische Veranstaltung als ein eigenes künstlerisches Werk zu verstehen. Selbstverständliche Veranstaltungsformate und Rollen des Literaturhausbetriebs werden dabei ästhetisch lustvoll in Frage gestellt.

Weitere Infos zur Veranstaltungsreihe und zu den beteiligten KünstlerInnen und Veranstaltungsterminen.

CON_TEXT wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.