Archiv: Sieglinde Geisel

Die Geister, die wir riefen…

JK —  12. Juni 2017 — 1 Kommentar

Von Sieglinde Geisel

Wie kann ein Text dreidimensional werden? Indem man seine Buchstaben in Gegenstände verwandelt. Der 3-D-Drucker macht’s möglich: Er ist die heimliche Hauptfigur dieses Abends. Mit seinem Artefakt, dem Buchstaben X, ist er der Solist, nachdem er die ganze Zeit sozusagen im Hintergrund emsig gewerkelt hat, denn die Performance ist so getimt, dass sie zugleich mit dem Druckvorgang endet: Eine kleine Lampe strahlt den 3-D-Drucker nach vollbrachter Aufgabe wie ein Spotlight an.

Die Idee der Veranstaltungsreihe CON_TEXT besteht darin, Sprache in andere Dimensionen zu übertragen, Texte in anderen Kontexten zu zeigen. Dem aus Mexiko stammenden, in Finnland lebenden Dichter Daniel Malpica und dem japanischen Klangpoeten und Komponisten Tomomi Adachi ist es an dem Abend gelungen, dieses Feld auf unerwartete Weise zu erweitern. Selten erlebt man eine Performance, in der Dinge geschehen, die man noch nie gehört oder gesehen hat – samt der Irritation, die das Neue begleitet. Denn für das Neue gibt es, naturgemäß, noch kein Modell und damit auch keine Maßstäbe, an denen man es messen kann. Man bleibt zurückgeworfen auf das eigene Erleben, ein verunsichernder Zustand – und eine Befreiung.
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Am 12. Mai fand die vierte CON_TEXT Veranstaltung statt, von der Schriftstellerin Maria A. Ioannou und dem Tänzer und Choreographen Momo Sanno gestaltet. Sieglinde Geisel hat darüber geschrieben.

 

Die Erzählung von Maria A. Ioannou handelt von einem Menschen, der lieber ein Gegenstand wäre, ein Objekt. Als er geboren wird, scheint er nicht zu atmen, und als Erwachsener wird er mehr und mehr zu einem Gegenstand, schließlich kann er nur noch seinen Kopf bewegen. Für einen Tänzer eine Herausforderung: Wie tanzt man einen, der nicht mehr tanzen will?

Der Widerspruch zwischen Erstarrung und Bewegung ist ein Leitmotiv dieser Begegnung zweier Künste. Es ist ein Geben und Nehmen zwischen der Sprache und dem Tanz: Bewegen sich die Worte, erstarren die Bewegungen, schweigt die Autorin, erwacht der Tänzer zum Leben.

Momo Sanno liegt auf dem Boden, genauer: Er sitzt einem seitwärts umgekippten Stuhl, als wäre er mit dem Möbelstück verwachsen.

„We have created a doll, a doll, a doll“, liest die Autorin. Die Sprache gerät ins Schwingen, löst sich vom fixierten Text auf dem Papier. Maria A. Ioannou gibt dem Rhythmus nach, der in ihren Sätzen angelegt ist und löst die Wörter aus ihren Halterungen, so dass sie zu tanzen beginnen.

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