Archiv: Interview

7 Tage, 2 Künstler*innen, 1 Ort: Im Rahmen des Projekts CON_TEXT erarbeiten jeweils zwei Künstler*innen innerhalb einer Woche in der Lettrétage gemeinsam eine Veranstaltung

Die Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel besuchte die CON_TEXT-Künstlerinnen Kinga Toth und Doro Billard in der Lettrétage.

Daniela Seel: Die Raumsituation ist schon so unmittelbar anders, wenn man hereinkommt, wir könnten gleich daran anknüpfen. Man sieht hier diverse Arbeitsschritte und Utensilien ‒ erzählt doch vielleicht einfach etwas dazu, was hier so vor sich geht und noch vor sich gehen soll.

Kinga Tóth: Okay. Ich kann vielleicht mit den Texten anfangen. Was man hier jetzt auf dem Boden sieht, sind Texte, die viel mit Wasser zu tun haben. Deswegen haben wir einander auch ausgewählt. Es gab diese CON_TEXT-Gesprächsrunde, nicht Blind Dates, eher Zwei-Minuten-Dates ‒ und bei uns war das wirklich direkt so ein Match.

Doro Billard: Ein Thema, wo wir beide gemerkt haben: Genau daran bin ich gerade. Und deswegen sofort die klare Vorstellung, dass wir da zusammenarbeiten. Diese Texte von Kinga, wo es sehr stark um Wasser geht, um Mädchen im Wasser, im Becken, um eine Frau, die in einen Tank springt, die ganze Thematik von Mädchenkörper, Frauenkörper und Wasser hat mich total angesprochen.

KT: Naja, alle Schriftsteller schreiben über Wasser, alle Grafikerinnen oder bildenden Künstlerinnen machen etwas mit Wasser, Wasser ist ein topic wie, ich weiß nicht, Stein. Aber wie wir mit dem Wasser arbeiten, wie unsere Gedanken damit umgehen, wie wir zum Wasser gehören, was mit Atem zu tun hat, was Wasser eigentlich ist, drinnen und draußen, wo die Grenzen sind. Dazu Dinge wie Tradition oder Gürtellinie, es springt sofort viel an.

DB: Wasseroberflächen, so eingelegte Formen, was ist eine Spiegelung im Wasser, was ist es, aufs Wasser zu starren …

DB: Parallel dazu gab es für mich das Thema Mädchen und Tochter und was sind die Erinnerungen an den Körper, an den Körper des Mädchens, was sind Körpererinnerungen. Die Zeichnungen sind auch aus einem Gefühl gekommen von Nicht-loslassen-Können. Wasseroberflächen zu zeichnen, hat für mich mit einer Unruhe zu tun und mit, ja ‒ was ich nicht so gut in Worte fassen kann. Und deswegen hat es mich sehr interessiert, die Texte von Kinga darüber zu lesen und zu bekommen. Was ist dieser Zustand der Flut zum Beispiel … Ich hatte so eine Szene gesehen von zwei kleinen Mädchen, die sich ankucken, an der Elbe, wie ihr Spielplatz unter Wasser ist, wo eine Rutsche nur rausragt, eine Schaukel drüberschwebt ‒ und da sind wir auf den Gedanken gekommen einer Wäschesituation, von Kleidern, die gewaschen werden oder gefärbt werden, diese Farbe, die von unten kommt und in die Stoffe, ins Papier einwandert, hochwandert. Und das ist unser Prototyp.

 

KT: Sie badet seit gestern und sie wird bis Dienstag baden, und dann merken wir, was mit ihr passiert.

DB: Wir werden heute Nachmittag noch andere Kleider bauen und sie in verschiedene Farbgefäße einsetzen. Und die Texte, die da liegen, werden an die Wand kommen, und auch Zeichnungen, und wir werden auch eine kleine Performance machen ‒ mit einer Badewanne. (Lachen.)

KT: Die am Montag kommt. Also die Frage: Was macht ein Mädchen mit Wasser? Von draußen und von drinnen. Und wir wollten beobachten ‒ wenn man das kann ‒, wie man von innen und außen Wasser und Feuchtigkeit wahrnehmen kann, mit welchen Sinnesorganen. Also haben wir Bewegungen ausgewählt, wie zum Beispiel waschen, anders atmen, natürlich ertrinken, tauchen, schwimmen ‒ womit wir beide Probleme haben … Sehr wichtig war, dass es ein Element unseres Körpers ist, dass der menschliche Körper so sehr aus Wasser besteht und was für eine Sehnsucht wir haben: Warum wollen wir zum Wasser? Es ist eine persönliche Geschichte, aber auch eine kollektive Geschichte. Dass man irgendwie zurückgehen muss. Aber um zurückgehen zu können, muss man anders atmen, unsere Körperteile komplett umfunktionieren, aber das bedeutet dann ertrinken. Auf solchen Gedankengängen sind wir spaziert, und deswegen kommt die Wanne. Deswegen kommt Waschen, weil die Bewegung hilft, weil es etwas Motorisches ist. Und das ist auch gut fürs Storytelling, also diese monotonen und wiederkehrenden Elemente und Kreisläufe. Naja, und es hat auch sehr viel mit Weiblichkeit zu tun. Es gibt diese Wasserlinien ‒ wann ist Wasser gut, wann ist Wasser gefährlich? Und so landeten wir beide bei der Gürtellinie, die sehr wichtig ist, auch im Schwimmbecken, wo immer es ein Warnsignal gibt: Bis hierhin ist es okay, dann kommt das Geheimnis, oder das Unheimliche, und das Gefährliche, was darunter ist ‒ davon wissen wir nicht. Und so sind unsere Frauenkörper aufgebaut, wir haben diese Gürtellinie und ‒ Doro, können wir das erzählen? Dass du Kinder hast …

DB: Ja, das Wort kam, weil ich von der Geburtssituation erzählt habe. Geburt ist, ein Kind aus dem Wasser herausholen, und aus diesem Wasserwesen ein atmendes Wesen zu machen. Und da sind komische ‒ also ich fand die Schwangerschaft überhaupt einen komischen Zustand, aber was auch die Gesellschaft mit einem macht und diese ganzen Krankenhäuser … Ich fand total absurd, dass einem nach der Entbindung gesagt wird, man soll nicht mehr baden. Das heißt, das Dreckige darf nicht mit der heiligen Brust, mit Milch in Berührung kommen, weil das alles ganz schlimm ist. Diese Vorstellung, dass es das Gute und das Böse gibt, das ganz stark voneinander getrennt sein soll, dass es wirklich diese Gürtellinie gibt, und man soll nicht baden, denn man ist eigentlich unten schmutzig und oben soll man dem Kind doch bitteschön Milch geben, und ich dachte: Aus welchem Jahrtausend kommt bitte diese Vorstellung?

DS: Ich hätte gedacht, dass es anders herum ist, man soll nicht baden, weil das Wasser dreckig ist, damit man sich nicht entzündet.

DB: Genau. Aber schon diese Vorstellung, dass ein Teil des Körpers dreckig ist, also nicht das Wasser ist dreckig, sondern man macht selbst das Wasser dreckig, mit dem Wochenfluss.

DS: Ach so, du meinst im Schwimmbad.

DB: Ne, in der Badewanne. Man soll nur duschen.

DS: Ich hatte gedacht, man soll nicht in die Badewanne, weil dadurch die Selbstreinigungskräfte beeinträchtigt werden, durch das Wasser und das, was hinzukommt zu dem, was der Körper selber an Reinigung vornimmt, und dadurch eine Entzündung und Lebensgefahr entstehen kann.

KT: Das wäre, was Sinn macht. Aber die Tradition, die Oralgeschichte, was Frauen einander erzählen, in Ungarn auch, sagt etwas anderes.

DB: Auch was Hebammen erzählen. Ich war total verstört von dieser Vorstellung, ich habe es nicht verstanden, habe nachgefragt, was ist eigentlich damit gemeint? Und damit gemeint ist: Das Blut darf nicht mit der Milch in Berührung kommen. Es sind ganz moralische, eigentlich religiöse Vorstellungen, ganz verrückte Vorstellungen, es hat eigentlich nichts Rationales. Und darüber sind wir auf das Wort Gürtellinie gekommen, auf die Vorstellung, dass es eine Grenze im Körper gibt, auch einen starken Zwang, was Muttersein sein soll, die Beziehung von Mutter und Kind.

KT: Dieses Santa-Maria-Sein oben, weil es um Füttern geht, aber diese unheimliche ‒ Nassigkeit, wie sagt man das? Unheimliche Flüssigkeiten, die unter dieser Wasserlinie oder Gürtellinie sind, darüber können wir nicht reden, das ist intacto, das ist etwas, das wir verdecken müssen. Obwohl es nicht gesund ist, nicht logisch ist, teilen Mütter den Mädchen das weiter. Und für mich war diese Schwangerschaftssache auch sehr interessant, weil ich zwar keine Kinder habe, aber meine Mutter Biologielehrerin ist, und wir führen seit meiner Kindheit „kranke“ Gespräche darüber, was ein Fremdkörper ist, was ein Parasit ist, ob ein Kind ein Parasit ist, ob ein Kind ein Fisch ist mit anderem Atemsystem, was in der Gebärmutter, in diesem Wasserbecken, passiert, und dann diese Sehnsucht des Kindes … Obwohl wir ganz andere Erfahrungen haben, ist unsere Denkweise ähnlich. Und diese Reinheit ‒ vielleicht bin ich zu sehr mit Ungarn beschäftigt, aber es macht mich manchmal wirklich krank, diese Frauenrepräsentationen, diese Rückkehr zur Reinheit. Wie furchtbar es zum Beispiel ist, wenn du deine Reinheit verlierst als Mädchen, und wie du sie zurückgreifen kannst als eine heilige Mutter. Und das alles, alles geht zum Wasser zurück. Genau das wollten wir aber nicht, die Esoterik, die in solchen Frauenrepräsentationen steckt, in diesen Denkmustern. Darum war uns auch wichtig, über unsere Ängste zu sprechen.

DB: Es gibt in diesem Zusammenhang noch ein anderes Thema von Kinga, nämlich Maschinen als eine Erweiterung des Körpers, was auch viel mit Kingas Geschichte zu tun hat und mit Medizin, im weitesten Sinn. Diese Vorstellungen von Flüssigkeiten, die den Körper verlassen, davon, wie Körper an Maschinen angeschlossen werden, an Kreisläufe, sind sehr präsent in deinen Texten, und die haben mich auch sehr angesprochen.

KT: Ja, eine Maschine ist auch wie ein Fremdkörper, der nicht ein Kind ist, ein anderer Fremdkörper, eine andere Tube, die Flüssigkeitskreisläufe produzieren kann oder leiten kann. Dann kommen die Materialien hinzu. Doro ist oft mit verschiedenen Stoffen beschäftigt, ich schreibe auch über Stoffe, kreiere Sounds mit Stoffen, aber ich berühre sie nicht in dem Sinn, ich habe sogar etwas Angst davor, vor Papier, vor Wasser, vor Schneiden und sowas. Das ist auch ein Lernprozess jetzt, dass wir verschiedene Stoffe, Grundstoffe, und die Begegnung von Wasser mit diesen verschiedenen Grundstoffen ausprobieren.

DS: Vielleicht könnt ihr darüber noch mehr erzählen: Wie kommt ihr vom Inhalt zur Form? Ihr habt jetzt viel über das Thema gesprochen, aber der Rahmen des Projektes ist ja eine Performance. Wie läuft der Prozess, das aufzubauen und auch mit den anderen, die dann kommen, als Publikum, in Beziehung zu setzen, das zu entwickeln?

DB: Also zunächst gab es den Aspekt, dass Texte von Kinga, die schon da sind, und Zeichnungen von mir, die schon da sind, für uns so klar zusammenkommen, dass wir sie auch zusammen zeigen wollen, zeigen, was da ist. Dafür wollen wir gute Typografie an der Wand, von den Texten manchmal nur kurze Ausschnitte, aber dass man sie gut lesen kann und die Bilder dazu hat. Und dann war es ein Dialog. Kinga wollte gerne Geräusche und Wasser und etwas Performatives, diese Badewanne und dass man damit spielt. Mir ist das etwas fremd, Performance, mit Sound arbeiten, das ist überhaupt nicht mein Medium. Aber während wir darüber gesprochen haben, dass da Kleider hängen könnten, dachte ich auf einmal an Papier in Farbe, und dann war es für mich dieses Plastische, das in meinem Kopf auf einmal ganz klar war. Und Kinga hatte gleich eine Vorstellung davon, was man mit diesen Objekten im Raum machen könnte und wie man Leute einbeziehen könnte. Gestern beim „Basteln“ entstand die Idee, dass die Leute, die heute zur Werkstatt kommen, sich auch Kleider machen können. Das ist auch etwas Faszinierendes: Dass man das Volumen des eigenen Körpers erfährt, indem man aus einer flachen, zweidimensionalen Sache durch Falten und Kleben tatsächlich auf einmal ein Körpervolumen erhält. Was auch sehr lustig ist. Und es berührt einen, es passiert etwas ganz Unheimliches, wenn aus einem liegenden Papier auf einmal ein Bauch und ein Rücken wachsen.

DS: Und diese Kleider sollen alle aus Papier sein?

KT: Ja, auch wegen dem Wasser. Wir wollen sichtbarer machen, was Wasser mit verschiedenen Stoffen machen kann, mit der Haut. Und Papier war vielleicht das einfachste Beispiel.

DB: Wir dachten zuerst, auf diese Kleidung vielleicht auch zu schreiben, sie zu bemalen, zu zeichnen, inzwischen haben wir uns davon aber wieder verabschiedet, weil es schon genug Elemente gibt, es muss nicht alles einfließen.

KT: Das wollte ich dir noch zeigen.

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KT: Bei mir war das wirklich eine starke Vision: Ich sah uns beide beim Storytelling an der Wanne, weißt du, wie diese alten Damen. Ich dachte, wir sind jetzt diese alten Damen, die das ganze Leben, die Gesellschaft ‒ und alles beim Wasser, am Ufer, bei diesen motorischen Bewegungen, beim Waschen ‒ einfach erzählen, so geben wir alles weiter. Dass wir zeigen müssen, wie wir kommunizieren, was ein Kommunikationsmittel oder ein -kanal ist. Und dann wollte ich der Doro auch auf jeden Fall zeigen, wie Wasser sounds. Und diese Gürtellinie ‒ also unser Ziel ist jetzt, dass alle, die am Dienstag eintreten, ins Wasser eintreten werden, oder?

DB: Ja. Wir hatten die Idee, den Raum zu markieren mit Klebeband, durchgehend, alle Wände, alle Pfeiler, wie beim Hochwasser, solche Strichmarkierungen. Das ist immer sehr beeindruckend, wenn man in einer Stadt steht, und dann: 1910, bis hier … Es gibt etwas Ungemütliches darin, aber auch Beeindruckendes. Und damit das Zimmer gedanklich unter Wasser setzen.

KT: Und diesen Untergang. Wie kann man mit einem statischen Raum eine Bewegung nach unten präsentieren? Und das versuchen wir mit dem Klebeband, so dass deutlich wird, dass wir jetzt untergehen. Mich interessiert sehr, wie diese Kommunikation, ob diese Kommunikation eigentlich passieren wird.

DS: Das ist ja sowieso etwas grundsätzlich Interessantes an der künstlerischen Arbeit: Es ist eine Form von Kommunikation, die üblicherweise indirekt ist. Es gibt zwar ein Publikum, aber mit dem hat man in der Regel keinen direkten Kontakt, außer eben in so einer Performancesituation oder für dich, Doro, vielleicht in einer Ausstellungssituation, wenn du auf Besucherinnen und Besucher triffst. Wie verhält es sich für euch mit dieser Form von Kommunikation, von Beziehungsarbeit auch, zunächst im künstlerischen Prozess und dann, wenn es das konkrete Feedback gibt? Gerade wenn ihr von einer so explizit weiblichen Position herkommt, wo emotionale Arbeit, Beziehungsarbeit noch mal ein anderes Gewicht hat.

KT: Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe es so wahrgenommen, dass das, was wir mit diesen künstlerischen Tools zeigen möchten, etwas sehr Natürliches ist. Wie kann man etwas Natürliches als Wasserwesen ‒ Zurückkehren, Kreisläufe ‒ mit diesem Künstlichen ‒ Tapes, Schellack, Tinte ‒ deutlich machen? Ob die Leute das verstehen werden, dass es etwas sehr Natürliches, nur unter einer Lupe, ist? Oder werden sie das Ganze nicht verstehen? Oder wird es sie berühren? Denn uns berührt das Ganze.

DB: Ich habe noch nie so etwas Performatives gemacht, und das hat mich auch interessiert an diesem CON_TEXT-Projekt. Also dass man auf ein Publikum trifft, wo man nicht nur sagt: Das habe ich gemacht, ich kann gern darüber sprechen, aber muss nicht, sondern dass man sich in den Raum stellt und sagt: Okay, es gibt einen Dialog zwischen uns, wir wollen andere Leute daran teilhaben lassen. Für mich machen die Dinge Sinn, aber sie sind eher intuitiv, die Formen, die Aspekte ergänzen sich. Wahrscheinlich erhoffe ich mir, dass dadurch, dass deine Medien, Kinga, dazukommen, ein größeres Verständnis oder ein anderes Begreifen entsteht, dass Leute von verschiedenen Seiten Zugang zum Thema finden. Für mich hat es so funktioniert. Zum Beispiel ein Satz wie: Nicht jeder wird in den Körper wieder hineingelangen. Das ist für mich ein ganz starker Satz, der viel mit dem, was ich in meinen Zeichnungen gemacht habe, zu tun hat. Für mich war das ein Plus zu dieser Bildebene. Ich weiß natürlich nicht, wie die Leute darauf reagieren werden, und ich weiß auch nicht, wie die Leute, die sonst meine Arbeit kennen von Ausstellungen, in so einem Kontext reagieren. Ich bin sehr gespannt.

KT: Ich auch. Wir wollen keinen großen Zirkus machen. Sondern das Wasser zeigen und unsere Begegnung mit Wasser. Etwas Lebendiges und eine Beobachtung charakteristischer Merkmale des Themas.

DB: Wobei es für mich auch Überraschungen gibt. Zum Beispiel seitdem dieses Wesen hier im Raum steht, diese Papierfrau, bin ich selbst ein bisschen überrascht. Es gibt einen Witz darin, etwas Komisches, vielleicht auch andere Aspekte, ästhetische, assoziative, die dazukommen, die ich nicht eingeplant hatte. Gerade diese ganze Handwerksarbeit und was es bedeutet, ein weißes Kleid zu machen, das ist nichts, was ich symbolisch drinhaben wollte, aber jetzt steht es mit im Raum.

DS: Das ist natürlich auch toll, die überraschenden Momente, die aus der Dynamik der Zusammenarbeit entstehen. Wie war das im Vergleich zu sonst, wie hat sich euer eigenes Denken oder euer eigenes Herangehen dadurch verändert, was nehmt ihr davon mit?

KT: Huh. Bei mir gibt es auf jeden Fall ein Selbstbewusstsein. Also ich habe meine Ängste los- oder ‒ sagt man das so? ‒ abgesagt, mit Stoffen. Meine Angst, dass ich etwas kaputt mache. Dass ich etwas nicht perfekt machen kann, schneiden oder so. Wie man Stoffen begegnet, welche Wirkung der Mensch auf Stoffe ausübt. Kaputt machen oder wie kann ich sie überhaupt wahrnehmen, fühle ich sie gut, wie reagieren sie, wenn ich sie ertaste oder wenn ich etwas mit diesen Stoffen mache … Ich habe immer eher zweidimensionale Sachen gemacht. Ich zeichne auch selbst, aber nur so, 3D sehe ich leider gar nicht. Und jetzt lerne ich die Stoffe, die Materialien durch Doro oder mit Doro kennen. Also bei mir sind die Rezeptoren jetzt komplett high, ich habe eine komplett andere Wahrnehmung. Es ist, glaube ich, auch etwas Psychisches und, naja, diese unendlichen Gespräche, die wir führen. Auch über wissenschaftliche Sachen, über die Gesellschaft, die Reaktion der Gesellschaft, über Körperwahrnehmungen, innen und außen ‒ das ist echt brutal. Ich bin immer sehr müde am Abend, weil mein Kopf schwimmt. Und wir werden das fortsetzen. Also wir haben schon Pläne, dieses Experiment fortzuführen.

DB: Am Anfang dachte ich von diesem Format, okay, ich treffe zehn verschiedene Leute, man wird schon was zusammen machen. Aber ich war sehr überrascht, dass wir innerhalb von fünf Minuten ganz viele Punkte gefunden haben, wo wir wussten: Oh, darüber gibt’s ganz viel zu sagen, wir müssen darüber, darüber, darüber weitersprechen. Und das hat sich jetzt bestätigt. Ich fand das schön, wo du gesagt hast, du hattest Angst am Anfang ‒ und das habe ich auch gemerkt ‒, falsch zu schneiden, kaputt zu machen. Die habe ich nicht, aber ich kann sie verstehen. Und ich finde es spannend, denn ich habe diese Hemmung mit der Sprache, und erst recht mit der deutschen Sprache. Ich bin auch keine gebürtige Deutsche, es ist auch nur so eine angelernte Sprache, und ich versuche immer schwitzend die Fälle und Akkusativ und alles richtig zu machen. Ich fühle mich wie auf Glatteis und denke: Oh Gott, wenn ich aufgeregt bin, rutsche ich aus und alle merken, dass ich‘s nicht richtig kann. Und deine Art, damit total offensiv umzugehen und die Dinge einfach zu sagen, hat mir auch Mut gegeben, dass wir jetzt einfach was in den Raum werfen und es steht. So.

KT: Das ist sehr schön, weil ich diese Sprache auch nicht beherrsche, ich arbeite nur damit. Das ist so cool. Sie ist ein Franzose, ich bin die Ungarin, und jetzt sprechen wir auf Deutsch, und manchmal machen wir das so (gestikuliert, schnipst) und so und so und ja, ja, genau.

DS: Wie soll man jetzt eure ganzen Gesten und die ganze Körpersprache in diesem Interview mittransportieren?

DB: Ich finde, mit dem Papier, mit dem Stift ist der Moment immer total schön, wenn man merkt: Eh, ich kann nix falsch machen! Und mit der Sprache ist es natürlich auch so. Erst mal losarbeiten, und dann kann man immer wegschmeißen. Und dieses Gefühl: So, jetzt machen wir was, wir können nix falsch machen, wir machen einfach. Das finde ich schön, und das finde ich im Arbeitsprozess sehr schön.

KT: Ja. Und eine andere Sache ist ‒ also bei mir ist es so, ich weiß nicht, woher es kommt, oder vielleicht weiß ichs doch, dass ich immer alles wissenschaftlich beweisen musste. Oder wollte. Wenn ich etwas aussagte, dann musste es wissenschaftlich bewiesen werden, ansonsten existierte es nicht. Und es war so gut, dass wir jetzt so normal sprechen konnten, auch nicht nur über Intuitionen, sondern wirklich Erfahrungen, dass wir nicht gleich beweisen sollten, wissenschaftlich. Was im Hintergrund schon vorhanden ist, aber jetzt war erst mal das Storytelling da, diese kollektiven, geerbten Sachen, vielleicht mit dem Wasser, die mit dem Thema weitergegeben sein könnten ‒ Konjunktiv II Präterium whatever, mit Modalverb. Und auch deswegen war die Fremdsprache eine gute Idee, dass wir das auf Deutsch machen. Ich kann kein Französisch, du kannst kein Ungarisch, und Englisch wollten wir nicht.

DB: Es war wie ein Sichtreffen auf einem extraterritorialen Gebiet.

KT: Weil wir aus anderen Sprachen, anderen Muttersprachen kommen, war es wirklich ein Weg für uns beide, all die Definitionen einander zu erklären. Was verstehst du unter diesem deutschen Wort und was kommt von deiner Kultur, was kommt von meiner Kultur, haben wir Traditionen, haben wir Probleme mit den Traditionen, was machen die Deutschen? Weil wir jetzt beide hier sind. Das hat uns, denke ich, bei der Öffnung sehr geholfen, dass wir alles mindestens aus drei Perspektiven, Deutsch, Französisch, Ungarisch, beobachten mussten.

DS: Das wäre auch ein toller Ansatz für Dienstag, verschiedene Begriffe oder Konzepte, die für euch in der Arbeit wichtig sind, lexikalisch oder etymologisch darzustellen. Diese Zwischensprachlichkeit ist ja, wie ihr sagt, auch ein eigentlich zentraler Teil der Arbeit. Wenn die Zeit reicht.

DB: Ja, wenn die Zeit reicht.

KT: Bei den Gesprächen wird es schon deutlich, glaube ich.

DS: Noch mal zu den Gesprächen: Das heißt, es gibt nicht nur diese vorbereiteten Sachen im Raum, sondern das Performative besteht auch im unmittelbaren Gespräch, ihr sprecht das Publikum, einzelne Besucherinnen und Besucher an und wollt mit ihnen über die Themen reden?

KT: Bei der Performance werden wir miteinander kommunizieren und mit Kleidabgabe, mit Begegnungen möchten wir die Leute auch involvieren. Danach sind wir offen für Gespräche, und es wäre schon sehr gut, wenn wir darüber quatschen könnten mit den Leuten, die kommen. Aber zuerst müssen sie auch tauchen. Wenn sie nicht unten sind mit uns, geht es nicht. Deswegen ist es sehr wichtig, dass wir sie involvieren.

DS: Das heißt, man kommt rein und man muss ertrinken?

KT: Genau. Genau. (Lacht.)

DS: Dann vielleicht bis hierhin. Und den Rest müssen alle selbst erleben, wenn sie am Dienstag kommen.

KT: Erleben, das ist ein schönes Wort. Oder überleben. Ja, coole Präfixe. (Alle lachen.) Und den Spaß dabei nicht vernachlässigen.

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Alle Fotos die den Intervietext begleiten © Daniela Seel

Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen ist ein Roman über Fremdheit und Einsamkeit, über private und politische Gefährdungen, ein Roman über den Wunsch, zu verschwinden, und die Hoffnung, gesucht und geborgen zu werden, wenigstens in der Erinnerung, im Gespräch. Denn das Verschwinden setzt vielem ein Ende, nicht aber dem Erzählen. […] Ihre Suche nach Nelly nimmt mehr und mehr die Züge einer Flucht an.“

(c) Wolf-Dirk Skiba

1. Wovor flieht die Protagonistin? Wird da schon was darüber verraten?
Nina Bußmann: Nicht viel, sie selbst sagt: Mit dem Wort Flucht sollte man doch heute ein bisschen vorsichtig sein. Sie konzentriert sich auf die Suche nach ihrer in Nicaragua verschollenen Freundin. Sicher vermeidet sie da etwas, die Beschäftigung mit sich selbst. Dafür erfährt sie was anderes.

2. Was ist mit privaten und vor allem politischen Gefährdungen gemeint? Hat das etwas mit derzeit in ganz Europa zu beobachtenden Entwicklungen zu tun? 
NB: Beschädigte Natur, Kämpfe um politische und ökonomische Teilhabe, Konflikte zwischen Metropole und Peripherie, Hilflosigkeit im Umgang mit Unbekannten, religiöses Eifern, Kriegs- und postkoloniale Traumata, sexualisierte Gewalt: Der Text spielt in Deutschland und Nicaragua, im 21. Jahrhundert. Einen Überblick über die Verhältnisse gibt er nicht. Es geht um Menschen, die versuchen, ein gelingendes Leben zu führen: Umweltaktivistinnen, Forscherinnen, Security-Arbeiter, gläubige Christen kommen vor, ein Künstler, der nicht ausstellen will, unter anderem. Einzelne, die keinen Überblick über die Verhältnisse haben, aber liebes- und lebensfähig bleiben wollen.

3. Verraten Sie uns schon etwas über die Passage/n die Sie vorlesen werden? Werden da die Spannungsbögen erst einmal „nur“ angedeutet oder geht es auch schon ans „Eingemachte“?
NB: Ich habe auf einer Internetseite für Selbstversorger nochmal nachgelesen, was „Eingemachtes“ beziehungsweise Einmachen bedeutet. Obst und Gemüse werden in luftdicht verschlossene Gläser abgefüllt und über eine längere Dauer gekocht. Mit Kuchen funktioniert es angeblich auch. Keime, Pilzsporen und Salmonellen werden abgetötet. Beim Abkühlen entsteht starker Unterdruck in den Gläsern und damit ein konservierendes Vakuum. Es geht darum, etwas Lebendiges und sehr Vergängliches vor dem Verderb zu bewahren. Wenigstens für eine Zeit lang (meine Quellen sprechen von nicht mehr als einem Jahr), wenigstens die Substanz, Zucker, Energie. Es gibt also Ähnlichkeiten mit dem literarischen Herstellungsprozess. Das meiste läuft völlig anders. Es ist ja nicht die Aufgabe von Literatur, zu sterilisieren. Was ist die Substanz? Beim Einkochen gehen eine Menge Mikroorganismen und Nährstoffe kaputt. Im Roman spielt Erkenntnis eine wichtige Rolle, es kommen Wissenschaftler vor und das ganze ist als Detektivgeschichte angelegt. Ich sage es lieber gleich: Die Erzählerin ist eine sehr schlechte Detektivin, sie arbeitet nicht ergebnisorientiert. Wir erfahren nicht, wer der Mörder ist, niemand im Text findet, was er gesucht hat. Oft ist es ja aufregender, etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hat.

Das Gespräch führte der Kulturjournalist Michael Lösch.

Am Mittwoch, den 15. März 2017 findet um 20:00 Uhr in der Lettrétage die Premiere des neuen Romans „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen“ von Nina Bußmann statt.

Kulturjournalist Michael Lösch im Gespräch mit der Autorin Juliana Kálnay über ihren Debütroman.

Was war die treibende Kraft, die Motivation, diesen Roman zu schreiben?

Anfangs: Den Motiv- und Figurenideen zu folgen, um zu sehen, wohin mich diese schreibend hinführen. Später: Die Lust daran, das Haus zu bevölkern, Erzählfäden weiterzuspinnen und zu verknüpfen, aber auch „falsche Fährten“ zu legen. Und: Ein motivisch dichtes „Erzählgebäude“ zu konstruieren.

(c) Mathias Prinz

Verwandlung und Verschwinden scheinen die zentralen Leitthemen zu sein. Ist dem so und wenn ja, warum?

Tatsächlich sind beides zentrale Motive im Roman, die in unterschiedlichen Formen und Variationen immer wieder auftauchen. Warum ist eine gute Frage. Es war ja nicht so, dass ich eines Tages beschlossen habe, einen Episodenroman um das Verschwinden zu schreiben. Vielmehr ist mir im Laufe des Schreibprozesses irgendwann bewusst geworden, dass viele der Episoden um diese Themenfelder kreisen. Danach habe ich begonnen, bewusst mit ihnen weiterzuarbeiten.

Es geht schon früh los mit den bizarren Sachen, mit einem Ehemann, der sich in einen Baum verwandelt und mit in Achselhöhlen brütenden Rotkehlchen. Eigentlicher Protagonist scheint ja ein vor sich hin halluzinierendes Haus selbst zu sein und die Bewohner muten fast wie dessen Traumbilder an. Was erwartet den Leser da, auf wie viel „Fantasy“ sollte er sich einlassen? Bleibt noch etwas übrig von einer, sagen wir, „orientierenden Kraft des Realen“?

Ich würde zustimmen, dass das Haus selbst der heimliche Protagonist des Romans ist. Allerdings bin ich bisher nicht auf die Idee gekommen, dass es die Geschehnisse oder Bewohner selbst erträumt oder halluziniert. Das scheint mir selbst für die erweiterten Maßstäbe von Realität, die dieser Roman setzt, etwas zu weit hergeholt.

Der „Fantasy“-Begriff wirkt womöglich etwas irreführend. Damit assoziiert man ja meist Romane, die in einer anderen Welt spielen, die auch von fantastischen Wesen bevölkert wird. In meinem Roman ist es ja eher so, dass das Setting auf den ersten Blick unserer Welt nicht unähnlich scheint. Dann merkt man aber schnell, dass in dem Haus seltsame Dinge vor sich gehen. Es verschwinden Bewohner, ein anderer wird zum Baum… Die Geschehnisse im Haus scheinen einer eigenen, fantastischen Logik zu folgen. Und als Leser*in beobachtet man, wie die Figuren diese Geschehnisse zunächst einmal hinnehmen, und wird gefordert, dies ebenfalls zu tun.

Welche Kapitel bzw. welche Passagen sind für die Lesung ausgewählt worden? Wie lassen sie sich einordnen? Was verraten sie über die Bewohnern und  das, was sie umtreibt?

Es steht noch nicht zu 100% fest, welche Passagen ich lesen werde. In jedem Fall aber werden es welche sein, die einen Eindruck von der Atmosphäre des Romans vermitteln, von seiner Struktur und von den wichtigsten Figuren und Motiven.
Die Lettrétage dankt Juliana Kálnay herzlich für das Interview und lädt herzlich zur folgenden Veranstaltung ein:

Dienstag 07. Februar, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
Buchpremiere Juliana Kálnay

Franz Tettinger, selbständiger Grafikdesigner, Texter und Lektor, Christian Vater Gymnasiallehrer,Autor und Verleger und T. G. Vömel ebenfalls Gymnasiallehrer, Autor und Verleger präsentieren neben anderen AutorInnen am 8.12. unter dem Motto „Mit euch nicht in einem Atemzug“ ihr Projekt „FAUN UND ZERFALL“

 

„Drei Autoren schicken sich sechs Postkarten im Kreis. Du weißt: Du bekommst eine Postkarte. Du beschreibst, überschreibst, schreibst sie fort und schickst sie an einen weiter, der sie wiederum beschreibt, überschreibt, fortschreibt, bemalt, beklebt und weiterschickt. Du weißt: Deine Karte, die du gerade geschrieben hast, gibt es bald nicht mehr. Sie wird aufgegriffen, weitergeführt, überformt. Was heißt das: Jede neue Schicht wird zum Sediment und du fragst dich am Ende: Was trägt?“

 

Wie funktioniert das? Schickt jeder Autor 2 Karten ab?
Wenn ja jede Karte überschrieben bzw. überklebt wird, wie lassen sich da gerade auch ausgehend von der Frage „Was trägt“ Erhalt und Veränderung überhaupt vermessen?

So lauteten unsere Fragen an den das Projekt betreuenden Vauvau-Verlag.

Hier die Antwort des Verlages:

In der Tat hat jeder Autor zu Beginn des Projektes zwei Postkarten gestaltet und gegenläufig zueinander losgeschickt, so dass am Ende sechs Postkarten-Zyklen entstanden sind. Der komplette erste Zyklus ist exemplarisch als Diashow auf der Startseite unserer Homepage zu sehen und sollte für eine ansprechende Konkretion sorgen.

Anhand dieses Zyklus lässt sich auch die zweite, für uns ebenfalls sehr zentrale Frage nach „Erhalt und Veränderung“ thematisieren:

Welche Elemente bleiben über mehrere Postkarten hinweg erhalten oder werden nur geringfügig modifiziert? Welche Elemente gehen verloren, werden nicht weitergeführt? Welcher Rhythmus prägt die Veränderung? Gibt es stabilere Phasen mit nur kleineren Veränderungen von Karte zu Karte – wir sprechen ja von Kontrafakturen – oder gibt es sehr starke Umbrüche? Wo gibt es diese Stabilitätszentren, wo die Umbrüche und warum gerade dort? Warum ist das so und was kommuniziert sich dadurch, kommuniziert sich zwischen Autoren und Lesern, aber auch zwischen den Autoren selbst, womit ich zuletzt bei der Interaktion der Autoren – ein zentrales Interesse unseres Verlages – angekommen bin. Die Interaktion der Autoren bringt eine Eigendynamik ins System, die sich in den Zyklenverlauf einschreibt. Nicht der einzelne Autor führt hier Regie, bestimmt darüber, was trägt, sondern gerade in der Interaktion entscheidet sich, was bleibt und was weichen muss.

 

Donnerstag, 8. Dezember 20:00 Uhr (Eintritt 5,-/erm. 4,- Euro)
Mit euch nicht in einem Atemzug III
Autorenlesung mit mit Franz Tettinger, Christian Vater, T. G. Vömel, Bastian Winkler und Titus Meyer

Wortschau: Interview

Lisa Lettretage —  5. Dezember 2016 — Kommentieren

Das Literaturmagazin „Wortschau“ veröffentlicht regelmäßig Gedichte und Kurzprosa zu  ausgesuchten Themen. Bei der Präsentation am 07.12. stellt die Herausgeberin Johanna Hansen den AutorInnen und dem Publikum die Frage: Wann waren Sie zuletzt im Paradies?

 

wortschau-bildLettretage: Johanna Hansen, wie war die Resonanz und die Beteiligung bei diesem Projekt?

Johanna Hansen: „Wir haben um die 50 Einsendungen erhalten, was für unsere Verhältnisse schon recht ordentlich ist.“

Lettretage: Nach welchen Kriterien wurden die Beiträge ausgewählt?

Johanna Hansen: „Wir haben den Fokus auch auf NewcomerInnen gelegt, also auf AutorInnen, die bisher eher wenig veröffentlicht haben. Es sind jüngere und ältere Talente darunter. Die Idee zur gemeinsamen Veranstaltung entstand in Kooperation mit dem Kultursalon Madame Schoscha, mit dem wir bereits zusammengearbeitet haben und der uns auf die Lettrétage aufmerksam gemacht hat.

Lettretage: Um welche Paradiese geht es? Wo lassen sich diese verorten?

Johanna Hansen: „Nun, lässt sich in einer derart zersplitterten individualisierten Welt überhaupt noch von einem einheitlichen Paradiesbegriff sprechen?

Wir werden an dem Abend dem Glück als Gemütszustand begegnen, also das, was Paradiessuchende ganz persönlich dafür halten. Es wird aber auch um konkrete Örtlichkeiten gehen, um Paradiesgärten im wahrsten Sinne, um Reiseerlebnisse, um Inseln, aber auch um ganz persönliche Rückzugsräume und um Überraschungsmomente, und natürlich auch um die Erinnerungen daran. Diese sind ja bekanntlich das Paradies, aus dem wir nicht mehr vertrieben werden können.

Ein Programm-Höhepunkt ist ein verfilmter Brief an Heinrich Heine, der als ganz persönliche Hommage an den Dichter und seine Suche nach Utopien entstanden ist und in Paris und Düsseldorf gedreht wurde. „Die Steine werden Pflanzen, die Pflanzen werden Tiere, die Tiere werden Menschen, und die Menschen werden Götter werden.“ Darin schimmert der Paradiesgedanke eines Vollkommenheitszustandes auf.  Heines „Reisebilder“ können als Wegmarken dieser Suche gelesen werden.

Lassen Sie sich überraschen.

Machen wir! Und Ihr? Seid Ihr dabei?

Mittwoch, 7. Dezember 20:00 Uhr (Eintritt 5,-/erm. 4,- Euro)
Wann waren Sie zuletzt im Paradies?
Ein Abend über die Sucht nach dem Himmel auf Erden mit Autorinnen und Autoren der Literaturzeitschrift WORTSCHAU.

 

Was soll der 1. Branchentreff der Berliner Literaturszene eigentlich bringen? Wer sich das fragt, bekommt Antworten von Moritz Malsch, der heute früh beim kulturradio vom rbb zu Gast war.

Hier zum Interview.

Es ist soweit. Ab morgen, dem 28. Oktober bis zum 6. November wird das Literaturfestival Stadtsprachen stattfinden. Wir haben ein kleines Interview mit ein Paar teilnehmenden Autoren und der Presse-Koordinatorin des Festivals durchgeführt.

Es würde so viel dazu zu sagen geben, aber lassen wir erstmals die Antworten sein und dann uns ab morgen die Veranstaltungen besuchen.

Also, enjoy it!

Interview mit RAFAEL MANTOVANI

rafael-mantovani

It’s 2016 and for the first time there will be a German literature festival in the capital city of Germany that’s all about foreign authors and non-German literary works. How do you feel about this happening? What do you think about this gathering of different artists from various parts of the world having an influence on the Berlin literary scene? Do you think that it could be a starting point in giving more visibility to the international literary substrate of the city?

I think it’s high time to have a literature festival focusing on non-German authors and communities in Berlin. Non-Germans are a substantial component of the creative life in the city, and as such, there’s an urge for them to be more widely represented and gain visibility, also through „official“ means such as state-funded festivals. I already knew about a few initiatives at a smaller scale, aiming to specific linguistic or geographic groups, such as the Latinale for Latin-American poetry or the English-language readings at bookstores such as Another Country. A festival with the magnitude of Stadtsprachen, which tries to encompass so many different non-German identities in Berlin, is however something new and very welcome, also because non-Germans often have linguistic difficulties in accessing German-language literature. This represents an important step towards acknowledging migrants as a constituent force of the city’s intellectual environment.

 

Why did you decide to move to Berlin? And how does a typical „literary” part of a week of yours look like? How deeply do you feel integrated in the city’s literary scene?

Above all, I moved to Berlin because I wanted to leave São Paulo and Brazil. I had lived there for 30 years, which is probably more than half of my healthy life: in short I just wanted a substantially different living experience. I chose Berlin mostly because of its reputation as a creative city with a bustling cultural life, an affordable place with lots of migrants and queer people. This relation is often problematic, of course, but that’s part of what makes it artistically fertile.

The most typical „literary“ parts of my week just looks like me in my bed, full of books and notebooks that accumulate at an unsettling rate. Moreover, I go to interesting readings as often as I can, but overall, I don’t feel deeply integrated in the city’s „scene“ and I’m not always sure of where this scene takes place. I certainly participate in a few specific literary scenes I mentioned above, such as the Brazilian/Latin-American scene and the queer/gay scene, which can be very rich. But these segment-specific scenes are a bit „bubble-like“, as a lot of things in Berlin are, often invisible to other cultural sectors of the population. And very importantly, events in these non-German scenes often lack funding, which is essential for authors to have the conditions to create and present decent material: in this sense the idea or feeling of integration can be tricky.

Interview mit ELSYE SUQUILANDA

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It’s 2016 and for the first time there will be a German literature festival in the capital city of Germany that’s all about foreigner authors and non-German literary works. How do you feel about this happening? What do you think about this gathering of different artists from various parts of the world having an influence on the Berlin literary scene? Do you think that it could be a starting point in giving more visibility to the international literary substrate of the city?

I feel a hurricane of tolerance, respect, acceptance, open doors… we are one bread of sugar and salt. The barriers are broken, the learning process gets increasingly stronger and deeper. It is important because art is teaching to love, to revolutionize what art is, but at the same time creates a model. To give an example, in Berlin there is much love and respect for animals, a large part of the population is vegetarian or vegan, supports different ways to save and protect animals: that says a lot about what we are experiencing today. Through literature I found the way to teach love and respect for animals, also supporting the “dogsofia” way of life – “Chichoismo” (my teacher is an Andalusian dog, called Chicho).

Stadtsprachen is a treasure for the world and it has so much power. I truly believe that the future is in the divine pawns and as I said before, Berlin is giving a great example of love by taking care of those creatures (the Animals) who don’t have the power of speech, but have a bigger heart than many of us. In world of literature this belief that we are all one, no races or languages are separating us, proves that we are part animal, part human … I discovered some time ago on this “Planet 030 Berlin” that I’m not anymore only human, I am a mixture of dog and monkey.

By getting closer to the animal side, we are on the right path! …The day humanity will learn to respect our fellow animals will be the day on which hate and wars will end, and we’ll live together in peace. With this soupy and juicy language festival Berlin proves once again that through art a lot can be taught, most importantly to love and value ourselves as human beings.

To summarize, this festival is a great example to follow because it is us way more than we can imagine. Congratulations on this great work and to all those that are part of it!

 

Your work is very diverse. Film director, surreal poet and performance artist: how and how deeply are these different expressive forms connected with each other when it comes to your creative process? And how does Berlin help you shaping them into art?

I am a real and surreal cyborg poet, film knitter, performance artist and advocate for animal rights.

All my works are deeply bound together with poetry, music, costumes, video … I treat them all by the same mean, they all are little-big particles of my being… I like to collaborate with other artists, I find this connection very important, it can be like a brotherhood and it brings solidarity. This exchange shows not only my work, but allows me to be the spokesperson for the artistic expressions of my colleagues who swim with bikini (or without bikini) in the pool, sea, lake, tub and neurons of my creations.

Berlin has given me more freedom than I’d ever had. It taught me to be foolish, to believe in my dreams, to follow comets with or without fire. I became a little box of surprises.

Berlin, crystal ball, you have given me so much. I’ve been transported back to reality. I feel like I was born to wander around with the people, the magic, the madness of this city, in which everything is art… Videos breathe, poetry is eaten, cooking paintings of other galaxies.

„Berlin, I hated you first because I did not know you, but I love you with your faults and great virtues now, you have made me discover the Elsye that I always had inside“.

Interview mit EWA MARIA SLASKA

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Dieses Jahr wird es zum ersten Mal ein deutsches Literaturfestival in der deutschen Hauptstadt geben, an dem nur fremdsprachige Autoren teilnehmen, die in Berlin leben und arbeiten, und fremdsprachige Literatur präsentiert wird.

Wie denkst du darüber? Und was hältst Du von diesem Zusammentreffen vieler unterschiedlicher AutorInnen aus verschiedenen Teilen der Welt – denkst du, dass so ein Ereignis ein Einfluss auf die Berliner Literaturszene haben kann? Könnte dieses Festival der Anfangspunkt eines Prozesses, der fremdsprachigen AutoreInnen in Berlin eine größere Sichtbarkeit gibt, sein?

Ich weiß es nicht, aber ich glaube, dass euer / unser Festival nicht das erste ist, wo sich Autoren verschiedener Zungen treffen, die in Berlin leben und arbeiten. Aber anders gesehen, was nutzt uns eine Info, dass es schon ein Festival kleiner Sprachen oder einen internationalen Frühling der Poesie gegeben hat, wenn es schon passé ist und wir es doch jedes Jahr brauchen. So ein Treffen ist der Anlass, unser Berliner Leben in seiner ganzen, faszinierenden Vielfalt zu genießen. Die vergangene Treffen sind vergangen und vergessen, lasst uns hoffen, dass es diesmal anders sein wird, dass sich dadurch etwas etabliert, was dauern wird und uns jedes Jahr erneut zusammenbringt…

 

Wie fühlt man sich, wenn man 30 Jahre lang in so einer vielfältigen und schnell wechselnden Stadt wie Berlin verbracht hat? Wie würdest du die Veränderungen der Berliner Literaturszene im Wandel der Zeit beschreiben?
Es ändert sich viel. In den 30 Jahren habe ich in Berlin schon unzählige literarische Moden und Strategien erlebt. Es gab ein Jahr, in dem nur junge Frauen als „in“ galten und eines in dem der Stuckrad-Barre mit seinem Solo Album der einzige Stern am literarischen Firmament gewesen ist. Es gab faszinierende schreibende Afroberlinerinnen, die aus dem Nirgendwo kamen und nirgendwohin gingen (vielleicht finde ich sie jetzt wieder!). Ich kann mich an Frauen erinnern, die nur die copy-paste-Technik zu verwenden brauchten, um schon als Literatur-Kapazität eine Saison lang zu brillieren. Es gab ein Jahr der Juden, eins der Russen und eins der Polen, der Homosexuellen und der Hipsters. Einerseits nervt es, andererseits aber wirkt es auch erfrischend. Man soll aus der Klassik der Literatur eine Lehre ziehen. Im wunderbaren surrealistischen Roman Alice hinter den Spiegel von Lewis Carroll, gelangen die rote Königin und Alice auf das sechste Feld vom Schachbrett. „Wir müssen laufen“, schreit die Königin und sie laufen. „Weißt du“, schreit sie weiter, „wir sind im sechsten Feld, hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ So ist es. In Berlin reicht es nicht, so schnell zu rennen, um ein für alle Male „fünf Minuten des Ruhms“ für sich beanspruchen zu können. Fünf Minuten vergehen buchstäblich in fünf Minuten, du musst dich ständig anstrengen, entwickeln, etwas Neues vorhaben. Wenn du es nicht machst, bleibst du nicht stehen, sondern gehst rückwärts, verschwindest und wirst vergessen… Was auch kein schlechter Zustand ist. Man hat viel Zeit zum Schreiben und noch mehr zum Nachdenken.

 

Interview mit ANNA GIANNESSI, Presse u. Öffentlichkeitsarbeit bei Stadtsprachen

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Beschreib Berlin in drei Adjektiven.

polymorph, interkulturell, anarchistisch.

 

Was sind deine Erwartungen an das Festival, kurz vor dem Anfang, nach Monaten intensiver Vorbereitung?

In erster Linie sehe ich den Beginn des Festivals nicht als den Anfang eines Prozesses, der am 6. November enden wird, sondern als der Start eines Dialoges, eines kulturellen Umtausches zwischen den unterschiedlichen nichtdeutschen Literaturszenen der Stadt. Hoffentlich wird dies alles in der Zukunft weitergehen: die AutorInnen, ÜbersetzerInnen und LiteratInnen, die am Festival teilnehmen werden, haben schon einen intensiven verborgenen Wunsch gezeigt: die Möglichkeit einander zu treffen und miteinander in jeder Form arbeiten zu können.

In diesem Sinne denke ich, dass Stadtsprachen die Möglichkeit eines Zusammentreffens verkörpert, welche die Teilnehmer sich schon seit langer Zeit gewünscht haben. Was das deutsche und nichtdeutsche Publikum betrifft, das Festival wird internationale literarische Realitäten der Stadt, die zu oft auch in so einem multikulturellen Ort wie Berlin im Schatten bleiben, sichtbar machen. Das wird durch Veranstaltungen unterschiedlicher Art, die natürlich verschiedene Ansichten und Deutungen der Kunst, der Literatur, der Sprache und der Gesellschaft vertreten, geschehen.

 

Beschreib Stadtsprachen in drei Adjektiven.

Berlin-verwurzelt, polyglott, autark.

 

Lisa Lettrétage wird dabei sein.

Bis morgen!

Am nächsten Sonntag, dem 23.10. findet bei uns die Veranstaltung Megapixel Liechtenstein statt.  Hier ein kleiner Appetizer, und zwar: 5 Fragen an die Schöpfer des Projekts Victor Kümel und Clara Ehrenwerth.

 

Logo Megapixel Liechtenstein. Grafik: Susann Stefanizen

 

Wie seid ihr zur Idee gekommen, ein so ungewöhnliches literarisches Projekt auszuführen?

Als wir im Netz zufällig über den „Narrative Clip“ gestolpert sind, haben wir uns provoziert gefühlt. Man heftet sich diese Mini-Kamera wie eine Brosche an und sie macht alle 30 Sekunden automatisch ein Foto. Was bedeutet das, wenn solche Lifelogging-Gadgets immer mehr Teil unseres Alltags werden? Was erzählen diese Geräte über uns? Wir haben gedacht, wir nehmen das jetzt wörtlich und lassen Erzähler auf dieses Material los, die sich darauf einen Reim machen sollen.

2015 ist „Megapixel Hildesheim“ entstanden, 2016 ist Liechtenstein ausgewählt worden. Gibt es hinter dieser Wahl besondere Gründe?

In Hildesheim haben wir studiert – dort haben wir jahrelang alle Ideen zuerst ausprobiert. Ans Literaturhaus Liechtenstein hat uns Benjamin Quaderer, der beste (und/oder einzige?) Nachwuchsautor des Fürstentums, eingeladen. Er versprach uns Alpenwanderungen und Aristokratie-Gossip – da haben wir natürlich sofort zugesagt.

Wie wurden die Protagonisten der Erzählungen gewählt?

Wir haben über die Zeitungen in Liechtenstein nach Teilnehmern gesucht, die möglichst unterschiedlich sind. Man konnte sich auf unserer Webseite melden und ein paar Dinge zu sich schreiben. Die Puppenmacherin Christel, der Sachbuchlektor und Motorradfan Herbert und die Radiojournalistin und junge Mutter Samantha haben uns mit ihren sehr charmanten Mails überzeugt.

Was ist das Projektziel? Wie und inwiefern ist es mit dem Konzept der „Transparenzgesellschaft“ verbunden?

Wir kommen immer mehr in die Situation – freiwillig oder unfreiwillig -, dass alle unsere Handlungen Daten erzeugen, die gespeichert, interpretiert und weiter verwendet werden. Die Privatsphäre wird kleiner, die Gesellschaft insgesamt transparenter. Was das bedeutet, lässt sich noch gar nicht absehen. Dem wollen wir mit diesem spielerischen Experiment auf die Spur kommen. Vor allem aber entstehen in diesem Versuchsaufbau, finden wir, sehr spannende literarische Formen und Geschichten.

Ist eine Fortsetzung schon geplant?

Ja! Am liebsten würden wir ganz Europa mit kleinen Megapixeln überziehen. Wenn alles gut geht, machen wir spätestens 2018 in Österreich damit weiter.

 

Logo Megapixel Liechtenstein. Grafik: Susann Stefanizen

 

Wer mehr über das Megapixel-Projekt herausfinden möchte, kann schon einen Blick darauf werfen:

Megapixel Liechtenstein

Hier findet man übrigens Videos vom der letzten Kreation der zwei: Megapixel-Hildesheim.

Wie werdet ihr denn eurer Zehnjähriges gebührend feiern?

Tom: Wir haben am 1.10.2016 eine Sprechinstallation am Mehringdamm 61, die zeigen soll, was wir in den letzten zehn Jahren als Idee von Literaturvermittlung immer wieder hin und her werfen, dass heißt also es wird eine nicht klassische Literatur-Live-Situation geben, gestaltet vom wunderbaren Lyriker Mathias Traxler und unserem Gründungsmitglied und Lieblingsrezitator Denis Abrahams. Darüber hinaus wird es viel gute Laune geben. Für uns ist auch ein wichtiges Element dabei, einfach nochmal klar zu machen, dass zwar wir drei die Lettrétage gegründet haben, aber ein sehr großes Stück der Lettrétage eben die vielen PraktikantInnen und MitarbeiterInnen der letzten zehn Jahre, die vielen ehrenamtlichen Helfer, das Publikum und die vielen AutorInnen sind. Wir alle sind die Lettrétage, wir alle glauben an die Literatur als Kommunikationsmittel, als Anlaß zur offenen, hierachiefreien und abenteuerlich wundersamen Begegnung!

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Im September 2015 haben wir in der Reihe „5 Fragen an“ mit Martin Jankowski gesprochen.

 

Martin Jankowski

Martin Jankowski ist Autor, Blogger und Mitbegründer der Berliner Literarischen Aktion. Seine Wurzeln liegen in der Szene der Untergrundautoren im Leipzig der 80er Jahre. Trotz oder gerade wegen eines Veröffentlichungsverbotes der Stasi kam er dazu, Lesungen zu veranstalten. Nicht nur in Berlin sondern mittlerweile auch international ist er als Veranstalter und Autor bekannt und aktiv.

 

Gab es für dich ein Erlebnis, nach dem du beschlossen hast, dich literarisch zu engagieren – wann und wie ist der Funke übergesprungen?

Ich lebte Mitte der 80er Jahre in Leipzig und durfte wie viele andere nicht veröffentlichen. Aus der Notsituation sind „Wohnzimmerlesungen“ entstanden. Die ersten Literatursalons, die ich in meiner Einzimmerwohnung veranstaltete, ergaben sich aus der politischen Notsituation von DDR-Untergrundautoren. Damals bin ich noch als Liedermacher aufgetreten, um auf diese Weise meine Texte einem Publikum präsentieren zu können, das waren allerdings „illegale“ Bühnenprogramme, denn ich bekam dank der Stasi keine Auftrittsgenehmigung. Da lag es nahe selbst etwas zu organisieren, um beispielsweise auch verbotene Autoren einzuladen, die man bewunderte – es gab ja sonst keine Möglichkeit, um diese Art Texte kennenzulernen. Das ist also die Tradition aus der ich komme… Als ich Mitte der 90er schließlich als freier Autor in Berlin gelandet bin, habe ich das alles wieder aufgegriffen… Teile der Leipziger Szene fanden sich in Berlin wieder. Zudem ergaben sich erste Veranstaltungsreihen ganz natürlich, zum Beispiel als meine Schwester mit Freunden aus der Theaterwelt im Prenzlauer Berg eine Szenekneipe eröffnete und mich sozusagen familiär verpflichtete, dort Lesungen zu veranstalten.
Bis heute ist es immer wieder von Vorteil, selbst Autor und gut vernetzt zu sein – auch international, weil man dann eben interessante Leute für sich gewinnen kann, auch für wenig oder kein Honorar hier zu lesen. Heute haben wir ein Netzwerk von Veranstaltungsreihen und Partnern auf der ganzen Welt. 2005 kamen wir dann auf die Idee, dieses Netzwerk zu professionalisieren. So entstand die Berliner Literarische Aktion e.V.

Ihr arbeitet im Prenzlauer Berg –

Wie sich das für einen echten Ostdichter gehört! (lacht)

Warum genau dort und welchen Einfluss hat Berlin auf deine Arbeit?

Berlin steckt ja schon im Namen der Berliner Literarischen Aktion. Obwohl meine Anfänge in der ostdeutschen Literaturszene liegen, sind wir total durchmixt und arbeiten international. Unter den Gründungsmitgliedern des Vereins sind zum Beispiel eine Kurdin, eine Schweizerin und eine Italienerin – wir waren von Anfang an mehrsprachig. Dieser Aspekt ist uns sehr wichtig und findet sich in Berlin, denke ich, wie kaum sonst in Deutschland. Der Prenzlauer Berg hat sich für mich aus zwei Gründen ergeben: erstens wegen der Anknüpfung an die Ostberliner Literaturszene, die hier beheimatet ist und zweitens aus familiären Gründen. Allerdings ist es nicht wirklich wohlüberlegt, dass wir hier sitzen – unser Büro könnte genauso gut im Friedrichshain, in Mitte oder im Wedding sein.

Gerade auch vor dem Hintergrund deiner persönlichen Geschichte: Wie politisch muss, darf oder soll Literatur sein?

Na muss schon mal gar nicht – Literatur muss nichts und darf alles, genau wie Satire. „Kunst ist Waffe“, ein Zitat von Friedrich Wolf, war bei meinem Abitur noch Thema für den DDR-Prüfungsaufsatz. Das fand ich damals schon bescheuert! Allerdings stimmt es insofern, als dass man Literatur natürlich in den Dienst von politischer Propaganda stellen kann – etwas, was mir völlig fern liegt. Und deshalb antworte ich salomonisch: Kunst kann und darf, muss aber nicht politisch sein. Ich persönlich bin schon immer auch politisch aktiv, trenne aber beide Bereiche gerne ganz bewusst.

Für die Berliner Literarische Aktion ist aber folgender Aspekt ganz wichtig: Wir denken, dass Literatur eine gesellschaftliche Kraft ist, deren Wirkung heute oft unterschätzt wird. Wir betonten genau diesen Aspekt, für den sich Buchmarkt und Betriebsrummel zumeist nicht interessieren.

Die Berliner Literarische Aktion schreibt auf ihrer Website, dass sie sich all jenem verschrieben hat, was „nicht einsam am Schreibtisch stattfindet“. Denkst du, dass der klassische Literaturbetrieb und –rezeption, beides ja sehr einsam, überholt ist?

Nein, das denke ich nicht – was gibt es schöneres, als sich mit einem guten Buch aufs Sofa zu legen? Aber wenn den gesellschaftlichen Aspekt der Literatur betonen will, so wie wir es tun, dann merkt man schnell, dass man mit gemeinsamen Aktionen Menschen in Bewegung setzen kann. Und wenn ich egoistisch antworten darf: Als Autor fühle ich mich auch oft einsam, wenn ich den ganzen Tag nur am Schreibtisch sitze und vor mich hin schreibe. Ich möchte gern mit Menschen zu tun haben. Deshalb treffe ich mich mit Leuten, die das auch wollen. Texte können viel mehr als den Einzelnen auf dem Sofa zu erreichen. Egal, ob es nun die klassische Wasserglas-Lesung oder durchgeplante internationale Projekte sind – genau da setzt die Berliner Literarische Aktion an.

Wie soll es für dich und für den Verein weitergehen? Was sind eure Pläne, eure Ziele?

„Schauen wir mal“ – so funktioniert das bei uns meistens. Wir sammeln Ideen und Vorschläge. Wichtig ist, dass Leute da sind, die Ideen haben, von denen sie begeistert sind. Um Dinge wie Logistik, Geld, Kontakte und so weiter kümmern wir uns dann peu a peu. Deshalb sehen unsere Projekte ganz unterschiedlich aus. Tägliches Brot sozusagen sind diverse Literatursalons, die wir hier in Berlin seit Jahren monatlich betreiben.
Ein Projekt, das mir derzeit persönlich am Herzen liegt, ist „Literatur hinter Gittern“, mit der wir in den letzten Jahren europaweit Aufmerksamkeit und Nachahmer gefunden haben. Jetzt möchten wir gern ein Modellprojekt zu Schreibwerkstätten für Gefangene in deutschen Gefängnissen realisieren. Leider gibt es das bislang noch gar nicht und es fehlt uns dafür dringend an einer Finanzierung, dabei ist landesweit bereits die nötige Logistik vorhanden. Andere europäische Länder sind da schon viel weiter… Aber wie bei so vielem anderen: Wir bleiben dran, bis es klappt.

Wer Martin Jankowski kennenlernen möchte hat übrigens schon bald die Gelegenheit, denn er ist  im September bei folgenden Veranstaltungen von uns dabei:

Der Literaturmarkt für Einsteiger

Der Autor und das Gegenüber

Nachtbus nach Mitte