Zur Sache: Berliner Raumprogramm Literatur

Tom Bresemann —  3. Februar 2017 — Kommentieren
Kulturjournalist Michael Lösch im Gespräch mit dem Raumkoordinator Literatur Martin Jankowski

 

Gibt es eigentlich so einen Überblick über die so genannte „Freie Literaturszene“ in Berlin?“ Was ist darunter eigentlich zu verstehen? Gibt es Zahlen oder Schätzungen wer und wie viele so alles als AutorInnen, LektorInnen , ÜbersetzerInnen KleinverlegerInnen unterwegs sind?

In Berlin waren 1428 Autorinnen und Autoren, 544 freie Lektorinnen und Lektoren und 791 Übersetzerinnen und Übersetzer bei der Künstlersozialkasse gemeldet (Stand Februar 2014). Da nur ein geringer Teil der AutorInnen ausschließlich von der literarischen Arbeit leben kann (Lese- und Buchhonorare, Stipendien), ist zudem davon auszugehen, dass ein erheblicher Anteil der AutorInnen noch weiteren Tätigkeiten nachgeht und über Brotjobs krankenversichert ist. Hinzu kommt eine große Anzahl temporär oder dauerhaft in Berlin lebender Autoren aus dem Ausland, die nicht auf Deutsch schreiben und meist vom deutschen Literaturbetrieb und -fördersystem abgeschnitten sind. Somit kann von mindestens 2800 AutorInnen, 600 LektorInnen und 800 ÜbersetzerInnen, die in Berlin leben, ausgegangen werden. Mithin zählen rund 4200 Personen zu dem Personenkreis, der im Bereich Wort in Berlin künstlerisch tätig ist. Dazu kommen nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels rund 180 Verlage aller Größen, die in Berlin beheimatet sind. Mit der „Dunkelziffer“ des erweiterten Personenkreises, der beruflich mit Literatur beschäftigt ist, liegt laut unserer Schätzung für Berlin aus guten Gründen bei ca. 10.000 Literaten.

 

Stellt sich die Raumfrage für die sagen wir verschiedenen literarischen Gewerke nicht recht unterschiedlich? Eignet sich für den Autor nicht bestens der ruhige Tisch und der recherchierende  Browserblick in die Welt nach draußen, während für ÜbersetzerInnen, LektorInnen und ganz besonders KleinverlegerInnen ein Mehrpersonenbüro durchaus eher Sinn machen könnte. Gibt es da nicht unterschiedliche Vernetzungsbedarfe? Kann man überhaupt von einem gemeinsamen Raumproblem sprechen?

Vergleicht man sie mit anderen Künsten, etwa der Musik oder dem Tanz, unterscheiden sich die Raumanforderungen für Literaten im Grunde recht marginal. Das Raumprogramm Literatur als Bestandteil der Koalition der freien Szene Berlins sucht hier Zugriff auf die Erschließung und Entwicklung aller denkbaren Raumarten für Literaten, vom stillen Kämmerlein bis zum Großraumbüro, vom Einzelzimmer bis zur Kulturfabrik. Wir entwickeln für die Literatur bewusst ganz besonders den Co-Working-Gedanken, weil wir der bisher bestehenden Vereinzelung der Autoren und damit ihrer Existenzprobleme entgegenwirken wollen. Kleine Büros mit einzeln anmietbaren, individuell gestaltbaren Arbeitsplätzen und – bedingungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Erschließung von Gemeinschaftsbüros sowie Produktions- und Präsentationsräumen. Das gemeinsame Interesse aller Berliner Literaturschaffenden in der Raumfrage entsteht unter anderem auch dadurch, dass alle anderen Kunstsparten in dieser Stadt bereits Raumprogramme für ihre Klientel geschaffen haben und zum Teil schon seit Jahrzehnten erfolgreich ist. Hier wartet die Koalition der freien Szene ebenso wie die Berliner Kulturpolitik seit Langem schon auf eine gemeinsame Stimme der Literatur. Was eine wirksame, gemeinsame Interessenvertretung angeht, tun sich die Literaten bislang leider jedoch immer noch sehr schwer – zum Schaden der Stadt wie zu ihrem eigenen… In Raumfragen nun noch einzelne Unterprogramme für verschiedene Gruppen – beispielsweise für Lyriker, Drehbuchautoren, Kleinverleger oder Übersetzer etc. – zu schaffen, würde uns nicht nur überfordern, sondern fände auch wenig Verständnis bei den Kollegen der anderen Kunstsparten (wo beispielsweise in der Musik auch der Jazz trotz verschiedenster Raumanforderungen mit der Klassik oder der Alten Musik  etc. gemeinsame Sache macht.) Im Übrigen gibt es für die Literatur durchaus gute Chancen, in den nächsten Jahren bezahlbaren Arbeitsraum für die hiesige Szene zu schaffen und damit der laufenden Gentrifizierung durch nachhaltige Strukturen entgegenzuwirken – lange bevor die Einzelkämpfer irgendwann wegen steigender Mieten die Stadt verlassen müssten. Dazu sollten wir jetzt zusammenrücken und uns gemeinsam einen Platz erobern, denn alleine wird es nichts.

 

Wie positioniert sich denn die Kulturpolitik in Berlin dazu? Sind von rotrotgrün in der Richtung neue Perspektiven zu erwarten…oder gibt es beispielhaft positive Signale aus den Kulturverwaltungen der Bezirke?

Dank des erfolgreichen Wirkens der Koalition der freien Szene und ihres Arbeitskreises Räume (AKR, dem ich für die Literatur seit 2014 angehöre) gab es bereits im letzten Berliner Haushalt erstmals größere Mittel für stadtweite Raumprogramme für Freischaffende aller Kunstsparten. Dies weiterzuentwickeln, zu stärken und auszuweiten hat sich die amtierende rot-rot-grüne Koalition explizit in den Regierungsvertrag geschrieben. Zwar gab es das geplante Arbeitstreffen mit dem neuen Kultursenator Lederer noch nicht, aber für dieses Jahr stehen die beantragten Mittel bereit und etliche Raumprojekte sind stadtweit im Werden. Und die Planungen für die Finanzierung von Raumprogrammen zum Doppelhaushalt 2018/19 aller Sparten der freien Szene zwischen AKR, Senat und Kulturpolitik laufen derzeit an. Programmatisch ist also der politische Rückhalt für die Bedürfnisse der freien Szene so stark wie nie – jetzt kommt es darauf an, die Umsetzung einzufordern und Stück für Stück zu realisieren. Fest steht jedoch: Ohne unser aktives Zutun wird die Politik von sich aus nicht viel machen können. Deshalb braucht unser Raumprogramm die aktive Unterstützung der gesamten Berliner Literaturszene. Es ist nicht schwer und bringt nur Vorteile für uns alle …

Veranstaltung zum Berliner Raumprogramm in der Lettrétage:

04.02. | Stadt und Text – Freiräume für Berlins Autoren – Forum, 20 Uhr, Eintritt frei

 

Tom Bresemann

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