Archiv: Interview

Interview und Beitrag von Thomas Maier

David Keplinger schreibt Gedichte. Und zwar gute. In den Texten des 1968 in Philadelphia, Pennsylvania, geborenen Poeten wechseln sich Episoden aus dem Leben scheinbarer Durchschnittsmenschen ab mit (gar nicht so unähnlichen) Eindrücken solcher Individuen, die nicht nur in der Geschichte wohnen, sondern sie durch ihre schiere Größe teils gar transzendieren – und das auf eine Art, dass dem geneigten Kritiker auch ein Satz wie „When I arrived at the last poem in the book, I turned back to the beginning, because it is an impossible conversation to end“ (American Literary Review) komplett ohne Heuchelei von den Lippen kommen kann. Keplinger tut das, was er tut nun schon seit einiger Zeit. Bisher liegen vier Gedichtbände vor, zuletzt „The Most Natural Thing“ (2013) und „The Prayers of Others“ (2006). 2018 endlich erscheint dann auch der Fünfte, „Another City“, bei Milkweed Editions. Bereits am 12.06. diesen Jahres, ergo Montag, ist Keplinger aber mit Gedichten aus seinem neuesten Werk zu Gast bei uns in der Lettrétage, wo er gemeinsam mit seinem Freund und Übersetzer Jan Wagner („Regentonnenvariationen“, Hanser) lesen wird. Wir durften vorab nicht nur einige der Gedichte lesen, sondern auch mit dem Autoren selbst sprechen.

TM: David, first of all thank you for taking the time. I did some research and came across a wonderful sentence in a review of „The Most Natural Thing“. The critic wrote „Keplinger creates unusual conversations among the poems: when the book is closed, Flash Gordon lives beside the French Symbolists, a sexual encounter at a teenager’s first job beside Vasco da Gama.“ I was under the very same expression, there are a lot of seemingly disparant elements, but those are at the same time exquisitly connected by your voice. What interests you about these variances, this juxtapposition that then again turns out to not really be one at all?

DK: I like the way you put this: „disparate elements…at the same time… connected by a voice.“ The American poet Charles Simic wrote a series of poems called Dime Store Alchemy some years ago, in which he studied a similar phenomenon in the surrealistic art of Joseph Cornell, who gathered into small boxes the bric-a-brac he found at the thrift shops and antique stores of New York. He made many many boxes by this same process, but each one is a renewal of the form. In The Most Natural Thing I aimed to make a box of the paragraph (it was a perfect box on the page, so the last word was justified perfectly to the right side, closing the box), and then I filled the box with disparate things, whose mere inclusion in this structure alluded to a mysterious relationship where things take on meaning in the betweens, the interstices. The square, I might add, is the most unnatural thing in nature, an artificial form derived by humans, so I set the tension of that artificiality against subjects that were messy and organic–organs of the body, disease, family dynamics, and plants, to name a few.

TM: As sort of an extension to my first question: you portray, at least in the excerpt you sent me, quite a lot of historical figures in situations in which we wouldn’t necessarily picture them. The great stoic Marcus Aurelius is heartsick all of a sudden, Lincoln, in the year of his inauguration, seems worn out and tired, Houdini performs an illusion and is caught in a state of severe anxiety. Is there a certain fascination about taking „the greats“ off their pedestal and portraying them as human, vulnerable individuals? And if so, does the way you approach this differ from the way you approach your poetry about „normal“ people that, for example, once shared a bed and now reflect about possible lives they never lived? weiterlesen…

Interview und Beitrag von Thomas Maier

 

Jennifer Bennett, schweizerisch-amerikanische Künstlerin, ist unter Umständen gar nicht so einverstanden damit, dass ich sie gleich zu Beginn dieses Beitrags mittels Parenthese über ihre Staatsbürgerschaften definiere. Bennett befasst sich in ihrem Buch SAVE, bei uns live gelesen und diskutiert zu erleben am 11.06., nämlich hoch kritisch mit einigen der drängendsten Fragen unserer Zeit . Was ist eigentlich ein Nationalstaat und warum dominiert die Vorstellung von ihm unsere gedankliche Aufteilung der Welt in dem Maße, in dem sie es eben tut? Welche Rolle spielen multinationale Konzerne in diesem systemischen Machtgefüge? Und wo kommt dabei das Individuum ins Spiel, das sich der Faktizität seiner Existenz irgendwo mittendrin in diesem ganzen Schlamassel ja nunmal nicht entziehen kann, so sehr es das vielleicht auch möchte? Bennetts Fragen an die Welt reichen von der Klärung (scheinbar) grundlegender Prinzipien bis hin zu solchen, die beinahe schon philosophische Dimension annehmen. Bennett hätte da auch die Textform der Dissertation wählen können. Zum Glück tat sie es nicht, sondern begab sich auf eine Interviewreise, traf Menschen, redete und vor allem – ließ reden. Und letzteres tun wir jetzt auch.

 

TM: Jennifer, SAVE ist ja ein Werk, in dem ungemein viel Arbeit steckt. Du bist durch Chile, Argentinien, Mexiko und die USA gereist, hast etliche Interviewpartner zu Wort kommen lassen und auch die Info-Einschübe schreiben sich ja nicht ohne Recherche. Könntest du etwas dazu erzählen, wie das Projekt in diesem Umfang zu Stande gekommen ist, was deine Motivation dahinter war, und wie die Durchführung ausgesehen hat? weiterlesen…

Morgen ist es nun endlich so weit: die Jazzlesung zu Fiston Mwanza Mujilas Debütroman „Tram 83“ steht bevor. Bereits vor wenigen Tagen erschien an höchstselbiger Stelle ja bereits ein Interview mit Saxophonist Ben Kraef, der gemeinsam mit Fyodor Stepanov, Marco Mingarelli und Denis Abrahams am 03. Mai auf Mujila und dessen Text treffen wird. Wir wollen also gar nicht noch einmal allzu viele Worte über die Charakteristik dieses außergewöhnlichen Werkes verlieren. Besser wäre es, man ließe einfach den Autor selbst sprechen.

Lettrétage: Ich fange mit der gleichen, ganz allgemeinen Frage an, die ich auch dem Rest der Gruppe gestellt habe: Welche Aspekte dieses Projektes beziehungsweise dieser Performance, überzeugte Sie, dem Event zuzustimmen?

Fiston: In meiner Heimatstadt spricht man Suaheli. In dieser Sprache schätze ich den Begriff „Makutano“. Es bedeutet der Ort der Begegnung. Leute treffen Leute, um sich über die Welt und die Gesellschaft auszutauschen. Unsere Jazzlesung ist Makutano. Jeder von uns kommt mit seiner Geschichte, seiner Einsamkeit, seinem Schicksal, seiner Poesie, seiner Freude und zusammen versuchen wir nicht den Turm zu Babel aber eine Zitadelle der Erwartung zu errichten. Denis Abrahams bringt seine Stimme, Ben Kraef am Tenorsaxphon, Fyodor Stepanov spielt Bass und Marco Mingarelli am Schlagzeug. Meine Hoffnung ist, dass die Performance nicht entweder als eine Lesung oder ein Konzert verstanden wird, sondern wie ein Gespräch zwischen Menschen. Was genau passieren wird, weiß ich noch nicht … weiterlesen…

Im Büro herrscht schon den ganzen April hindurch eine Heiden(vor)freude. Am Abend des dritten Mai gastiert bei uns der in Graz lebende kongolesische Autor Fiston Mwanza Mujila, der seinen erst im letzten Jahr in deutscher Übersetzung erschienenen Debütroman „Tram 83“ präsentieren wird. Das Werk stand unter anderem auf der Longlist des renommierten Man Booker Prize. Das wirklich bemerkenswerte an dieser Veranstaltung ist aber die Inszenierung des Textes, in ihrer Form so nur einmalig in der Lettrétage zu erleben: In Kooperation mit den Musikern Fyodor Stepanov (Bass), Marco Mingarelli (Schlagzeug) und Ben Kraef (Saxophon), sowie dem Sprecher Denis Abrahams wird eine Symbiose von Jazz und Literatur entstehen, die für alle Beteiligten ein Novum darstellt. Um uns über unsere Erwartungen an diese literarische Jazz-Performance klar zu werden, haben wir vorab mit Ben Kraef gesprochen.

Lettrétage: Ich beginne mit etwas Grundlegendem. Welche Aspekte des Projekts sind für Sie besonders interessant und haben Sie möglicherweise zur Zusage bewegt?

Kraef: Ich bin bei dem Projekt dabei, weil ich mich einerseits sehr für Literatur interessiere und gerne neue Autoren kennenlerne. Andererseits interessiere ich mich natürlich auch für Literatur, die sich in der einen oder anderen Form mit Musik und speziell Jazz befasst. Ein anderer Grund sind natürlich die anderen Musiker und dass ich bei einem Projekt in dieser Form auch noch nicht mitgemacht habe. weiterlesen…

7 Tage, 2 Künstler*innen, 1 Ort: Im Rahmen des Projekts CON_TEXT erarbeiten jeweils zwei Künstler*innen innerhalb einer Woche in der Lettrétage gemeinsam eine Veranstaltung

Die Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel besuchte die CON_TEXT-Künstlerinnen Kinga Toth und Doro Billard in der Lettrétage.

Daniela Seel: Die Raumsituation ist schon so unmittelbar anders, wenn man hereinkommt, wir könnten gleich daran anknüpfen. Man sieht hier diverse Arbeitsschritte und Utensilien ‒ erzählt doch vielleicht einfach etwas dazu, was hier so vor sich geht und noch vor sich gehen soll.

Kinga Tóth: Okay. Ich kann vielleicht mit den Texten anfangen. Was man hier jetzt auf dem Boden sieht, sind Texte, die viel mit Wasser zu tun haben. Deswegen haben wir einander auch ausgewählt. Es gab diese CON_TEXT-Gesprächsrunde, nicht Blind Dates, eher Zwei-Minuten-Dates ‒ und bei uns war das wirklich direkt so ein Match.

Doro Billard: Ein Thema, wo wir beide gemerkt haben: Genau daran bin ich gerade. Und deswegen sofort die klare Vorstellung, dass wir da zusammenarbeiten. Diese Texte von Kinga, wo es sehr stark um Wasser geht, um Mädchen im Wasser, im Becken, um eine Frau, die in einen Tank springt, die ganze Thematik von Mädchenkörper, Frauenkörper und Wasser hat mich total angesprochen.

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Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen ist ein Roman über Fremdheit und Einsamkeit, über private und politische Gefährdungen, ein Roman über den Wunsch, zu verschwinden, und die Hoffnung, gesucht und geborgen zu werden, wenigstens in der Erinnerung, im Gespräch. Denn das Verschwinden setzt vielem ein Ende, nicht aber dem Erzählen. […] Ihre Suche nach Nelly nimmt mehr und mehr die Züge einer Flucht an.“

(c) Wolf-Dirk Skiba

1. Wovor flieht die Protagonistin? Wird da schon was darüber verraten?
Nina Bußmann: Nicht viel, sie selbst sagt: Mit dem Wort Flucht sollte man doch heute ein bisschen vorsichtig sein. Sie konzentriert sich auf die Suche nach ihrer in Nicaragua verschollenen Freundin. Sicher vermeidet sie da etwas, die Beschäftigung mit sich selbst. Dafür erfährt sie was anderes.

2. Was ist mit privaten und vor allem politischen Gefährdungen gemeint? Hat das etwas mit derzeit in ganz Europa zu beobachtenden Entwicklungen zu tun? 
NB: Beschädigte Natur, Kämpfe um politische und ökonomische Teilhabe, Konflikte zwischen Metropole und Peripherie, Hilflosigkeit im Umgang mit Unbekannten, religiöses Eifern, Kriegs- und postkoloniale Traumata, sexualisierte Gewalt: Der Text spielt in Deutschland und Nicaragua, im 21. Jahrhundert. Einen Überblick über die Verhältnisse gibt er nicht. Es geht um Menschen, die versuchen, ein gelingendes Leben zu führen: Umweltaktivistinnen, Forscherinnen, Security-Arbeiter, gläubige Christen kommen vor, ein Künstler, der nicht ausstellen will, unter anderem. Einzelne, die keinen Überblick über die Verhältnisse haben, aber liebes- und lebensfähig bleiben wollen.

3. Verraten Sie uns schon etwas über die Passage/n die Sie vorlesen werden? Werden da die Spannungsbögen erst einmal „nur“ angedeutet oder geht es auch schon ans „Eingemachte“?
NB: Ich habe auf einer Internetseite für Selbstversorger nochmal nachgelesen, was „Eingemachtes“ beziehungsweise Einmachen bedeutet. Obst und Gemüse werden in luftdicht verschlossene Gläser abgefüllt und über eine längere Dauer gekocht. Mit Kuchen funktioniert es angeblich auch. Keime, Pilzsporen und Salmonellen werden abgetötet. Beim Abkühlen entsteht starker Unterdruck in den Gläsern und damit ein konservierendes Vakuum. Es geht darum, etwas Lebendiges und sehr Vergängliches vor dem Verderb zu bewahren. Wenigstens für eine Zeit lang (meine Quellen sprechen von nicht mehr als einem Jahr), wenigstens die Substanz, Zucker, Energie. Es gibt also Ähnlichkeiten mit dem literarischen Herstellungsprozess. Das meiste läuft völlig anders. Es ist ja nicht die Aufgabe von Literatur, zu sterilisieren. Was ist die Substanz? Beim Einkochen gehen eine Menge Mikroorganismen und Nährstoffe kaputt. Im Roman spielt Erkenntnis eine wichtige Rolle, es kommen Wissenschaftler vor und das ganze ist als Detektivgeschichte angelegt. Ich sage es lieber gleich: Die Erzählerin ist eine sehr schlechte Detektivin, sie arbeitet nicht ergebnisorientiert. Wir erfahren nicht, wer der Mörder ist, niemand im Text findet, was er gesucht hat. Oft ist es ja aufregender, etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hat.

Das Gespräch führte der Kulturjournalist Michael Lösch.

Am Mittwoch, den 15. März 2017 findet um 20:00 Uhr in der Lettrétage die Premiere des neuen Romans „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen“ von Nina Bußmann statt.

Kann man die Autoren und Autorinnen auch inhaltlich – sagen wir – sortieren und verorten? Gibt es bevorzugte Themen und was wird davon an dem Abend zur Sprache kommen? Worum wird es an dem Abend so alles gehen?

Esther Becker: Ich komme vom Theater, der Dramatik und bin Feministin, meine Texte sind teilweise sehr rhythmisch gebaut, thematisch geht es in meinen Arbeiten oft um Individuation im weitesten Sinn, auch um Körper geht es viel.

Jonis Hartmann: Existenzialismus, Liebe und Tod treten bei mir in Miniaturen und Gedichten fast durchgehend auf. Mal mehr, mal weniger offen, oft mir einer tragikomischen, bisweilen slapstickhaften Note in der Sprache.

Dominik Ritter: Meine Lyrik, die ich am Abend vortragen werde, durchziehen zwei Motive. Die Wüsten und die Birken. Sie behandeln das Erinnern. Die Kurzgeschichte behandelt den Moment alltäglichen Lebens einer Frau, die nach einer Zehnstundenschicht zuhause in ihrer Wohnung eine Leere spürt, mit der sie nicht umgehen kann.

Clara Henssen: Ich schließe mich Esther an, indem auch ich mich als Feministin verstehe, selbst wenn ich meinen Feminismus nicht als programmatisch für mein Schreiben verstehe. Thematisch beschäftigen mich Schönheit und Diskriminierung, stilistisch beschäftigt mich Humor. Ich arbeite auch gerne mit magischen Momenten als Disruption

des sogenannten Realen. An dem Abend wird es ganz konkret um die Behinderung einer jungen Frau mit Down-Syndrom und ihre Sexualität gehen. Sie geht eine Verwandlung durch, aber ich möchte nicht zu viel verraten!

Kurzprosa im Sinne von Kurzgeschichten? Werden in sich abgeschlossene Werke gelesen, sozusagen mit Anfang und Ende, oder sind auch „nur“ Auszüge von größeren Erzählwerken dabei?

Esther Becker: Beides, wenn auch nicht im klassischen Sinn Kurzgeschichten, da die Kapitel meines Romanprojekts als eigenständige Geschichten funktionieren.

Jonis Hartmann: Bei mir sind abgeschlossene Werke zu hören (Miniaturen und Kurzprosa) als auch Auszüge aus dem Gedichtband Bordsteinsequenzen.

Dominik Ritter: Ja, meine Kurzgeschichte ist ein abgeschlossenes Werk. Die Lyrik auch.

Clara Henssen: Ich lese einen Auszug aus meinem Roman „Down“, an dem ich seit drei Jahren arbeite und den ich gerade beende. Seit ich an diesem Roman schreibe fällt es mir schwer, mich auf Anderes zu konzentrieren. Vorher habe ich hauptsächlich Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben und gelesen, an diesem Abend aber werde ich ich einen Auszug aus dem zweiten Kapitel des Romans vorlesen, in den ich eine kurze Einleitung geben werde und der dann auch ganz gut alleine funktioniert.

„Berlin meets Hamburg“, wie viel Berlin- und wie viel Hamburg sitzen da thematisch auch mit am Tisch?

 

Esther Becker: Meine Geschichten sind nicht konkret verortet. Man kann sie sich also bei Bedarf sowohl im Berliner als auch im Hamburger Raum vorstellen.

Jonis Hartmann: Ich mache in Hamburg Lesereihen wie AHAB, HAFENLESUNG und WRITERS‘ ROOM JOUR FIXE und kenne Teile der unabhängigen Literaturszene recht gut, die bisher nicht den Ruf einer großen Popularität genießt, jedoch in letzter Zeit durchaus so etwas wie eine Neuformierung und -ausrichtung durchlebt.

Dominik Ritter: Thematisch findet sich Berlin meets Hamburg nicht in meiner Lyrik wieder.

Clara Henssen: Zwei (Wahl-)Hamburger und zwei (Wahl-)Berliner werden am Tisch sitzen, aber nicht thematisch!

Das Gespräch führte der Kulturjournalist Michael Lösch.

Kulturjournalist Michael Lösch im Gespräch mit der Autorin Juliana Kálnay über ihren Debütroman.

Was war die treibende Kraft, die Motivation, diesen Roman zu schreiben?

Anfangs: Den Motiv- und Figurenideen zu folgen, um zu sehen, wohin mich diese schreibend hinführen. Später: Die Lust daran, das Haus zu bevölkern, Erzählfäden weiterzuspinnen und zu verknüpfen, aber auch „falsche Fährten“ zu legen. Und: Ein motivisch dichtes „Erzählgebäude“ zu konstruieren.

(c) Mathias Prinz

Verwandlung und Verschwinden scheinen die zentralen Leitthemen zu sein. Ist dem so und wenn ja, warum?

Tatsächlich sind beides zentrale Motive im Roman, die in unterschiedlichen Formen und Variationen immer wieder auftauchen. Warum ist eine gute Frage. Es war ja nicht so, dass ich eines Tages beschlossen habe, einen Episodenroman um das Verschwinden zu schreiben. Vielmehr ist mir im Laufe des Schreibprozesses irgendwann bewusst geworden, dass viele der Episoden um diese Themenfelder kreisen. Danach habe ich begonnen, bewusst mit ihnen weiterzuarbeiten.

Es geht schon früh los mit den bizarren Sachen, mit einem Ehemann, der sich in einen Baum verwandelt und mit in Achselhöhlen brütenden Rotkehlchen. Eigentlicher Protagonist scheint ja ein vor sich hin halluzinierendes Haus selbst zu sein und die Bewohner muten fast wie dessen Traumbilder an. Was erwartet den Leser da, auf wie viel „Fantasy“ sollte er sich einlassen? Bleibt noch etwas übrig von einer, sagen wir, „orientierenden Kraft des Realen“?

Ich würde zustimmen, dass das Haus selbst der heimliche Protagonist des Romans ist. Allerdings bin ich bisher nicht auf die Idee gekommen, dass es die Geschehnisse oder Bewohner selbst erträumt oder halluziniert. Das scheint mir selbst für die erweiterten Maßstäbe von Realität, die dieser Roman setzt, etwas zu weit hergeholt.

Der „Fantasy“-Begriff wirkt womöglich etwas irreführend. Damit assoziiert man ja meist Romane, die in einer anderen Welt spielen, die auch von fantastischen Wesen bevölkert wird. In meinem Roman ist es ja eher so, dass das Setting auf den ersten Blick unserer Welt nicht unähnlich scheint. Dann merkt man aber schnell, dass in dem Haus seltsame Dinge vor sich gehen. Es verschwinden Bewohner, ein anderer wird zum Baum… Die Geschehnisse im Haus scheinen einer eigenen, fantastischen Logik zu folgen. Und als Leser*in beobachtet man, wie die Figuren diese Geschehnisse zunächst einmal hinnehmen, und wird gefordert, dies ebenfalls zu tun.

Welche Kapitel bzw. welche Passagen sind für die Lesung ausgewählt worden? Wie lassen sie sich einordnen? Was verraten sie über die Bewohnern und  das, was sie umtreibt?

Es steht noch nicht zu 100% fest, welche Passagen ich lesen werde. In jedem Fall aber werden es welche sein, die einen Eindruck von der Atmosphäre des Romans vermitteln, von seiner Struktur und von den wichtigsten Figuren und Motiven.
Die Lettrétage dankt Juliana Kálnay herzlich für das Interview und lädt herzlich zur folgenden Veranstaltung ein:

Dienstag 07. Februar, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
Buchpremiere Juliana Kálnay

Franz Tettinger, selbständiger Grafikdesigner, Texter und Lektor, Christian Vater Gymnasiallehrer,Autor und Verleger und T. G. Vömel ebenfalls Gymnasiallehrer, Autor und Verleger präsentieren neben anderen AutorInnen am 8.12. unter dem Motto „Mit euch nicht in einem Atemzug“ ihr Projekt „FAUN UND ZERFALL“

 

„Drei Autoren schicken sich sechs Postkarten im Kreis. Du weißt: Du bekommst eine Postkarte. Du beschreibst, überschreibst, schreibst sie fort und schickst sie an einen weiter, der sie wiederum beschreibt, überschreibt, fortschreibt, bemalt, beklebt und weiterschickt. Du weißt: Deine Karte, die du gerade geschrieben hast, gibt es bald nicht mehr. Sie wird aufgegriffen, weitergeführt, überformt. Was heißt das: Jede neue Schicht wird zum Sediment und du fragst dich am Ende: Was trägt?“

 

Wie funktioniert das? Schickt jeder Autor 2 Karten ab?
Wenn ja jede Karte überschrieben bzw. überklebt wird, wie lassen sich da gerade auch ausgehend von der Frage „Was trägt“ Erhalt und Veränderung überhaupt vermessen?

So lauteten unsere Fragen an den das Projekt betreuenden Vauvau-Verlag.

Hier die Antwort des Verlages:

In der Tat hat jeder Autor zu Beginn des Projektes zwei Postkarten gestaltet und gegenläufig zueinander losgeschickt, so dass am Ende sechs Postkarten-Zyklen entstanden sind. Der komplette erste Zyklus ist exemplarisch als Diashow auf der Startseite unserer Homepage zu sehen und sollte für eine ansprechende Konkretion sorgen.

Anhand dieses Zyklus lässt sich auch die zweite, für uns ebenfalls sehr zentrale Frage nach „Erhalt und Veränderung“ thematisieren:

Welche Elemente bleiben über mehrere Postkarten hinweg erhalten oder werden nur geringfügig modifiziert? Welche Elemente gehen verloren, werden nicht weitergeführt? Welcher Rhythmus prägt die Veränderung? Gibt es stabilere Phasen mit nur kleineren Veränderungen von Karte zu Karte – wir sprechen ja von Kontrafakturen – oder gibt es sehr starke Umbrüche? Wo gibt es diese Stabilitätszentren, wo die Umbrüche und warum gerade dort? Warum ist das so und was kommuniziert sich dadurch, kommuniziert sich zwischen Autoren und Lesern, aber auch zwischen den Autoren selbst, womit ich zuletzt bei der Interaktion der Autoren – ein zentrales Interesse unseres Verlages – angekommen bin. Die Interaktion der Autoren bringt eine Eigendynamik ins System, die sich in den Zyklenverlauf einschreibt. Nicht der einzelne Autor führt hier Regie, bestimmt darüber, was trägt, sondern gerade in der Interaktion entscheidet sich, was bleibt und was weichen muss.

 

Donnerstag, 8. Dezember 20:00 Uhr (Eintritt 5,-/erm. 4,- Euro)
Mit euch nicht in einem Atemzug III
Autorenlesung mit mit Franz Tettinger, Christian Vater, T. G. Vömel, Bastian Winkler und Titus Meyer

Wortschau: Interview

Tom Bresemann —  5. Dezember 2016 — Kommentieren

Das Literaturmagazin „Wortschau“ veröffentlicht regelmäßig Gedichte und Kurzprosa zu  ausgesuchten Themen. Bei der Präsentation am 07.12. stellt die Herausgeberin Johanna Hansen den AutorInnen und dem Publikum die Frage: Wann waren Sie zuletzt im Paradies?

 

wortschau-bildLettretage: Johanna Hansen, wie war die Resonanz und die Beteiligung bei diesem Projekt?

Johanna Hansen: „Wir haben um die 50 Einsendungen erhalten, was für unsere Verhältnisse schon recht ordentlich ist.“

Lettretage: Nach welchen Kriterien wurden die Beiträge ausgewählt?

Johanna Hansen: „Wir haben den Fokus auch auf NewcomerInnen gelegt, also auf AutorInnen, die bisher eher wenig veröffentlicht haben. Es sind jüngere und ältere Talente darunter. Die Idee zur gemeinsamen Veranstaltung entstand in Kooperation mit dem Kultursalon Madame Schoscha, mit dem wir bereits zusammengearbeitet haben und der uns auf die Lettrétage aufmerksam gemacht hat.

Lettretage: Um welche Paradiese geht es? Wo lassen sich diese verorten?

Johanna Hansen: „Nun, lässt sich in einer derart zersplitterten individualisierten Welt überhaupt noch von einem einheitlichen Paradiesbegriff sprechen?

Wir werden an dem Abend dem Glück als Gemütszustand begegnen, also das, was Paradiessuchende ganz persönlich dafür halten. Es wird aber auch um konkrete Örtlichkeiten gehen, um Paradiesgärten im wahrsten Sinne, um Reiseerlebnisse, um Inseln, aber auch um ganz persönliche Rückzugsräume und um Überraschungsmomente, und natürlich auch um die Erinnerungen daran. Diese sind ja bekanntlich das Paradies, aus dem wir nicht mehr vertrieben werden können.

Ein Programm-Höhepunkt ist ein verfilmter Brief an Heinrich Heine, der als ganz persönliche Hommage an den Dichter und seine Suche nach Utopien entstanden ist und in Paris und Düsseldorf gedreht wurde. „Die Steine werden Pflanzen, die Pflanzen werden Tiere, die Tiere werden Menschen, und die Menschen werden Götter werden.“ Darin schimmert der Paradiesgedanke eines Vollkommenheitszustandes auf.  Heines „Reisebilder“ können als Wegmarken dieser Suche gelesen werden.

Lassen Sie sich überraschen.

Machen wir! Und Ihr? Seid Ihr dabei?

Mittwoch, 7. Dezember 20:00 Uhr (Eintritt 5,-/erm. 4,- Euro)
Wann waren Sie zuletzt im Paradies?
Ein Abend über die Sucht nach dem Himmel auf Erden mit Autorinnen und Autoren der Literaturzeitschrift WORTSCHAU.