Archiv: Literatur

Donnerstag, 04. Mai 2017, 20:00 Uhr (Eintritt: 5,-/erm. 4,-)
Dass wir uns haben
Luise Maier liest aus ihrem Romandebüt

 

„Ich hatte mir aus Mutters Schreibtisch ein Notizheft geklaut. Dort schrieb ich hinein: Ich darf niemals Kinder haben. Ich darf niemals Kinder haben. Ich darf niemals Kinder haben. […] Bis alle Seiten gefüllt waren.“

© Nora Longatti

Wenn ein junges Mädchen zu einer Erzählung über ihre Familie ansetzt und dabei eine solche Episode als Einstieg wählt, ist das wohl Anlass zur Sorge. Und in der Tat ist Luise Maiers Debütroman „Dass wir uns haben“ angefüllt mit Berichten über häusliche Gewalt, tiefe Verzweiflung und dysfunktionale Abhängigkeiten. Die namenlose Ich-Erzählerin liefert einen Report über ihre eigene Kindheit auf dem Land, der im Wesentlichen als Kammerspiel mit vier Beteiligten konzipiert ist: Mutter, Vater, Bruder und Protagonistin existieren fast ausschließlich in Bezug aufeinander und bringen es doch nicht fertig, dieses Verhältnis untereinander zu artikulieren. Die Folge ist Sehnsucht nach Nähe, genauso wie die Erfahrung von Gewalt – ein Spannungsverhältnis, an dem die Familie langsam zerbricht. Die junge Tochter der Familie erzählt die schnelle Abfolge an Episoden mit einer Distanz, fast schon Indifferenz, die den Leser paradoxerweise direkter trifft als jeder andere denkbare Ansatz. Das widersprüchliche Verhältnis von Nähe und Distanz im Umgang der Figuren untereinander wird von Maier famos in die sprachliche Gestaltung des Textes übersetzt.

Luise Maier wurde 1991 in Schardenberg in Österreich geboren und wuchs im niederbayerischen Vilshofen auf. Sie studierte ab 2012 am Schweizerischen Literaturinstitut Biel/Bienne, wo sie auch heute noch lebt. Nach Veröffentlichungen verschiedener Texte u.a. in der Liesettelittéraire, der BELLA triste und den horen erschien ihr Erstling „Dass wir uns haben“ 2017 beim Wallstein Verlag.

 

 

Montag, 15. Mai 2017, 20:00 Uhr (Eintritt: 5,- / erm. 4,-)
Stella maris
Vorstellung des neuen Romans von Isabella Feimer

Die Menschheit hat die Grenzen des ihr bekannten Himmels überschritten, die Erde ist zu einer Nichtigkeit geworden, der Mensch selbst seines die Nacktheit beschützenden Schleiers beraubt.

Eva hat in sich Geschichten vieler Epochen und unterschiedlicher Orte versammelt. Ihre Erinnerung ist der einzige Ort, der keine Begrenzung kennt. Evas Erinnerungsfragmente fügen sich mosaikartig zu einem überbordenden Gemälde, in dem sich ihre Erlebnisse in Rom und Paris verdichten. Zwischen den antiken Ruinen Roms, die immer noch vergangene Seelen in sich tragen, wuchern Angst und Faschismus in Richtung des nahenden Krieges. Jahrzehnte später in Paris sieht sich Eva erneut mit einer Epoche der Gewalt konfrontiert, in der dem vorherrschenden Terror nur mit Anarchie und der Überschreitung einer Liebe begegnet werden kann. Doch es scheint, als hätte Eva ihren Leitstern, den Stella maris, verloren.

In poetisch-bildhafter Sprache, die zwischen Schönheit und Grausamkeit changiert, erzählt Isabella Feimer eine Höllenfahrt durch Zeit und Raum, die beginnend mit der Renaissance in eine futuristische Welt führt.

Leseprobe:

„Erde, der verblasste, aufgebrauchte Planet, der längst aus unserem Sichtfeld verschwunden ist, manchmal sehe ich das strahlende Blau noch vor mir pochen, diesen kostbaren Saphir, Blau der Erinnerung, das mit jedem neuerlichen Blick in Veränderung ist, wechselt von einer Gestalt in eine andere,

ein Stück Seide aus einem Kleid gerissen,

eine Blume zum Trocknen unter ein Kissen gelegt,

eine Liebeserklärung niemals gemacht,

Erde ist diese optische Täuschung, in der ich mich verliere, und verloren bin ich seit langer Zeit, dennoch, vielleicht einer letzten Sehnsucht folgend, tupfe ich mit den Fingerspitzen in das Blau und spüre, dass ich darin versinke, eins werde mit dem Element,

so sehe ich mich, nicht das Leben, das ich führen muss,

ein maskiertes Ich lächelt mir im Taschenspiegel, den ich immer bei mir trage, ein Schmuckstück aus einer vergessenen Zeit, und die Ornamente, die ihn zieren, zieren auch meine Gedanken an diese Zeit,

noch zähle ich die Tage der Mission und ritze mir jeden Tag, der vergangen ist, mit den Nägeln in mein Herz.“

Über die Autorin:

© Manfredo Weihs

Isabella Feimer wurde 1976 geboren und wuchs in Schwechat, Niederösterreich, auf. Sie studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und arbeitet seit 1999 als freie Theaterregisseurin und Schriftstellerin. Sie verfasste bisher Romane, Kurzgeschichten, Reiseprosa und Theatertexte. 2012 Nominierung bei den 36. Tagen der deutschsprachigen Literatur, 2. Platz beim Literaturwettbewerb der Akademie Graz, 2013 und 2015 Nominierung für den Alpha-Preis, 2013 Kulturpreis des Landes Niederösterreich, Anerkennungspreis Literatur. 2014 Stadtschreiberin von Schwaz, Tirol. 2015 erschien der Roman Trophäen bei Braumüller, und 2016 erhielt sie das Hans Weigel Stipendium des Landes Niederösterreich.

In einem Interview mit Telegramme erzählt sie: „Ich bin sehr glücklich, dass ich Stella maris geschrieben habe, nicht nur deshalb, weil ich endlich den Hauch Science-Fiction geschrieben habe, wie es schon lange mein Wunsch war, sondern auch deshalb, weil es mir für mich gelungen ist, komplexe Handlungsstränge zwischen Zeit und Raum und deren Negation zu verknüpfen und mich sprachlich wieder ein Stück weiterzuentwickeln.“ Hier geht es zum Interview, in dem Sie mehr über „Stella maris“ erfahren können.

Freitag, 19. Mai 2017, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
„Sprachkunst aus dem Ritterverlag “
Lesung

Moderation: Florian Neuner
Unterstützt durch: BKA-Kunstsektion
Ritterverlag

Es lesen:

© Schweiger

Stefan Schweiger: liegen bleiben

„liegen bleiben“ ist die Ausfaltung eines Verlusts, der den Protagonisten sukzessive in einen stuporösen Zustand gleiten lässt. Der Textfluss, der über weite Strecken eine Dialogform zwischen Lebenden und Toten bedient, löscht die Welt des Erzählers nach und nach aus. Der Erzähler als ein von der Möglichkeit zu enden Besessener erinnert nicht nur den Tod des anderen, sondern seinen eigenen in einer treibenden Bewegung von der Zukunft wie auch von der Vergangenheit aus auf die Gegenwart zu. In einer Welt fortwährender Zerstreuung erscheint „liegen bleiben“ schließlich als einzig mögliche Alternative zum Vergessen. Stefan Schweigers Prosa ist ein lakonisch-monumentales memento mori, gerichtet an eine Gesellschaft, die Funktionieren über das Denken stellt. In staunenswerter Prägnanz und mit hintersinnigem Humor dekliniert der Autor Sprechweisen heutiger intentionsloser Hyperaktivität und chronischer Überfordertheit und lässt diese konterkarierend ins Leere laufen. „liegen bleiben“ ist eine minuziöse poetische Arbeit zum Sprach- und Bewusstseinsstand der Zeit wider das Geraune eines anything goes. (© Schweiger)

Stefan Schweiger lebt und publiziert nach dem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft seit 1991 als Sozialpsychologe und freier Autor in Berlin. Regelmäßige Buchveröffentlichungen, zuletzt „Trennungsmuster“ gemeinsam mit Jordis Brook (2014) sowie zahlreiche Beiträge in Anthologien, Gemeinschaftsprojekten u. Literaturzeitschriften. Im Ritter Verlag erschienen: „Kiefer. Fäden. Shoah“ (2009), „ruptus. marktgeschehen“ (2012), „liegen bleiben. prosa“ (2016).

© BURQAMASCHINEN

D. Holland-Moritz: The Daily Planet. Ein Para-Feuilleton.

The Daily Planet“ versammelt ein Best Of von D. Holland-Moritz’ Kurzprosa der letzten Jahre zu einer literarischen „Konzeptzeitung“ mit „Leitartikeln“, „Breaking-News“, „Reisebeilagen“ und einem Fortsetzungsroman à la Perry Rhodan, um das zu berichten, was sonst keine Nachrichten bringen. Als Aficionado streift der Autor durch Galerien und Musik-Clubs (West-)Berlins und kreiert, deren Events und Protagonisten kommentierend, eine kühn mäandernde Form der Kritik, in die persönliche Spurensuche und Zeitanalyse eng verwoben sind. Rückblicke bis in die 1960er führen über eine Szene-Chronik zwischen hochfliegenden Ideen und substanzbedingten Abstürzen hinaus und rufen ein widerständiges Denken in Erinnerung, das stets über die Segregationsgrenzen des Undergrounds hinausreicht. Holland-Moritz’ Recherche nach Gegenkonzepten jenseits von Freiheitsschimären und obsoleter Idyllen setzt die Programme seiner letzten Bücher „Fan Base Pusher“ und „Promoter“ fort: Das heiter-melancholische, intelligent-angriffige Journal „The Daily Planet“ empfiehlt sich als Leitmedium für die konsequente Arbeit am eigenen ästhetischen und politischen Bewusstsein – ein Leben lang. (© BURQAMASCHINEN)

D. Holland-Moritz, geb. 1954 in Solingen, lebt als Germanist und freier Autor in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen und Leseperformances seit 1983. Regelmäßig in perspektive – hefte für zeitgenössische literatur (Graz/Berlin) publizierend und mit perspektive literatur berlin e.V. operativ tätig. Unterhielt bis 2015 mit dem Publizisten Ralf B. Korte und dem Verleger Uwe Warnke den Literatursalon TEXT TOTAL. Im Ritter Verlag erschienen: „Fan Base Pusher“ (2008), „Promoter“ (2011), „The Daily Planet. Ein Para-Feuilleton“ (2017).

© Zauner

Hansjörg Zauner: 99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles paßt

Hansjörg Zauner ist ein Dichter von staunenswerter Konsequenz, der sich auf einige wenige sprachmanipulative Verfahren konzentriert, die er in stets neuen Facetten und auf exzessive Weise anwendet. Geradezu ein Markenzeichen seiner Kunst ist das Auf-die-Spitze-Treiben komplexer Wortzusammensetzungen, die nach dem Maßstab herkömmlicher Semantik aberwitzig erscheinen. Alles scheint mit allem verbunden und kombinierbar, ohne Unterschied paaren sich Materialien, Gerätschaften, Pflanzen, Tier und Mensch. Im vorliegenden Gedichtband irrlichtern solcherart Monstra durch Kompanien ebenförmiger Langzeilen in Strophenformation dahin. Gegenläufig zur abstrakten Gliederung treibt der Autor ein anarchisches Wortbildungsspektakel zur Erschaffung eines schroffen, eigengesetzlichen Sprachuniversums. Hansjörg Zauners schier unstillbarer Drang nach immer neuen Kompositakreationen bereitet jeglicher Übung linearen Lesens den Garaus. Das Nachspüren der kreativen Energien seiner beispiellosen Materialausbreitung verspricht ein Lektüreerlebnis von selten erreichter Intensität. (© Zauner)

Hansjörg Zauner, geb. 1959 in Salzburg, lebt in Wien und Obertraun. Dichtung, visuelle Arbeiten, Kurzfilme, Herausgebertätigkeit. Im Ritter Verlag erschienen: „mein mund das saegeloch handtuch“ (1997), „die tafel schreibt. gedichte. Mit einem Essay von Franz Josef Czernin“ (2012), „sie ist im lieblingssong mit skistöcken als lächeln hängengeblieben“ (2013), „99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles paßt“

Florian Neuner, geboren 1972 in Wels, lebt in Berlin. Sein Arbeitsschwerpunkt als Publizist ist die Neue Musik. Im Klever Verlag (Wien) gibt er die Zeitschrift Idiome. Hefte für Neue Prosa heraus und hat dort zuletzt das Buch Satzteillager veröffentlicht. Im Verlag Peter Engstler ist 2013 unter dem Titel Moor (oder Moos) eine „den Inseltexten vorgelagerte Textinsel“ erschienen. – Im Ritter Verlag erschienen: „Jena Paradies“ (2004) und „Zitat Ende“ (1997).

Montag, 3. April 2017, 20:00 Uhr (Eintritt frei)
NATASCHA GANGL: Wendy fährt nach Mexiko
Einleitung: PETER WATERHOUSE, in Kooperation mit RITTER Literatur (Klagenfurt/Graz)

„Viele viele werden in dieser Zeit aufgefordert, Deutsch zu lernen und Deutsch zu sprechen. Wer Deutsch spricht und gerne liest und gerne Deutsch geschriebene Bücher und Literatur und Gedichte liest, wird sich bei vielen Büchern und Gedichten fragen: Ist das Deutsch? Oder ist das eine literarische Sache oder ein Gedicht, Deutsch geschrieben und doch nicht deutsch? Das neu erschienene Mexiko-Buch von Natascha Gangl beginnt mit einem englischen Namen und einem nicht-deutschen Land. Vielleicht ist Wendy eine Engländerin, so wie ich eine Engländerin bin. Jedenfalls im Titel. Die ersten Worte im Buch: Tu voz. Ein österreichischer Dialekt? Oder zu übersetzen in: Du willst? Oder bedeutet es: Deine Stimme? Wahrscheinlich: Stimme, so wie im Italienischen tua voce. Wer weiß.“

Peter Waterhouse: „Immer bin ich ein Rennreiter und habe es nicht eilig. Natascha Gangls Wendy fährt nach Mexiko lesend“ (in: manuskripte, H. 213)

Mindestens eine Generation Mädchen ist mit der adretten und ehrgeizigen Reithoftochter Wendy aufgewachsen. Diese Comic-Figur, Inbegriff strahlender Mittelmäßigkeit und philiströser Entsprechung, dient als Folie für eine Reise- und Liebeserzählung, die ihre Leser in Zonen emotionaler wie sozialer Eskalation einer Mega-Metropole führt. So wie in Mexiko manche Häuser aus mit Müll und Lehm befüllten Plastikflaschen gebaut werden, „upcyclet“ Natascha Gangl Liedtextzeilen aus Rancheras und Reklameparolen und webt die Fundstücke des fremden Sprachraums in eine Textur von höchster metaphorischer Dichte ein. Durch vertraute Oberflächen einer vom Kommerz geprägten Hybrid-Kultur dringen archaische wie christlich-bizarre Blut-Obsessionen und Leidens-Phantasmata, welche die Weltsicht der Reiterin durchwirbeln. Deren Sehnsucht, die Distanz zu den verstorbenen Lieben aufzuheben, öffnet Gedankenschleusen zu einer flirrenden, von Traumlogik und animistischer Zauberei geprägten Zwischenwelt. Natascha Gangls Buchdebüt bewegt sich in atemberaubender Gewandtheit zwischen irrlichternder Exotik und lakonischer Präzision.

© Marcel Rius

Natascha Gangl
1986 in Bad Radkersburg (Steiermark) geboren. Studium der Germanistik in Graz und der Philosophie in Wien sowie Szenisches Schreiben beim DRAMA FORUM von uniT Graz. 2013/14 Hausautorin am Staatstheater Mainz. Längere Aufenthalte in Spanien und Mexiko. Theaterstücke: Zugvögel. Ein Schauflug (2008); In Bahnen (2008); Das kleine Hasenstück oder Meister L . lernt laufen (2010); Pandemie. Gebäre dich selbst (2012); Nein ich will! Eine Hochzeit für alle (2014). Hörspiel: Meine Träume erzähle ich Ihnen nicht (2014). Buchdebüt: Wendy fährt nach Mexiko (2015, Ritter Verlag)

 

 

uniT/Rappel

 

Peter Waterhouse
1956 in Berlin geboren, wuchs in der Bundesrepublik und in Österreich auf. Nach dem Studium der Germanistik und Anglistik promovierte er 1984 mit einer Arbeit über Paul Celan. Er ist Schriftsteller und Übersetzer und lebt in Wien. Mitglied des Übersetzerkollektivs Versatorium, Mitbegründer des Neuberg College und der Silent University Österreich. Preise: u.a. H.C. Artmann-Preis (2004), Erich-Fried-Preis (2007), Ernst-Jandl-Preis (2011), Großer Österreichischer Staatspreis (2012).
Zuletzt erschienen: Der Fink. Einführung in das Federlesen (2016 Matthes & Seitz Berlin); Die Auswandernden (gem. mit Nanne Meyer, 2016, starfruit publications)

Unterstützt von der Stadt Graz und dem bka Kunst und Kultur.

Donnerstag, 6. April 2017, 20:00 Uhr (Eintritt: 3,-)
Tippgemeinschaft
Die Jahresanthologie der Studierenden am Deutschen Literaturinstitut Leipzig

© Moritz Zeller

© Moritz Zeller

Die „Tippgemeinschaft – die Jahresanthologie der Studierenden am Deutschen Literaturinstitut Leipzig“ 2017 stellt sich vor! Das studentische Projekt des Deutschen Literaturinstituts vereinigt Texte verschiedenster Art miteinander und fügt alles zu einem leckeren ‚Sandwich‘ zusammen. Lesen werden Mia Göhring, Peter Lünenschloß, Anne Oltscher und Theresa Pleitner.

 

© Peter Lünenschloß

Peter Lünenschloß: Geboren 1984 in Berlin. Bachelor-Studium der Mathematik an der Technischen Universität Braunschweig. Master-Studium Logik und Wissenschaftstheorie an der Universität Leipzig. Seit 2014 Student am deutschen Literaturinstitut Leipzig.

 

 

Mia Göhring: Geboren 1995 in Berlin, lebt und arbeitet seit 2015 in Leipzig.

© Theresa Pleitner

Theresa Pleitner: Geboren 1991 in Stuttgart. Gehörte gehörte zu den Jahrespreisträger*innen des Lyrix-Wettbewerbs 2008, ausgeschrieben vom Deutschlandradio Kultur. Der Einladung zum „Treffen Junger Autoren“ folgte sie 2011, 2016 war sie Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses. Sie studierte Psychologie in Heidelberg von 2010-2013, arbeitete danach in einer psychiatrischen Klinik und als Menschenrechtsbeobachterin in Chiapas, Mexiko. Seit 2014 studiert sie literarisches Schreiben in Leipzig, seit 2016 im Master Psychologie in Berlin.

 

© Franz Grünewald

Anne Oltscher: Geboren 1993 in Nürnberg, seit 2015 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

30.04. | Kunstansage

JK —  24. April 2017 — Kommentieren

Sonntag, 30. April 2017, 16:00 Uhr (Eintritt frei)
KUNSTANSAGE
Kunst und Performance

Macht beruht auf Sprache und Gehörtwerden. Doch gerade Machtinhaber oder jene, die nach der Macht streben, verwenden immer mehr eine Sprache, bei der man nur noch weghören möchte. Angesichts dieser aktuellen politischen Tendenzen widmet sich dieser Abend Gegenkonzepten, die sich mit der gegenwärtigen politischen Relevanz von Sprache in künstlerischen Formaten auseinandersetzen. Der Fokus liegt auf der Frage, inwiefern gerade Kunst und Literatur die Grundlage zu aktivem revolutionären Handeln und Denken schaffen können. Organisiert wird der Abend vom jungen Berliner Kunstverein artburst berlin (ehemals Art van Demon), der zum Anlass des Events seine Namensänderung feiern wird. Es ist an der Zeit für eine Kunstansage!

Weitere Informationen folgen.

Ab nächstem Freitag, dem 28. Oktober bis zum 6. November findet zum ersten Mal das mehrsprachiges Literaturfestival STADTSPRACHEN statt. Verschiedene Literaturinitiativen des Netzwerks Freie Literaturszene Berlin e.V. (die Lettrétage auch!) haben erstmals als Partner an das Projekt der Berliner Literarischen Aktion zusammen gearbeitet. Es wird sehr spannend.

Hier ein Kurz-Interview mit dem Leiter des Festivals – Martin Jankowski.

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Mit welcher Intention haben Sie das STADTSPRACHEN Festival ins Leben gerufen?

Vor einiger Zeit fiel uns bei einer Diskussion des Netzwerks freie Literaturszene Berlins (NFLB) über die Autorenförderung auf,  dass es Schriftstellern in Berlin nahezu unmöglich ist, ein Stipendium oder einen Leseauftritt zu bekommen, wenn sie nicht auf Deutsch schreiben. Dabei ist allgemein bekannt, dass Berlin seit fast zwei Jahrhunderten ein weltliterarischer Lebensort für Autoren aller Sprachen ist. Auch tauchen die fremdsprachigen Berliner Dichter und Literaten in den Literaturhäusern und  Festivals dieser Stadt unverständlich selten auf. Wir meinen, dass es höchste Zeit ist die vielsprachige Gegenwartsliteratur Berlins und ihre Protagonisten mit einer gemeinsamen, stadtweiten Aktion sichtbar zu machen, auch damit das Berliner Publikum und auch die Kulturpolitiker dieser Stadt sichtbar vor Augen geführt bekommen, was für eine reichhaltige Weltliteratur das heutige Berlin auch jenseits von Deutsch und Englisch hervorbringt. So reifte der Plan, mit den STADTSPRACHEN erstmals die vielen verschiedenen literarischen Sprachen Berlins öffentlich zu präsentieren.

Wie kam es zur Zusammenarbeit der verschiedenen Literaturinitiativen?

Die sehr diverse und individuelle freie Literaturszene Berlins ist seit einigen Jahren dabei, sich gemeinsam zu organisieren, wie es auch in anderen Kunstsparten geschehen ist, weil wir gemerkt haben, dass wir nur so eine Stimme erhalten, die kulturpolitisch in dieser Stadt Gehör findet. Das große Ungleichgewicht zwischen der weltweiten Bedeutung der Berliner Literaturszene und ihrer beinahe stiefmütterlichen Behandlung durch die Berliner Kulturpolitik bei schwindenden Freiräumen und wegschmelzenden Kleinstförderungen hat uns dazu gewissermaßen gezwungen. Zugleich hat sich die Kulturszene der Stadt seit dem Mauerfall erfreulich internationalisiert – Berlin ist ja vor allem eine kulturelle Weltmetropole. So reifte die Idee, dass die Literaturinitiativen dieser Stadt ihre besonderen Fähigkeiten, Projekte und auch die vielsprachigen Literaten ihrer jeweiligen künstlerischen Netzwerke in eine große, stadtweite Aktion einbringen, die mit ungewöhnlichen Veranstaltungsformen zugleich auch die Vielfalt der Literaturszene sichtbar macht.

Was ist das Besondere an dem Festival, inwiefern unterscheidet es sich von anderen Berliner Literaturfestivals?

Die STADTSPRACHEN sind mit über 90% internationaler Autoren vermutlich das internationalste Literaturfestival Berlins – und dies ohne einen einzigen Cent für Reisekosten auszugeben: Die Weltliteratur wohnt ja bereits in Berlin! Wir müssen sie bloß entdecken. Etliche internationale Autoren aus Berlin präsentieren wir tatsächlich zum ersten Mal in einem größeren öffentlichen Zusammenhang, und das, obwohl sie andernorts längst Literaturstars sind. Um dem Publikum ihre Literatur zu erschließen, lassen wir Texte dieser Berliner Autoren eigens für unsere Veranstaltungen und Aktionen übersetzen. Zugleich können Sie mit dem Programm dieses Festivals auch die wichtigsten und interessantesten Hotspots der Berliner Literaturlandschaft kennenlernen – abseits der üblichen Kulturpfade lassen sich nicht nur hochinteressante Autoren, sondern auch faszinierende neue Veranstaltungsorte der Szene entdecken.

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Wie wurde die Teilnehmerauswahl getroffen?

Das Programm wurde in einem zweijährigen Prozess von einem Kuratorium aus zehn erfahrenen Literaturveranstaltern Berlins zusammengestellt, wobei jede und jeder dieser Kuratoren ein bestimmtes Programmprojekt beisteuert und verantwortet, das sich aus den Besonderheiten und Künstlernetzwerken der eigenen Arbeit in dieser Stadt ergab. Denn niemand kennt diese Stadt und ihren Reichtum an interessanten Autoren so gut, wie diejenigen, die sich Tag für Tag mit großer Leidenschaft und ohne feste Bezahlung um das Treiben an der literarischen Basis Berlins kümmern.

Ist im nächsten Jahr eine Fortsetzung geplant?

Wir haben nicht vor, die STADTSPRACHEN zu einem jährlich wiederkehrenden Dauerfestival werden zu lassen, da ist uns die Routine anderer Kulturprojekte dieser Stadt eine deutliche Warnung. Allerdings wollen wir die Präsenz der internationalen Autoren dieser Stadt in der Tat dauerhaft verankern und damit auch das Bewusstsein der Berliner für die vielsprachige Gegenwartsliteratur ihrer Stadt schärfen. Und wir setzten uns für eine lebendige Literaturszene ein, die sich nicht nur für die junge deutschsprachige Literatur plus ein paar internationaler Großmeister interessiert, sondern die die Vielfalt der Sprachen und Formen der Literatur widerspiegelt, die täglich in dem Hinterhöfen und Clubs unserer Stadt entsteht, sie fördert und sichtbar macht. Dazu hat die freie Literaturszene Berlins für die kommenden Jahre etliche weiterführende Projekte und Aktionen geplant, denn vor allem wollen wir von diesen kleinen, punktuellen Alibi-Veranstaltungen hin zu einer dauerhaften Veränderung der Berliner Literaturlandschaft. Wir sind also gekommen, um zu bleiben, denn Berlin wird in aller Welt ja vor allem deshalb so geliebt, weil die Szene hier bunter, lebendiger und weltoffener als anderswo ist. Wir werden mit zahlreichen Aktivitäten dazu beitragen, dass dies in den Zeiten von Gentrifizierung und Kulturzentralisierung auch so bleibt, neue Perspektiven gewinnt – und dass es vor allem auch von den Berlinern selbst geschätzt und unterstützt wird.

Interview: Anna Giannessi

Redaktion: Birger Hoyer

 

Mehr Infos dazu:

Stadtsprachen Literaturfestival

Programm des Festivals

Facebook-Seite

Blog

 

Wie werdet ihr denn eurer Zehnjähriges gebührend feiern?

Tom: Wir haben am 1.10.2016 eine Sprechinstallation am Mehringdamm 61, die zeigen soll, was wir in den letzten zehn Jahren als Idee von Literaturvermittlung immer wieder hin und her werfen, dass heißt also es wird eine nicht klassische Literatur-Live-Situation geben, gestaltet vom wunderbaren Lyriker Mathias Traxler und unserem Gründungsmitglied und Lieblingsrezitator Denis Abrahams. Darüber hinaus wird es viel gute Laune geben. Für uns ist auch ein wichtiges Element dabei, einfach nochmal klar zu machen, dass zwar wir drei die Lettrétage gegründet haben, aber ein sehr großes Stück der Lettrétage eben die vielen PraktikantInnen und MitarbeiterInnen der letzten zehn Jahre, die vielen ehrenamtlichen Helfer, das Publikum und die vielen AutorInnen sind. Wir alle sind die Lettrétage, wir alle glauben an die Literatur als Kommunikationsmittel, als Anlaß zur offenen, hierachiefreien und abenteuerlich wundersamen Begegnung!

Zum Originalartikel

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Gemeinsame Sprache Literatur

Von Leonie Hoeffner

Die Themen Kultur, nationale Grenzen und welche Kulturen sich hinter diesen Grenzen verbergen ist in den letzten Monaten, ja sogar Jahren, nahezu omnipräsent. Einige Organisationen haben sich als Ziel gesetzt, den internationalen Austausch durch Literatur zu fördern und somit die Reichhaltigkeit europäischer Kulturen zu zelebrieren. Mithilfe von Gegenwartsliteratur wollen sie einen Diskurs über europäische Identität ankurbeln.

Wie lernt man einen fremden Menschen kennen? Indem er einem seine Geschichte erzählt. So scheint es nur logisch, andere Länder durch Geschichten kennenzulernen. Darüber, wie sie leben, wie sie schreiben und wie sie erzählen. Es sind die alltäglichen Erlebnisse, die uns zeigen, wie andere Menschen leben; die sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten hervorheben können. Das Wissen über persönliche Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen bringt uns anderen Menschen näher. Und was ist eine Kultur anderes, als die Menschen, die darin leben!?

Ein Netzwerk, das sich dem europäischen Austausch durch Literatur verschrieben hat, ist CROWD […]

In der Originalquelle weiterlesen

2.6 | Freigeistverlag

joHanna —  31. Mai 2016 — 1 Kommentar

Donnerstag, 2. Juni, 20:30 Uhr. Eintritt frei.
Verlagspräsentation: Freigeist Verlag
Lesung mit Matthias Müller-Lentrodt, Katerina Giannopoulou und Hannes Schumacher

Der Berliner Freigeist Verlag ist eine junge Plattform für zeitgenössische Kunst und Philosophie – eigentlich geht es aber gerade darum, deren Gegensatz zu überwinden, die Grenzen zu verwischen. Im Kontext der zunehmenden Institutionalisierung der Künste stellt der Freigeist Verlag eine alternative Plattform für freie Kunst- und Literaturschaffende dar, die sich hier unabhängig Gehör verschaffen – jenseits der Zensur durch die öffentliche und universitäre Meinung.

Wir eröffnen den Abend mit einer Lesung von Matthias Müller-Lentrodt, der uns in die Kunst der Haiku-Dichtung führen wird. Ewig und ein Tag. Gesammelte Haiku 2001 – 2015 heißt sein kürzlich erschienenes Buch; die Lesung wird visuell von Reisephotographien aus Japan begleitet.

Anschließend zeigen wir zwei kurze Videos der griechischen Künstlerin Katerina Giannopoulou. Ihre portraithaften Metamorphoses befassen sich mit dem fragilen, maskierten Körper angesichts des allgegenwärtigen maschinellen Urteils: „incomplete expression, more input is needed“; ihrZwischenspiel verfolgt einen verzerrten, vom Viel-zu-Viel gehetzten Spaziergang durch die Straßen – zwischen Unsichtbarem und Sichtbarem, Privatem und Öffentlichem, Internem und Externem.

Zum Schluss ließt der Autor und Verleger Hannes Schumacher philosophisch-literarische Aphorismen aus unserem Erstlingswerk Der Freigeist I-VI, gefolgt von einigen noch unveröffentlichten Anmaßungen.

mittel    katerina    Schumacher

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