Archiv: Interview

Interview und Beitrag von Thomas Maier

David Keplinger schreibt Gedichte. Und zwar gute. In den Texten des 1968 in Philadelphia, Pennsylvania, geborenen Poeten wechseln sich Episoden aus dem Leben scheinbarer Durchschnittsmenschen ab mit (gar nicht so unähnlichen) Eindrücken solcher Individuen, die nicht nur in der Geschichte wohnen, sondern sie durch ihre schiere Größe teils gar transzendieren – und das auf eine Art, dass dem geneigten Kritiker auch ein Satz wie „When I arrived at the last poem in the book, I turned back to the beginning, because it is an impossible conversation to end“ (American Literary Review) komplett ohne Heuchelei von den Lippen kommen kann. Keplinger tut das, was er tut nun schon seit einiger Zeit. Bisher liegen vier Gedichtbände vor, zuletzt „The Most Natural Thing“ (2013) und „The Prayers of Others“ (2006). 2018 endlich erscheint dann auch der Fünfte, „Another City“, bei Milkweed Editions. Bereits am 12.06. diesen Jahres, ergo Montag, ist Keplinger aber mit Gedichten aus seinem neuesten Werk zu Gast bei uns in der Lettrétage, wo er gemeinsam mit seinem Freund und Übersetzer Jan Wagner („Regentonnenvariationen“, Hanser) lesen wird. Wir durften vorab nicht nur einige der Gedichte lesen, sondern auch mit dem Autoren selbst sprechen.

TM: David, first of all thank you for taking the time. I did some research and came across a wonderful sentence in a review of „The Most Natural Thing“. The critic wrote „Keplinger creates unusual conversations among the poems: when the book is closed, Flash Gordon lives beside the French Symbolists, a sexual encounter at a teenager’s first job beside Vasco da Gama.“ I was under the very same expression, there are a lot of seemingly disparant elements, but those are at the same time exquisitly connected by your voice. What interests you about these variances, this juxtapposition that then again turns out to not really be one at all?

DK: I like the way you put this: „disparate elements…at the same time… connected by a voice.“ The American poet Charles Simic wrote a series of poems called Dime Store Alchemy some years ago, in which he studied a similar phenomenon in the surrealistic art of Joseph Cornell, who gathered into small boxes the bric-a-brac he found at the thrift shops and antique stores of New York. He made many many boxes by this same process, but each one is a renewal of the form. In The Most Natural Thing I aimed to make a box of the paragraph (it was a perfect box on the page, so the last word was justified perfectly to the right side, closing the box), and then I filled the box with disparate things, whose mere inclusion in this structure alluded to a mysterious relationship where things take on meaning in the betweens, the interstices. The square, I might add, is the most unnatural thing in nature, an artificial form derived by humans, so I set the tension of that artificiality against subjects that were messy and organic–organs of the body, disease, family dynamics, and plants, to name a few.

TM: As sort of an extension to my first question: you portray, at least in the excerpt you sent me, quite a lot of historical figures in situations in which we wouldn’t necessarily picture them. The great stoic Marcus Aurelius is heartsick all of a sudden, Lincoln, in the year of his inauguration, seems worn out and tired, Houdini performs an illusion and is caught in a state of severe anxiety. Is there a certain fascination about taking „the greats“ off their pedestal and portraying them as human, vulnerable individuals? And if so, does the way you approach this differ from the way you approach your poetry about „normal“ people that, for example, once shared a bed and now reflect about possible lives they never lived? weiterlesen…

Interview und Beitrag von Thomas Maier

 

Jennifer Bennett, schweizerisch-amerikanische Künstlerin, ist unter Umständen gar nicht so einverstanden damit, dass ich sie gleich zu Beginn dieses Beitrags mittels Parenthese über ihre Staatsbürgerschaften definiere. Bennett befasst sich in ihrem Buch SAVE, bei uns live gelesen und diskutiert zu erleben am 11.06., nämlich hoch kritisch mit einigen der drängendsten Fragen unserer Zeit . Was ist eigentlich ein Nationalstaat und warum dominiert die Vorstellung von ihm unsere gedankliche Aufteilung der Welt in dem Maße, in dem sie es eben tut? Welche Rolle spielen multinationale Konzerne in diesem systemischen Machtgefüge? Und wo kommt dabei das Individuum ins Spiel, das sich der Faktizität seiner Existenz irgendwo mittendrin in diesem ganzen Schlamassel ja nunmal nicht entziehen kann, so sehr es das vielleicht auch möchte? Bennetts Fragen an die Welt reichen von der Klärung (scheinbar) grundlegender Prinzipien bis hin zu solchen, die beinahe schon philosophische Dimension annehmen. Bennett hätte da auch die Textform der Dissertation wählen können. Zum Glück tat sie es nicht, sondern begab sich auf eine Interviewreise, traf Menschen, redete und vor allem – ließ reden. Und letzteres tun wir jetzt auch.

 

TM: Jennifer, SAVE ist ja ein Werk, in dem ungemein viel Arbeit steckt. Du bist durch Chile, Argentinien, Mexiko und die USA gereist, hast etliche Interviewpartner zu Wort kommen lassen und auch die Info-Einschübe schreiben sich ja nicht ohne Recherche. Könntest du etwas dazu erzählen, wie das Projekt in diesem Umfang zu Stande gekommen ist, was deine Motivation dahinter war, und wie die Durchführung ausgesehen hat? weiterlesen…

Morgen ist es nun endlich so weit: die Jazzlesung zu Fiston Mwanza Mujilas Debütroman „Tram 83“ steht bevor. Bereits vor wenigen Tagen erschien an höchstselbiger Stelle ja bereits ein Interview mit Saxophonist Ben Kraef, der gemeinsam mit Fyodor Stepanov, Marco Mingarelli und Denis Abrahams am 03. Mai auf Mujila und dessen Text treffen wird. Wir wollen also gar nicht noch einmal allzu viele Worte über die Charakteristik dieses außergewöhnlichen Werkes verlieren. Besser wäre es, man ließe einfach den Autor selbst sprechen.

Lettrétage: Ich fange mit der gleichen, ganz allgemeinen Frage an, die ich auch dem Rest der Gruppe gestellt habe: Welche Aspekte dieses Projektes beziehungsweise dieser Performance, überzeugte Sie, dem Event zuzustimmen?

Fiston: In meiner Heimatstadt spricht man Suaheli. In dieser Sprache schätze ich den Begriff „Makutano“. Es bedeutet der Ort der Begegnung. Leute treffen Leute, um sich über die Welt und die Gesellschaft auszutauschen. Unsere Jazzlesung ist Makutano. Jeder von uns kommt mit seiner Geschichte, seiner Einsamkeit, seinem Schicksal, seiner Poesie, seiner Freude und zusammen versuchen wir nicht den Turm zu Babel aber eine Zitadelle der Erwartung zu errichten. Denis Abrahams bringt seine Stimme, Ben Kraef am Tenorsaxphon, Fyodor Stepanov spielt Bass und Marco Mingarelli am Schlagzeug. Meine Hoffnung ist, dass die Performance nicht entweder als eine Lesung oder ein Konzert verstanden wird, sondern wie ein Gespräch zwischen Menschen. Was genau passieren wird, weiß ich noch nicht … weiterlesen…

Im Büro herrscht schon den ganzen April hindurch eine Heiden(vor)freude. Am Abend des dritten Mai gastiert bei uns der in Graz lebende kongolesische Autor Fiston Mwanza Mujila, der seinen erst im letzten Jahr in deutscher Übersetzung erschienenen Debütroman „Tram 83“ präsentieren wird. Das Werk stand unter anderem auf der Longlist des renommierten Man Booker Prize. Das wirklich bemerkenswerte an dieser Veranstaltung ist aber die Inszenierung des Textes, in ihrer Form so nur einmalig in der Lettrétage zu erleben: In Kooperation mit den Musikern Fyodor Stepanov (Bass), Marco Mingarelli (Schlagzeug) und Ben Kraef (Saxophon), sowie dem Sprecher Denis Abrahams wird eine Symbiose von Jazz und Literatur entstehen, die für alle Beteiligten ein Novum darstellt. Um uns über unsere Erwartungen an diese literarische Jazz-Performance klar zu werden, haben wir vorab mit Ben Kraef gesprochen.

Lettrétage: Ich beginne mit etwas Grundlegendem. Welche Aspekte des Projekts sind für Sie besonders interessant und haben Sie möglicherweise zur Zusage bewegt?

Kraef: Ich bin bei dem Projekt dabei, weil ich mich einerseits sehr für Literatur interessiere und gerne neue Autoren kennenlerne. Andererseits interessiere ich mich natürlich auch für Literatur, die sich in der einen oder anderen Form mit Musik und speziell Jazz befasst. Ein anderer Grund sind natürlich die anderen Musiker und dass ich bei einem Projekt in dieser Form auch noch nicht mitgemacht habe. weiterlesen…

7 Tage, 2 Künstler*innen, 1 Ort: Im Rahmen des Projekts CON_TEXT erarbeiten jeweils zwei Künstler*innen innerhalb einer Woche in der Lettrétage gemeinsam eine Veranstaltung

Die Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel besuchte die CON_TEXT-Künstlerinnen Kinga Toth und Doro Billard in der Lettrétage.

Daniela Seel: Die Raumsituation ist schon so unmittelbar anders, wenn man hereinkommt, wir könnten gleich daran anknüpfen. Man sieht hier diverse Arbeitsschritte und Utensilien ‒ erzählt doch vielleicht einfach etwas dazu, was hier so vor sich geht und noch vor sich gehen soll.

Kinga Tóth: Okay. Ich kann vielleicht mit den Texten anfangen. Was man hier jetzt auf dem Boden sieht, sind Texte, die viel mit Wasser zu tun haben. Deswegen haben wir einander auch ausgewählt. Es gab diese CON_TEXT-Gesprächsrunde, nicht Blind Dates, eher Zwei-Minuten-Dates ‒ und bei uns war das wirklich direkt so ein Match.

Doro Billard: Ein Thema, wo wir beide gemerkt haben: Genau daran bin ich gerade. Und deswegen sofort die klare Vorstellung, dass wir da zusammenarbeiten. Diese Texte von Kinga, wo es sehr stark um Wasser geht, um Mädchen im Wasser, im Becken, um eine Frau, die in einen Tank springt, die ganze Thematik von Mädchenkörper, Frauenkörper und Wasser hat mich total angesprochen.

KT: Naja, alle Schriftsteller schreiben über Wasser, alle Grafikerinnen oder bildenden Künstlerinnen machen etwas mit Wasser, Wasser ist ein topic wie, ich weiß nicht, Stein. Aber wie wir mit dem Wasser arbeiten, wie unsere Gedanken damit umgehen, wie wir zum Wasser gehören, was mit Atem zu tun hat, was Wasser eigentlich ist, drinnen und draußen, wo die Grenzen sind. Dazu Dinge wie Tradition oder Gürtellinie, es springt sofort viel an.

DB: Wasseroberflächen, so eingelegte Formen, was ist eine Spiegelung im Wasser, was ist es, aufs Wasser zu starren …

DB: Parallel dazu gab es für mich das Thema Mädchen und Tochter und was sind die Erinnerungen an den Körper, an den Körper des Mädchens, was sind Körpererinnerungen. Die Zeichnungen sind auch aus einem Gefühl gekommen von Nicht-loslassen-Können. Wasseroberflächen zu zeichnen, hat für mich mit einer Unruhe zu tun und mit, ja ‒ was ich nicht so gut in Worte fassen kann. Und deswegen hat es mich sehr interessiert, die Texte von Kinga darüber zu lesen und zu bekommen. Was ist dieser Zustand der Flut zum Beispiel … Ich hatte so eine Szene gesehen von zwei kleinen Mädchen, die sich ankucken, an der Elbe, wie ihr Spielplatz unter Wasser ist, wo eine Rutsche nur rausragt, eine Schaukel drüberschwebt ‒ und da sind wir auf den Gedanken gekommen einer Wäschesituation, von Kleidern, die gewaschen werden oder gefärbt werden, diese Farbe, die von unten kommt und in die Stoffe, ins Papier einwandert, hochwandert. Und das ist unser Prototyp.

 

KT: Sie badet seit gestern und sie wird bis Dienstag baden, und dann merken wir, was mit ihr passiert.

DB: Wir werden heute Nachmittag noch andere Kleider bauen und sie in verschiedene Farbgefäße einsetzen. Und die Texte, die da liegen, werden an die Wand kommen, und auch Zeichnungen, und wir werden auch eine kleine Performance machen ‒ mit einer Badewanne. (Lachen.)

KT: Die am Montag kommt. Also die Frage: Was macht ein Mädchen mit Wasser? Von draußen und von drinnen. Und wir wollten beobachten ‒ wenn man das kann ‒, wie man von innen und außen Wasser und Feuchtigkeit wahrnehmen kann, mit welchen Sinnesorganen. Also haben wir Bewegungen ausgewählt, wie zum Beispiel waschen, anders atmen, natürlich ertrinken, tauchen, schwimmen ‒ womit wir beide Probleme haben … Sehr wichtig war, dass es ein Element unseres Körpers ist, dass der menschliche Körper so sehr aus Wasser besteht und was für eine Sehnsucht wir haben: Warum wollen wir zum Wasser? Es ist eine persönliche Geschichte, aber auch eine kollektive Geschichte. Dass man irgendwie zurückgehen muss. Aber um zurückgehen zu können, muss man anders atmen, unsere Körperteile komplett umfunktionieren, aber das bedeutet dann ertrinken. Auf solchen Gedankengängen sind wir spaziert, und deswegen kommt die Wanne. Deswegen kommt Waschen, weil die Bewegung hilft, weil es etwas Motorisches ist. Und das ist auch gut fürs Storytelling, also diese monotonen und wiederkehrenden Elemente und Kreisläufe. Naja, und es hat auch sehr viel mit Weiblichkeit zu tun. Es gibt diese Wasserlinien ‒ wann ist Wasser gut, wann ist Wasser gefährlich? Und so landeten wir beide bei der Gürtellinie, die sehr wichtig ist, auch im Schwimmbecken, wo immer es ein Warnsignal gibt: Bis hierhin ist es okay, dann kommt das Geheimnis, oder das Unheimliche, und das Gefährliche, was darunter ist ‒ davon wissen wir nicht. Und so sind unsere Frauenkörper aufgebaut, wir haben diese Gürtellinie und ‒ Doro, können wir das erzählen? Dass du Kinder hast …

DB: Ja, das Wort kam, weil ich von der Geburtssituation erzählt habe. Geburt ist, ein Kind aus dem Wasser herausholen, und aus diesem Wasserwesen ein atmendes Wesen zu machen. Und da sind komische ‒ also ich fand die Schwangerschaft überhaupt einen komischen Zustand, aber was auch die Gesellschaft mit einem macht und diese ganzen Krankenhäuser … Ich fand total absurd, dass einem nach der Entbindung gesagt wird, man soll nicht mehr baden. Das heißt, das Dreckige darf nicht mit der heiligen Brust, mit Milch in Berührung kommen, weil das alles ganz schlimm ist. Diese Vorstellung, dass es das Gute und das Böse gibt, das ganz stark voneinander getrennt sein soll, dass es wirklich diese Gürtellinie gibt, und man soll nicht baden, denn man ist eigentlich unten schmutzig und oben soll man dem Kind doch bitteschön Milch geben, und ich dachte: Aus welchem Jahrtausend kommt bitte diese Vorstellung?

DS: Ich hätte gedacht, dass es anders herum ist, man soll nicht baden, weil das Wasser dreckig ist, damit man sich nicht entzündet.

DB: Genau. Aber schon diese Vorstellung, dass ein Teil des Körpers dreckig ist, also nicht das Wasser ist dreckig, sondern man macht selbst das Wasser dreckig, mit dem Wochenfluss.

DS: Ach so, du meinst im Schwimmbad.

DB: Ne, in der Badewanne. Man soll nur duschen.

DS: Ich hatte gedacht, man soll nicht in die Badewanne, weil dadurch die Selbstreinigungskräfte beeinträchtigt werden, durch das Wasser und das, was hinzukommt zu dem, was der Körper selber an Reinigung vornimmt, und dadurch eine Entzündung und Lebensgefahr entstehen kann.

KT: Das wäre, was Sinn macht. Aber die Tradition, die Oralgeschichte, was Frauen einander erzählen, in Ungarn auch, sagt etwas anderes.

DB: Auch was Hebammen erzählen. Ich war total verstört von dieser Vorstellung, ich habe es nicht verstanden, habe nachgefragt, was ist eigentlich damit gemeint? Und damit gemeint ist: Das Blut darf nicht mit der Milch in Berührung kommen. Es sind ganz moralische, eigentlich religiöse Vorstellungen, ganz verrückte Vorstellungen, es hat eigentlich nichts Rationales. Und darüber sind wir auf das Wort Gürtellinie gekommen, auf die Vorstellung, dass es eine Grenze im Körper gibt, auch einen starken Zwang, was Muttersein sein soll, die Beziehung von Mutter und Kind.

KT: Dieses Santa-Maria-Sein oben, weil es um Füttern geht, aber diese unheimliche ‒ Nassigkeit, wie sagt man das? Unheimliche Flüssigkeiten, die unter dieser Wasserlinie oder Gürtellinie sind, darüber können wir nicht reden, das ist intacto, das ist etwas, das wir verdecken müssen. Obwohl es nicht gesund ist, nicht logisch ist, teilen Mütter den Mädchen das weiter. Und für mich war diese Schwangerschaftssache auch sehr interessant, weil ich zwar keine Kinder habe, aber meine Mutter Biologielehrerin ist, und wir führen seit meiner Kindheit „kranke“ Gespräche darüber, was ein Fremdkörper ist, was ein Parasit ist, ob ein Kind ein Parasit ist, ob ein Kind ein Fisch ist mit anderem Atemsystem, was in der Gebärmutter, in diesem Wasserbecken, passiert, und dann diese Sehnsucht des Kindes … Obwohl wir ganz andere Erfahrungen haben, ist unsere Denkweise ähnlich. Und diese Reinheit ‒ vielleicht bin ich zu sehr mit Ungarn beschäftigt, aber es macht mich manchmal wirklich krank, diese Frauenrepräsentationen, diese Rückkehr zur Reinheit. Wie furchtbar es zum Beispiel ist, wenn du deine Reinheit verlierst als Mädchen, und wie du sie zurückgreifen kannst als eine heilige Mutter. Und das alles, alles geht zum Wasser zurück. Genau das wollten wir aber nicht, die Esoterik, die in solchen Frauenrepräsentationen steckt, in diesen Denkmustern. Darum war uns auch wichtig, über unsere Ängste zu sprechen.

DB: Es gibt in diesem Zusammenhang noch ein anderes Thema von Kinga, nämlich Maschinen als eine Erweiterung des Körpers, was auch viel mit Kingas Geschichte zu tun hat und mit Medizin, im weitesten Sinn. Diese Vorstellungen von Flüssigkeiten, die den Körper verlassen, davon, wie Körper an Maschinen angeschlossen werden, an Kreisläufe, sind sehr präsent in deinen Texten, und die haben mich auch sehr angesprochen.

KT: Ja, eine Maschine ist auch wie ein Fremdkörper, der nicht ein Kind ist, ein anderer Fremdkörper, eine andere Tube, die Flüssigkeitskreisläufe produzieren kann oder leiten kann. Dann kommen die Materialien hinzu. Doro ist oft mit verschiedenen Stoffen beschäftigt, ich schreibe auch über Stoffe, kreiere Sounds mit Stoffen, aber ich berühre sie nicht in dem Sinn, ich habe sogar etwas Angst davor, vor Papier, vor Wasser, vor Schneiden und sowas. Das ist auch ein Lernprozess jetzt, dass wir verschiedene Stoffe, Grundstoffe, und die Begegnung von Wasser mit diesen verschiedenen Grundstoffen ausprobieren.

DS: Vielleicht könnt ihr darüber noch mehr erzählen: Wie kommt ihr vom Inhalt zur Form? Ihr habt jetzt viel über das Thema gesprochen, aber der Rahmen des Projektes ist ja eine Performance. Wie läuft der Prozess, das aufzubauen und auch mit den anderen, die dann kommen, als Publikum, in Beziehung zu setzen, das zu entwickeln?

DB: Also zunächst gab es den Aspekt, dass Texte von Kinga, die schon da sind, und Zeichnungen von mir, die schon da sind, für uns so klar zusammenkommen, dass wir sie auch zusammen zeigen wollen, zeigen, was da ist. Dafür wollen wir gute Typografie an der Wand, von den Texten manchmal nur kurze Ausschnitte, aber dass man sie gut lesen kann und die Bilder dazu hat. Und dann war es ein Dialog. Kinga wollte gerne Geräusche und Wasser und etwas Performatives, diese Badewanne und dass man damit spielt. Mir ist das etwas fremd, Performance, mit Sound arbeiten, das ist überhaupt nicht mein Medium. Aber während wir darüber gesprochen haben, dass da Kleider hängen könnten, dachte ich auf einmal an Papier in Farbe, und dann war es für mich dieses Plastische, das in meinem Kopf auf einmal ganz klar war. Und Kinga hatte gleich eine Vorstellung davon, was man mit diesen Objekten im Raum machen könnte und wie man Leute einbeziehen könnte. Gestern beim „Basteln“ entstand die Idee, dass die Leute, die heute zur Werkstatt kommen, sich auch Kleider machen können. Das ist auch etwas Faszinierendes: Dass man das Volumen des eigenen Körpers erfährt, indem man aus einer flachen, zweidimensionalen Sache durch Falten und Kleben tatsächlich auf einmal ein Körpervolumen erhält. Was auch sehr lustig ist. Und es berührt einen, es passiert etwas ganz Unheimliches, wenn aus einem liegenden Papier auf einmal ein Bauch und ein Rücken wachsen.

DS: Und diese Kleider sollen alle aus Papier sein?

KT: Ja, auch wegen dem Wasser. Wir wollen sichtbarer machen, was Wasser mit verschiedenen Stoffen machen kann, mit der Haut. Und Papier war vielleicht das einfachste Beispiel.

DB: Wir dachten zuerst, auf diese Kleidung vielleicht auch zu schreiben, sie zu bemalen, zu zeichnen, inzwischen haben wir uns davon aber wieder verabschiedet, weil es schon genug Elemente gibt, es muss nicht alles einfließen.

KT: Das wollte ich dir noch zeigen.

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KT: Bei mir war das wirklich eine starke Vision: Ich sah uns beide beim Storytelling an der Wanne, weißt du, wie diese alten Damen. Ich dachte, wir sind jetzt diese alten Damen, die das ganze Leben, die Gesellschaft ‒ und alles beim Wasser, am Ufer, bei diesen motorischen Bewegungen, beim Waschen ‒ einfach erzählen, so geben wir alles weiter. Dass wir zeigen müssen, wie wir kommunizieren, was ein Kommunikationsmittel oder ein -kanal ist. Und dann wollte ich der Doro auch auf jeden Fall zeigen, wie Wasser sounds. Und diese Gürtellinie ‒ also unser Ziel ist jetzt, dass alle, die am Dienstag eintreten, ins Wasser eintreten werden, oder?

DB: Ja. Wir hatten die Idee, den Raum zu markieren mit Klebeband, durchgehend, alle Wände, alle Pfeiler, wie beim Hochwasser, solche Strichmarkierungen. Das ist immer sehr beeindruckend, wenn man in einer Stadt steht, und dann: 1910, bis hier … Es gibt etwas Ungemütliches darin, aber auch Beeindruckendes. Und damit das Zimmer gedanklich unter Wasser setzen.

KT: Und diesen Untergang. Wie kann man mit einem statischen Raum eine Bewegung nach unten präsentieren? Und das versuchen wir mit dem Klebeband, so dass deutlich wird, dass wir jetzt untergehen. Mich interessiert sehr, wie diese Kommunikation, ob diese Kommunikation eigentlich passieren wird.

DS: Das ist ja sowieso etwas grundsätzlich Interessantes an der künstlerischen Arbeit: Es ist eine Form von Kommunikation, die üblicherweise indirekt ist. Es gibt zwar ein Publikum, aber mit dem hat man in der Regel keinen direkten Kontakt, außer eben in so einer Performancesituation oder für dich, Doro, vielleicht in einer Ausstellungssituation, wenn du auf Besucherinnen und Besucher triffst. Wie verhält es sich für euch mit dieser Form von Kommunikation, von Beziehungsarbeit auch, zunächst im künstlerischen Prozess und dann, wenn es das konkrete Feedback gibt? Gerade wenn ihr von einer so explizit weiblichen Position herkommt, wo emotionale Arbeit, Beziehungsarbeit noch mal ein anderes Gewicht hat.

KT: Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe es so wahrgenommen, dass das, was wir mit diesen künstlerischen Tools zeigen möchten, etwas sehr Natürliches ist. Wie kann man etwas Natürliches als Wasserwesen ‒ Zurückkehren, Kreisläufe ‒ mit diesem Künstlichen ‒ Tapes, Schellack, Tinte ‒ deutlich machen? Ob die Leute das verstehen werden, dass es etwas sehr Natürliches, nur unter einer Lupe, ist? Oder werden sie das Ganze nicht verstehen? Oder wird es sie berühren? Denn uns berührt das Ganze.

DB: Ich habe noch nie so etwas Performatives gemacht, und das hat mich auch interessiert an diesem CON_TEXT-Projekt. Also dass man auf ein Publikum trifft, wo man nicht nur sagt: Das habe ich gemacht, ich kann gern darüber sprechen, aber muss nicht, sondern dass man sich in den Raum stellt und sagt: Okay, es gibt einen Dialog zwischen uns, wir wollen andere Leute daran teilhaben lassen. Für mich machen die Dinge Sinn, aber sie sind eher intuitiv, die Formen, die Aspekte ergänzen sich. Wahrscheinlich erhoffe ich mir, dass dadurch, dass deine Medien, Kinga, dazukommen, ein größeres Verständnis oder ein anderes Begreifen entsteht, dass Leute von verschiedenen Seiten Zugang zum Thema finden. Für mich hat es so funktioniert. Zum Beispiel ein Satz wie: Nicht jeder wird in den Körper wieder hineingelangen. Das ist für mich ein ganz starker Satz, der viel mit dem, was ich in meinen Zeichnungen gemacht habe, zu tun hat. Für mich war das ein Plus zu dieser Bildebene. Ich weiß natürlich nicht, wie die Leute darauf reagieren werden, und ich weiß auch nicht, wie die Leute, die sonst meine Arbeit kennen von Ausstellungen, in so einem Kontext reagieren. Ich bin sehr gespannt.

KT: Ich auch. Wir wollen keinen großen Zirkus machen. Sondern das Wasser zeigen und unsere Begegnung mit Wasser. Etwas Lebendiges und eine Beobachtung charakteristischer Merkmale des Themas.

DB: Wobei es für mich auch Überraschungen gibt. Zum Beispiel seitdem dieses Wesen hier im Raum steht, diese Papierfrau, bin ich selbst ein bisschen überrascht. Es gibt einen Witz darin, etwas Komisches, vielleicht auch andere Aspekte, ästhetische, assoziative, die dazukommen, die ich nicht eingeplant hatte. Gerade diese ganze Handwerksarbeit und was es bedeutet, ein weißes Kleid zu machen, das ist nichts, was ich symbolisch drinhaben wollte, aber jetzt steht es mit im Raum.

DS: Das ist natürlich auch toll, die überraschenden Momente, die aus der Dynamik der Zusammenarbeit entstehen. Wie war das im Vergleich zu sonst, wie hat sich euer eigenes Denken oder euer eigenes Herangehen dadurch verändert, was nehmt ihr davon mit?

KT: Huh. Bei mir gibt es auf jeden Fall ein Selbstbewusstsein. Also ich habe meine Ängste los- oder ‒ sagt man das so? ‒ abgesagt, mit Stoffen. Meine Angst, dass ich etwas kaputt mache. Dass ich etwas nicht perfekt machen kann, schneiden oder so. Wie man Stoffen begegnet, welche Wirkung der Mensch auf Stoffe ausübt. Kaputt machen oder wie kann ich sie überhaupt wahrnehmen, fühle ich sie gut, wie reagieren sie, wenn ich sie ertaste oder wenn ich etwas mit diesen Stoffen mache … Ich habe immer eher zweidimensionale Sachen gemacht. Ich zeichne auch selbst, aber nur so, 3D sehe ich leider gar nicht. Und jetzt lerne ich die Stoffe, die Materialien durch Doro oder mit Doro kennen. Also bei mir sind die Rezeptoren jetzt komplett high, ich habe eine komplett andere Wahrnehmung. Es ist, glaube ich, auch etwas Psychisches und, naja, diese unendlichen Gespräche, die wir führen. Auch über wissenschaftliche Sachen, über die Gesellschaft, die Reaktion der Gesellschaft, über Körperwahrnehmungen, innen und außen ‒ das ist echt brutal. Ich bin immer sehr müde am Abend, weil mein Kopf schwimmt. Und wir werden das fortsetzen. Also wir haben schon Pläne, dieses Experiment fortzuführen.

DB: Am Anfang dachte ich von diesem Format, okay, ich treffe zehn verschiedene Leute, man wird schon was zusammen machen. Aber ich war sehr überrascht, dass wir innerhalb von fünf Minuten ganz viele Punkte gefunden haben, wo wir wussten: Oh, darüber gibt’s ganz viel zu sagen, wir müssen darüber, darüber, darüber weitersprechen. Und das hat sich jetzt bestätigt. Ich fand das schön, wo du gesagt hast, du hattest Angst am Anfang ‒ und das habe ich auch gemerkt ‒, falsch zu schneiden, kaputt zu machen. Die habe ich nicht, aber ich kann sie verstehen. Und ich finde es spannend, denn ich habe diese Hemmung mit der Sprache, und erst recht mit der deutschen Sprache. Ich bin auch keine gebürtige Deutsche, es ist auch nur so eine angelernte Sprache, und ich versuche immer schwitzend die Fälle und Akkusativ und alles richtig zu machen. Ich fühle mich wie auf Glatteis und denke: Oh Gott, wenn ich aufgeregt bin, rutsche ich aus und alle merken, dass ich‘s nicht richtig kann. Und deine Art, damit total offensiv umzugehen und die Dinge einfach zu sagen, hat mir auch Mut gegeben, dass wir jetzt einfach was in den Raum werfen und es steht. So.

KT: Das ist sehr schön, weil ich diese Sprache auch nicht beherrsche, ich arbeite nur damit. Das ist so cool. Sie ist ein Franzose, ich bin die Ungarin, und jetzt sprechen wir auf Deutsch, und manchmal machen wir das so (gestikuliert, schnipst) und so und so und ja, ja, genau.

DS: Wie soll man jetzt eure ganzen Gesten und die ganze Körpersprache in diesem Interview mittransportieren?

DB: Ich finde, mit dem Papier, mit dem Stift ist der Moment immer total schön, wenn man merkt: Eh, ich kann nix falsch machen! Und mit der Sprache ist es natürlich auch so. Erst mal losarbeiten, und dann kann man immer wegschmeißen. Und dieses Gefühl: So, jetzt machen wir was, wir können nix falsch machen, wir machen einfach. Das finde ich schön, und das finde ich im Arbeitsprozess sehr schön.

KT: Ja. Und eine andere Sache ist ‒ also bei mir ist es so, ich weiß nicht, woher es kommt, oder vielleicht weiß ichs doch, dass ich immer alles wissenschaftlich beweisen musste. Oder wollte. Wenn ich etwas aussagte, dann musste es wissenschaftlich bewiesen werden, ansonsten existierte es nicht. Und es war so gut, dass wir jetzt so normal sprechen konnten, auch nicht nur über Intuitionen, sondern wirklich Erfahrungen, dass wir nicht gleich beweisen sollten, wissenschaftlich. Was im Hintergrund schon vorhanden ist, aber jetzt war erst mal das Storytelling da, diese kollektiven, geerbten Sachen, vielleicht mit dem Wasser, die mit dem Thema weitergegeben sein könnten ‒ Konjunktiv II Präterium whatever, mit Modalverb. Und auch deswegen war die Fremdsprache eine gute Idee, dass wir das auf Deutsch machen. Ich kann kein Französisch, du kannst kein Ungarisch, und Englisch wollten wir nicht.

DB: Es war wie ein Sichtreffen auf einem extraterritorialen Gebiet.

KT: Weil wir aus anderen Sprachen, anderen Muttersprachen kommen, war es wirklich ein Weg für uns beide, all die Definitionen einander zu erklären. Was verstehst du unter diesem deutschen Wort und was kommt von deiner Kultur, was kommt von meiner Kultur, haben wir Traditionen, haben wir Probleme mit den Traditionen, was machen die Deutschen? Weil wir jetzt beide hier sind. Das hat uns, denke ich, bei der Öffnung sehr geholfen, dass wir alles mindestens aus drei Perspektiven, Deutsch, Französisch, Ungarisch, beobachten mussten.

DS: Das wäre auch ein toller Ansatz für Dienstag, verschiedene Begriffe oder Konzepte, die für euch in der Arbeit wichtig sind, lexikalisch oder etymologisch darzustellen. Diese Zwischensprachlichkeit ist ja, wie ihr sagt, auch ein eigentlich zentraler Teil der Arbeit. Wenn die Zeit reicht.

DB: Ja, wenn die Zeit reicht.

KT: Bei den Gesprächen wird es schon deutlich, glaube ich.

DS: Noch mal zu den Gesprächen: Das heißt, es gibt nicht nur diese vorbereiteten Sachen im Raum, sondern das Performative besteht auch im unmittelbaren Gespräch, ihr sprecht das Publikum, einzelne Besucherinnen und Besucher an und wollt mit ihnen über die Themen reden?

KT: Bei der Performance werden wir miteinander kommunizieren und mit Kleidabgabe, mit Begegnungen möchten wir die Leute auch involvieren. Danach sind wir offen für Gespräche, und es wäre schon sehr gut, wenn wir darüber quatschen könnten mit den Leuten, die kommen. Aber zuerst müssen sie auch tauchen. Wenn sie nicht unten sind mit uns, geht es nicht. Deswegen ist es sehr wichtig, dass wir sie involvieren.

DS: Das heißt, man kommt rein und man muss ertrinken?

KT: Genau. Genau. (Lacht.)

DS: Dann vielleicht bis hierhin. Und den Rest müssen alle selbst erleben, wenn sie am Dienstag kommen.

KT: Erleben, das ist ein schönes Wort. Oder überleben. Ja, coole Präfixe. (Alle lachen.) Und den Spaß dabei nicht vernachlässigen.

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Alle Fotos die den Intervietext begleiten © Daniela Seel

Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen ist ein Roman über Fremdheit und Einsamkeit, über private und politische Gefährdungen, ein Roman über den Wunsch, zu verschwinden, und die Hoffnung, gesucht und geborgen zu werden, wenigstens in der Erinnerung, im Gespräch. Denn das Verschwinden setzt vielem ein Ende, nicht aber dem Erzählen. […] Ihre Suche nach Nelly nimmt mehr und mehr die Züge einer Flucht an.“

(c) Wolf-Dirk Skiba

1. Wovor flieht die Protagonistin? Wird da schon was darüber verraten?
Nina Bußmann: Nicht viel, sie selbst sagt: Mit dem Wort Flucht sollte man doch heute ein bisschen vorsichtig sein. Sie konzentriert sich auf die Suche nach ihrer in Nicaragua verschollenen Freundin. Sicher vermeidet sie da etwas, die Beschäftigung mit sich selbst. Dafür erfährt sie was anderes.

2. Was ist mit privaten und vor allem politischen Gefährdungen gemeint? Hat das etwas mit derzeit in ganz Europa zu beobachtenden Entwicklungen zu tun? 
NB: Beschädigte Natur, Kämpfe um politische und ökonomische Teilhabe, Konflikte zwischen Metropole und Peripherie, Hilflosigkeit im Umgang mit Unbekannten, religiöses Eifern, Kriegs- und postkoloniale Traumata, sexualisierte Gewalt: Der Text spielt in Deutschland und Nicaragua, im 21. Jahrhundert. Einen Überblick über die Verhältnisse gibt er nicht. Es geht um Menschen, die versuchen, ein gelingendes Leben zu führen: Umweltaktivistinnen, Forscherinnen, Security-Arbeiter, gläubige Christen kommen vor, ein Künstler, der nicht ausstellen will, unter anderem. Einzelne, die keinen Überblick über die Verhältnisse haben, aber liebes- und lebensfähig bleiben wollen.

3. Verraten Sie uns schon etwas über die Passage/n die Sie vorlesen werden? Werden da die Spannungsbögen erst einmal „nur“ angedeutet oder geht es auch schon ans „Eingemachte“?
NB: Ich habe auf einer Internetseite für Selbstversorger nochmal nachgelesen, was „Eingemachtes“ beziehungsweise Einmachen bedeutet. Obst und Gemüse werden in luftdicht verschlossene Gläser abgefüllt und über eine längere Dauer gekocht. Mit Kuchen funktioniert es angeblich auch. Keime, Pilzsporen und Salmonellen werden abgetötet. Beim Abkühlen entsteht starker Unterdruck in den Gläsern und damit ein konservierendes Vakuum. Es geht darum, etwas Lebendiges und sehr Vergängliches vor dem Verderb zu bewahren. Wenigstens für eine Zeit lang (meine Quellen sprechen von nicht mehr als einem Jahr), wenigstens die Substanz, Zucker, Energie. Es gibt also Ähnlichkeiten mit dem literarischen Herstellungsprozess. Das meiste läuft völlig anders. Es ist ja nicht die Aufgabe von Literatur, zu sterilisieren. Was ist die Substanz? Beim Einkochen gehen eine Menge Mikroorganismen und Nährstoffe kaputt. Im Roman spielt Erkenntnis eine wichtige Rolle, es kommen Wissenschaftler vor und das ganze ist als Detektivgeschichte angelegt. Ich sage es lieber gleich: Die Erzählerin ist eine sehr schlechte Detektivin, sie arbeitet nicht ergebnisorientiert. Wir erfahren nicht, wer der Mörder ist, niemand im Text findet, was er gesucht hat. Oft ist es ja aufregender, etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hat.

Das Gespräch führte der Kulturjournalist Michael Lösch.

Am Mittwoch, den 15. März 2017 findet um 20:00 Uhr in der Lettrétage die Premiere des neuen Romans „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen“ von Nina Bußmann statt.

Kann man die Autoren und Autorinnen auch inhaltlich – sagen wir – sortieren und verorten? Gibt es bevorzugte Themen und was wird davon an dem Abend zur Sprache kommen? Worum wird es an dem Abend so alles gehen?

Esther Becker: Ich komme vom Theater, der Dramatik und bin Feministin, meine Texte sind teilweise sehr rhythmisch gebaut, thematisch geht es in meinen Arbeiten oft um Individuation im weitesten Sinn, auch um Körper geht es viel.

Jonis Hartmann: Existenzialismus, Liebe und Tod treten bei mir in Miniaturen und Gedichten fast durchgehend auf. Mal mehr, mal weniger offen, oft mir einer tragikomischen, bisweilen slapstickhaften Note in der Sprache.

Dominik Ritter: Meine Lyrik, die ich am Abend vortragen werde, durchziehen zwei Motive. Die Wüsten und die Birken. Sie behandeln das Erinnern. Die Kurzgeschichte behandelt den Moment alltäglichen Lebens einer Frau, die nach einer Zehnstundenschicht zuhause in ihrer Wohnung eine Leere spürt, mit der sie nicht umgehen kann.

Clara Henssen: Ich schließe mich Esther an, indem auch ich mich als Feministin verstehe, selbst wenn ich meinen Feminismus nicht als programmatisch für mein Schreiben verstehe. Thematisch beschäftigen mich Schönheit und Diskriminierung, stilistisch beschäftigt mich Humor. Ich arbeite auch gerne mit magischen Momenten als Disruption

des sogenannten Realen. An dem Abend wird es ganz konkret um die Behinderung einer jungen Frau mit Down-Syndrom und ihre Sexualität gehen. Sie geht eine Verwandlung durch, aber ich möchte nicht zu viel verraten!

Kurzprosa im Sinne von Kurzgeschichten? Werden in sich abgeschlossene Werke gelesen, sozusagen mit Anfang und Ende, oder sind auch „nur“ Auszüge von größeren Erzählwerken dabei?

Esther Becker: Beides, wenn auch nicht im klassischen Sinn Kurzgeschichten, da die Kapitel meines Romanprojekts als eigenständige Geschichten funktionieren.

Jonis Hartmann: Bei mir sind abgeschlossene Werke zu hören (Miniaturen und Kurzprosa) als auch Auszüge aus dem Gedichtband Bordsteinsequenzen.

Dominik Ritter: Ja, meine Kurzgeschichte ist ein abgeschlossenes Werk. Die Lyrik auch.

Clara Henssen: Ich lese einen Auszug aus meinem Roman „Down“, an dem ich seit drei Jahren arbeite und den ich gerade beende. Seit ich an diesem Roman schreibe fällt es mir schwer, mich auf Anderes zu konzentrieren. Vorher habe ich hauptsächlich Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben und gelesen, an diesem Abend aber werde ich ich einen Auszug aus dem zweiten Kapitel des Romans vorlesen, in den ich eine kurze Einleitung geben werde und der dann auch ganz gut alleine funktioniert.

„Berlin meets Hamburg“, wie viel Berlin- und wie viel Hamburg sitzen da thematisch auch mit am Tisch?

 

Esther Becker: Meine Geschichten sind nicht konkret verortet. Man kann sie sich also bei Bedarf sowohl im Berliner als auch im Hamburger Raum vorstellen.

Jonis Hartmann: Ich mache in Hamburg Lesereihen wie AHAB, HAFENLESUNG und WRITERS‘ ROOM JOUR FIXE und kenne Teile der unabhängigen Literaturszene recht gut, die bisher nicht den Ruf einer großen Popularität genießt, jedoch in letzter Zeit durchaus so etwas wie eine Neuformierung und -ausrichtung durchlebt.

Dominik Ritter: Thematisch findet sich Berlin meets Hamburg nicht in meiner Lyrik wieder.

Clara Henssen: Zwei (Wahl-)Hamburger und zwei (Wahl-)Berliner werden am Tisch sitzen, aber nicht thematisch!

Das Gespräch führte der Kulturjournalist Michael Lösch.

Kulturjournalist Michael Lösch im Gespräch mit der Autorin Juliana Kálnay über ihren Debütroman.

Was war die treibende Kraft, die Motivation, diesen Roman zu schreiben?

Anfangs: Den Motiv- und Figurenideen zu folgen, um zu sehen, wohin mich diese schreibend hinführen. Später: Die Lust daran, das Haus zu bevölkern, Erzählfäden weiterzuspinnen und zu verknüpfen, aber auch „falsche Fährten“ zu legen. Und: Ein motivisch dichtes „Erzählgebäude“ zu konstruieren.

(c) Mathias Prinz

Verwandlung und Verschwinden scheinen die zentralen Leitthemen zu sein. Ist dem so und wenn ja, warum?

Tatsächlich sind beides zentrale Motive im Roman, die in unterschiedlichen Formen und Variationen immer wieder auftauchen. Warum ist eine gute Frage. Es war ja nicht so, dass ich eines Tages beschlossen habe, einen Episodenroman um das Verschwinden zu schreiben. Vielmehr ist mir im Laufe des Schreibprozesses irgendwann bewusst geworden, dass viele der Episoden um diese Themenfelder kreisen. Danach habe ich begonnen, bewusst mit ihnen weiterzuarbeiten.

Es geht schon früh los mit den bizarren Sachen, mit einem Ehemann, der sich in einen Baum verwandelt und mit in Achselhöhlen brütenden Rotkehlchen. Eigentlicher Protagonist scheint ja ein vor sich hin halluzinierendes Haus selbst zu sein und die Bewohner muten fast wie dessen Traumbilder an. Was erwartet den Leser da, auf wie viel „Fantasy“ sollte er sich einlassen? Bleibt noch etwas übrig von einer, sagen wir, „orientierenden Kraft des Realen“?

Ich würde zustimmen, dass das Haus selbst der heimliche Protagonist des Romans ist. Allerdings bin ich bisher nicht auf die Idee gekommen, dass es die Geschehnisse oder Bewohner selbst erträumt oder halluziniert. Das scheint mir selbst für die erweiterten Maßstäbe von Realität, die dieser Roman setzt, etwas zu weit hergeholt.

Der „Fantasy“-Begriff wirkt womöglich etwas irreführend. Damit assoziiert man ja meist Romane, die in einer anderen Welt spielen, die auch von fantastischen Wesen bevölkert wird. In meinem Roman ist es ja eher so, dass das Setting auf den ersten Blick unserer Welt nicht unähnlich scheint. Dann merkt man aber schnell, dass in dem Haus seltsame Dinge vor sich gehen. Es verschwinden Bewohner, ein anderer wird zum Baum… Die Geschehnisse im Haus scheinen einer eigenen, fantastischen Logik zu folgen. Und als Leser*in beobachtet man, wie die Figuren diese Geschehnisse zunächst einmal hinnehmen, und wird gefordert, dies ebenfalls zu tun.

Welche Kapitel bzw. welche Passagen sind für die Lesung ausgewählt worden? Wie lassen sie sich einordnen? Was verraten sie über die Bewohnern und  das, was sie umtreibt?

Es steht noch nicht zu 100% fest, welche Passagen ich lesen werde. In jedem Fall aber werden es welche sein, die einen Eindruck von der Atmosphäre des Romans vermitteln, von seiner Struktur und von den wichtigsten Figuren und Motiven.
Die Lettrétage dankt Juliana Kálnay herzlich für das Interview und lädt herzlich zur folgenden Veranstaltung ein:

Dienstag 07. Februar, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
Buchpremiere Juliana Kálnay

Franz Tettinger, selbständiger Grafikdesigner, Texter und Lektor, Christian Vater Gymnasiallehrer,Autor und Verleger und T. G. Vömel ebenfalls Gymnasiallehrer, Autor und Verleger präsentieren neben anderen AutorInnen am 8.12. unter dem Motto „Mit euch nicht in einem Atemzug“ ihr Projekt „FAUN UND ZERFALL“

 

„Drei Autoren schicken sich sechs Postkarten im Kreis. Du weißt: Du bekommst eine Postkarte. Du beschreibst, überschreibst, schreibst sie fort und schickst sie an einen weiter, der sie wiederum beschreibt, überschreibt, fortschreibt, bemalt, beklebt und weiterschickt. Du weißt: Deine Karte, die du gerade geschrieben hast, gibt es bald nicht mehr. Sie wird aufgegriffen, weitergeführt, überformt. Was heißt das: Jede neue Schicht wird zum Sediment und du fragst dich am Ende: Was trägt?“

 

Wie funktioniert das? Schickt jeder Autor 2 Karten ab?
Wenn ja jede Karte überschrieben bzw. überklebt wird, wie lassen sich da gerade auch ausgehend von der Frage „Was trägt“ Erhalt und Veränderung überhaupt vermessen?

So lauteten unsere Fragen an den das Projekt betreuenden Vauvau-Verlag.

Hier die Antwort des Verlages:

In der Tat hat jeder Autor zu Beginn des Projektes zwei Postkarten gestaltet und gegenläufig zueinander losgeschickt, so dass am Ende sechs Postkarten-Zyklen entstanden sind. Der komplette erste Zyklus ist exemplarisch als Diashow auf der Startseite unserer Homepage zu sehen und sollte für eine ansprechende Konkretion sorgen.

Anhand dieses Zyklus lässt sich auch die zweite, für uns ebenfalls sehr zentrale Frage nach „Erhalt und Veränderung“ thematisieren:

Welche Elemente bleiben über mehrere Postkarten hinweg erhalten oder werden nur geringfügig modifiziert? Welche Elemente gehen verloren, werden nicht weitergeführt? Welcher Rhythmus prägt die Veränderung? Gibt es stabilere Phasen mit nur kleineren Veränderungen von Karte zu Karte – wir sprechen ja von Kontrafakturen – oder gibt es sehr starke Umbrüche? Wo gibt es diese Stabilitätszentren, wo die Umbrüche und warum gerade dort? Warum ist das so und was kommuniziert sich dadurch, kommuniziert sich zwischen Autoren und Lesern, aber auch zwischen den Autoren selbst, womit ich zuletzt bei der Interaktion der Autoren – ein zentrales Interesse unseres Verlages – angekommen bin. Die Interaktion der Autoren bringt eine Eigendynamik ins System, die sich in den Zyklenverlauf einschreibt. Nicht der einzelne Autor führt hier Regie, bestimmt darüber, was trägt, sondern gerade in der Interaktion entscheidet sich, was bleibt und was weichen muss.

 

Donnerstag, 8. Dezember 20:00 Uhr (Eintritt 5,-/erm. 4,- Euro)
Mit euch nicht in einem Atemzug III
Autorenlesung mit mit Franz Tettinger, Christian Vater, T. G. Vömel, Bastian Winkler und Titus Meyer

Wortschau: Interview

Lisa Lettretage —  5. Dezember 2016 — Kommentieren

Das Literaturmagazin „Wortschau“ veröffentlicht regelmäßig Gedichte und Kurzprosa zu  ausgesuchten Themen. Bei der Präsentation am 07.12. stellt die Herausgeberin Johanna Hansen den AutorInnen und dem Publikum die Frage: Wann waren Sie zuletzt im Paradies?

 

wortschau-bildLettretage: Johanna Hansen, wie war die Resonanz und die Beteiligung bei diesem Projekt?

Johanna Hansen: „Wir haben um die 50 Einsendungen erhalten, was für unsere Verhältnisse schon recht ordentlich ist.“

Lettretage: Nach welchen Kriterien wurden die Beiträge ausgewählt?

Johanna Hansen: „Wir haben den Fokus auch auf NewcomerInnen gelegt, also auf AutorInnen, die bisher eher wenig veröffentlicht haben. Es sind jüngere und ältere Talente darunter. Die Idee zur gemeinsamen Veranstaltung entstand in Kooperation mit dem Kultursalon Madame Schoscha, mit dem wir bereits zusammengearbeitet haben und der uns auf die Lettrétage aufmerksam gemacht hat.

Lettretage: Um welche Paradiese geht es? Wo lassen sich diese verorten?

Johanna Hansen: „Nun, lässt sich in einer derart zersplitterten individualisierten Welt überhaupt noch von einem einheitlichen Paradiesbegriff sprechen?

Wir werden an dem Abend dem Glück als Gemütszustand begegnen, also das, was Paradiessuchende ganz persönlich dafür halten. Es wird aber auch um konkrete Örtlichkeiten gehen, um Paradiesgärten im wahrsten Sinne, um Reiseerlebnisse, um Inseln, aber auch um ganz persönliche Rückzugsräume und um Überraschungsmomente, und natürlich auch um die Erinnerungen daran. Diese sind ja bekanntlich das Paradies, aus dem wir nicht mehr vertrieben werden können.

Ein Programm-Höhepunkt ist ein verfilmter Brief an Heinrich Heine, der als ganz persönliche Hommage an den Dichter und seine Suche nach Utopien entstanden ist und in Paris und Düsseldorf gedreht wurde. „Die Steine werden Pflanzen, die Pflanzen werden Tiere, die Tiere werden Menschen, und die Menschen werden Götter werden.“ Darin schimmert der Paradiesgedanke eines Vollkommenheitszustandes auf.  Heines „Reisebilder“ können als Wegmarken dieser Suche gelesen werden.

Lassen Sie sich überraschen.

Machen wir! Und Ihr? Seid Ihr dabei?

Mittwoch, 7. Dezember 20:00 Uhr (Eintritt 5,-/erm. 4,- Euro)
Wann waren Sie zuletzt im Paradies?
Ein Abend über die Sucht nach dem Himmel auf Erden mit Autorinnen und Autoren der Literaturzeitschrift WORTSCHAU.