Vom Wunsch, ein Objekt sein zu dürfen

JK —  22. Mai 2017 — Kommentieren

Am 12. Mai fand die vierte CON_TEXT Veranstaltung statt, von der Schriftstellerin Maria A. Ioannou und dem Tänzer und Choreographen Momo Sanno gestaltet. Sieglinde Geisel hat darüber geschrieben.

 

Die Erzählung von Maria A. Ioannou handelt von einem Menschen, der lieber ein Gegenstand wäre, ein Objekt. Als er geboren wird, scheint er nicht zu atmen, und als Erwachsener wird er mehr und mehr zu einem Gegenstand, schließlich kann er nur noch seinen Kopf bewegen. Für einen Tänzer eine Herausforderung: Wie tanzt man einen, der nicht mehr tanzen will?

Der Widerspruch zwischen Erstarrung und Bewegung ist ein Leitmotiv dieser Begegnung zweier Künste. Es ist ein Geben und Nehmen zwischen der Sprache und dem Tanz: Bewegen sich die Worte, erstarren die Bewegungen, schweigt die Autorin, erwacht der Tänzer zum Leben.

Momo Sanno liegt auf dem Boden, genauer: Er sitzt einem seitwärts umgekippten Stuhl, als wäre er mit dem Möbelstück verwachsen.

„We have created a doll, a doll, a doll“, liest die Autorin. Die Sprache gerät ins Schwingen, löst sich vom fixierten Text auf dem Papier. Maria A. Ioannou gibt dem Rhythmus nach, der in ihren Sätzen angelegt ist und löst die Wörter aus ihren Halterungen, so dass sie zu tanzen beginnen.

Sie hat Philip geschaffen, diesen Menschen, der sich als Objekt begreift. Der Tänzer Momo Sanno erforscht diese ungewöhnliche Figur mit seinem Körper. Es ist, als würde er sich durch seine Bewegungen in einen Bewusstseinszustand hineintasten: Wie mag es sich anfühlen, wenn man Objekt sein will, von anderen zum Objekt gemacht wird, sich selbst ins Objektsein zurückzieht? Und wie drückt man es aus, so dass das Publikum daran teil hat?

Auf der Bühne gibt es nur ein einziges auffälliges Requisit: eine Art Käfig in einem umgedrehten Tisch, mit Gitterstäben aus schwarzem Klebeband, ausgekleidet ist das Ganze mit Packpapier. Es knistert laut, als Philip sich hineinschlängelt. Doch er bleibt nur für kurze Zeit in der Geborgenheit seines Gefängnisses.

„Mum, touch me“, sagt der Text, und Philips Arme schlängeln sich in die Höhe. Liebeshungrig gleiten sie über- und ineinander – und erzählen genau damit von der Isolation, in der Philip sich befindet, in die er sich immer wieder von neuem begibt.

„Look, mum, I am a parking meter!“ Der Tänzer steht hinter einer Säule, auf dem Weiß der Wand sehen wir seine dunkelbraunen Hände, wie losgelöst von ihrem Körper. „Look how cool, cool, cool, how cool is that“, so tanzen die Wörter, während die Finger stumm zu uns sprechen.

Diese zweistimmige Performance ist eine Entdeckungsreise – für die Künstler ebenso wie für das Publikum, das sich einen eigenen Reim auf die Verschmelzung der beiden Künste macht. Wer ist der Tänzer? Ist er die Figur Philip – oder ist er Momo Sanno, der über die Figur Philip nachdenkt, mithilfe seines Körpers? Hört Philip überhaupt, was im Text über ihn gesagt wird, oder lebt er in seiner eigenen Welt? In Momo Sannos Wiedergabe kann Philip tanzen – am besten, wenn die Sprache schweigt: Manchmal ist es, als würden die Worte ihn erstarren lassen. Ohne Worte hat er den Raum, den er für seinen Tanz braucht, dann streckt er die Arme aus, weitet den Körper und dreht sich im Raum, in alle Richtungen.

„How does passion feel like?“ Sobald von Gefühlen die Rede ist, zieht sich alles Leben aus ihm zurück, die Ausdrucksstärke, die uns eben noch in Bann gehalten hat, erlischt von einem Moment auf den anderen. Als wäre der Tanz etwas Privates, das nur ihm gehört. „I like being used. I feel depressed when I am not used“ – diese Sätze sind ein Tabubruch. Sagt er sie zu sich selbst, oder ist es eine Mitteilung, eine Aufforderung an uns – und wie wäre ihr nachzukommen?

„Do you see me?“, steht unter den Packpapier-Streifen, die der Tänzer von der Wand reißt. Er bittet darum, aus der Geschlechtlichkeit entlassen zu werden – er sei ein „it“, also ein Ding. Ist es eine Befreiung vom Menschsein, vom Mann oder Frau Sein? Muss man sich diesen Philip als glücklichen Menschen vorstellen? Das kann jeder für sich selbst entscheiden.

Das Sprach-Tanz-Duett ist ein dialektisches Kunstwerk: eine Geschichte von Verweigerung und von Sehnsucht, eine Parabel vielleicht auf einen, der in sich selbst gefangen scheint, der sich dort sicher fühlt und den Menschen nicht mehr nahe sein will. Momo Sanno habe Philip glücklicher gemacht, als sie ihn in ihrem Text geschaffen habe, meint Maria A. Ioannou nach der Performance. Die Autorin und der Tänzer haben in ihrer Arbeit also jeweils am anderen Ende des Stricks gezogen. Auch das ist eine Form von Tanz.

JK

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